Blöde Kollegen…

Ich hab ja echt nicht vor, mich dauernd über Kollegen zu beschweren. Zum einen ist es ja nicht so, dass die Straßen wirklich voll von Arschlöchern im Taxifahrergewand sind, zum anderen bin ich ja beileibe nicht perfekt und will mich gar nicht als oberster Moralapostel gerieren.

Aber manchmal geht es einfach nicht anders.

Am Wochenende stand ich zum Beispiel mal wieder in Erwartung einer hoffentlich langen Tour zu einem der Flughäfen morgens am Ostbahnhof. Vier Kollegen standen bereits auf Rücke 1, ich hielt tapfer die Abstauberposition auf der anderen Straßenseite. Das ist kein schlechter Standpunkt, es gibt immer noch viele Menschen, die dort das erste Taxi nehmen, weil sie vermuten, es wären zwei getrennte Schlangen. Am niedlichsten sind dabei übrigens die, die tatsächlich glauben, man müsste je nach Fahrtrichtung entweder auf der einen oder der anderen Seite einsteigen. Ich kläre sie dann manchmal über dieses lustige Ding vor meinem Bauch auf, mit dem man den Wagen wenden kann 😉

Aber gut. Irgendwann hat der vierte Kollege auf der anderen Seite wohl einen Funkauftrag bekommen und der Platz war frei für mich. Ich hab also gewendet, mich in die Lücke eingefädelt und mir zu Unterhaltungszwecken mein Handy geschnappt.

Aus dem Augenwinkel hab ich auf dem Gehweg eine Bewegung realisiert und mich umgedreht. Auf einer Stufe am Bordstein, etwa 4 Meter von meinem Auto entfernt saß eine junge Frau. Rote Haare, ein nicht mehr ganz taufrisches Kleid am Leib, barfuß und mit Tränen in den Augen. Sie hat mich kurz angesehen, sich dann aber wieder abgewandt, und so ließ ich es dabei bewenden. Ich wäre zwar durchaus interessiert daran gewesen, was ihr so den Abend versaut hat, aber ich war ja auch zum Arbeiten da.
Kurz darauf kam dann auch ein Freund von ihr vorbei, sie unterhielten sich kurz, hab ich alles nur so nebenbei mitbekommen. Das Fenster war zu, sie wollten nix von mir – wayne?

Irgendwann kam dann der Freund allerdings doch angelatscht und bat mich, die Scheibe herunterzulassen:

„Ja bitte?“

„Entschuldigung, würden sie uns fahren?“

„Na selbstverständlich!“

„Ist aber nicht weit…“

„Das ist doch egal.“

Also hat er seine Holde aufgesammelt und sie sind beide in mein Taxi gekrabbelt. Er hinten, sie vorne. Ihr Ziel lag jetzt wirklich nicht weit weg, aber passable 7 € sind nebst einem Trinkgeld dann auch ein Zehner gewesen. Die beiden sind echt nett gewesen, und auch über die Tatsache, dass sie ein wenig betrunken war, konnte man gut hinwegsehen. Der Grund für ihre Taxifahrt war, dass die werten Dame eine Fußverletzung hatte. Ich vermute mal eine eingtretene Glasscherbe oder ähnliches.
Der Grund, warum sie bei mir im Taxi saßen, war indes der, dass alle vier Kollegen am Stand ihr offensichtlich eine Abfuhr erteilt hatten. Ob jetzt wegen der Strecke oder des Fußes oder trotz des Fußes aber wegen der Strecke: Keine Ahnung!

Aber echt: ‚Ne verletzte junge Frau abweisen und dann weiter eine halbe Stunde Zeitung lesen… prima! Kunden müssen ja was wahnsinnig enervierendes sein, wenn man so lange am Kreuzworträtsel der Bild verzweifelt…

Wagen umgekippt

Ja, man könnte sagen, dass ich heute Nacht in einen Unfall verwickelt war. Und es ist wahr: Ein umgekippter Wagen hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Bevor jetzt aber jemand die Pressemeldungen nach überschlagenen Autos absucht: Ruhig Blut! Eigentlich ist gar nix schlimmes passiert. Sämtlicher Schaden ließ sich übersichtlich auf folgendem Foto festhalten:

Knapp am Totalschaden vorbei, Quelle: Sash

Knapp am Totalschaden vorbei, Quelle: Sash

Ja, das ist das rechte Rücklicht der guten alten 1925. Und das Loch war dort bis gestern noch nicht. Wie aber zur Hölle schafft man das? Und was hat das mit umgekippten Wagen zu tun?

Aaalso: Am Ostbahnhof trat Kundschaft an mich heran, und sie hatten anbei einen – na, wer errät es? – Einkaufswagen. Der war voll bepackt mit mindestens einem Wocheneinkauf, und all diesen Inhalt gedachten die drei Leute, in mein Taxi zu schaufeln. Warum nicht? Ich hatte von dort schon einmal eine Einkaufstour, und auch wenn der Weg wieder nicht lang zu werden versprach, finde ich es eigentlich gut, dass die Leute überhaupt auf die Idee kommen, eine Taxe dafür zu nutzen. Wenn es zum Laufen zu weit, mit dem Bus zu umständlich und ein eigenes Auto nicht vorhanden ist, dann sind wir doch eigentlich keine schlechte Wahl.

Nun wird dieser Einkauf aber wohl leider ein bisschen teurer als geplant werden.

Als sie nämlich den Wagen möglichst nahe an mein Auto heranschieben wollten, übersahen sie das Ende des Bordsteins. Ein Rad des Wagens sackte ab, und das ganze Gefährt ist mit vernehmlichem Krachen gegen mein Auto gekippt. Dabei hat sich eine Kante direkt durch die Plexiglasabdeckung des Rücklichtes gebohrt – wie man anhand des Fotos ja auch erahnen kann.

Erstmal sieht es nach Glück im Unglück aus: Im Grunde ist das ja nur ein billiges Plastikteil. Es wurde kein Lack zerkratzt, selbst das Licht mit allen Birnen etc. ist noch heil. Allerdings ist nun die Frage, ob das in der Werkstatt einfach so ausgetauscht werden kann, oder ob da – und das befürchte ich – gleich ein komplett neuer Korpus fürs Rücklicht angeschafft werden muss.
Ich hoffe nur, dass das alles in allem glimpflich ausgeht, denn es waren wirklich herzensgute Leute. Obwohl sie nicht wissen, ob sie eine Haftpflicht haben, haben sie nicht mal eine Sekunde rumlamentiert, ich habe ein Schuldeingeständnis mit Adresse, ein Trinkgeld und viele Entschuldigungen gekriegt. Ich fände es ehrlich gesagt schade, wenn der Mist jetzt viel mehr als ’nen Fuffi kostet… 🙁

Die Festpreisler…

Ich hab schon lange nichts mehr über Festpreisverhandler geschrieben, nicht? Das ist eine Erkenntnis, die mich gestern getroffen hat. Irgendwie erstaunlich, aber ich habe festgestellt, dass es daran liegt, dass sie mich nicht mehr ernsthaft stressen. Alleine in den letzten 2 Wochen hatte ich sicher 10 Touren mit Fahrgästen, die nach einem Festpreis gefragt haben. Und trotzdem taucht das Thema hier bei GNIT kaum noch auf.

Für die, die relativ neu sind, und das noch nicht wissen: Innerhalb des Pflichtfahrgebietes sind Festpreise nicht erlaubt. Das mag den ein oder anderen überraschen, denn wenn ich den anfragenden Kunden Glauben schenken soll, dann ist so gut wie jeder schon mal irgendwie zu einem festen Preis Taxi gefahren. Aber ja: Wenn es nicht irgendwo nach außerhalb geht, ist das fast überall illegal.
Dass das so ist, hat auch tatsächlich seine Gründe. Zum einen verhindert es (manchmal) Schwarzarbeit. In der Regel will der Chef vom Fahrer die Kohle haben, die das Taxameter anzeigt, und es ist recht beliebt unter den Kollegen, mal schnell „ohne Uhr“ für Betrag X irgendwohin zu gurken. So lange nichts auf der Uhr steht, kann Cheffe nix verlangen, und man kann das Geld brutto=netto einstecken. Neben den wegfallenden Steuern spart man sich damit auch das Geld an den Chef, der ja völlig unberechtigterweise welches haben will, um damit unnötige Dinge wie das Auto, den Sprit oder die Werkstattkosten zu bezahlen.
Dann sind die Tarife in mehr oder minder mühevoller Diskussion zustandegekommen. Der Taxitarif – mal egal, ob man ihn als zu hoch oder zu niedrig erachtet – soll sowohl dafür sorgen, dass die Mitarbeiter des Gewerbes (Chefs und Fahrer) für ihre Arbeit fair entlohnt werden, als auch (und das vergessen einige gerne mal!) den Kunden davor schützen, dass wir als Fahrer Mondpreise verlangen können.
Deswegen müssen die Taxameter regelmäßig geeicht werden und deswegen ist jede Fahrt im Pflichtfahrgebiet nur nach Taxameterpreis zu fahren. Wer es ok findet, dass wir Fahrer auch mal „für 2 € weniger“ fahren, müsste es andererseits auch ok finden, wenn wir mal „’n Fünfer Aufschlag“ verlangen. Wie man sich denken kann: Jeder Fahrer würde gerne mehr verdienen, jeder Kunde gerne weniger zahlen – und das sorgt dann für die Horrormeldungen über widerlich hohe „Spezialpreise“ von zwielichtigen Kollegen und auf der anderen Seite für wirklich unverschämte Anfragen an uns.

Über die Höhe des Tarifs darf man also meinetwegen gerne leidenschaftlich diskutieren und streiten, dass es ihn gibt, finde ich gut – im Sinne aller Beteiligten!

Gut, das interessiert die meisten Leute wenig, die mit einem Zehner Restkapital morgens nach einer durchzechten Nacht vor dem Club stehen und der Meinung sind, dass ihnen eine Heimfahrt im Taxi ja dennoch irgendwie zustünde.

Den meisten Festpreisverhandlern ist gemein, dass sie übers Taxigewerbe genau soweit blendend informiert sind, als es ihnen nützt. Dass es für uns lukrativer ist, eine 15€-Tour ohne Uhr für einen Zehner zu fahren, das ist bekannt. Der Gedanke, wie viele Taxen (und wie viele in vernünftiger Qualität) es gäbe, wenn jeder Idiot jeden Preis annehmen würde und genau die Chefs pleite gehen, die sich noch den Luxus von Steuern und Sozialabgaben leisten… das ist natürlich unwichtiges Detailwissen.
Diskussionen auf der Basis können echt enervierend sein.

Müssen sie aber nicht!

In meinem Umfeld haben vor einiger Zeit sowohl meine bessere Hälfte als auch Kalle Zentrum als (ehemalige) Callcentermitarbeiter mir erklären können, dass man auch mit den stressigsten Kunden recht schnell fertig werden kann. Zugegeben: Man riskiert es, vielleicht mal eine Fahrt nicht zu bekommen, aber im Grunde ist selbst diese Gefahr recht klein.

Am Wichtigsten ist es zunächst einmal, freundlich und offensiv nein zu sagen, am Allerbesten ist die Situation natürlich, wenn man gleich ein brauchbares Gegenangebot machen kann.
Das ist zwar bei den nervigsten Kunden (die weit unter Tarifpreis fahren wollen) nicht möglich, aber hier bietet sich als Strategie an, das Angebot lächerlich zu machen, und sich im Zweifelsfall binnen einer Minute gleich mehrere „Mach ich nicht, vergesst es!“ aus den Rippen zu leiern. Obwohl ich echt ein weicher Keks bin, hab ich inzwischen kein Problem mehr damit, 5 auf mich einlabernde Jugendliche einfach wegzuschicken, wenn sie mir für eine 20€-Tour nur einen Zehner zahlen wollen.
Schade vielleicht, wenn der nächste Kollege sie aus Verzweiflung fährt, aber irgendwann steht man drüber.

Ein gutes Beispiel für einen gelungenen Gesprächsverlauf hatte ich dagegen dieses Wochenende erst:

Ein junges Pärchen stiefelt am Ostbahnhof auf mich und Kollege Ali zu. Wir stehen neben seinem Taxi und reden ein wenig, die beiden sind schon angetrunken und sichtbar fertig von der Party, die sie zweifelsohne zuvor gefeiert haben. Er ist ein hagerer Typ Mitte 20, hat ein zerfetztes Trägerhemd an, unter dem großflächige Tattoos die Vermutung bestätigen, dass er relativ schmerzresistent ist.
Sie ist ähnlich ausgehfertig bekleidet, kurze Hosen, weites T-Shirt und Augenringe bis kurz über den Lippen.

Er geht auf Ali und mich zu und fragt mich nach einer Straße in Friedrichshain, die ich spontan nicht so genau einordnen kann:

„Oh, Moment mal, wo war das gleich genau?“

„Die geht von der Scharnweber ab. Machste uns’n Festpreis?“

„Nein, das werde ich garantiert nicht tun!“

antwortete ich schnell, bevor Ali etwas sagen kann. Er macht den Job noch nicht so sonderlich lange, und ich hatte ein wenig die Befürchtung, er würde sich einlullen lassen von den beiden.

„Aber…“

(Gegenangebot)

„…ich kann ziemlich genau sagen, was das kosten wird: Zwischen 8 und 9 €!“

Da hatte ich dieses Mal leichtes Spiel, weil sie wirklich nur Angst hatten, dass die Strecke irgendwie verdammt teuer werden könnte. Aber so ganz aus ihrer Haut können die meisten dann doch nicht:

„Dann machen wir 11 € pauschal, ist das dann ok?“

„Ich hab gesagt, wir kommen nicht über 9 €. Die 11 nehm ich natürlich gerne an, aber pauschal mach ich das deswegen immer noch nicht!“

„OK, dann wollen wir mit dir fahren!“

Dass das nicht die nervigen Verhandlungstypen waren, ist klar. Tatsächlich sind die aber auch nur nerviger, nicht schwerer zu bearbeiten 🙂

Die Fahrt selbst verlief dann recht unspektakulär, mal davon abgesehen, dass die beiden sich erstmal mehr oder weniger einander vorgestellt und sich auf den bevorstehenden Beischlaf gefreut haben. Die Krönung war aber letztlich folgender Dialog, den sie eingeleitet hat:

„Überhaupt, dass ich hier mit Taxi… also dass ich da überhaupt für zahle! Normalerweise zeig ich meine Brüste und fahr umsonst!“

Ich hab mich an dem Punkt schon darauf vorbereitet, zu erklären, dass das bei mir nicht funktioniert, bzw. allenfalls gegen einen Fotobeweis für meinen Blog. Soll keiner sagen, ich sein nicht bereit, in GNIT zu investieren! 😉
Allerdings musste ich dann eher grinsen, denn er antwortete darauf völlig eingeschüchtert und leise:

„Und ich? Zeigst du mir deine Brüste?“

Die Antwort ging im Geknutsche unter und ich war aus dem Schneider. Ich hab die Tour dann bei 8,20 € wie versprochen beendet und bekommen hab ich letztlich 10. Was die Ankündigung von hohen Trinkgeldern angeht, haben sie sich also auch wie erwartet verhalten 🙂

Gute Reise

Fernfahrten sind im Taxigewerbe zwar in gewisser Weise regelmäßig, wenn man mich fragt, würde ich allerdings sagen: Es gibt zu wenige! Ich denke, so ziemlich jeder Fahrer, der Nachts an einem Bahnhof steht, hofft zumindest manchmal auf DIE Tour. Vielleicht nicht nur nach Kreuzberg, sondern eben mal nach Dresden. Oder nach Hamburg, Köln, München?

Diese Touren sind natürlich für Otto Normaltourist utopisch teuer. Das hat auch einen einfachen Grund: Uns Taxifahrer. Durch unser Lohnmodell der Umsatzbeteiligung verdienen wir an einer Fernfahrt eben ziemlich viel – wenn man es auf die Stunde umrechnet. Und dass uns der Gedanke freut, in einer Nacht mal eben schnell 500 € Umsatz zu machen, statt den üblichen 150… da brauchen wir nicht drüber reden, oder? 😉

Aber diese Beträge gibt es ohnehin nur selten. Meist nur, wenn ein Reiseunternehmen, eine Airline oder die Bahn sie zahlen. Wobei Kollege Herbert auch mal einen Geschäfsmann im Wagen hatte, der mühelos 900 € für eine Fahrt nach Duisburg aus dem Portemonnaie geblättert hat. In den meisten Nächten sind Fernfahrten aber doch nur ein schöner Traum und oftmals müssen wir sie sogar ablehnen, weil uns die Zeit nicht mehr reicht…

Zurück zum Ostbahnhof.

Ich stehe mit Kollege Yusuf am Stand und uns fällt beiden der Typ auf, der gefühlt minutenlang mit dem Fahrer der ersten Taxe redet. Schließlich löst er sich und geht zum zweiten. Er trägt eine dunkelblaue Jogginghose, eine dazu passende Jacke, und wie ich mir sein Gesicht so angesehen habe, hätte ich wetten können, dass er darunter nur ein Feinripp-Unterhemd anhat. Nach einer Kreditkartenanfrage sah der Typ nicht wirklich aus.

Ich hab mir mit Yusuf überlegt, was es sonst sein könnte, denn inzwischen ist er unaufgeregt zum dritten Fahrer gegangen und damit ist die übliche Vermutung von wegen kurze Fahrt und entsprechender Ablehnung unplausibel geworden. Was sollte er schon für Wünsche haben? Umsonst fahren? Einen Kindersitz benutzen? Einen Großraumwagen für sein Ego bestellen wollen? Uns sind die Ideen ausgegangen.

Wir beide standen an meinem Wagen, Position 5. Lange konnte es also nicht mehr dauern, bis wir es erfahren würden. Der Kollege auf Position 4 redete inzwischen mit ihm, und so langsam war ich gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen. Dann endlich trat er an uns heran und stellte sich mit folgenden Worten vor:

„Hallo. Guten Abend. Ich bin Alkoholiker und muss nach Bielefeld.“

Ich kann nicht behaupten, dass ich deswegen entspannter war. Während ich ihn mit einem „Das ist ja ein ganzes Stückchen“ hinhielt, hab ich mir im Hinterkopf schon überlegt, wie ich das mit dem Tanken erledigen soll und ob das zeitlich reichen würde.

„Ich hab jetzt nur ein Problem…“

„Ja, nach Bielefeld ist es weit. Das ist keine günstige Angelegenheit.“

„Ja, es ist so: Ich hab kein Geld!“

Äh, ok!? Alle Träume sind zerplatzt. Das Netbook, das ich mir vielleicht hätte kaufen können von der Kohle, löste sich vor meinen Augen auf, es fühlte sich nach der ganzen Spannung und dem Wort Bielefeld plötzlich ziemlich leer an in mir.
(Ich bitte euch zu beachten, dass es eine ziemlich kuriose Begleiterscheinung meines Jobs ist, dass ich seitdem das Wort Bielefeld in einer gewissen Art erregend finde. Außerhalb des Taxigewerbes finden sich sicher nicht viele Leute mit dem selben Problem.)

„Aber…“

Aber? Aber was? Kann er vielleicht gleich Geld abheben? Oder hat er nur „Kumpels“ in Bielefeld, die ihm das dann „ganz sicher“ zahlen werden? Wie viele Kilometer sind das nochmal? Der Tank ist noch halbvoll…

„Aber ich hab Zigaretten!“

Bitte was? Aber ja: Er hat seine dunkle Reisetasche geöffnet, und darin befanden sich sicher 20 Stangen Zigaretten. An und für sich ein ziemlicher Gegenwert. Aber zum einen sicher nicht legal, und außerdem: Wer raucht schon f6?

„Garantiert nicht gefälscht!“

Ja. f6. Die verkauft man auch im Original eher in homöopathischen Einheiten und so selten wie ich die Marke sehe, schätzte ich, die Stangen würde sicher schon jemand vermissen.

„Also sie wollen die Fahrt nach Bielefeld mit Zigaretten bezahlen?“

Ich wollte mich nur nochmal vergewissern.

„Nein nein nein!“

Ich dachte kurz daran, wie ironisch es doch ist, ausgerechnet am Bahnhof nur Bahnhof zu verstehen…

„Ich hab ja ein Bahnticket. Mein Zug fährt um 4 Uhr morgen früh.“

„Und sie wollten was nochmal genau?“

„Naja, ich hab kein Geld für Alkohol in der Zwischenzeit. Ich wollte fragen, ob sie mir vielleicht Zigaretten abkaufen wollen. 20 € die Stange?“

Yusuf und ich haben dankend abgelehnt. Er hat es allerdings noch ein ganzes Weilchen weiter probiert. Wer weiss, ob er noch Erfolg hatte. Meine Tour kurz darauf ging im Übrigen nach Hohenschönhausen. Ist zwar nicht ganz Bielefeld, war aber auch ok 🙂

PS: Wer es gerne etwas tiefsinniger hat, der kann meine Überschrift als dezenten Hinweis auf das gleichnamige Lied der Toten Hosen von 1993 verstehen, das das Thema Drogenabhängigkeit thematisiert 😉

Wofür Smartphones gut sind

„Do you know the rainbow factory?“

Hätte ich sofort an meinen kleinen Helfer aus dem Hause HTC gedacht, dann hätte ich die einmalige Chance gehabt, cool wie Trinity im ersten Matrix-Teil auf die Frage „Can you fly that thing?“ zu antworten:

„Not yet.“

Stattdessen sollte es eine längere Odyssee für beide Seiten werden.

Ich griff natürlich erst mal zum Robertha, das ich für solche Fälle ja grundsätzlich gleich hinter der Windschutzscheibe zu liegen habe.

„It’s a hostel!“

flötete die etwa 40jährige Frau und wirkte eigentlich recht entspannt.

Wundersamerweise hab ich es nicht gefunden. Auch wenn ich hier meist über die Fehlgriffe zu diesem Buch schreibe: Ich möchte das nicht negativ verstanden wissen! Im Gegenteil: Dass ich mein Handy mit Internetzugang regelmäßig als Informationsquelle vergesse, liegt vor allem daran, dass ich in dem Buch bisher wirklich fast alles gefunden habe, was Fahrgäste so gesucht haben. Aber jede Regel hat so ihre Ausnahmen.

Also bin ich etwas zerknirscht zum Kollegen hinter mir gestiefelt.

„Hey Kollege, kennst du das Hostel Rainbow Factory?“

„Nee, nie jehört.“

„Soll in Kreuzberg sein.“

„Nee du, tut mir leid!“

Mist!

Die Lösung in der Hemdtasche ständig mit mir herumtragend, streifte ich zu einem weiteren Kollegen, und die Frau, die so gerne Kundin geworden wäre, wurde immer nervöser. Sie konnte zwar noch sagen, dass es eine Straße mit L war, aber wirklich weitergeholfen hat das auch nicht. Sie musste zudem binnen 15 Minuten da sein.

Nachdem auch der vierte Kollege nichts wusste, haben wir uns erst mal getrennt. Mir ist das Ganze sauer aufgestossen, weil ich der guten Frau natürlich helfen wollte. Als ich mich in mein Auto gesetzt habe und mein Handy in die Hand nahm, hab ich mich natürlich zu Tode geärgert. Also fast. Der noch lebendige Teil ergooglte das Hostel kurz und anschließend sprang ich aus dem Wagen.

Wo war sie hin?

Mit einem der Kollegen habe ich mich noch unterhalten über das Thema, aber er wusste leider auch nicht, wo die Kundin hin ist.

„Wenn se wiederkommt, dann kriegst du se! Hast det ja extra rausjesucht!“

meinte der Kollege – und ein anderer fragte gleich nach:

„Haste jefunden? Und wo ist dit nu?“

Man lernt ja nie aus in dem Job.

Kurz darauf kam sie aus dem Bahnhof und wedelte mir mit einem Zettel zu. Ich winkte gleichermaßen mit meinem Handy, und letztlich war es so, dass wir uns gegenseitig entschuldigt haben. Sie versprach, nie wieder ohne Adresse ein Taxi zu nehmen, und ich gelobte Besserung im Oberstübchen. Sie hatte zudem mit einem Telefonanruf geklärt, dass sie später kommt. Ach, was ist es schön, wenn alles läuft.

Gut, es war nur eine 8€-Tour. Aber auch wenn es kitschig klingt: Es war ein verdammt schönes Gefühl, zu sehen, wie glücklich sie war, als wir angekommen sind! Und vielleicht lerne ich daraus ja wirklich – und denke mal dran, dass ich das Internet nicht nur zum kurzweiligen Zeitvertreib dabei habe…

Kunden verloren

Es gibt eine Menge Kollegen, die ich nicht verstehe. Ein besonders anschauliches Beispiel hatte ich neulich am Ostbahnhof direkt vor mir.  Er stand an erster Position, ich an zweiter. Eine kleine Truppe von drei Mädels stand neben unseren Autos, und versuchte offensichtlich herauszufinden, ob sie ein Taxi bräuchten. Aber noch standen sie etwas abseits.

Sie wollten gerade auf den Kollegen zugehen, da traten plötzlich zwei Jungs auf der Bildfläche auf. Sie gingen zu eben jenem Fahrer und standen ein paar Sekunden an dessen Türe. Die Mädels drehten ab. Zunächst in meine Richtung, dann komplett.

Man könnte sagen: Eine typische Bahnhofsszene mit verplanten Leuten.

Dann kamen die beiden Jungs zu mir. Ich hab mich innerlich gerüstet gegen Festpreisangebote oder sonstige Unwägbarkeiten. Ich hab die Scheibe runtergelassen, was allerdings weniger kommunikationsfreundlich gemeint war, als es scheint: Ich hab damit nur verhindert, dass sie gleich die Tür öffnen. Man kennt so seine Tricks 🙂

„Entschuldigung, kannst du mir sagen, wo das Yaam ist?“

„Äh klar, das ist direkt hier gegenüber. Da wo das weiße Licht leuchtet.“

„Boah danke ey! Weil dein Kollege hat uns gerade echt angebrüllt und sich beschwert.“

„Wie bitte?“

Nun erklärte mir der junge Kerl, dass er dem Kollegen die gleiche Frage gestellt hat. Seine Antwort war indes nicht wie meine einfach kurz und informativ, denn er soll folgendes gesagt gebrüllt haben:

„Was? Scheiße! Wegen euch Arschlöchern hab ich jetzt Kunden verloren!!!“

Das war offensichtlich auf die beiden Mädels gemünzt – die in dem Moment scheinbar ein Taxi benötigten. Mal abgesehen davon, dass dem Kollegen gar nicht wirklich eine Tour entgangen ist: Geht’s noch?

Die beiden Jungs waren jedenfalls schwer verdattert und verunsichert, und einer von denen hat dann – was wahrscheinlich eher ein Öl-ins-Feuer-Gießen war – gemeint, dass sie ja auch dorthin fahren könnten. Ich könnte den beiden echt einen Orden verleihen für diese – aus ihrer Sicht ja total verständliche – Aussage! 😀
Was hätte sich der Choleriker besseres wünschen können, als eine 200m-Fahrt…

Aber gut, das war noch nicht der ganze Witz.

Während ihre erste Erfahrung mit Berliner Taxifahrern also eher suboptimal verlief, waren die beiden offensichtlich recht froh, an mich geraten zu sein. Der zweite der beiden trat nämlich nun auch ans Auto heran und reichte mir eine Münze:

„Weisst du, ich will dir jetzt zwei Euro geben!“

„Hey, ist echt nicht nötig. Sorry für den Spinner da vorne.“

„Nein Mann, ehrlich! Wir kennen uns nur nicht aus, und dann brüllt der Wichser uns so an. Hey, aber du bist korrekt. Nimm es einfach, weil du nicht so ein Arschloch bist!“

So, das waren dann anderthalb Minuten. Späteren potenziellen Kunden geholfen, den Ruf der Taxifahrer wieder gradegerückt und mal eben schnell zwei Euro verdient. Eigentlich müsste ich mich bei dem Kollegen sogar bedanken…

Pechvogel des Tages

Juhu, die Durststrecke hat ein Ende! Die gestrige Schicht lief wie eine normale Wochenendschicht, die Ferien sind vorbei und der Mai macht sowieso alles neu! Soweit eine sachliche Zusammenfassung meiner Hoffnungen und Wünsche.

Wie immer hab ich am Wochenende wenig Zeit, und verwende den Platz hier nur für einen kurzen Wettbewerb mit Klaus. Der hat mir heute früh am Ostbahnhof schon angedroht, ich müsste wieder als persönlicher Pechvogel herhalten, wenn seine Schicht nicht so laufen sollte, wie er sich das vorstellt.

Dann lege ich doch mal vor:

Meine Tour heute Morgen hat 6,60 € gebracht. Wer bringt jetzt wem Unglück, Klaus?

(Aber abgesehen davon gab es 2,40 € Trinkgeld, und die Tour hat direkt zum Abstellplatz meines Autos geführt. Also so richtig mies drauf bin ich deswegen auch nicht 😉 )