Nur kurz in die City. Quasi.

Was für ein toter Schichtanfang! Ich bin von der Halte Bahnhof wieder weggefahren, weil ich fürchtete, es könne noch ewig dauern. Und während ich so vor mich hindachte, wie mies das bisher lief, winkte es plötzlich neben mir. Ich hab die Bremse durchgetreten und der Typ kam angewackelt. Älteres Semester, der Optik nach eher ohne festen Wohnsitz. Ich wollte schon wegen der angezündeten Kippe losjammern, die er einfach mal selbstverständlich mit ins Auto gebracht hat, hab das dann aber erst einmal gelassen, denn er hatte die Tür eh noch offen und wollte offenbar erst einmal was fragen. Und ich hab mit viel gerechnet, aber nicht damit:

„Sag mal, wie weit wär’s denn bis ins Zentrum? Zürich Zentrum?“

Und auch wenn man bei sowas als Taxifahrer versucht ist, Geldscheine herabregnen zu sehen: Dass das mit dem Typen nix wird, war klar. Nicht nur sah er nach kein Geld aus, er wusste augenscheinlich nicht so genau, in welcher Stadt er überhaupt war.  Er fragte noch kurz nach, ob denn dann Sofia näherliegen würde. Ich hab der Klarheit zuliebe tatsächlich kurz Google angeschmissen und ihm gesagt wie weit es wäre. Er strahlte:

„Nur 30 km?“

„Nein. Eintausendsechshundertdreißig!“

Er hat dann beschlossen, sich das nochmal zu überlegen.

Aber die Kurzstrecke …

Ein Rudel aufgedrehter Angetrunkener. Gibt schöneres, aber was weg muss, muss weg. Danziger Ecke Kniprode, einmal zum Golden Gate. Also unter anderem. Der eine wollte einen Radiosender haben, der nächste zum Kippenholen nach Polen, einer noch Geld holen. Der mit dem Geld war der mit Abstand vernünftigste. Zum Golden Gate, davor ein Stopp an der deutschen Bank am Alex, kriegen wir hin, egal was die sechs restlichen Promille im Auto rumbrüllen.

Im Großen und Ganzen ging das, zwischen dem Geschrei wurde sogar meine Route gelobt. Hart verdientes Geld, aber ein bisschen adelt auch das Wissen, dass kaum ein Kollege die Vollpfosten auch nur schief angesehen hätte beim eiligen Vorbeifahren.

Am Ende standen wir am Alex vor der Bank und sie entschieden sich dann, doch alle auszusteigen und den Rest zu laufen. Kann man machen, also 8,30€.

Und dann setzt der beleidigte Schnulli auf dem Beifahrersitz tatsächlich sowas wie eine weinerliche Stimme auf, dass er aber Kurzstrecke gesagt hätte und das ja bis hierhin wohl gereicht hätte. Mal abgesehen davon, dass das nur zum Teil stimmt, weil wir laut Uhr etwa 2,2 Kilometer unterwegs waren und nicht 2,0 (der Preis also entsprechend auch mit Kurzstrecke eher bei 6,50 – 7,50€ gelegen hätte):

Das ursprüngliche Fahrtziel lag weiter entfernt und Zwischenhalte gibt es mit Kurzstrecke ebenso nicht.

„Aber, aber eigentlich müssten wir dann jetzt auch Kurzstrecke machen, oder?“

„Nein. EIGENTLICH hast Du zu zahlen, was da oben auf der Uhr steht, fertig!“

Und hör auf, wegen drei Euro so ein Lutscher zu sein, hätte ich ihm gerne auch noch hinterhergerufen. Aber ein kleines Bisschen hab ich mich dann ja sogar bei solchen Spinnern noch im Griff.

Und immer dran denken: Genau weil ich bei solchen Vollspaten nicht alles mit mir lassen mache, brauche ich anderswo keine kurze Fahrt oder Kurzstrecke ablehnen und hab bei Fällen, bei denen es mir berechtigt erscheint, ein klein wenig Spiel bei der fantasievollen Ausdehnung der Regeln. Ich bin ja kein Unmensch, ich bin bloß nicht bescheuert. 😉

Dinge überhören (wollen)

Nach wie vor ist beim Taxifahren die Kommunikation mit den Kunden oder die der Kunden untereinander eine der angenehmeren Seiten. Ich mag die Personenbeförderung immer noch genau wegen dem Personen-Teil. Jaja, manchmal isses zu laut und manchmal kommen zu viele Ausdrücke drin vor, aber Pakete würden mich im Gegenzug echt langweilen. Heute allerdings war einer der wenigen Momente, von denen ich im Nachhinein dachte, dass ich vielleicht besser nicht hingehört hätte.

Sicher, falls mich zufällig interessieren würde, inwiefern die Schwere der erektilen Dysfunktion von Marlon aus Charlottenburg (unter Einbeziehung verschiedener Partnerinnen!) mit dem Tod seines Vaters korrespondiert, wäre es eine lehrreiche Fahrt gewesen. Aber ich muss hier doch (schon alleine, weil ich Marlon nicht kenne und meine Wahrscheinlichkeit, seine Partnerin zu werden eher im unteren Promillebereich rangiert) sagen:

Nö. Wollte ich nicht wissen.

Drive-by-Kundschaft

Es gibt Dinge, die erwartet man ald Taxifahrer einfach nicht. Zum Beispiel eine zaghafte Winkerin am Bahnhof Marzahn. Also, ja, gut, winken am Bahnhof ist ja vielleicht noch ein Ding. Aber sie wollte in die Schaperstraße. Da kenne ich nun eine in Charlottenburg. aber das wäre ja absurd gewesen: 40€ oder so. Als Winkertour in Marzahn, schon klar …

„Kennen Sie? Da bei der Nürnberger Straße, nah beim Ku’damm?“

Verdammt, die meinte wirklich diese Straße! 0.0

Zugegeben, eigentlich wollte ich gerade noch das Auto waschen, aber dann doch lieber sowas!

Wir fuhren also los und so langsam gefiel mir dieser Schichtbeginn außerordentlich gut. Das ging etwa zweieinhalb Kilometer gut. Dann bemerkte sie (in jeder Hinsicht unerwartet):

„Ach, hier is‘ ja ein IKEA! Na, dann lassen Sie mich bitte hier raus!“

0.o

Ganz ehrlich: Ich wusste bis dato nicht, dass IKEA überhaupt jemals Laufkundschaft gehabt hat.

Die eher kuriose Kurztour

An diesem Abend, an dem ich noch keine Tour für mehr als 10€ gesehen hatte, war ich geradezu erfreut, als Zweiter am Ostbahnhof nach nur sehr kurzer Wartezeit die Anfrage zu hören, ob ich auch fünf Leute mitnehmen könne. Also die Tour, die der Kollege nur nicht machen konnte, weil er halt leider nur eine E-Klasse fährt und keinen Zafira. Meine Sternstunde, yes!

OK, vergesst das!

Denn auf die Frage, wo es hingehen sollte, antworteten die Fahrgäste ernsthaft mit „Kater Blau“.

Ich hab nach wie vor nichts gegen kurze Strecken, aber das war hochgradig absurd. Und zwar eben nicht einfach, weil sie fahren wollten: Ach herrje, ich fahre jemanden auch gerne für die 3,90€ Startpreis 0,25 Meter weit. Wenn’s ihm oder ihr das wert ist …

Nein, die Tour kostet einfach mal 5,10€ auf Uhr für bis zu vier Personen, was bedeutet, dass das Warten auf ein Großraumtaxi einem nur genau 10 Cent spart, weil das nunmal 5,00 € Aufpreis kostet. Völlig irre, noch dazu bei einem Auto wie meinem, bei dem in der letzten Sitzreihe auch nur leidlich wenig Platz ist, es also auch unbequemer ist als zwei Taxis zu nehmen.

Aber bevor Ihr mich wirklich für undankbar haltet: Die Tour war großartig! Ehrlich! Ein Haufen Schweizer, denen alles (insbesondere das Geld) völlig egal war. Ich sollte nicht gegenüber des Clubs  halten, sondern durfte (auch dank einer Baustelle) einen ziemlich dummen Umweg fahren und am Ende hab ich für die fast schon dreiste Aktion, ihnen über 11€ für nur 500 Meter Weg abzunehmen auch noch einen lockeren Fünfer Trinkgeld bekommen.

Wenn ich ehrlich sein soll: Nur noch solche Touren wär eigentlich ein ziemlich geiles Szenario. 😀

Rückreise mit Nudeln

„Sagen Sie, kriegen Sie uns alle rein?“

„Gute Frage, wer gehört denn alles dazu?“

Es war eine komplette Zugladung von Ferienrückreisenden am Ostbahnhof angekommen, vor meinem Auto standen etwa 12 Leute. Der Fragende blickte sich irritiert um und meinte dann:

„Nur wir fünf.“

Sitzplatzmäßig kein Ding, aber da jeder mindestens (!) einen Koffer dabei hatte, hab ich abgewunken. Nix gegen eine Großraumtour, aber das wäre echt nicht gegangen. Also nicht „nur mit Öffnen der Fenster und Ignorieren des zulässigen Höchstgewichtes“, sondern gar nicht.  Ich mochte den Optimismus durchaus, aber man muss seine Grenzen kennen. Sie haben das verstanden, aber wegen der Unaufindbarkeit eines Busses trotzdem mal lieber so nah am Auto gewartet, dass es aussah, als stiegen sie gleich ein. Dann aber schälte sich aus der größeren Truppe ein junger Mann und fragte, ob ich frei sei. Vater mit zwei Kiddies, mein Alter vielleicht. Also der Vater.

(Holy Shit, dass ich sowas mal schreibe!)

Nur einer brauchte eine Sitzerhöhung und das Gepäck passte auch locker. Nach dem Anschnallen und einer Reihe väterlicher Ratschläge an die beiden Jungs hinten konnten wir losfahren. Eine Tour für weniger als 10 € quasi ums Eck. Und um ein solches waren wir noch gar nicht gefahren, als es von hinten rechts hieß:

„Papa, mir ist das eine jetzt umgekippt, das war nicht ganz zu, das vom Frederic.“

Ich hatte bis dato nicht einmal eine Ahnung, worum es ging. Als wir deswegen anhielten, weil der Vater ziemlich panisch war, sah ich dann das Malheur. Die drei hatten sich Essen vom Asia-Imbiss mitgenommen und eine komplette Portion Nudeln mit Hühnchen zierte nun großflächig die Fußmatte. Zugegeben: Abgesehen vom etwas leckereren Geruch nicht besser als Auswurf, dafür aber zielsicher NUR auf der Fußmatte. Papa griff bereits beherzt mit den Händen mitten in die Nudeln, da unterbrach ich ihn und sagte, er solle das bitte lassen. Und hab dann vorsichtig die Matte genommen und beherzt ausgeschüttelt.

„Abspritzen muss ich sie trotzdem noch, aber so ist das kein großes Ding.“

„Ja, ähm, bei uns ist ja gleich die Tanke …“

„Ich weiß, das ist ok.“

Ich hätte mir da gut was extra rausschlagen können. Es war eklig und alles andere als irgendwie normal. Ich hab’s aber dabei belassen, ein Tuch zum Händeabwischen zu reichen und beim Trinkgeld nicht rumzunölen. Drei Euro sind gut, in Anbetracht der Tatsache, dass doch erst die nächste Tanke einen Kärcher hatte und das Gedöns ja trotzdem noch Zeit und ein paar Cent kostet, wären auch fünf oder zehn noch normal und nicht übertrieben gewesen. Aber er hatte auch einen harten Tag mit ausgefallenen Zügen hinter sich und ich fand’s nebenbei sehr sympathisch, wie er im Laufe der ganzen Putzaktion trotz des Stresses mir und seinen Söhnen gegenüber eingestanden hat, dass es wohl eigentlich sein Fehler gewesen war und er die halb offene Box unachtsam an eines der Kiddies gereicht hatte. Und nicht etwa rumgebrüllt, Stress gemacht oder dergleichen. Also hab ich zwei Augen zugedrückt und das Ende der zwölfstündigen Reise nicht noch stressiger gemacht als den Rest.

Und ganz ehrlich: Es fühlt sich an, als wäre das schon ok so. 🙂

Freude und Hass, alles auf einmal!

Ich erzähle oft tolle Stories hier, aber ich bin nur ein Autofahrer wie alle anderen da draußen auch: Ich hab mir im Laufe der Jahre ein paar tolle Fähigkeiten zugelegt, Reflexe verinnerlicht und bin sicher nicht schlecht in meinem Job. Andererseits gibt es selbstverständlich Momente, in denen ich dumme Fehler mache, die man sonst nur Fahrschülern zugestehen würde und ich halte mich trotzdem irgendwie für unfehlbar. Und dabei kommt dann halt sowas wie letztes Wochenende in Kreuzberg raus:

Ich hatte eben hochzufrieden eine Kundin abgesetzt, es war eine sehr angenehme Fahrt. Ich war eigentlich konzentriert und wollte nur – um das mal zu vereinfachen – links auf eine Einbahnstraße einbiegen. An einer Kreuzung, die zwar Ampeln für den entsprechenden Querverkehr, nicht aber für mich hatte. Ich sah nach rechts auf die zweispurige Straße und dort wiederum rechts jemanden stehen. Und schloß daraus, dass deren Ampel wohl gerade rot sei.

Ich kann rückblickend nicht sagen, ob ich auf die linke Spur nicht geachtet hatte, ob sie wegen einer Hecke zu schlecht einsehbar war oder es wirklich nur so war, dass der Typ scheiße schnell war und ich ihn einfach deswegen noch nicht sehen konnte. Aber egal: Als ich auf die Hauptstraße einbog, quietschten plötzlich Bremsen und nur wenige Zentimeter vor der Front meines Opels schlitterte mit einer gekonnten Ausweichbewegung ein Mercedes in mattem Schwarz vorbei, um hupend und reifenqualmend etliche Meter hinter der Kreuzung zum Stehen zu kommen.

Der Fahrer hat in der Situation eindeutig uns beide gerettet. Obwohl ich unberechtigt auf seine Spur gefahren bin, ist er ausgewichen und hat damit eine sicher sehr sehr unschöne Kollision vermieden. Top-Reaktion, vielen Dank dafür! Ich persönlich war auch immer stolz darauf, wenn mir sowas mal in der entsprechenden Situation gelungen war.

Deswegen: Danke, danke, danke! Du hast uns und vielleicht noch andere vor einem echt beschissenen Abend, einem Krankenhausaufenthalt und was weiß ich noch bewahrt! Toller Autofahrer, I like! Und ein dickes Sorry meiner Verfehlung wegen, ehrlich!

Andererseits muss ich rückblickend auch anmerken: Diese menschliche, motorische und meinetwegen moralische Überlegenheit erledigt sich in meinen Augen dann doch sehr schnell, wenn man anschließend an so eine Situation ohne Rücksicht auf den Verkehr quer über beide Spuren mit Warnblinker anhält, sich mit seinen in 170 Zentimetern nur schwer passenden Minderwertigkeitskomplexen aufplustert und mitten auf der Straße aussteigt um aggressiv rumzubrüllen, wie scheiße mein Verhalten gewesen sei. Und auf meine Entschuldigung und meine Danksagung für die schnelle Reaktion nur antworten kann, dass das trotzdem scheiße sei.

Und das nicht, weil ich glaube, dass das meinen Fehler besser macht. Ehrlich nicht! Ich hab in dem Moment Scheiße gebaut, bei einem Unfall wäre ich schuld gewesen und ich bin nach wie vor dankbar fürs Ausweichen!

Aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich das weiß: Wieviel bringt’s mir wohl, dass man mir das nochmal ins Gesicht brüllt, Du asoziales Arschloch?

Und ja: Ich meine das ernst! Denn wie oben verlinkt: Ich kenne auch die andere Seite und ich hab’s bisher auch ohne Einschüchterungsversuche und Beleidigungen geschafft.