Nennt sich Enkel …

OK, ein bisschen kaputt war er schon zu Beginn der Tour. Eine Adresse hat er trotzdem nennen können. Prima – und ab dafür!

Am Ende der rund 6 Minuten dauernden Fahrt war er nur noch bedingt zurechnungsfähig. Wir fuhren gerade in die Straße, die er genannt hat, dann wollte er aber unbedingt noch zwei mal abbiegen. Das erste Mal hab ich noch mitgemacht, dann aber besser mal nachgefragt, was der Spaß soll. Eventuell hatte er ja vor, einfach noch ein paar Runden im Kreis zu fahren.

„Nee, is weil schmusskotzen!“

„Na du Depp, sag das doch!“

Im frühmorgendlichen Kreuzberg ist das prompte Anhalten glücklicherweise kein Problem. Ich hab die Tür aufgemacht und ihn rausgelassen. Er sagte mir, dass er nicht umgehend losreihert und erst recht nicht ins Auto. Soweit, so gut natürlich. Er bat mich dann weiterhin, noch zweimal links zu fahren.

„Aber deine Adresse war doch xy?“

„Ja, aber ich muss kotzen!“

„Junge, jetzt stell Dich nicht an. Da ist ein Busch, kotz da rein und gut is!“

Aber erstmal klingelte das Telefon. Er fingerte etwas ungelenk darauf herum, dann reichte er es mir. Ich nahm mit einer gewissen Freude zur Kenntnis, dass als Anrufer „Oma“ auf dem Display stand. OK, großes Kino, Blogeintrag. Bin ich also rangegangen. Oma war aller Verwunderung meinerseits zum Trotz gar nicht überrascht, mich am Telefon zu haben und fragte nur, weswegen ich eben an ihr vorbeigefahren sei. So richtig begründen konnte ich das auch nicht, denn der letzte verfügbare Vorschlag des Jünglings war, dass ich zweimal links fahre, wo er dann – winkend – warten würde. Da war Hopfen und Malz also endgültig verloren.

Ich versicherte der Dame, dass ich den unpässlichen Knirps so bald als möglich vorbeibringen würde. Wie gesagt: Ein Telefonat über 200 Meter Distanz. Sie wies mich noch darauf hin, dass sie ja auch das Geld hätte, der Junge wäre blank. Super, allzu lange sollte es also auch nicht dauern. Kann da ja nicht eine Rentnerin morgens um 6 Uhr ewig warten lassen …

Nachdem mir der familiäre Glücksgriff auch nach dem Telefonat nicht so recht erklären konnte, warum er nicht in den Busch kotzt und ich dazu zweimal links abbiegen müsste, sah er ein, dass ich ihn vielleicht doch kurz hinten rechts um nur eine Ecke heim – bzw. zu Oma – bringe.

Kurze dreifache Ermahnung, Platzierung an der Tür ohne Kindersicherung und sehr sehr wachsame Blicke von mir – und schon konnten wir die letzten 10 Sekunden der Fahrt antreten. Oma stand schon mit tadelndem Blick an der Straße, was aber nicht mir galt. Sie erkundigte sich freundlich nach dem Fahrpreis, ich nannte ihn und entschuldigte mich für die Wirren der letzten drei Minuten. Sie lächelte dünn, gab mir 2 € Trinkgeld und meinte zum Abschied:

„Und so wagt der es, mir unter die Augen zu treten. SOWAS (Zeigefinger auf das zerknirschte Etwas am Straßenrand) nennt sich dann Enkel …“


Also: Wenn ihr heute Abend feiern geht, beendet es mit ein bisschen mehr Würde, ok? 😉

Ansonsten wünsche ich ein schönes Wochenende – und stalkt mich nicht zu dolle …

12 Kommentare bis “Nennt sich Enkel …”

  1. elder taxidriver sagt:

    Schmusslachen.

  2. Senfgnu sagt:

    Enterbt durch Kotzen? Okay, ich halte mich heute zurück 🙂

  3. kathrin sagt:

    Immer diese Helden der Nacht 🙂 Immerhin habe ich jetzt was zu lachen, der arme Kerl aber bestimmt nicht….

  4. Mr. Gaunt sagt:

    Eine Oma, die ihren sturzbetrunkenen Enkel um 6 Uhr morgens aufsammelt und sogar das Taxi zahlt? Hoffentlich macht er das wieder auf irgendeine Weise gut.

  5. ednong sagt:

    Coole Oma. Und beoachtet sogar, dass das Taxi mit ihrem Enkel schon mal vorbeigefahren ist.

    Und wir stalken doch nicht, Sash. Du erlaubst uns, zu folgen …

  6. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Ging mir auch so 🙂

    @Senfgnu:
    Das wäre auch eine interessante Familiengeschichte fürs nächste Weihnachten 😉

    @kathrin:
    Nee, sonderlich glücklich hat der am Ende nicht mehr gewirkt. Der leidet auch sicher jetzt noch …

    @Mr Gaunt:
    Sie wird schon dafür sorgen, glaube ich 😉

    @ednong:
    Ja, die war echt cool und gut drauf. Hat der Kerl echt Glück gehabt. Und beim Stalken hast Du natürlich Recht 😀

  7. ednong sagt:

    Und heut bzw. gestern keine Lust?

  8. Sash sagt:

    @ednong:
    War doch unterwegs. Und zwar ziemlich …

  9. Rike sagt:

    “Junge, jetzt stell Dich nicht an. Da ist ein Busch, kotz da rein und gut is!”

    Das war definitiv der Kommentar des Tages.

    Die Oma war eine Wucht. Ihrem Enkel wird es wahrscheinlich aus lauter Muffensausen das Kotzen verleidet haben.

  10. Sash sagt:

    @Rike:
    Den hab ich aber wirklich wortwörtlich so gebracht. Da willste eine Tour beenden, bist froh, dass der Kotzer aus dem Auto ist und dann labert der was von „bieg da vorne zweimal ab …“ Da hab ich mich dann nicht mit Höflichkeiten aufgehalten 🙂
    Ob er wirklich noch gekotzt hat … ich vermute ja. Ich glaube, auch der Oma war klar, dass das das Beste für ihn wäre.

  11. FunkyBrotha sagt:

    Hallo Sash, Ich hasse deine blog! Du miefst!

  12. Sash sagt:

    @FunkyBrotha:
    Danke, hab gemieft. Äh, gelacht. 😀

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