Zu nah dran

„Halt. Hier links können wir anhalten!“

„OK, aber die Marienstraße ist erst die nächste.“

„Ja, aber wir müssen ja nicht bis vor die Haustüre fahren.“

„OK, meinetwegen. Die meisten lassen sich halt extra bis zur Haustüre bringen.“

„So’n Quatsch! Den Rest kann ich ja wohl laufen …“

Gott sei Dank hatte sie widersprechende Mitfahrerinnen. Die Tour war hier zwar wirklich beendet, aber sie hat mit dem Getue schon etwa 4 Kilometer vor dem Ziel angefangen …

2013, endlich!

Da stand ich nun. Der Weihnachtsmann hat sich mit seinen zwei Bier aus dem Beifahrersitz geschält und eine Vierertruppe Kiddies stand schon ganz hibbelig wartend vor dem Taxi und hoffte darauf, dass ich sie nicht stehen lassen würde. Wäre mir natürlich nicht in den Sinn gekommen. Als der Zeitpunkt gekommen (also der Weihnachtsmann gegangen) war, platzte einer gleich raus:

„Haste den Unfall gesehen?“

Ich folgte seinem Finger, drehte mich um und tatsächlich: auf der anderen Straßenseite stand ein Auto, dessen Motorhaube eine formvollendete Symbiose mit dem nächstliegenden Laternenpfahl vorzubereiten schien. Während sie ins Auto krabbelten, erzählten sie mir jedenfalls, dass da ein besoffener Typ dringesessen hätte und sie gerade als Zeugen für die Cops noch dableiben mussten.

An dem Punkt war mir klar, dass ich heim musste. Ich hatte hier vor vielleicht 10 Minuten den letzten Kunden eingeladen. Ganz definitiv genau hier – und ich hab von dem ganzen Tara auf der anderen Seite der Straße nix mitbekommen. Vielleicht war ich müder als gedacht. Ich hab noch so vor mich hinüberlegt, dass der Kerl jetzt wohl froh gewesen wäre, ein Taxi genommen zu haben – selbst wenn er von Warschau gekommen war: Totalschaden, Führerschein weg … in Anbetracht dieses Verlaufs sind unsere Dienste dann eben doch ein Schnäppchen. Aber gut …

„Wo soll’s hingehen, Jungs?“

„Marzahner Promenade 35, kannst uns aber am Döner rauslassen. Ich zeig Dir dann, wo Du genau …“

„Danke, weiß ich. Und danke für die Fahrt! Ich wollte gerade Feierabend machen und ich wohne in der Promenade in der 26. Ich kenn den Döner, der liegt fast vor meiner Haustüre, super Sache!“

Und das war es wirklich! Sowas kommt schon öfter mal vor, aber immer noch selten genug, dass man sich darüber freut! 🙂

Die Jungs waren auch gut drauf und haben es trotz dreisten Nachfragens, ob wir in Anbetracht der Dinge nicht den Preis halbieren können, nie den Bogen überspannt. Im Gegenteil: sie haben sich selbst nicht wirklich ernst genommen, sondern angefangen, mir obskure Dinge wie das Rasieren meines Kopfes anzubieten, wenn ich ihnen einen Nachlass gewähre. Und die Einladung auf einen Döner und anschließendes Trinken bei ihnen in der Bude wirkte sogar glaubhaft. Da ich nun aber seit sechseinhalb Stunden am Sitz festgewachsen war und wirklich nur meine Ruhe wollte, hab ich dankend abgelehnt.

Ich hab in Sichtweite zum Dönerladen geparkt, kurz den nötigen Papierkram erledigt und die Wertsachen aus dem Auto geräumt. Um 7.35 Uhr hab ich den Wagen zugeschlossen, in meine Tasche mit dem Trinkgeld gegriffen und nach einem überprüfenden Blick, ob die Jungs bereits auf dem Heimweg sind, meine Schritte zum Döner gelenkt.

Hab mir drei Feierabendbier eingepackt und mit den Angestellten kurz über die Silvesterschicht getratscht. Und dann, als ich zu Hause vor meinem Schreibtisch mit einem bereits reichlich angenagten Feuerzeug ein Bier geöffnet habe, habe ich den Vorhang aufgezogen, am Nachbarhaus in der Franz-Stenzer-Straße die Spiegelung des Morgenrots betrachtet und leise zu mir gesagt:

„Na denn 2013, herzlich willkommen!“

Die vorletzte …

Silvester (oder Neujahr, um genau zu sein) war fürs Bloggen wie man sieht, doch recht brauchbar. Aber auch die schönste Schicht geht mal zu Ende. Als der Zeiger der Uhr morgens die sieben überquerte und sich so langsam am östlichen Horizont die Dämmerung bereit machte, den ersten Tag im neuen Jahr zu verkünden, war mir dann auch mal nach Heimfahrt. Natürlich hatte ich nichts gegen ein oder zwei Winker, bevorzugt natürlich in die richtige Richtung. Aber da ich schon auf der Landsberger stadtauswärts unterwegs war, war ich guter Dinge.

Ein Weihnachtsmann in etwas verschlissenen Klamotten hielt mich vor einer Gartenkolonie an. Genau genommen war es kein Weihnachtsmann, aber die Ähnlichkeit war nicht so ganz von der Hand zu weisen.

„Fährst mich zur Tanke?“

„Zu welcher?“

„Egal, muss noch einkaufen!“

Meiner Fahrtrichtung nach hab ich mich nicht für die in der Rhinstraße entschieden, sondern die direkt in der Landsberger, keine zwei Kilometer voraus. Da ich eh zufrieden war, hab ich ihn an die Kurzstrecke erinnert und dann ging es auch gleich los. Als wir ankamen, wollte ich mich für die Sache mit der Kurzstrecke schon in den Hintern beißen, denn natürlich wollte er auch wieder zurück. Also würde es sowieso nicht reichen, nur die Wartezeit war damit umsonst …

Ich bin zu gutmütig, echt. Da sieht man wieder mal, dass es Sinn gibt, wenn die Kunden selbst wissen, ob sie eine Kurzstrecke haben wollen. Aber wider Erwarten ging es dann so schnell, dass es schon in Ordnung war. In einer dünnen Plastiktüte zeichneten sich zwei Bierflaschen und eine Schachtel Zigaretten ab, was man halt so einkauft am ersten Morgen eines neuen Jahres. 😉

Wir fuhren zurück, die Uhr sprang auf Normaltarif um, zählte noch lustig bis etwa acht Euro weiter, dann standen wir an der letzten Ampel, wo ich wenden musste, um ihn auf der richtigen Seite rauszulassen und außerdem wieder in meine Richtung – Osten – zu kommen. Etwa fünf Kilometer trennten mich noch von meiner Haustüre, noch besser allerdings war, dass da Winker standen. Direkt da, wo ich ihn nach netten zwei Euro Trinkgeld entlassen habe …

Drängler

Gut, wahrscheinlich war es wirklich ein Missverständnis. Aber wie man in den Wald hineinruft …

Ich war am Neujahrsmorgen dank Pauls Kumpel in Mariendorf gelandet. Dann eine Kurzstrecke, direkt danach winkte es in Tempelhof. Im Grunde wie erwartet. Ich hab die Leute am anderen Ende der Kreuzung gesehen und nur im Augenwinkel ganz kurz hinter einem geparkten Auto eine Bewegung. War mir egal, ich hatte die Winker anvisiert und hielt nun neben ihnen an.

Ein freundlicher junger Mann drückte sich etwas umständlich aus, wollte aber nur wissen, ob ich bereit wäre, einen Hund mitzunehmen. Er hatte diesen Wunsch noch nicht ganz ausgesprochen, da schob sich eine korpulente Dame im Hosenanzug ins Auto und ein mit einem altmodischen Mantel bewaffneter Brillenträger verkündete dem jungen Kerl, dass das sein Taxi sei.

WTF?

Mal ganz abgesehen davon, dass mir die Truppe rund um den Typen mit Hund und Dreadlocks sympathischer war, fragte ich mich doch auch so, was das jetzt bitte sollte. Der Brillenträger erklärte in strengem Lehrer-Tonfall:

„Das ist unser Taxi! Wir haben es vor der Kreuzung schon herausgewunken und der Fahrer konnte leider erst hier halten.“

Während mich mein Fahrgast ein wenig entgeistert ansah, schob sich der Kerl mit dem Mantel ins Auto. Ernsthafte Proteste kamen keine, also war es offensichtlich an mir, die Lage klarzustellen:

„Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass es reichlich unverschämt ist, hier einfach im Nachhinein aufzukreuzen und meine Fahrgäste davon abzuhalten, hier ins Taxi zu steigen!“

Schien mir angebrachter als ein „Verpisst Euch, ihr Arschgeigen!“

Dass sie wahrscheinlich wirklich die Bewegung am Rand waren und somit zuvor gewunken hatten, ist mir erst später in den Sinn gekommen, aber nichtsdestotrotz: am Ende ist es ja wohl meine Sache, wen ich befördere! Und da haben Leute, die andere Fahrgäste einfach zur Seite schieben und einen Anspruch bekunden zweifelsohne schlechte Karten. Ich sollte damit richtig liegen. Nicht nur, dass die Tour lang war und im Grunde mein guter weiterer Silverster-Umsatz letzten Endes auch dieser Entscheidung geschuldet war – nein, die Dame des sicher edlen Hauses sah mich gleich an, als wäre ich irgendein widerlicher Schleimpilz oder dergleichen. Igittigitt, ein Taxifahrer, der eine Meinung hat! Dass ich auf diese Schnösel verzichtet habe, war sicher meine eigentliche Glanzleistung an Silvester!

Mit den nun dann doch einsteigenden Fahrgästen hatte ich eine nette, unterhaltsame und spaßige Tour. Mit Späßen durchaus auch auf Kosten der beiden Wichtigtuer – was ich aber ehrlich gesagt für völlig legitim halte.

„Weil Silvester ist“

Um vier Uhr morgens Kunden zu finden ist nicht schwer an Silvester. Kinder sind da schon eher selten. Die kleine neunjährige aber war erstaunlich fit für ihr Alter und außerdem wurde sie natürlich von Papa begleitet. Der war erfreut, dass sich so schnell ein Taxi gefunden hat und gab als Ziel den Osten von Lichtenberg an. Was mich gefreut hat. Nicht nur, weil es eine dieser sehr lohnenden mittellangen Touren von Prenzlauer Berg aus war, sondern auch, weil ich so etwas weiter in Richtung Osten kam, wo ich dank großer Straßen und guter Ortskenntnis an Silvester einfach am liebsten unterwegs bin.

Das lief auch alles problemlos, selbst ein kleiner Umweg wurde unter den Tisch fallen gelassen, während viel über das Silvester in den letzten Jahren im eigentlichen Wohnort der Kleinen – ein beschauliches Nest unweit von Hamburg – geredet wurde.

Am Ende standen dann genau 16,00 € auf der Uhr und Papa fragte artig beim Töchterchen nach:

„Na, wollen wir dem Mann 20 € geben, weil Silvester ist?“

„Ja!!! Weil Silvester ist!“

Kinder. Sie machen selbst die schönsten Schichten noch schöner! 😀

Paul

Arm an Kuriositäten ist Silvester natürlich nicht. Auch nie gewesen. Die Anzahl bekloppter Totalausfälle hat sich bei mir dieses Jahr sichtbar in Grenzen gehalten, abgesehen vom stressigen Fahrgast, den ich gestern erwähnt hatte, bleibt nur noch Paul.

Aufgegabelt hab ich ihn wie erstaunlich viele Fahrgäste in dieser Nacht in Friedrichsfelde. Dort kam er als ich an einer Ampel stand auf mich zugesprintet und ich war ein wenig erleichtert, dass er geradeaus laufen konnte. Sein bismarck’scher Bart verriet mir, dass kein jugendlicher Springinsfeld meine Dienste beanspruchte, sondern jemand, der sich vielleicht wenigstens auskennt mit den Folgen, die der Alkohol so auf seinen Körper hat. Diesbezüglich lag ich auch richtig. Ein wenig abstrus war die Fahrt dann trotzdem.

„Guten Abend und frohes Neues! Wo soll es denn hingehen?“

„Hinjehn? Ubahnstraße.“

„Urbanstraße, ja?“

„Saick doch!“

„In Kreuzberg, nehme ich an.“

„Logo.“

Zugegeben: aus dem Kopf hätte ich keine andere gekannt, aber man muss in Berlin ja wachsam sein.

„Und Du? Darf ick Du sang? Du bis ok?“

„Alles bestens – und das Du ist auch ok.“

„Ick bin Paul.“

„Sascha.“

„Sascha. Jut. Ick bin Paul. Bringste mir heim?“

„Das hatte ich vor.“

„Jut, haste Jeld bei?“

Au Backe. Ich hab während meine Antwort unauffällig zu ihm geschielt um das Risiko abzuschätzen. Gut, einen Überfall hatte er sicher nicht geplant. Aber die Frage nach meinem Geld ist nichts, was ich so einfach auf die leichte Schulter nehme. Da ist Taktieren angesagt.

„Naja, ein bisschen Wechselgeld halt, wie üblich.“

„HAHA! Ick mach doch nur Spaß. Ick zahl Dir dit ja ooch.“

„Das will ich doch hoffen. Ich dachte, das ist Teil des Deals.“

„HAHA! Klar. Du bringst mir heim, allet ok! Haste Jeld bei?“

„Wechselgeld, hab ich eben schon gesagt.“

„HAHA! Du bis mir eener! Ick mach nur Spaß! Ick bin Paul, und Du?“

Das Gespräch sollte nach diesem Start (wir waren noch nicht einmal auf der Frankfurter Allee!) nicht arg viel besser werden. Ein „HAHA!“ jagte das nächste und ich wurde etwa 15-mal gefragt, ob ich Geld dabei hätte. Immerhin war damit schnell klar, dass keine böse Absicht vorlag und einfach nur aufgrund des Alkoholpegels die Witzeplatte in seinem Kopf ein wenig sprang.

Ich hab silvestermäßig Fünfe grade sein lassen und nicht einmal protestiert, als er das ein oder andere Lachen damit verband, meinen Arm zu – ja was eigentlich? Knuddeln, massieren, festhalten … egal! Paul war dicht, ich hatte eine 20€-Tour und wäre ihn bald wieder los. Ich entschied mich für den Weg über die Elsenbrücke, es war mir im Gegenzug recht egal, ob wir vielleicht über die Schilling ein paar Cent hätten sparen können. Paul fragte ohnehin immer nur nach, wo wir seien, um anschließend mit lautem „HAHA!“ einzuleiten, dass es ihm völlig egal sei, so lange ich ihn nur heimbringen würde.

Also heim. Genau genommen ging es in eine Kneipe, was ich zwar nicht für die beste Idee hielt bei seinem Zustand, aber wieder einmal hab ich mich einfach zurückgezogen in die Rolle des Fahrers. Ich konnte an Silvester nicht die Welt retten und der Kater eines einzelnen Bismarcks konnte mir gleich dreimal egal sein. Am Hermannplatz fing er an, sich kindisch zu freuen und kurz vor seiner Kneipe fragte er ein letztes Mal, ob ich Geld dabei hätte. Aber wie ich erwartet hatte, zahlte er anstandslos die knapp 20 € auf der Uhr.

Während Paul mir für die 80 Cent Trinkgeld, die er gab, versuchte möglichst viele blaue Flecken durchs Anknuffen meines Arms zu verschaffen, sah ich etwas ängstlich zu einem Typen vor mir an der Straße, der im Gegenzug zu Paul zwar nicht den Bart, dafür aber den Habitus des deutschen Reiches versprühte. Seine Brille nur durchs zweite Glas von einem Monokel zu unterscheiden, steifer Gang, altmodische Weste … ein bisschen psychopathisch wirkte er schon. Aber er war ein potenzieller Kunde. Paul knuffte noch um sich und bedankte sich überschwänglich, als der feine Herr Kurs auf mein Taxi nahm. Naja, immerhin ein Fahrgast!

„Nee Paul, kaum jeh ick, kommste jeloofn!“

richtete er das Wort an meinen Fahrgast. Sie kannten sich also. Wahrscheinlich hat das geholfen, den überglücklichen Paul schneller aus dem Auto zu bekommen. Bismarck der Zweite ist dann übrigens trotzdem eingestiegen. War eine sehr nette Fahrt ohne komische Dialoge bis nach Lichtenrade. Nochmal 20 €, dieses Mal aber mit mehr Trinkgeld …

Der Stresser

Silvester ist wirklich geil. Viele Fahrten, ja oft sogar gute Laune und nicht nur Verzweiflung, Depression und Wut, weil kein Taxi kommt. Aber die Stresser bleiben nicht aus und ironischerweise stören sie an Silvester immer mehr als an anderen Tagen. Das ist nicht verwunderlich, denn der Auftragslage nach könnten wir an diesem Tag ausnahmsweise mal die Kunden aussuchen anstatt umgekehrt. Da schleicht sich bei Ärger eben schnell das Gefühl ein, man könne seine Zeit auch mit Leuten verbringen, die nicht so nervig sind. Dass ich die diesjährige Schicht zum Jahreswechsel so positiv bewerte, liegt vor allem daran, dass der eine Stresser in der Schicht nicht irgendwie wirklich ein Arschloch war, sondern einfach zu betrunken, ein wenig zu vorlaut und ansonsten nur ein bisschen nervig – aber nie bösartig.

Wie das geht? Das geht so:

Am Tierpark winkte er mich heran, ließ dann zunächst seine Familie einsteigen und flackte sich auf den Beifahrersitz.

„Guten Abend, frohes Neues! Wo darf’s hingehen?“

„Herzbergstraße 2.“

„OK, Herzbergstraße ist klar. Die ist ja unterbrochen. Von welcher Seite aus können wir da ranfahren? Wissen Sie das zufällig?“

„Kannst so oder so ranfahren.“

„Wirklich? Das wundert mich. Also jetzt über die Rhinstraße ist kein Problem? Ich kann auch mein Navi …“

„Nee nee, kein Problem. Fahr mal, wie Du denkst!“

„Ich würde gerne über die Rhinstraße, aber wenn das weiter westlich liegt, dann dürfte das schwierig …“

„Rhinstraße! Kannst auch über Frankfurter Allee …“

So recht einig sind wir uns nicht geworden. Also ja, irgendwie schon: Er meinte, es gehe von beiden Seiten aus und hat das auch mit Nachdruck betont. Ich war mir unsicher, hab das auch gesagt und immer wieder gefragt, ob das mit der Rhinstraße stimme. Während er mich ermunterte, ruhig so zu fahren, wie ich dachte, begann er, Taxifahrer per se in Frage zu stellen. Nicht mich natürlich! Klar. Aber dass wir uns heute offenbar nicht mehr auskennen müssten, das wäre schon – also hoppla! Und ich sei ja außerdem garantiert kein Taxifahrer. Also höchstens als Aushilfe oder so. Student, natürlich! (Wie alle Taxifahrer unter 105 Jahren etwa)

Die alles entscheidende Kreuzung passierten wir mit seinem Hinweis, wir hätten jetzt ja auch links fahren können. Aha. Dann meinte er immer wieder, dass das schon ok sei so, wir jetzt halt einen kleinen Haken fahren würden, es ihm an Silvester aber auch nicht um einen, drei oder fünf Euro gehen würde. Na, immerhin!

Man braucht nun wohl kaum mehr Fantasie, um zu wissen, was kam. Natürlich liegt die Nummer 2 der Herzbergstraße nicht am östlichen, sondern am westlichen Ende. Die Durchfahrt ist wie ich ja wusste und gesagt hatte nicht möglich. Als ich das dann – natürlich erst vor Ort – feststellte, beschwerte sich seine Frau schon. Nicht über mich, über seine Ansagen. Er erwiderte ganz gelassen:

„Jetzt lass doch den Jungen mal fahren wie er denkt. Der wird das schon wissen!“

Das war einer der seltenen Punkte im Taxi, an denen es mir zuviel wurde. Ich bin trotz anwesendem Kind ein kleines Bisschen lauter geworden und hab klargestellt, dass ich IHN gefragt hätte, wo die Nummer liegt und SEINETWEGEN das Navi nicht benutzt hätte. Das war ihm so egal wie nur irgend möglich. Er meinte ganz ruhig, dass wir ja auch ohne weiteres über die Landsberger fahren könnten, hier rechts, dann wäre alles kein Problem …

„Die Landsberger ist hier links!“

„Was? Nein nein, ich meine die Landsberger!“

„Die ist hier links!“

„Nee nee, fahr mal rechts!“

Sein Sohn (etwa 8 Jahre alt) hat dann für mich Partei ergriffen und gesagt, dass die Landsberger Allee links von uns liegt. Papi gab dann zu, dass er ja auch gar nicht wüsste, wo dieser komische Taxifahrer ihn hingefahren hätte und Mutti ärgerte sich über Papi. Fantastisch! Nächstes Jahr nehme ich nur noch Kinder mit!

Wir sind also auf Anweisung des Sohnes hin links gefahren, aber natürlich hätte ich selbst diese Hilfe nicht gebraucht. Landsberger, Herzbergstraße, bitte!

„Da oben is Pyramide!“

meinte seine Frau. Korrekt. Außer für ihn. Das sei sie nicht, das wisse er. Und wo wir jetzt wohl wären? Sicher im tiefsten Marzahn oder so. Noch zwei Minuten zuvor hatte ich darüber nachgedacht, dem Typen einen Preisnachlass für den Umweg zu gewähren. So langsam aber war es auch mir zuviel. Als hätte ich irgendeinen Fehler gemacht, außer auf ihn zu hören – und das muss ich als Taxifahrer nun einmal in gewisser Weise. Also lief die Uhr weiter und am Ende standen 17,20 € darauf. An Silvester: hart verdiente 17,20 €.

Er bemühte sich noch zu sagen, dass ich selbstverständlich nicht direkt vors Haus fahren müsste – das sei da so schwierig mit dem Rausfinden. Ob das nur nett gemeint oder eine weitere Frechheit war, kann ich nicht einmal mehr sagen. Ich war einfach nur froh, als der Typ ausgestiegen ist. Aber immerhin durfte ich den Zwanziger behalten und die Fahrt war ja so schon teurer als normal. Also hab ich Gnade vor Recht walten lassen und nichts mehr gesagt. Seine Frau indes war sehr froh, lobte mich und hat mir noch beizubringen versucht, was „Gute Nacht“ auf Russisch heißt. Zugegeben etwas erfolglos, aber ich hatte diese gute Nacht ja noch, also was soll’s?