Wenn man Kunden doch hauen sollte

Ein Winker, na super! Kurz hinterm Ostkreuz, vermutlich zum Sisyphos. Und da wollte ich eh hin.

„Moin.“

„Hi. Samma, hauste mich nich, wenn ick frag, ob wir bis da vorne ’ne Kurzstrecke machen?“

„Wieso sollte ich? Gerne doch.“

„Ick muss aba mit Karte zahlen.“

„Auch kein Problem, aber die 1,50€ Zuschlag für unbares Zahlen kommen dann halt noch drauf.“

„Ach, das‘ ejal!“

Finanziell war das sowieso eine der absurdesten Touren aller Zeiten. Er wäre ohne Kurzstrecke günstiger weggekommen, denn es waren wirklich nur 500 Meter. Als Kurzstrecke mit Karte 6,50€. Aber er war voll wie Eimer, vielleicht hätte er es wirklich nicht mehr zu Fuß geschafft.

Dann kam, was wirklich nicht hätte kommen müssen: Der Kartenleser hat sich verabschiedet, ich musste also nach zwei Versuchen das Funkgerät neu starten. Und das dauert. Das Problem war auch nicht, dass der Kunde ungeduldig war, im Gegenteil: Das mit der Bezahlung war ihm völlig egal. Nur war er eben voll wie Eimer und hat die Zeit genutzt, besonders unterhaltsam zu sein.

Zum Beispiel, indem er meinen Bart bewunderte, mir gleichzeitig aber erklärte, wie viel Sport ich noch machen müsse, um „die heißen Miezen aus dem Sisyphos klarzumachen“. Dann versuchte er mehrfach, am Scheibenwischerhebel den Warnblinker zu deaktivieren, weil ihn das Geräusch nervte, um andererseits aber bei einem kurzen Hinweis meines Autos, dass der Ölstand niedrig sei, eine Art Notruf-Arie aufzuführen, während der er mehrfach eine Feuerwehrsirene imitierte und mich anbrüllte, dass das Auto gleich explodieren würde. Und als ob das noch nicht genug sei:

„Ups, Digger, jetzt hab ick mir so uffjerecht, dass ick jefurzt hab.“

Und als ob auch das noch nicht genug sei:

„Ups, nochmal, Digger. Jajaja, mach ma besser die Fenster runter, die sind scheiße fies heute …“

Nicht, dass ich Eure Bestätigung bräuchte, aber mal im Ernst: So ein kleines Bisschen Körperverletzung müsste doch hier und da auch mal erlaubt sein, oder?

Einsacken wie ein Profi

Morgens halb vier im Osten Berlins. Zwei Menschen auf der Heimreise trafen sich. Einer davon war ich.

„Moin, wo darf’s hingehen?“

„Bringst mich zum Bahnhof Friedrichsfelde-Ost?“

„Klar. Direkt zum Bahnhof?“

„Ja, ich muss noch nach Fredersdorf. Aber bis dahin ist mir Taxi zu teuer.“

„Verstehe ich. Da kommen wir locker über 30€.“

„Ach, 30 oder 40 würde ich Dir ja gleich geben, aber das sind eher 70 bis 80 …“

„Wir reden aber beide über das Fredersdorf hinter Neuenhagen, ja?“

„Sicher.“

„Und 40€ wären ok?“

„Auf jeden!“

„Na dann …“

Nach Uhr waren es keine 35. Mit Trinkgeld 40. Und sooo weit ist der Heimweg nach Marzahn dann auch nicht gewesen. 😉

PS: Ein bisschen mehr  zu nehmen wäre an sich besser gewesen. Aber das hat jetzt der Kollege, der ihm damals 80€ von Prenzl’berg aus berechnet hat und wegen dem er seitdem kein Taxi mehr genommen hat.

Sonst noch was?

Dass der junge Mann in Eile war, war schon eine eher fragwürdige Geschichte. Ich meine, ich halte es auch für eine faire Sache, zum Sex pünktlich zu sein. Dass ich als Taxifahrer wiederum Raser spielen muss, weil die Holde früher zu Bett geht als erwartet … ähm, nein, nicht wirklich!

Auch in so einem Fall: Es geht ja nicht darum, dass ich extra stur bin, wenn es jemand eilig hat. Ich helfe, wo ich irgendwie kann, ich bin ja auch kein Engel, der noch nie irgendwo 10km/h zu schnell war.

Aber als der Typ auf der Warschauer Brücke ins Telefon flehte, dass sie sich auch bei ihr treffen könnten …

„Kein Problem, Sandra, machen wir Wannsee! In 20 Minuten?“

… hab ich ihn dann doch noch mal dran erinnert, dass mein Führerschein etwas mehr wert ist als der popelige Zwanni, den ich an der Tour verdienen würde. Das hat er dann eingesehen und am Ende waren 20 Minuten bis Schöneberg auch in Ordnung. Da träumt der Tagverkehr immer noch von.

„Klassisch“

Was ich gerne sage, wenn Kunden mich fragen, wie stressig der Job als Nacht-Taxifahrer sei, ist:

„Er hat natürlich positive und negative Seiten. Aber ehrlich gesagt: Die Momente, in denen ich mir denke, dass die letzte Tour jetzt die paar Euro nicht wert war, halten sich in Grenzen. Ein-, zweimal im Monat, das passt schon!“

Und natürlich denke ich dabei nicht an die vielen Wartezeiten mit anschließender Kurztour, sondern an die Stresser, Stänkerer, Kotzer, Arschlöcher etc.
Und die kommen halt nicht so oft vor, wie selbst ich zu Beginn befürchtet hatte. Und dann das:

Drei Winker auf der Frankfurter Allee kurz vor dem Frankfurter Tor. Tolle Sache an und für sich, aber ich fuhr schon links, weil ich in die Warschauer abbiegen wollte. Es war zu Schichtbeginn, der Verkehr war noch dicht, ein Rüberziehen und Stoppen wirklich unmöglich. Ich hab’s mit netten Gesten versucht, aber die Typen waren natürlich voll am rumflippen. Kein verficktes Scheiß-Taxi will sie mitnehmen. Da hab ich auch noch mal nachgedacht, wollte sie eigentlich ignorieren, hab dann aber doch am Frankfurter Tor gewendet. Eine Winker-Tour zu Beginn nimmt man dann halt doch gerne mit.

Nach dem Wenden nahmen sie mich abermals wahr (vermutlich hatten sie mich wirklich bereits vergessen) und gestikulierten nun von der anderen Seite aus noch wilder herum. Ich gab ihnen Handzeichen, dass ich wenden würde. Musste halt trotzdem nochmal bis zur Proskauer und da abermals wenden. Aber hey: Kundschaft! \o/

Als ich dann ranfuhr, waren sie immer noch wie bekloppt dabei zu winken, Handzeichen zu geben und zu rufen. Als ob wir uns noch nie gesehen hätten. 😉

„Where to go?“

„Klassik-Hotel, Revaler Straße.“

Ehrlich? -.-

Da hatte nun wirklich das Einladen doppelt so lange gedauert wie die Fahrt. Keiner von Euch wird den Text hier schneller lesen als ich gebraucht habe, um die Tour abzuschließen. Dabei bin ich noch versöhnlich bezüglich der oben erwähnten Frage, ob es mir den Stress wert war … aber als die Kunden erst feststellten, dass sie von der Grünberger Straße aus in die falsche Richtung losgelaufen waren und es nur deshalb so lange gedauert hat … sagen wir mal, dass das ein Monolog für die Ab18-Abteilung war.

Mit anderen Worten: Eigentlich war an der Fahrt so ziemlich alles unnötig.

Ich bin sein Taxifahrer!

Direkte Übergabe: Der kommende Kunde öffnete der gehenden Kundin die Tür. Dürfte ruhig öfter passieren.

„Guten Abend, wo darf’s hingehen?“

„Brings mich zu … da bei die … die großen, wo die großen und viel.“

„Tut mir leid, das bringt mir jetzt nicht viel.“

„Na, mach ersma die Uhr an!“

Kompliment, SO überzeugt man Taxifahrer! 😉

„Also gut, noch einmal: Wohin soll’s gehen?“

„Da wo die Leute … viele Leute! Die nichmehr weil neu, aber groß!“

„Haben Sie vielleicht zunächst mal eine grobe Richtung?“

„Sicher, einmal saaauuuuber ums Eck!“

„Vielleicht einen Stadtteil? Ich kann Ihnen sonst nur schwer helfen.“

„Ersma muss ich mich entschuldigen! Glaub mir, ich bin ein ganz normaler Mann und Sie sind mein Taxifahrer! Vielen Dank für die Geduld!“

„Kein Ding, also: wohin? Versuchen Sie’s nochmal!“

„Ich muss da bei … glb …sss … im bbb … fuck, das ist mir jetzt peinlich!“

Und mir war’s auch unangenehm. Ich kenne den Zustand. Und das waren nicht wirklich die besten Partys. Wenn man betrunkener ist als man eigentlich sein will und als es sich eigentlich anfühlt. Man kann stellenweise – und in Gedanken grenzenlos! – eloquent daherreden und will den Gesprächspartner davon überzeugen, dass man ein intelligentes Individuum ist und eigentlich alles im Griff hat, aber in dem Moment sackt der Körper zusammen, man sagt nicht mehr als „Mümmmelfümmel!“ und rutscht sabbernd mit heraushängender Zunge an der Wand runter. Bei vollem Bewusstsein. Und genau an dem Punkt war er. Konnte sich höflich entschuldigen, hatte eine Menge Sätze parat, aber sein Wohnort war derzeit ein Haufen Grütze mit unscharfen Flecken.

Ein bisschen gedauert hat’s also, aber irgendwann hat er einen Platz im Westen rausgepresst.

„Na also, das kriegen wir hin!“

Obwohl ich ihm glaubte, dass das nicht nötig war, hab ich ihn ermahnt, im Falle von Unwohlsein Bescheid zu geben und bei der weiteren Konversation öfter mal abgeblockt. Zum Beispiel, als er wissen wollte, was ich den für eine Idee hätte von den Großen. Aber er war wirklich ein netter Typ und das ist bei so beachtlichem Alkoholeinschlag ja schon mal viel wert. Er hat als einer der wenigen wirklich betrunken was von viel Trinkgeld geredet und sein Versprechen gehalten und sich immer wieder für meine Geduld mit ihm bedankt, obwohl er nach der ersten Ortsangabe im wesentlichen nicht nerviger war als ein etwas zu laut gestelltes Navi, das einen bestätigt, das man richtig fährt. Es hat sogar funktioniert, den Zielort etwas zu verlegen, weil er abgeholt wurde (was auch geklappt hat).

Eines wollte ich vor dem Ende der 20€-Tour dann aber doch noch wissen:

„Was verschlägt einen von der City West in eine so abgelegene Ecke in Prenzl’berg?“

„Sagen wir mal so: Der Papi hat sich heute so richtig verirrt.“

Da hatte der Papi aber Glück, dass genau sein Taxifahrer auch vor Ort war. 🙂

Aber die Kurzstrecke …

Ein Rudel aufgedrehter Angetrunkener. Gibt schöneres, aber was weg muss, muss weg. Danziger Ecke Kniprode, einmal zum Golden Gate. Also unter anderem. Der eine wollte einen Radiosender haben, der nächste zum Kippenholen nach Polen, einer noch Geld holen. Der mit dem Geld war der mit Abstand vernünftigste. Zum Golden Gate, davor ein Stopp an der deutschen Bank am Alex, kriegen wir hin, egal was die sechs restlichen Promille im Auto rumbrüllen.

Im Großen und Ganzen ging das, zwischen dem Geschrei wurde sogar meine Route gelobt. Hart verdientes Geld, aber ein bisschen adelt auch das Wissen, dass kaum ein Kollege die Vollpfosten auch nur schief angesehen hätte beim eiligen Vorbeifahren.

Am Ende standen wir am Alex vor der Bank und sie entschieden sich dann, doch alle auszusteigen und den Rest zu laufen. Kann man machen, also 8,30€.

Und dann setzt der beleidigte Schnulli auf dem Beifahrersitz tatsächlich sowas wie eine weinerliche Stimme auf, dass er aber Kurzstrecke gesagt hätte und das ja bis hierhin wohl gereicht hätte. Mal abgesehen davon, dass das nur zum Teil stimmt, weil wir laut Uhr etwa 2,2 Kilometer unterwegs waren und nicht 2,0 (der Preis also entsprechend auch mit Kurzstrecke eher bei 6,50 – 7,50€ gelegen hätte):

Das ursprüngliche Fahrtziel lag weiter entfernt und Zwischenhalte gibt es mit Kurzstrecke ebenso nicht.

„Aber, aber eigentlich müssten wir dann jetzt auch Kurzstrecke machen, oder?“

„Nein. EIGENTLICH hast Du zu zahlen, was da oben auf der Uhr steht, fertig!“

Und hör auf, wegen drei Euro so ein Lutscher zu sein, hätte ich ihm gerne auch noch hinterhergerufen. Aber ein kleines Bisschen hab ich mich dann ja sogar bei solchen Spinnern noch im Griff.

Und immer dran denken: Genau weil ich bei solchen Vollspaten nicht alles mit mir lassen mache, brauche ich anderswo keine kurze Fahrt oder Kurzstrecke ablehnen und hab bei Fällen, bei denen es mir berechtigt erscheint, ein klein wenig Spiel bei der fantasievollen Ausdehnung der Regeln. Ich bin ja kein Unmensch, ich bin bloß nicht bescheuert. 😉

Der Taxitourgenerator

Der Umsatz war wieder einmal supermittelprächtig, ich hab bei so ziemlich jeder Halte die kürzeste Tour der Stunde abgekriegt. Aber darüber ärgere ich mich gerade gar nicht, ich hab viel zu viel Spaß gerade an meinen kurzen Taxiwochenenden mit dem schönen Auto bei gutem Wetter. Das Glück mit dem Umsatz kommt schon auch mal wieder.

Genau genommen war die letzte Tour ja schon eine sehr gute. Von der Frankfurter Allee zum Artemis, Winker für 30 €. Nix besonderes an sich, aber irgendwie dann halt doch so ein typisches Zufallsprodukt, dass vornehmlich beim Taxitourengenerator anfällt. Oder wer unter den Nicht-Taxifahrern in meiner Leserschaft hat sich schon mal mit chinesischen Architekten auf dem Weg zum Puff über die Schönheit des Schwarzwaldes und über Globalisierung unterhalten. Hände hoch! 😉

Und da ich jetzt das schöne Wort Taxitour(en)generator erfunden habe: Hab ich vielleicht Mitleser, die sowas programmieren (und vor allem designen, in HTML würd ich’s ganz simpel auch hinkriegen) könnten. Genauere Ideen könnte ich bei Interesse anfügen. Und auch wenn meine Ressourcen begrenzt sind: Es soll nicht umsonst sein.