Lohnende Großzügigkeit

Mein Kunde war eben noch schnell auf der Bank, Geld abheben. Ich hab die Zeit genutzt, ein paar Züge von einer Zigarette zu nehmen; die Fahrt sollte nämlich noch ziemlich lange dauern.

„Oh, äh sag mal: Dürfte ich auch ’nen Zug haben?“

fragte er mich, als er wieder am Auto war.

„Klar, rauch sie meinetwegen auf. Kein Problem.“

Halbe Zigarette weniger, 40 Cent mehr auf der Uhr. Ganz uneigennützig war’s dann auch nicht. 😉

Moment mal!?

„Äh … haben Sie Torell, Ecke Gubener gesagt?“

„Ja, schon.“

„Mist!“

Fehler machen wir ja alle mal, aber so strunzdumme sind dann doch hoffentlich selten. Es hatte alles gut angefangen. Die Familie kam offenbar aus dem Urlaub, Sohnemann war schon groß genug, um ohne Kindersitz sitzen zu können und alle wollten bloß schnell nach Hause. Das wäre auch alles kein Ding gewesen, hätte ich nicht irgendwie statt der Torell- die Corinthstraße im Kopf gehabt und die Gubener, obwohl eigentlich bekannt, mal eben als „eine von den kleinen Nebenstraßen da hinten“ abgetan. Und so bin ich dann losgedüst. Gleich an der ersten Kreuzung rechts statt links und runter auf die Mühlenstraße …

Dort kam mir dann oben angedeuteter Geistesblitz.

Peinlich daran war nicht nur, dass ich mit den Kunden in die falsche Richtung los bin, sondern eben, dass ich die Ecke eigentlich ja gut kenne. Das ist knapp einen Kilometer von meiner Lieblingshalte entfernt und vom Berghain vielleicht noch 300 Meter. Direkt an dieser Kreuzung liegt das Hotel Upstalsboom, das ich sogar auf die Ortskundeprüfung lernen musste und zu dem ich bestimmt schon 20 mal gefahren bin. Nur zufällig komme ich kaum noch dort vorbei, seit sie die Durchfahrt bei der Feuerwehr verboten haben.

Da ich nun schon auf der Stralauer war, war selbst wenden eigentlich blöd, so dass ich im Grunde eine riesige unnütze Runde drehen musste. Ich hab mich tausendmal entschuldigt und selbstverständlich die Uhr bei 5,00 € ausgemacht. Das wäre so in etwa der Normalfahrpreis gewesen. Und was machen meine Fahrgäste?

Die haben das als völlige Selbstverständlichkeit abgetan. Passiert ja jedem mal …
Finde ich toll, ich war auch genug mit Ärgern und Schämen beschäftigt, ich hatte keinen Anschiss mehr nötig. Aber ein wenig gefragt hab ich mich schon, warum niemand beim ersten Abbiegen kurz gesagt hat, dass es in die andere Richtung geht. Die wirkliche Krönung nach der gefühlt halben Weltumrundung war dann, dass ich am Ende auf den Fünfer auf der Uhr ganze drei Euro Trinkgeld bekommen habe.

Ich kann wirklich nicht behaupten, dass ich die verdient hatte. Aber umso mehr hat’s mich gefreut. 😀

Sooo knapp vorbei …

Die Schicht heute Nacht hat dem Gewerbe alle Ehre gemacht und war völlig durchgeknallt. Gar nicht mal wegen der Fahrgäste, nee nee! Das fing schon mit den Touren an. Während ich ja eigentlich auf 200 € Umsatz zielen wollte, lief es am Anfang zeitgleich gut und total bekloppt. Ich hatte fast in jeder Stunde gleich zwei Touren – was an und für sich mehr als ausreichend gewesen wäre – aber ausnahmslos sehr kurze. Nach den ersten vier (!) Fahrten stand mein Umsatz bei 21 € – und da war nur eine einzige Kurzstrecke dabei …
Ich hätte mich ja beinahe überzeugen lassen, dass an diesem Freitag-der-13te-Geseier irgendwas dran ist.

Aber gut, nichts währt ewig. Am Ende wurden die Fahrten länger und das Ergebnis sollte auch noch ganz passabel werden. Einen Moment nahezu unanständiger Hoffnung hatte ich, als ich am Berghain 6 Jungs im Auto verteilt hatte. Sie waren ein bisschen verärgert, nicht ins Berghain gekommen zu sein. Dabei war jetzt nicht soo viel schlimmes daran, dass der Club von einem meiner Kollegen empfohlen worden war. Wer nach einem „sehr guten Club“ fragt … aber klar ist es hart, abgewiesen zu werden. Vor allem, wenn man das aus der Heimat nicht kennt:

„Look at us, my friend! We are the best looking men in finland!“

Aber gut. Für eigentlich recht anspruchslose Touristen lässt sich im näheren Umkreis ja immer eine Alternative finden. Ich wähle da immer gerne den Tresor. Der hat (noch von der alten Location her) einen verdammt guten Ruf und ist in wenigen Minuten erreichbar. Auf der anderen Seite ist es auch nicht der allernächste, die Fahrt bringt immerhin einen Euro mehr als das Watergate oder der Kater Holzig. Beim Kater allerdings sind die Türsteher manchmal offenbar auch wählerisch, am Watergate ist die Schlange manchmal sehr lang. Beides hab ich vom Tresor noch nicht gehört, so dass ich denke, das geht schon in Ordnung.

Und während ich das so vorschlage, will einer der Jungs die anderen doch tatsächlich überreden, noch in ein Rotlicht-Etablissement zu wechseln. Hätte er das mal hingekriegt – ich hätte an der Tour mehr verdient als am ganzen Wochenende. Bei sechs Leuten!

Aber gut, hat nicht sollen sein. Also blieb es beim Tresor. 7,00 € + 3,00 € Zuschläge ohne Trinkgeld. Bis dahin die umsatzstärkste Fahrt an dem Abend. Immerhin, auch wenn’s ein bisschen schmerzt. 😉

Das einzige, was wirklich genervt hat, war das Auto. Die Bremsen, die Stabilisatoren, vielleicht auch noch irgendwas. Sollte bald mal gemacht werden. Heute Nacht hatte die Kiste für jede Lebenslage ein eigenes nicht ganz freiwilliges Geräusch parat. Meistens nicht schlimm – wenn man am Ostbahnhof durch die Schlange geht, hat immer irgendeiner gerade irgendwas am Auto – aber mich hat’s furchtbar gestresst. Vor allem, weil ich jetzt am Wochenende ja auch nicht wirklich auf Besserung hoffen kann. Ich mag es einfach nicht, wenn irgendwas nicht klingt, wie es soll. Dummerweise sind die meisten Kollegen da weit weniger empfindlich … 🙁

Taschenkontrolle

So. Die Weihnachtsfeier ist überstanden, der nur eher mittelprächtige Tag danach auch. Dass ich gestern nichts geschrieben hab, hatte damit eigentlich nichts zu tun, das war eher ein bisschen Grundverpeilung meinerseits. Dabei sind mir durchaus ein paar Dinge noch erinnerlich. Ein lustiges Beispiel für alltägliche Konfliktsituationen zum Beispiel.

Meine Fahrgäste waren ein paar fast noch jugendliche Holländer. Vielleicht auf Studienfahrt oder so. Sie waren zu fünft, hatten alle ein bisschen was getrunken und waren dadurch ein ziemlich durcheinandergackernder Haufen. Aber ganz nett eigentlich.

Nun muss ich mal ein bislang eher unerwähntes Detail meines Autos erklären: Die Armlehne. Wie schon die 1925 hat auch die 72 eine Armlehne für den Fahrer. Die ist seitlich am Fahrersitz montiert und lässt sich bei Nichtbenutzung (und ich benutze sie nicht, da sie mich beim Schalten stören würde) nach hinten klappen. Dann steht sie parallel zur Rückenlehne und gefällt mir dort als Raumteiler auch ganz gut, weil sie als kleinen Nebeneffekt Blicke und Zugriffe auf die Mittelkonsole von hinten erschwert. Und auch wenn ich da seit dem Diebstahl von Handy und Kamera nichts wertvolles mehr liegen habe, ist es doch schön, dass nicht jeder gleich meine Trinkflasche begrabbelt.
Bei der 72 nun ist diese Rückenlehne mit einem „Geheimfach“ ausgestattet. Schöne Idee, bei Benutzung der Lehne sogar ziemlich sicher und schwer zu finden. In hochgeklapptem Zustand allerdings ist es eher den Fahrgästen hinten als mir zugänglich. Und gerade wenn es mal eng wird im Auto, stoßen die Leute schon mal mit Knien gegen diese Lehne beim Einstieg. Und das muss auch jetzt bei den Holländern der Fall gewesen sein, denn das Fach sprang auf.

In unserem Fall liegen darin ein paar Kugelschreiber, die meisten wahrscheinlich leer. Kein großer Verlust also im Zweifelsfall. Aber nachdem ich mit den Jungs für eine kurze Tour zum Alex gestartet bin, nestelten sie immer noch daran herum und irgendwann kramte einer sogar eine Taschenlampe raus. Unterhalten haben sie sich nach wie vor auf holländisch, so dass ich auch kaum irgendwas verstanden habe. Ich hab ihnen ein bisschen Zeit gegeben, aber irgendwann fand ich es dann doch ziemlich frech, so dass ich mich umgedreht hab und die Jungs fragte:

„Hey guys, should I search your pockets?“

„Äh … what?“

„I said: SHOULD I SEARCH YOUR POCKETS?“

“ … no?“

„So why are YOU searching MY pockets?“

Da war schnell Ruhe im Karton und unangenehm ertappt gefühlt haben sie sich auch. Dabei hatten sie eigentlich sogar ein gute Erklärung:

„It is open and we wanted it to close.“

Ich hab mich entsprechend auch entschuldigt. Vor allem, weil ich sie wirklich ziemlich rüde angegangen war. Ist zwar nicht die schlechteste Taktik, wenn man sich bei 5 angetrunkenen Kerlen Gehör und vorsichtshalber Respekt verschaffen will, aber übers Ziel rausschießen und den unfreundlichen Fahrer markieren, wenn eigentlich gar nix wildes passiert ist, wollte ich auch nicht. Dafür ging es etwas ruhiger zu in den verbleibenden fünf Minuten, die Stimmung brauchte ein bisschen, um sich wieder zu erholen. Immerhin geschah dann am Alex etwas, das ich so auch nicht wirklich erwartet hatte:

Nachdem ich den Jungs, insbesondere dem in der letzten Reihe, beim Aussteigen geholfen hab, kam der große Kerl von hinten links zu mir, bezahlte, rundete großzügig auf und entschuldigte sich nochmal:

„I’m really sorry. This was our fault. It’s your car and we really had nothing to search for there. I can understand your reaction and I hope it is ok for you now.“

Wow! Man könnte gerade meinen, in meinem zugegeben so schon recht schnuckeligen Paralleluniversum fangen jetzt auch noch die Fahrgäste an, Anti-Aggressions-Kurse o.ä. zu besuchen. 😉

PS: An dem Fach war am Ende auch nichts kaputt. Die Jungs hätten einfach ein bisschen beherzter zuklappen müssen, dann wäre das Ding auch wieder eingerastet …

… und über den Berg ist es weiter als zu Fuß.

Manche Kunden sind nicht so gut darin, Geschenke anzunehmen. Wiederum andere blicken vermutlich einfach gar nicht mehr, was man sie fragt. So wohl auch dieser sehr nette Winker. Er hielt mich an der Danziger Straße an und es entspann sich folgender Dialog:

„Guten Abend, ich muss gar nicht weit.“

„Soll ich’s dann mit einer Kurzstrecke versuchen?“

„Nee, danke. Is‘ lieb – aber fahr besser geradeaus!“

0.o

Hey, die Kurzstrecke hat Einschränkungen, ja. Aber geradeaus fahren darf man mit ihr trotzdem. 😉

In dem Fall war es im Grunde wohl völlig egal. Auf der Uhr standen extrem kurzstreckentaugliche 4,80 € und ich hab einen Zehner bekommen. Bei der Großzügigkeit muss man wahrlich nicht mehr über Rabatte und Sparpreise nachdenken …

Gute Miene zum bösen Spiel

Als ich gerade an einer Ampel zum Stehen kam, öffnete er die Türe. „Also doch kotzen!“, dachte ich bei mir, während mein Fahrgast sich sehr unelegant aus dem Auto hangelte und beinahe auf die Straße gefallen wäre.

„Du musst kotzen? Soll ich rechts ranfahren?“

„Alles ok!“

Er taumelte ungelenken Schrittes davon, wobei das Ziel unklar war. Eine völlig verwaiste Straße in Tempelhof, außer einem Parkhaus kaum Spuren von Zivilisation zu erkennen. Ich stellte das Auto mit eingeschaltetem Warnblinker vollkommen illegal auf den Gehweg und stieg aus, meinen Fang betrachtend.

„Wo willst’n hin?“

„Verpiss Dich!“

„Na na, ich dachte, es soll nach Hause gehen!?“

„Leck mich, hau ab!“

„Du hast noch nicht mal bezahlt!“

In manchen Momenten werde ich von stoischer Gelassenheit übermannt. Ein betrunkener Fahrgast, der mich beschimpft und offensichtlich ohne zu zahlen abhauen will, gehört eigentlich nicht in die Liste der Situationen, in denen man sich gut fühlt als Taxifahrer. Aber der Typ war so blau, der war weder in der Lage, sich mit mir anzulegen, noch konnte er ernsthaft weglaufen. Und Geld hatte er auch genug dabei.
Die letzte Fehlfahrt war zwar erst 24 Stunden her, aber bei dem Knilch wollte ich nicht aufgeben. Er saß ja nicht grundlos im Taxi. Gut 10 Minuten zuvor wurde er von einem besorgten Freund ins Auto gesetzt, der mich anflehte, ich möge den Kerl doch bitte heil nach Hause bringen. Er steckte selbigem einen Fünfziger zu und ermahnte mich, ich solle ihm ja das Rückgeld geben. Für den offensichtlich desolaten Zustand des Fahrgastes war mir die Strecke von fast zehn Kilometern zwar eigentlich zu lang, aber was tut man nicht alles! Fürs Geld – und in solchen Fällen nicht zuletzt auch um zu helfen.

Ich setzte mich nun ins Auto, wendete und fuhr meinem Fahrgast hinterher, der inzwischen in einer Mauernische mehr oder weniger erfolgreich versuchte zu pinkeln. Warum er eben so sauer geworden war, war mir unbegreiflich, da er sich den ganzen bisherigen Fahrtverlauf ausschließlich bei mir dafür bedankte, heimgebracht zu werden. Und ich hoffte auf einen erneuten Stimmungsumschwung. Ich hielt provokativ direkt neben ihm, stieg aus, zündete mir eine Zigarette an und starrte ihn an. Das handhabe ich so nicht wirklich regelmäßig, wenn ich Leute irgendwo pinkeln sehe, aber es hat in dem Fall seine Wirkung nicht verfehlt. Er kam irgendwann unsicher aus seiner Nische hervor und fragte schüchtern, ob ich ihn heimbringen würde. Na also!

„Du bringst mich echt nach Hause?“

fragte er noch einmal, als er bereits im Auto saß. Ich antwortete ganz locker, als ob nichts gewesen sei:

„Ja klar. Die Bla-Keks-Straße 7 in Britz, dafür bin ich doch hier.“

Die blonde Locke, die ihm ins Gesicht hing, als er mich ungläubig anstarrte, ließ ihn etwas verwegen aussehen. Tatsächlich war ein Schönling aus dem Bilderbuch, dessen Look allerdings unter der fraglos zu langen Nacht bereits etwas gelitten hatte. Es war völlig klar, dass er sich einfach nicht mehr wirklich erinnerte, dass wir das mit der Adresse noch im Beisein seines Kumpels geklärt hatten. Diese kleine Straße in einem Wohngebiet hatte mir am Anfang auch nichts gesagt, es war das Navi, das uns bis hierher gebracht hatte und uns auch weiterbringen sollte. Für meinen Kunden war es aber offenbar eines der größten Mysterien der Menschheitsgeschichte, dass ein Taxifahrer ihn vom Pinkeln abholt und seine Adresse kennt. Hihi.

Zunächst murmelte er etwa eine Minute lang, dass er nicht wisse, was er glauben soll, dann revanchierte er sich für mein Anstarren. Und das tat er gut. Minutenlang. Ich hab nach einer Weile ernsthaft in Erwägung gezogen, dass er mich anbaggern wollte. Im Grunde war es in dieser Situation aber nicht schlecht, denn so lange er sich aufs Starren konzentrierte, schlief er nicht ein oder machte irgendwelche Dummheiten. Entsprechend schnell legten wir den zweiten Teil der Strecke zurück. Ich parkte das Auto in seiner schmalen Straße ein paar Meter entfernt in einer Einfahrt und überraschte ihn mit meiner hellseherischen Gabe ein zweites Mal, als ich ihm erzählte, er hätte 50 € in der Hosentasche. Obwohl die Fahrt trinkgeldlos blieb, kam dann zuletzt doch noch die Gewissheit, das Richtige getan zu haben. Mit zerknüllten 30 € Wechselgeld in der Hand schwankte mein Fahrgast an der geöffneten Türe umher, lehnte sich ins Auto, kippte fast hinein und sagte dann:

„Des‘ jetz‘ echt mal nett von Dir. Danke, echt jetz‘. Und sorry, dass ich jetz‘ so’n Arschloch war, sorry, ok?“

Wenn ich ihn mal wieder nüchtern treffe, dann erkläre ich ihm, dass das Taxameter ja auch weiterläuft, wenn er gerade schmollend und pinkelnd in einer Ecke steht. 😉

„Aber gerne doch!“

Es sind ja nicht immer die Fremdsprachenkenntnisse, die einem im Taxi weiterhelfen, sondern die Kenntnisse über die Aussprache im Deutschen. Gutes Beispiel mal wieder:

„Binge Esa of Assahasasse!“

Da kann man schon mal verzweifeln. Muss man aber nicht. Ist im Grunde fast perfektes Deutsch, es fehlen nur ein paar Konsonanten. Also, was hab ich mit den fünf Typen wohl gemacht?

Ich freue mich auf unterhaltsame Kommentare.

🙂