Gute Reise

Fernfahrten sind im Taxigewerbe zwar in gewisser Weise regelmäßig, wenn man mich fragt, würde ich allerdings sagen: Es gibt zu wenige! Ich denke, so ziemlich jeder Fahrer, der Nachts an einem Bahnhof steht, hofft zumindest manchmal auf DIE Tour. Vielleicht nicht nur nach Kreuzberg, sondern eben mal nach Dresden. Oder nach Hamburg, Köln, München?

Diese Touren sind natürlich für Otto Normaltourist utopisch teuer. Das hat auch einen einfachen Grund: Uns Taxifahrer. Durch unser Lohnmodell der Umsatzbeteiligung verdienen wir an einer Fernfahrt eben ziemlich viel – wenn man es auf die Stunde umrechnet. Und dass uns der Gedanke freut, in einer Nacht mal eben schnell 500 € Umsatz zu machen, statt den üblichen 150… da brauchen wir nicht drüber reden, oder? 😉

Aber diese Beträge gibt es ohnehin nur selten. Meist nur, wenn ein Reiseunternehmen, eine Airline oder die Bahn sie zahlen. Wobei Kollege Herbert auch mal einen Geschäfsmann im Wagen hatte, der mühelos 900 € für eine Fahrt nach Duisburg aus dem Portemonnaie geblättert hat. In den meisten Nächten sind Fernfahrten aber doch nur ein schöner Traum und oftmals müssen wir sie sogar ablehnen, weil uns die Zeit nicht mehr reicht…

Zurück zum Ostbahnhof.

Ich stehe mit Kollege Yusuf am Stand und uns fällt beiden der Typ auf, der gefühlt minutenlang mit dem Fahrer der ersten Taxe redet. Schließlich löst er sich und geht zum zweiten. Er trägt eine dunkelblaue Jogginghose, eine dazu passende Jacke, und wie ich mir sein Gesicht so angesehen habe, hätte ich wetten können, dass er darunter nur ein Feinripp-Unterhemd anhat. Nach einer Kreditkartenanfrage sah der Typ nicht wirklich aus.

Ich hab mir mit Yusuf überlegt, was es sonst sein könnte, denn inzwischen ist er unaufgeregt zum dritten Fahrer gegangen und damit ist die übliche Vermutung von wegen kurze Fahrt und entsprechender Ablehnung unplausibel geworden. Was sollte er schon für Wünsche haben? Umsonst fahren? Einen Kindersitz benutzen? Einen Großraumwagen für sein Ego bestellen wollen? Uns sind die Ideen ausgegangen.

Wir beide standen an meinem Wagen, Position 5. Lange konnte es also nicht mehr dauern, bis wir es erfahren würden. Der Kollege auf Position 4 redete inzwischen mit ihm, und so langsam war ich gespannt wie der sprichwörtliche Flitzebogen. Dann endlich trat er an uns heran und stellte sich mit folgenden Worten vor:

„Hallo. Guten Abend. Ich bin Alkoholiker und muss nach Bielefeld.“

Ich kann nicht behaupten, dass ich deswegen entspannter war. Während ich ihn mit einem „Das ist ja ein ganzes Stückchen“ hinhielt, hab ich mir im Hinterkopf schon überlegt, wie ich das mit dem Tanken erledigen soll und ob das zeitlich reichen würde.

„Ich hab jetzt nur ein Problem…“

„Ja, nach Bielefeld ist es weit. Das ist keine günstige Angelegenheit.“

„Ja, es ist so: Ich hab kein Geld!“

Äh, ok!? Alle Träume sind zerplatzt. Das Netbook, das ich mir vielleicht hätte kaufen können von der Kohle, löste sich vor meinen Augen auf, es fühlte sich nach der ganzen Spannung und dem Wort Bielefeld plötzlich ziemlich leer an in mir.
(Ich bitte euch zu beachten, dass es eine ziemlich kuriose Begleiterscheinung meines Jobs ist, dass ich seitdem das Wort Bielefeld in einer gewissen Art erregend finde. Außerhalb des Taxigewerbes finden sich sicher nicht viele Leute mit dem selben Problem.)

„Aber…“

Aber? Aber was? Kann er vielleicht gleich Geld abheben? Oder hat er nur „Kumpels“ in Bielefeld, die ihm das dann „ganz sicher“ zahlen werden? Wie viele Kilometer sind das nochmal? Der Tank ist noch halbvoll…

„Aber ich hab Zigaretten!“

Bitte was? Aber ja: Er hat seine dunkle Reisetasche geöffnet, und darin befanden sich sicher 20 Stangen Zigaretten. An und für sich ein ziemlicher Gegenwert. Aber zum einen sicher nicht legal, und außerdem: Wer raucht schon f6?

„Garantiert nicht gefälscht!“

Ja. f6. Die verkauft man auch im Original eher in homöopathischen Einheiten und so selten wie ich die Marke sehe, schätzte ich, die Stangen würde sicher schon jemand vermissen.

„Also sie wollen die Fahrt nach Bielefeld mit Zigaretten bezahlen?“

Ich wollte mich nur nochmal vergewissern.

„Nein nein nein!“

Ich dachte kurz daran, wie ironisch es doch ist, ausgerechnet am Bahnhof nur Bahnhof zu verstehen…

„Ich hab ja ein Bahnticket. Mein Zug fährt um 4 Uhr morgen früh.“

„Und sie wollten was nochmal genau?“

„Naja, ich hab kein Geld für Alkohol in der Zwischenzeit. Ich wollte fragen, ob sie mir vielleicht Zigaretten abkaufen wollen. 20 € die Stange?“

Yusuf und ich haben dankend abgelehnt. Er hat es allerdings noch ein ganzes Weilchen weiter probiert. Wer weiss, ob er noch Erfolg hatte. Meine Tour kurz darauf ging im Übrigen nach Hohenschönhausen. Ist zwar nicht ganz Bielefeld, war aber auch ok 🙂

PS: Wer es gerne etwas tiefsinniger hat, der kann meine Überschrift als dezenten Hinweis auf das gleichnamige Lied der Toten Hosen von 1993 verstehen, das das Thema Drogenabhängigkeit thematisiert 😉

8 Kommentare bis “Gute Reise”

  1. Aro sagt:

    Hä, „Bielefeld“? Was soll das denn sein?

  2. Sash sagt:

    @Aro:
    Ich nehme zur Anonymisierung doch manchmal auch fiktive Namen 😉

  3. highwayfloh sagt:

    Bielefeld? Bielefeld? War da nicht mal was? *mich am Kopf kratze*
    … Irgendwas ist mir da mit „Verschwörung“ und „existiert real gar nicht“ in Erinnerung …

    SCNR

    Aber ernsthaft:

    Ich kann mir schon vorstellen, dass so eine weite Fahrt vom Norden in den Süden her lukrativ ist. Soweit ich mitbekommen habe, wird dies meist aber dann ein Festpreis, wie mir mal ein paar Bekannte gesagt haben, die selbst Taxi fahren. Oder hat sich da inzwischen was geändert?

    Ausserdem kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Taxler, der sich schon auf sein Schichtende vorbereitet hat, nichts zum übernachten und Klamotten-wechseln dabei hat, ad hoc darauf eingestellt ist und begeistert sein wird, 10 Minuten vor Schichtende eine lange Fahrt nach Süddeutschland zu bekommen, noch dazu wenn schon einige Stunden hinter einem liegen und man müde ist… (letzteres auch im Sinne der Verkehrssicherheit…)

    Ich lass mich gerne eines besseren belehren…

    mfg highwayfloh

  4. Immerhin wäre die Strecke unkompliziert gewesen. Einfach die Warschauer Allee, auch als A2 bekannt, runter und dann bei IHNEN halt machen. 😉

  5. Nick sagt:

    f6 gibts nur in Bielefeld.

  6. highwayfloh sagt:

    @nick:

    nicht doch… wenn dann schon „nur auf dem Schachbrett“! 😉

    apropos … können ja „Fernschach“ spielen… mein erster Zug: e4 … 😉

    @Der Maskierte:

    Bei „IHNEN“ macht man doch nicht halt … tzzz….

    wenn dann schon in Paderborn beim Heinz-Nixdorf-Forum und anlysiert „SIE“ mit dem dortigem Zuse – Nachbau…

    denn … „Lochstreifen“ lassen sich nicht von „IHNEN“ manipulieren … 😉

  7. @Highwayflo

    Du hast da was verloren, da unter dir. Siehst die Korinthe? 😉

  8. Sash sagt:

    @highwayflo:
    Sicher wird das ein Festpreis. Aber von dem werde ich auch meine üblichen Prozente bekommen und bin damit der teuerste Teil an der Sache.

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