Vielen Dank gleichfalls…

Ich bin wirklich der letzte, der sich jemals übers Trinkgeld aufregt. Bei den Kunden liegen dankbare Worte und der Wille, das auch mit einem monetären Dankeschön zu verbinden, bisweilen meilenweit auseinander. Da muss man sich dran gewöhnen. Es fällt zwar immer schwer, wenn man einer netten Omi eine halbe Stunde lang ihre Beichte abnimmt und von ihr nach dem Hochtragen des Koffers einfach nicht aus der Wohnung entlassen wird und es doch nur 50 Cent extra gibt – dafür ist es extrem lustig, wenn einem irgendwelche Typen im Halbschlaf „Machste 20“ sagen, weil ihnen das Wort für 12 nicht einfällt.

Nein, ich beschwere mich nicht gerne. Trinkgeld ist eine Freiwilligkeit. Ich freue mich immer, wenn es den Kunden bewusst ist, dass wir auch dieses Geld zum Leben brauchen können – aber ein einzelner Kunde, der nichts gibt (und das tun wirklich die wenigsten), hat noch niemandem den Monat versaut. Aber – lange Rede, kurzer Sinn – manchmal wirkt es dann doch ein wenig unverschämt. Nämlich dann, wenn man sich wirklich über das normale Geschäft hinaus Mühe gibt.

So begab es sich neulich, dass ich am Maria kurz ein paar Mädels rausgeschmissen habe, nur um zu realisieren, dass sofort wieder jemand vor der Türe stand.

„Machste Kurzstrecke zum Berghain?“

Klar. Das Maria hat nicht nur keinen offiziellen Taxistand, nein, mir ist auch nirgends Wartezeit entstanden, also was soll es? Und Normalpreis sollten so 5,00 € bis 5,20 € sein, allzu arm werde ich durch die Differenz auch nicht. Ich fahre zwar eisern keine Kurzstrecke vom Stand, bei illegalen Halten wie hier finde ich das nicht weiter schlimm. Mal abgesehen davon, stand nicht mal ein Kollege dort…

Der Typ jedenfalls war schon ziemlich angeschlagen, aber eigentlich ein netter Kerl. Wenngleich er für sein Alter einen erstaunlichen Oberlippenbart trug, war er mir nicht per se unsympathisch. Also hab ich auch gelassen reagiert, als er am Ostbahnhof anfing nach seinem Portemonnaie zu suchen und es trotz tausendfacher Flüche nicht fand.

„Sollen wir schnell umdrehen und am Maria nachschauen?“

„Ja Mann, scheiße! Ficken! Ich kann nicht mal das Taxi bezahlen!“

„Ganz ruhig. Mach dir wegen der vier Euro mal keinen Kopp. Wir fahren jetzt zurück und suchen das Ding.“

Er selbst war total verzweifelt, also hab ich ihn mit mittelbilliger Motivation ein bisschen angestoßen:

„Na komm, einmal im Leben hat man immer Glück! Bestimmt liegt das Ding da irgendwo rum und alles ist ok!“

„Ey, da ist mein letztes Geld drin. Verfickte Scheiße, blöde aber auch!“

Dass ich mit „laufender“ Uhr am Maria auf ihn (der er unbedingt alleine suchen wollte) gewartet habe, war im Grunde ein Verstoß gegen die Taxiordnung. Fahrtunterbrechungen sind bei einer Kurzstrecke nicht erlaubt! Und verschwendete Zeit war es auch, denn das Problem an der Kurzstreckenregelung für mich ist: Die Uhr läuft nicht weiter. Niemals!

Während er zum Club aufbrach und fluchte, kramte ich eine Zigarette hervor, zündete sie mir an und stapfte durch den nachlassenden Regen (ihr merkt schon, die Geschichte ist noch vom Juli 😉 ).
Alles war pitschnass und dunkel, aber ich beschloss, noch ein wenig die Augen offen zu halten.

Gefunden habe ich sein Portemonnaie 3 Meter hinter meinem Auto. In einer gut 5 cm tiefen Pfütze lag es und sah aus, als sei schon mindestens ein Kollege drübergefahren.

„Ey! Komm mal wieder her! Ich hab’s!“

hab ich gerufen und das tropfende Etwas aus dem Wasser geangelt. Sicher, es war alles nass und eklig, aber selbst das Geld war noch drin. Es ist ihm einfach runtergefallen und keiner hat es gesehen in den letzten Minuten.

„Boah fett, tausend Dank! Geile Sache!“

Blablabla. Ich hab ihn dann schnell rüber zum Berghain gefahren. Die Uhr hat ein paar Meter vorher gepiept, ich hab sie ausgemacht, und so standen wir letztlich vor dem besten Club der Welt und er meinte triefend und erleichtert:

„Danke Mann, echt jetzt! Ich würd dir voll gerne Trinkgeld geben, aber ich hab ja leider nur noch 40 € und die brauch ich.“

Irgendwie hab ich danach – obwohl ich mir das eigentlich echt nicht vorstellen könnte – darüber nachgedacht, wie schön es gewesen wäre, hätte ich einfach auf meinen Finderlohn bestanden. Aber gut, Hauptsache die Kundschaft ist glücklich, nicht wahr? 🙁

16 Kommentare bis “Vielen Dank gleichfalls…”

  1. MsTaxi sagt:

    Stümmt, die sollen zufrieden sein. Und wie du selbst schon geschrieben hast, gleicht sich das alles wieder aus. Das hab ich mir gestern bei meinen eher miesen Trinkgeldern auch gedacht, sonst wär ich nur unzufrieden geworden.

  2. Sash sagt:

    @MsTaxi:
    Man muss sich eben manchmal auch für kleines Geld zum Löffel machen. Bzw. es zahlt sich langfristig vielleicht aus…
    Aber ich geb zu, dass ich mich nach der Tour ein wenig geärgert habe. Nix gegen eine Kurzstrecke ohne Trinkgeld – das passiert schon öfter mal. Aber bei all meiner Unterstützung (und ja durchaus auch quasi finanzieller Hilfe) nicht einmal der eine Euro, der sowieso schon meistens gegeben wird… nett war es nicht wirklich. Aber: Schwamm drüber! 🙂

  3. Ich verstehe die Menschen auch nicht. Da hilft ihnen einer außer einer mittelschweren Katastrophe – sowas stellt der Verlust von Portemonnaie und vermutlich darin enthaltener Karten und Ausweise dar – und dann hat er nicht mal 5 EUR des Dankes über?

    Ganz schwaches Bild.

  4. Seismo sagt:

    Naja, mir ist es noch immer lieber gar kein Trinkgeld zu bekommen als mich durch die Höhe des selben mehr oder weniger verarschen zu lassen. Ich hatte vor einiger Zeit den Fall wo mir ein Fahrgast drei 1-Cent-Münzen in die Hand drückte und mit einem Grinser sagte „Aber nicht alles auf einmal ausgeben“. Da bin ich dann etwas unfreundlich geworden und habs ihm mit dem Kommentar „Ich bin Trinkgeldempfänger und kein Almosenempfänger“ wieder zurückgegeben. Vielleicht hat er das auch nicht böse gemeint, bei mir ist es aber auf jeden Fall ziemlich unhöflich angekommen.

  5. Unterdosis sagt:

    So wenig Trinkgeld verbunden mit so nem Spruch hätte ich mit „Ach, Sie hatten heute Zahltag?“ gekontert. Ohne jedes schlechte Gewissen.

  6. ednong sagt:

    Naja,
    wenn Du dich entschließt, es so zu machen, dann mußt du es auch so akzeptieren. Zu erwarten war es nicht, aber auch nicht auszuschließen.

  7. Sash sagt:

    @Der Maskierte:
    Ach, auch wenn es das sicher wert war: Muss ja nicht gleich ein Fünfer sein. Aber mit der Ansage war es halt echt ein bisschen bitter. Ich weiss, dass man 40 € im Club schnell los ist (bzw. 36), aber ganz ohne wäre es halt nochmal anders gelaufen…

    @Seismo:
    Ich mache da nicht rum. Sicher, wenn jetzt jemand mit einem blöden Spruch kommen würde, kann man drüber nachdenken. Bei der Höhe hatte ich auch schon echt verzweifelt zusammengesuchte 11 Cent, die echt nett waren…

    @Unterdosis:
    Naja, ich bin da nicht so direkt. Ich hab meinen Blog zum Abreagieren 😉

    @ednong:
    Akzeptiert hab ich es ja. Drüber nachdenken kann ich trotzdem noch.

  8. Quacki sagt:

    Merkwürdig ist das schon – der Taxifahrer ist nicht nur Taxifahrer, sondern Retter (!) in der Not, und da gibt der Mann nur das notwendigste? Na ja. Kurzstrecke sind 2 km maximal, oder? Die kann man in 30 min auch gemütlich gehen. Wenn er schon das Geld dabei hat, die Strecke mit Taxi zu machen, dann sollte ein wenig Trinkgeld doch drin sein.

    Ein Gegenbeispiel: Ich war vor ein paar Jahren mal in Riga und hab am Flughafen bemerkt, dass mein Ticket noch im Hotel liegt. Habe Taxi gechartert, welches auch mit einem Affenzahn zum Hotel fuhr, bin dort reingerast und zum Zimmer hochgestürmt, das war schon sauber, hab die Putzfrau vorm Fahrstuhl abgefangen und das Ticket aus dem Müll gefischt. Wieder zum Taxi und hui! zurück zum Flughafen. Ich hab dem guten Mann aus Dankbarkeit meine restliche lettische Währung dagelassen, was locker 100% Trinkgeld entsprach. Er war auch relativ sprachlos, als ich mich verabschiedete 🙂

  9. Sash sagt:

    @Quacki:
    So sind die Leute eben: Unterschiedlich!
    Dein Verhalten finde ich natürlich extrem löblich 😉

  10. @Sash
    5 EUR im Verhältnis zur gesparten Rennerei? Aber hallo! Die ist es mehr als wert.

    Als mein Kumpel nach einem ziemlich feucht-fröhlichen Abend sein Portemonnaie im Taxi von Torsten liegen ließ und wir nur die Zentrale anrufen mussten, damit Torsten an der nächsten Ampel umdrehen konnte, da war auch gleich der 5er im Anschlag. Kreditkarten, EC-Karten, Führerschein, Personalausweis, das kostet einfach alles enorm viel Geld und noch mehr Rennerei es wiederzubeschaffen.

  11. highwayfloh sagt:

    @Sash:

    denk drann, man läuft sich im Leben meistens 2 mal über den Weg … das nächste mal ganz einfach 2,3 km vor dem Ziel halten und dann sagen: „Sorry, aber ich die restlichen 2,7 km brauch ich noch für später!“ 😉

  12. Sash sagt:

    @Der Maskierte:
    Wert wäre es das sicher gewesen. Ob ihn das jetzt moralisch verpflichtet, mir viel von seinem letzten Geld zu geben… das kann man so oder so sehen. Einen Anspruch drauf hab ich nunmal nicht. Ein bisschen undankbar find ich es aber eben doch. Naja, vorbei ist vorbei!

    @highwayfloh:
    Wenn mein schlechtes Personengedächtnis mir da keinen Strich durch die Rechnung machen würde, wäre das zumindest lustig 😀

  13. matthias sagt:

    ich gebe fuer strecken unter 10 euro meisst 50 cent. hat aber auch damit zu tun, dass ich meist nicht mehr will, als von A nach B. gepaeck hab ich dann meist nicht soo viel und tragen tu ich das dann auch selber. Aber die Taxifahrer in diesem Land haben Glück, ich fahre nur recht selten Taxi 🙂 Hmm jetzt wo ich nachdenke hab ich auch schon mehr gegeben. Sagen wir ich bleibe wenigstens ganz grob bei 10 prozent, aber es können auch mal 5 sein wenn der betrag ungünstig ist.
    Ist das dann schon ein Trinkgeld über das du dich ärgern würdest?
    Ganz abgesehen davon, wenn ein Taxifahrer meinen Geldbeutel wiederfindet, wären sicher hmm ja schon 5 euro drin als tg. also auf jeden fall so wie du den fall hier beschrieben hast.

  14. Sash sagt:

    @matthias:
    Ich hab ja im Beitrag selbst und auch den Kommentaren schon geschrieben: Ich ärger mich eigentlich nie übers Trinkgeld. Egal, was ich mache: Der Durchschnitt ist monatlich 10%. Genau genommen schwankt es zwischen 9,8 und 10,2%. Da sind die „vielen“ Nichts-Geber und das ein oder andere Hammertrinkgeld dabei. Ebenso ein paar schwer begeisterte Leute und ein paar genervte. Man fährt auch mal ne 30€-Tour ohne Trinkgeld und freut sich am Ende, dass wenigstens der Umsatz passt und wann anders denkt man sich, dass es die 2 € jetzt aber nicht wert war, so einen Mist mitzumachen.
    Wenn du zwischen 5 und 10% gibst, liegst du im Mittelfeld. Sicher nix, wo ich jetzt aufspringen würde vor Begeisterung – aber auch nix, wo ich die Augen verdrehe und genervt bin (was ich im Übrigen nie tue und es zumindest für unprofessionell halte).

    Ich schreib hier gerne mal über hohe (oder wie hier nicht gegebene) Trinkgelder, aber während der Fahrt ist das nebensächlich. Sicher freue ich mich, wenn eine wirklich nette Tour am Ende auch ein gutes Trinkgeld gibt, aber alles zwischen 0,10 € und 3 € (Pi mal Daumen) ist erstmal Business as usual und ein Grund, sich freundlich zu bedanken.

  15. sternburg sagt:

    Ich persönlich hätte ja – verbunden mit einem vorherigen Hinweis – beim zwischenzeitlichen Ausstieg die Uhr angemacht. 500m hin plus 500 m zurück ist nun mal 1 Kurzstrecke. Die Regelung ist ja nicht allzu schwer zu durchdringen, und der einzige Vorteil, dass Ihr diesen Rabatt nicht von Euch aus anbieten dürft, dürfte sein, dass diesen nur Menschen nutzen, welche die Regelung auch kennen, sie vollständig irgendwo gelesen haben.

    Als Fahrgast hätte ich dann allerdings gefragt, ob er sehr vermessen wäre, Dich zum anderweitig weiterarbeiten zu bitten (wer weiß schon, wie lange man sucht und ob man überhaupt etwas findet) und die vier Euro später irgendwie überweisen oder dir persönlich per Post zuschicken oder sonstwas zu können.

    Niemals jedenfalls – völlig unabhängig von der Beldbörsen-Geschichte – wäre ich auch nur auf die Iddee gekommen, nach einer längeren Wartezeit wäre das noch die selbe Kurzstrecke. 8 € scheint mir hier das absolute Minnimum des Endpreises zu sein. Bei allem darunter wäre ich (freudig natürlich, man bleibt ja egoist) von einem Taxifahrer ausgegangen, der die Tarifordnung eher kreativ auslegt.

  16. Sash sagt:

    @sternburg:
    Das Problem ist doch: Wenn du jemanden im Auto hast, der betrunken und völlig fertig mit der Welt ist und der nicht die Hoffnung hat, überhaupt die 4€ zahlen zu können… da ist nicht der erste Gedanke: Dann kost‘ das noch mehr! Zumal: Wenn die eine Kurzstrecke nicht klappt, dann kann ich das einfach vergessen. Da brauch ich mir keinen Kopf machen.
    Wenn man mich jetzt fragt, was ich machen würde, würde ich es wahrscheinlich machen, wie du vorschlägst. In dem Moment ist mir die Idee gar nicht gekommen.

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