Monolog-Idee

„Verstehe ich das also richtig: Sie stellen sich an eine Bushaltestelle? An eine Haltestelle, die ihren durchaus lustigen Namen daher bekommen hat, weil sie ein fix eingeplanter Haltepunkt öffentlicher Verkehrsmittel – in diesem Fall Busse – ist. An dieser Haltestelle warten sie also eine Weile und als der lang ersehnte Bus endlich kommt, winken sie ihm zu? Dem Bus, der ohnehin an dieser Haltestelle hält? Und sie wundern sich ernstlich, dass ein vor dem Bus fahrender Taxifahrer das als Signal für sich selbst missversteht und seinerseits vor dem Bus neben ihnen hält?

Mal ganz ehrlich: Wer von uns beiden ist jetzt blöd und behindert den Verkehr?“

Schlüsselqualifikationen

An diesem Abend lief es wie am Schnürchen. Eine Tour am ehemaligen Maria beendet, am Ostbahnhof 10 Minuten Raucherpause eingelegt und schon hatte ich eine Fahrt bis nach Marzahn ergattert. An einer Tankstelle an der Landsberger Allee habe ich die Frau abgesetzt, sie wollte noch eine Flasche Wein holen und dann die letzten paar Meter zu Fuß zurücklegen. Ich hätte den Euro fürs Warten und Rüberfahren natürlich gerne noch mitgenommen, aber so ist es halt.

Schlecht war es aber auch nicht. Ich drehte an der nächsten Wendestelle und wollte für einen kleinen Zwischenstopp nach Hause. Ein Schluck Cola, pinkeln und mal nachsehen, ob meine bessere Hälfte noch wach ist.

Aber wie der Zufall es so will, hatte ich keine hundert Meter weiter bereits neue Kundschaft. Zwei junge Kerle unweit der 20 ruderten prall wie zwei Luftkissenboote auf mich zu:

„Meissa! Iss jut dasse hierbis! Wirwolln nach Hauseee!“

Ich hab die beiden etwas skeptisch angesehen, aber als sie mir dann eine Adresse in etwa 2 Kilometern Entfernung ansagten, wuchs meine Hoffnung, dass sie mit dem Kotzen bis zum eigenen Klo würden warten könnten. Der, der mich angesprochen hat, der fittere von beiden, merkte aber an, dass er noch ein Stückchen weiter müsste, aber

„mein Kumml mussch noch heimbring!“

Naja.

Zur angegebenen Adresse in der Mehrower Allee hab ich sie schnell gebracht, aber da nahm das Drama seinen Lauf. Der eine zahlte gleich mal einen Zehner an und versprach ein baldiges Wiederkommen. Der andere ließ sich von ihm aus dem Auto ziehen. Ich hab nachgefragt, ob sie Hilfe brauchen könnten, was beide ablehnten. Der eine tat das mit einem betont lässigen aber unter dem Gewicht seines Kumpels leidenden

„Nee Meissa! Looft, looft!“

 Der zweite winkte bloß ungelenk mit seiner freien Hand ab und gröhlte was von

„Shauss! Ennlich sshaus!“

Vor dem Eingang kramte er in seiner Hosentasche, suchte seinen Schlüssel hervor und fand das Schloss nicht. Nach 2 oder 3 Versuchen rutschte er an der Hauswand herab, konnte sich noch am Geländer festhalten, legte sich aber dennoch unsanft rücklings auf den Boden, den Kopf zwei Treppenstufen abwärts hängend. In dieser Haltung, die ihm das Aussehen einer bekifften Fledermaus verlieh, fing er an, sprudelnd vor sich hinzureihern. Ganz großes Kino.

Der Fittere schnappte sich den Schlüssel und versuchte seinerseits aufzuschließen.

Ich war ein bisschen in Sorge, dass der andere während dieser offenbar länger dauernden Prozedur an seinen zuvor verabreichten Getränken erstickt und bin zu den beiden rübergelaufen. Aber der herzensgute Freund winkte ab und versuchte nun, die Türe zu öffnen und gleichzeitig seinen gelegentlich vor sich hinblubbernden Saufkumpanen mit einer Hand hinter sich herzuziehen. Während ich hin und her überlegte, ob da jetzt noch Gefahr besteht oder nicht, fuhrwerkte der Held mit dem Schlüssel seines sprudelnden Anhängsels gemütlich über die komplette Hauswand und hat dabei wahrscheinlich noch irgendwelche Nachbarn wachgeklingelt.

Das Ende der Geschichte war dann, dass ich nach ausgiebig Wartezeit doch wegfahren durfte. Mit etwas betrübtem Gesicht erzählte mir der eine nämlich:

„Weissu Meissa: Ders nich mehr janz fit. Der hattesacht ich soll hierbleim…“

War wohl besser so.

Keine Taxen…

Wochenende. Es ist zwar einiges los in der Stadt, aber die meisten Leute sind bereits in den Clubs, zwei eher ruhige Stunden für uns. Am Ostbahnhof wächst die Taxischlange ins Unermessliche, aber wirklich bewegen will sich da nichts. Ich habe irgendwann keine Lust mehr, setze den Blinker und ziele in Richtung Boxhagener Kiez. Nur 300 Meter ums Eck winkt mich eine junge Frau heran. Sie bittet mich, sie nach Biesdorf zu fahren, was ich nicht nur in Anbetracht der Länge der Tour gerne annehme. Es entwickelt sich folgender kurzer Dialog:

„Sagen sie mal, ist das normal, dass da überhaupt keine Taxen am Ostbahnhof stehen?“

„Ja, am Hinterausgang schon…“

Hilfreiche Informationen

Informationen sind wichtig. Man braucht sie, um Prüfungen zu bestehen, Regierungen zu stürzen und – genau! – um Taxi zu fahren. Ich würde spontan sagen, dass ich als Fahrer von Fahrgästen mindestens eine Information brauche: Wo sie hinwollen. Diese Info zu bekommen, klappt ja meist mehr oder weniger gut. Manchmal tut es schon ein genuschelter Clubname wie „Börgn“ (Berghain), manchmal ist es besser, eine vollständige Adresse mit Straße und Hausnummer zu haben.

Meine italienische Kundschaft wollte ein Lokal besuchen. Der Name des Lokals sagte mir zunächst nichts, aber die Information dazu lautete:

„Oranjeburtor“

Oranienburger Tor. Prima. Das reicht von der Warschauer Brücke aus zweifelsohne als grobe Richtungsbeschreibung um erst einmal loszufahren. Nun gibt es im weiten Umfeld des Oranienburger Tors aber sicher hundert Lokale. Also habe ich den einzigen wenigstens der englischen Sprache mächtigen Fahrgast gefragt, ob er es genauer wüsste. Daraufhin erzählte er mir ziemlich konfus was von

„Station Friedsenstraß first or second left and right. or left.“

Ähm, ok.

Der Verkehr war verdammt fies an diesem Abend und ich sah auch so keinen großen Grund, den Umweg über die Linden zu nehmen, also hab ich ihn gefragt, ob er mir das eventuell genauer sagen könnte. Den Straßennamen wenigstens. Ist das jetzt in der Friedrichstraße oder der Oranienburger Straße? Oder vielleicht in der Tor-, Linien- oder Johannisstraße?

„Wait. Call my friend!“

Bald darauf hatte ich einen alten Nokia-Knochen in der Hand – beim Fahren natürlich – und es meldete sich Olli. Ich hab Olli kurz mitgeteilt, dass ich gleich da wäre (wir waren tatsächlich bereits am Hackeschen Markt vorbei) und eigentlich nur wissen wollte, an welcher Straße auf welcher Seite das Lokal nun genau wäre. Und Olli sagte:

„Kein Problem. Das ist direkt am Oranienburger Tor. Also quasi da wo die Friedrichstraße und die Oranienburger Straße zusammen kommen, da am Platz, quasi direkt am U-Bahnhof.“

Pfeifen

Pfeifen… irgendwie kann ich es nicht leiden.

Als Taxifahrer bin ich natürlich immer auf der Suche nach Kundschaft und dementsprechend freue ich mich natürlich auch, wenn ich tatsächlich mal unerwartet welche finde. Und ja: Irgendwie muss sie ja auf sich aufmerksam machen. Aber pfeifen?

Zum einen wäre da natürlich der psychologische Aspekt. Auf ein Pfeifen anzuspringen, hat irgendwie etwas von einem Hund. Das macht man schon mal ziemlich widerwillig. Viel nerviger ist im Alltag allerdings, dass die meisten Leute ja nur deshalb pfeifen anstatt zu winken, weil sie sich nicht direkt an der Straße befinden. Nun ist es nicht so, dass ich nicht gerne auch Kundschaft aufsammel, die es bei meiner Vorbeifahrt noch nicht bis zur Straße geschafft hat – aber erfahrungsgemäß bleiben die Leute irgendwo in ihren toten Winkeln stehen und erwarten, dass ich damit jetzt schon genug anfangen könne.

Kann man versuchen, hat nur wenig Aussicht auf Erfolg.

Denn zusätzlich zu meiner untertänigen Haltung als Dienstleister bin ich meist auch Teilnehmer am Straßenverkehr. Der ist – wie uns die Statistik zeigt – nicht nur schnell, bunt und lustig, sondern auch gefährlich. Da ich vor Jahren meinen Staplerschein gemacht habe und in den Beschreibungen des hervorragenden Begleitbuches „Der Gabelstapler“ gelesen habe, dass ein Staplerfahrer fähig sein muss, „aufgenommenen Signalen sinnvolle Handlungen folgen zu lassen“ (S.16), beherzige ich das auch im normalen Straßenverkehr (wo das nie explizit erwähnt wurde) und reagiere auf ein Pfeifen nicht mit einer panischen Vollbremsung, um danach sämtliche Hecken nach potenziellen Fahrgästen umzupflügen.

Also ist Pfeifen vielleicht nicht gerade die feine englische Art, aber in Ordnung – so lange man danach irgendwelche Hinweise auf seinen Standpunkt gibt. Ansonsten fahre ich nämlich weiter. Schließlich pfeift es in Berlin öfter mal und nicht immer ist man als Taxifahrer damit gemeint. Mir persönlich wesentlich lieber ist der klassische New Yorker Ruf „Taxi!“, gerne auch mit überschlagender Stimme und 5 Ausrufezeichen. Das kann man wesentlich besser orten und man weiss wenigstens, dass man auch gemeint ist.

(Profi-Tipp: Weder dies, noch das Pfeifen eignen sich übrigens bei Funkbestellungen!)

Überhaupt: Gerade Nachts sind potenzielle Fahrgäste nicht immer leicht zu erkennen. Wenn ihr ein Taxi heranwinken wollt, dann traut euch und winkt richtig. Ein kurzes Zucken mit der Hand lässt die Fahrer nicht immer sicher sein, ob ihr nun wirklich mitfahren wollt oder nur einen nervösen Tick habt. Manchmal übersieht man es sogar ganz, weil man vielleicht gerade in eine andere Richtung sieht um kreuzenden Güterzügen auszuweichen.

Jetzt würde mich mal interessieren, ob die mitlesenden Kollegen das auch so sehen mit dem Pfeifen, vor allem aber wie der Rest meiner Leserschaft ein Taxi auf sich aufmerksam machen würde. Vielleicht bin ich mit meiner Meinung ja auch alleine auf weiter Flur…

Ach die, jetzt!

Ich hatte es zwar erst letzte Woche von den Ausspracheproblemen meiner Kundschaft, aber gerade schaffen es einige, sich seltsam auszudrücken. Ich hab ein paar Leute aufgegabelt, die eine ganz nette Tour mit 3 Fahrzielen für mich hatten. Ich überlegte ein bisschen hin und her, wie man das am Besten miteinander verknüpfen kann. Dabei kam mir einer der Fahrgäste auch entgegen – glaubte das zumindest. Denn er meinte zu mir:

„Das is gar kein Problem, da fahren wir dann einfach die Jonncherstraße lang!“

„Jonncherstraße?“

„Ja, da kommen wir dann direkt rüber!“

Ich gebe ja zu, ich hätte die Straße auch so nicht auswendig gewusst. Aber – wie man aus dem Zusammenhang erkennen kann – es handelt sich immerhin nicht um eine Sackgasse. Also: Wo liegt die Jonncherstraße und wie schreibt man sie richtig?

Alles richtig gemacht!

Ich bin ja so eine Art Umlandlegastheniker.

Im Ernst. Inzwischen sind es zwar fast 4 Jahre, die ich in Berlin lebe, aber ich komme nicht viel ins Umland. Gelegentlich mit dem Taxi, aber sonst? Der große Unterschied zu meiner Heimat Stuttgart liegt für mich persönlich darin, dass ich mir Berlin lernenderweise im Schnelldurchgang erschlossen habe. In Stuttgart kam ich immer mal wieder im Rahmen von Ausflügen, Konzerten, Besuchen etc. dazu, mit der Zeit einfach zu wissen, in welche Richtung welche naheliegenden Dörfer und Städte liegen.

Hier in Berlin hab ich erstmal wild drauf losgelernt, was ich für die Ortskundeprüfung wissen muss. Und das schließt außerhalb des Flughafen Schönefelds keinen Quadratzentimeter Umland mit ein. Man muss für die Ortskundeprüfung nicht einmal die kürzesten Strecken kennen, wenn sie durchs Umland führen. Ein Umstand, der sicher schon einigen Leuten zu schaffen gemacht hat, die mit dem Taxi von Kladow nach Wannsee fahren wollten oder von Bohnsdorf nach Lichtenrade…

Sicher, die direkt an Berlin grenzenden Gemeinden kenne ich so langsam. Aber sobald es mal 2 oder 3 Käffer weitergeht, kann ich meist überhaupt nichts mit den Namen anfangen. Wahrscheinlich hab ich irgendsowas auch auf meiner Stirn stehen und ich bekomme deswegen so wenige Fernfahrten. Aber wozu gibt es Navis? 🙂

Die Tour, von der ich erzählen will, hab ich bekommen, als ich gerade ein schlechtes Gewissen hatte. Gelegentlich nutze ich gerade während der langen Wochenendschichten die ein oder andere Möglichkeit, um während einer toten Stunde zuhause aufzuschlagen. Ein gemütliches Zigarettchen mit meiner Freundin zusammen, eine kurze Pause zum Pinkeln und snacken – muss ja auch mal sein. An diesem Tag ist aus der 10-minütigen Pause beim Vorbeifahren allerdings ein einstündiges Gespräch geworden und irgendwie war mein Umsatz nicht so prickelnd, dass ich mir diese lange Auszeit hätte gönnen können.

Aber: Blinde Hühner, Körner, diese Geschichten…

Noch in Marzahn winkte es fleißig am Straßenrand und ich bekam eine sehr ordentliche Tour nach Gesundbrunnen, locker 20 €. Unterwegs stellte sich dann allerdings heraus, dass eine der beiden Damen gar nicht dorthin musste, sondern nach Bernau. Dazu wollte sie die S-Bahn nutzen, sie war sich allerdings nicht so ganz im Klaren darüber, ob und wann sie fährt. Sie zog Taxifahren durchaus in Betracht – wenn ihre 40 € dafür reichen sollten.
Ursprünglich sollte ich sie am S-Bahnhof Bornholmer Straße absetzen und dann die Freundin heimbringen. Nun gingen die Überlegungen los:

„Stehen da nicht auch Taxen?“

„Kann schon sein.“

„Sie könnten ihr doch ihre Nummer geben, dann kann sie sie anrufen, wenn keine Bahn mehr fährt und sie fahren dann zurück…“

„Ach lass mal, dann kann ich doch gleich weiterfahren. Würden sie auch nach Bernau fahren?“

„Sicher doch.“

„Reichen die 40 €?“

„Locker!“

Locker. Hab ich einfach mal so gesagt. Ich, der Umlandlegastheniker. Am Ende hat die Fahrt nach Gesundbrunnen etwa 20 € gekostet, die die Freundin auch bezahlt hat. Und dann bin ich nach Bernau. Obwohl ich die Uhr habe weiterlaufen lassen – um nicht nochmal Einstiegspreis und die teureren ersten 7 km anfallen zu lassen – stand der Gesamtfahrpreis nachher bei 59,60 €. 40 Cent unter ihrer Grenze. Ich hätte die Uhr natürlich ausgemacht, schließlich dürfen wir im Umland ja verhandeln – aber überrascht war ich dann doch. Ich hatte einfach nicht im Kopf, wie verdammt weit östlich dieses Bernau doch liegt…

Naja, immerhin hatte ich so knappe 60 € Umsatz binnen einer Stunde. Besser wäre ich ohne meine Pause in der Stadt auch nicht weggekommen. Wobei ich zugeben muss, dass 0,7% Trinkgeld bei so einer Tour wirklich deprimierend sind 🙁