Ein Jahr im Taxi (3)

Das Sky und die Fehlfahrt:

Nachdem der Streifenwagen wieder verschwunden war, drehte ich mich zu meinem verbliebenen Fahrgast um und sah ihn fragend an.

„Sky.“

sagte er, lächelte mich an und schloß die Türe.

„Äh, Sie wollen nicht mit ihm mitgehen?“

„Nee. Sky.“

Ich war zwar etwas unsicher wegen des Typens, den wir gerade im Wald aussetzten, aber der stapfte inzwischen gemütlich in Richtung Bahnhof zurück. Ich hoffte einfach, er würde es schaffen. Nur 400 Meter Fußweg – und immerhin war es eine Hauptverkehrsstraße. Ich startete erneut auf den Fernsehturm zielend und vergaß dabei ganz, dass ich vorschnell „Kasse“ gedrückt hatte. Die 3,60 € verschwanden von der Uhr. Naja, scheiß drauf! Neu drücken bedeutete maximal 60 Cent Verlust – wer will bei so einer Tour schon kleinlich sein?

Schneematsch wurde von der Straße aufgewirbelt, die 1925 gewann Land. Immerhin ja letzte Tour …

Das Adlergestell zeigte sich um halb zwei Uhr in der Nacht mehr als nur ruhig, kilometerweit begegnete uns kein anderes Fahrzeug. Der Typ hinter mir schien im Laufe der Zeit aber immer mehr in den Alkoholrausch abzudriften. Ich kenne das langsam: Fitte, angeheiterte Leute fallen aus der kalten Dezembernacht ins Auto, plötzlich sind es 25°C mehr, trockene Heizungsluft, monotone Geräusche, sanftes Schütteln – und plötzlich merken sie, dass sie doch besser mal auf die letzen 3 Wodka verzichtet hätten.

Mein Beobachtungsexemplar dieser Spezies kramte sein Handy hervor und rief seine Freundin an. Binnen weniger Minuten formulierte er keine klaren Sätze mehr, sondern beschränkte sich auf einsilbige, tonlose Wortfetzen:

„Schatz …“

„Voll …“

„Bfertg!“

„Mhm.“

Unsere Fahrt dauerte noch gar nicht so lange, aber als er dazu überging, seine Freundin am Telefon um Hilfe anzuflehen, hab ich ihn nochmal gefragt, ob er wirklich noch in einen Club zum Feiern will.

„Ja …“

„Sky?“

„Sky.“

OK, ist ja nicht mein Problem.

Ein Jahr im Taxi (2)

Fünfzig, das Handy und die Polizei:

Die kleine 1925 gewann an Fahrt und die beiden Fahrgäste schienen guter Laune zu sein. Nach eigener Aussage wollten sie noch Feiern, alles spitze, nur „bisschen besoffen“. Na klar.

„Wo is‘ mein Handy?“

Oha. Ich hatte natürlich keine Ahnung, der zweite Fahrgast ebensowenig.

„Wo is‘ mein Handy?“

Ja nee, immer noch nicht!

Auf der Uhr standen gerade einmal 3,60 €, da wurde ich um folgendes gebeten:

„Halt mal an!“

Das Schlimme daran war, dass es auf einmal so klang, als würde es um den Mageninhalt gehen. Ich lasse meinen Finger auf den Knopf für die Warnblinkanlage niedersausen, halte an der rechten Fahrbahnseite und der junge Mann von hinten links beginnt, sich über seinen Kollegen einen Weg ins Freie zu suchen. Es lässt sich schwer vermeiden, beim Anblick der beiden ins Grübeln zu kommen, ob da nicht sexuelle Komponenten im Spiel sind, aber letztlich krabbelt der junge Mann mit den Händen voran aus meinem Taxi ohne unterwegs die Hose des anderen geöffnet zu haben. Wäre das geschehen, wäre die Fahrt jedoch nur unwesentlich seltsamer geworden. Der hinten rechts sitzende Fahrgast grinste und zeigte mir einen Geldschein:

„Fünfzig.“

„Naja, so viel brauchen wir jetzt ja erstmal nicht.“

Den Titel „Ein Jahr im Taxi“ habe ich übrigens gewählt, weil die Fahrt ansonsten so ziemlich alles abgedeckt hat, was einem binnen eines Jahres so in einem hellelfenbeinfarbenen Auto passieren kann.

Der junge Kunde im teuren Zwirn steht nun reichlich benebelt am Fahrbahnrand, offensichtlich in der festen Absicht, zurückzulaufen und sein Handy zu suchen. Während ich also mit Warnblinkanlage mitten im Wald stehe und der verbliebene Fahrgast selig grinst, rollt ein Streifenwagen heran und verlangsamt die Fahrt. Ich hab mir zunächst Gedanken gemacht, ob sie mich wegen meines ungünstigen Halts auf freier Strecke ermahnen wollten, dann wurde mir jedoch klar, dass wir hier fern jeder Zivilisation (also zumindest 400 Meter) durchaus den Eindruck erwecken konnten, dass etwas nicht stimmt. Panne, Überfall, hätte ja alles sein können!

Ich ließ die Scheibe herunter und versicherte den Beamten, dass alles in Ordnung sei und wir auch umgehend wieder weiterfahren würden. Gelassenheit breitete sich aus und der Wald verschluckte wenig später den silberblauen Wagen wieder.

Arbeit, Arbeit, Arbeit!

OK, ich bin vielleicht kein guter Maßstab. Ich habe immer gesagt, dass ich arbeite um zu leben, nicht lebe um zu arbeiten. Das Taxigewerbe gibt mir da die Möglichkeit, bei der regulären Lohnarbeit immer mal wieder kürzer zu treten. Weder die Option, noch die Einstellung teile ich mit allen, schon klar.

Allerdings hinterlassen mich die echten Workaholics tatsächlich immer ein bisschen irritiert. Als ich ein paar Tage in einem Umzugsunternehmen gearbeitet habe, bin ich auf einen jungen Mann getroffen, der zwar ohne großes Vergnügen, dafür auch ohne Mühen mit zwei Umzugskartons in der Hand an mir vorbeigesprintet ist und mich ermunterte, ich solle froh sein, kein Geld fürs Fitnessstudio ausgeben zu müssen und dann noch anmerkte, er bräuchte den harten Job, weil er sonst nur Blödsinn machen würde.

Mein ehemaliger Mitbewohner Ralf, Koch von Beruf, war zwar ein wenig gestört und nicht wirklich zur Selbstreflexion fähig, aber als er mal ein paar Wochen arbeitslos war, versank er in grenzenloser Phlegmatik, sah bis zu 12 Stunden am Stück fern und bemalte sich nebenher seine Beine mit Kuli. Völlig unfähig, sich selbst irgendwie sinnvoll zu beschäftigen.

Und nun hatte ich einen Fahrgast im Auto. Er wollte in einen Club gefahren werden und mit der Zeit stellte sich heraus, dass er trotz fortgeschrittener Stunde nicht etwa zum Feiern hinging. Er war auf dem Weg zur Arbeit. So weit, so gut.

„Eigentlich hätte ich heute ja frei. Ich komm‘ ja gerade von meinem anderen Job, bin schon seit 8 Uhr unterwegs.“

Ich beäugte argwöhnisch den Chronometer. Mitternacht.

„Aber ich mag das Kellnern und zwei Kolleginnen fallen heute aus, da hab ich zugesagt, einzuspringen. Klar, ein paar Drogen müssen sein, hab ja erst um 6 Uhr Feierabend und um 10 Uhr geht es mit dem anderen Job weiter.“

„Äh, wow. Und das ist nötig?“

„Ach naja, so irgendwie schon. Muss mein Auto bezahlen, mein Loft – so lange ich das hab, geht es mir gut!“

„Aber eine teure Wohnung haben und dann nie dort sein?“

„Passt schon, ich brauch das! War auch mal 4 Tage arbeitslos, das war die schlimmste Zeit meines Lebens!“

Keine Frage, meine Chefs würden mich lieben für so eine Arbeitseinstellung. Sie würden das nicht sagen, aber natürlich hätten sie was davon. Und solche Kollegen gibt es ja. Geiz ist geil, Geld ist alles und die Arbeit ist umsatzbasiert bezahlt. Selbst unter den Taxifahrern gibt es Leute, die über das bundesweite Durchschnittsgehalt kommen. Klar, die schlafen dann schon mal im Auto, wenn sie mal für ein paar Stunden nicht fahren, aber egal: Dafür können sie in 3D fernsehen, wenn sie am zweiten Weihnachtsfeiertag von 12 bis 17.30 Uhr mal zu Hause sind.

Ich kann es schwer verhehlen: mir fehlt das Verständnis dafür völlig. Obwohl ich den Job wirklich gerne hab. Mich würde mal interessieren, wie sich das bei Euch, meiner Leserschaft, so verhält. Haltet ihr es eher mit mir oder mit denen?

Was würdest Du am ehesten zu Deinem Motto ernennen?

View Results

Wird geladen ... Wird geladen ...

Is‘ zwar länger, aber …

„Fuck, wie fährste da?“

Den Gedanken hab ich mehr als einmal pro Woche. Während die Kundschaft noch dabei ist, die Adresse anhand mir gänzlich unbekannter Zahnarztpraxen und Kleintierbedarfsläden zu konkretisieren, schwirrt mir der Straßenname im Kopf umher und ich denke darüber nach, über welche Brücke, welche Querstraße, das Ziel nun am geschicktesten anzufahren ist. Berlin ist eine Stadt voller künstlicher und natürlicher Hindernisse, da ist es manchmal unerheblich zu wissen, wo das Ziel liegt – vielmehr interessiert einen dann, welcher der beiden Umwege dorthin nun länger ist. Denn auf dem kürzesten Weg liegt nur allzu oft eine Baustelle, ein Fluß, ein Gleisbett oder – wenn’s ganz haarig wird – eine verschachtelte Altstadt wie in Köpenick, bei der selbst mein Lehrer in der Taxischule gemeint hat, dass wir das gar nicht erst anfangen sollten zu lernen.

Und nun stand ich in Lichtenberg in der Sewanstraße und sollte zur Nalepastraße fahren.

Nicht einmal die Ecke, in der ich mich besonders schlecht auskenne – aber sollte ich wenden oder eher nicht? Einfach spontan abbiegen hätte mich am Betriebsbahnhof Rummelsburg verzweifeln lassen. Ich entschied mich nach ein paar Sekunden für den Weg über die Schlichtallee, was meine Kundin verwundert zur Kenntnis nahm:

„Ach, sie fahren so rum?“

„Ähm, naja … wir können auch gerne …“

„Nee, machen Sie mal. Is‘ zwar länger, kann man aber machen.“

Ich mag das nicht. Man muss die kürzeste Strecke nicht unbedingt so sehr als sportliche Herausforderung sehen wie ich manchmal, aber es ist ja schon alleine unschön, dass die Kundschaft ein schlechtes Gefühl dabei hat. Und das hatte sie sichtbar, sie traute sich nur nicht wirklich, mich umzustimmen. Nach ein paar hundert Metern wollte ich aber natürlich auch nicht mehr wenden – und es wäre auch bekloppt gewesen. Sie versuchte dann lange, mir zu erklären, dass es wegen der Unterbrechung der Nalepastraße sinnvoller wäre, von Schöneweide aus ranzufahren und ich begann, ihr zu glauben. Ich hatte sogar zwischenzeitlich die Überlegung, die Uhr einfach einen Kilometer vorher auszumachen um sie zu beruhigen. Am Ende hab ich’s aus Pragmatismus nicht getan. Hätte auch bloß eine Diskussion gegeben …

Und was soll man sagen: Laut Onkel Google war meine Wegstrecke ganze 100 Meter länger als ihr Vorschlag. Das unangenehme Gefühl bei ihr kann ich jetzt zwar rückwirkend nicht mehr ändern, mein eigenes ist aber restlos weg. Ganz so schlimm ist es um meine Ortskenntnis dann also doch nicht bestellt. 🙂

Vom Hörensagen im Kreis

Ich hab mich ausnahmsweise mal vor den Magnet-Club gestellt. Hat auch keine 3 Minuten gedauert, da purzelten mir ein paar Spanier ins Auto. Gute Stimmung, stressfreie Fahrt. Das Ziel ist mir nämlich mehr als nur bekannt:

„We’ve heard about Berghain. Would you bring us there?“

„Of course.“

So weit, so unspektakulär. Gut, dank Abbiegeverbot an der Oberbaumbrücke ist der Weg derzeit ein wenig länger, aber es ist immer noch eine Tour um die sieben Euro irgendwas. Am Berghain angekommen fielen sie erstmal aus allen Wolken wegen der Schlange. Ich hätte es ihnen eigentlich sagen können, aber nun standen wir da.

„No, we’ll never do that. We’ve heard about Karte Olsrigg. You bring us there?“

„Kater Holzig? We’ll be there in 3 minutes.“

Eine erkennbare Schlange (also abgesehen von den Taxen vor dem Tor) war nicht zu erkennen, aber irgendwie schien ihnen der Bretterverschlag etwas unheimlich zu sein:

„Uh, hmm. Guess that’s nothing for us. But we heard about Watergate. What about this?“

„Are you serious?“

„Why?“

„Because Watergates entrance is directly beside the Magnet. It’s exactly the place we came from.“

Man könnte eigentlich erwarten, dass sich jetzt irgendwer ärgert, weil unnötige Fahrt und so. Nix da:

„Oh really!? That’s nice! Bring us there!“

Ich will mich sicher nicht beschweren, sowas tut meinem Geldbeutel und meinem Kilometerschnitt sehr gut. Aber ein bisschen weniger Verplanung und ein paar handfeste Infos könnten der Truppe letztlich eine Menge Geld sparen. Hab ich gehört.

Wetten dass?

Eine wirklich passable Truppe – zumindest fürs Sisyphos. Drei Leute, alle noch in tragbarem Zustand, gute Laune an Bord. Und alle so: yeah! Das Ziel lag ein Stück weit die Danziger hoch, immerhin eine ganz nette Fahrt für einen locker zweistelligen Betrag. Dafür, dass ich keine 5 Minuten warten musste, konnte ich echt nicht meckern.

Die beiden Jungs und das eine Mädel stammten offensichtlich aus verschiedenen Gegenden, Spanien, Südamerika und Australien. Das nenne ich mal eine bunte Mischung. Im Taxi blieb es meist bei Englisch, was mir ganz gut gefiel, so konnte ich hier und da mitreden. Der Spanier sah kurz vor Ende der Fahrt nicht mehr sehr frisch aus und meinte auch selbst, dass er vielleicht doch etwas mehr als einen Salat hätte essen sollen, wenn er feiern geht. Ich hab das eine Weile mit wachen Augen beobachtet, ihm dann aber kurz vor unserem Zwischenstopp an einer Bank gesagt, er solle sich ja rechtzeitig melden, wenn … also nur so, ja?

„WHAT!? Don’t worry ‚bout him!“

fauchte es aus der australischen Ecke.

„He’s fine and there’s no problem!“

„Sure.“

Ich hab selten so verächtlich „sure“ gesagt – sollte es aber öfter tun 😉

Denn wir hielten an der Bank und der junge Kerl mit der schon etwas ramponierten Gelfrisur schälte sich pflichtbewusst und schnell aus Gurt und Sitz, um umgehend vor der Tür in Alkohol eingelegten Salat wieder loszuwerden.

„Hey, look at your friend: he’s getting finer and finer!“

Konnte mir die Spitze nicht verkneifen. So langsam kann ich mir vorstellen, wie sich Ärzte und Pfleger fühlen, wenn Patienten sie offensichtlich anlügen wegen diesem oder jenem. Ich hab ja auch besseres zu tun als den Leuten einzureden, sie müssten kotzen. Ich will bloß im Fall der Fälle nicht, dass es jemand zu peinlich ist, Bescheid zu sagen.

Die Freundin jedenfalls zeigte sich reumütig und dankte mir unter anderem später mit Trinkgeld. Und er?

Er hat selbstsicher verkündet, für den Rest der Fahrt kein Problem zu haben. Wäre ja ohnehin nur wegen diesem Salat gewesen …

Stressige Kundschaft

Aro hatte mal wieder besonders bezaubernde Kunden. Wo er die immer wieder herkriegt …

Ich hab scheinbar echt erstaunlich unterdurchschnittlich viele solche Töffel bei mir im Auto. Aber es gibt sie, das weiß ich. Bei der Tour von Aro lohnt es sich zudem, sich mal auf einem Routenplaner anzusehen, was sein Kunde gerne von ihm gehabt hätte und wo Aro langgefahren ist. Ich kann jedenfalls gut verstehen, dass man so blöde Kommentare mal mit einer zackigen Ansage beantwortet. Ist zugegebenermaßen nicht gerade mein Stil, aber manchmal ist es schon traurig, was man sich für vielleicht einen Fünfer (inkl. Trinkgeld, versteht sich) manchmal von Leuten anhören muss, die eine Ahnung haben wie Kühe vom Fliegen*.

Ich versuche solchen Quatsch ja gerne auf die nette Art zu regeln, aber manchmal geht das nicht, da verstehe ich meinen geschätzten Kollegen vollkommen.

*ausgenommen Kühe aus südlichen Bundesstaaten der USA mit Tornado-Erfahrung.