Gute Miene zum bösen Spiel

Als ich gerade an einer Ampel zum Stehen kam, öffnete er die Türe. „Also doch kotzen!“, dachte ich bei mir, während mein Fahrgast sich sehr unelegant aus dem Auto hangelte und beinahe auf die Straße gefallen wäre.

„Du musst kotzen? Soll ich rechts ranfahren?“

„Alles ok!“

Er taumelte ungelenken Schrittes davon, wobei das Ziel unklar war. Eine völlig verwaiste Straße in Tempelhof, außer einem Parkhaus kaum Spuren von Zivilisation zu erkennen. Ich stellte das Auto mit eingeschaltetem Warnblinker vollkommen illegal auf den Gehweg und stieg aus, meinen Fang betrachtend.

„Wo willst’n hin?“

„Verpiss Dich!“

„Na na, ich dachte, es soll nach Hause gehen!?“

„Leck mich, hau ab!“

„Du hast noch nicht mal bezahlt!“

In manchen Momenten werde ich von stoischer Gelassenheit übermannt. Ein betrunkener Fahrgast, der mich beschimpft und offensichtlich ohne zu zahlen abhauen will, gehört eigentlich nicht in die Liste der Situationen, in denen man sich gut fühlt als Taxifahrer. Aber der Typ war so blau, der war weder in der Lage, sich mit mir anzulegen, noch konnte er ernsthaft weglaufen. Und Geld hatte er auch genug dabei.
Die letzte Fehlfahrt war zwar erst 24 Stunden her, aber bei dem Knilch wollte ich nicht aufgeben. Er saß ja nicht grundlos im Taxi. Gut 10 Minuten zuvor wurde er von einem besorgten Freund ins Auto gesetzt, der mich anflehte, ich möge den Kerl doch bitte heil nach Hause bringen. Er steckte selbigem einen Fünfziger zu und ermahnte mich, ich solle ihm ja das Rückgeld geben. Für den offensichtlich desolaten Zustand des Fahrgastes war mir die Strecke von fast zehn Kilometern zwar eigentlich zu lang, aber was tut man nicht alles! Fürs Geld – und in solchen Fällen nicht zuletzt auch um zu helfen.

Ich setzte mich nun ins Auto, wendete und fuhr meinem Fahrgast hinterher, der inzwischen in einer Mauernische mehr oder weniger erfolgreich versuchte zu pinkeln. Warum er eben so sauer geworden war, war mir unbegreiflich, da er sich den ganzen bisherigen Fahrtverlauf ausschließlich bei mir dafür bedankte, heimgebracht zu werden. Und ich hoffte auf einen erneuten Stimmungsumschwung. Ich hielt provokativ direkt neben ihm, stieg aus, zündete mir eine Zigarette an und starrte ihn an. Das handhabe ich so nicht wirklich regelmäßig, wenn ich Leute irgendwo pinkeln sehe, aber es hat in dem Fall seine Wirkung nicht verfehlt. Er kam irgendwann unsicher aus seiner Nische hervor und fragte schüchtern, ob ich ihn heimbringen würde. Na also!

„Du bringst mich echt nach Hause?“

fragte er noch einmal, als er bereits im Auto saß. Ich antwortete ganz locker, als ob nichts gewesen sei:

„Ja klar. Die Bla-Keks-Straße 7 in Britz, dafür bin ich doch hier.“

Die blonde Locke, die ihm ins Gesicht hing, als er mich ungläubig anstarrte, ließ ihn etwas verwegen aussehen. Tatsächlich war ein Schönling aus dem Bilderbuch, dessen Look allerdings unter der fraglos zu langen Nacht bereits etwas gelitten hatte. Es war völlig klar, dass er sich einfach nicht mehr wirklich erinnerte, dass wir das mit der Adresse noch im Beisein seines Kumpels geklärt hatten. Diese kleine Straße in einem Wohngebiet hatte mir am Anfang auch nichts gesagt, es war das Navi, das uns bis hierher gebracht hatte und uns auch weiterbringen sollte. Für meinen Kunden war es aber offenbar eines der größten Mysterien der Menschheitsgeschichte, dass ein Taxifahrer ihn vom Pinkeln abholt und seine Adresse kennt. Hihi.

Zunächst murmelte er etwa eine Minute lang, dass er nicht wisse, was er glauben soll, dann revanchierte er sich für mein Anstarren. Und das tat er gut. Minutenlang. Ich hab nach einer Weile ernsthaft in Erwägung gezogen, dass er mich anbaggern wollte. Im Grunde war es in dieser Situation aber nicht schlecht, denn so lange er sich aufs Starren konzentrierte, schlief er nicht ein oder machte irgendwelche Dummheiten. Entsprechend schnell legten wir den zweiten Teil der Strecke zurück. Ich parkte das Auto in seiner schmalen Straße ein paar Meter entfernt in einer Einfahrt und überraschte ihn mit meiner hellseherischen Gabe ein zweites Mal, als ich ihm erzählte, er hätte 50 € in der Hosentasche. Obwohl die Fahrt trinkgeldlos blieb, kam dann zuletzt doch noch die Gewissheit, das Richtige getan zu haben. Mit zerknüllten 30 € Wechselgeld in der Hand schwankte mein Fahrgast an der geöffneten Türe umher, lehnte sich ins Auto, kippte fast hinein und sagte dann:

„Des‘ jetz‘ echt mal nett von Dir. Danke, echt jetz‘. Und sorry, dass ich jetz‘ so’n Arschloch war, sorry, ok?“

Wenn ich ihn mal wieder nüchtern treffe, dann erkläre ich ihm, dass das Taxameter ja auch weiterläuft, wenn er gerade schmollend und pinkelnd in einer Ecke steht. 😉

15 Kommentare bis “Gute Miene zum bösen Spiel”

  1. opatios sagt:

    Sash, Du bist ein Engel! Und das nicht nur wegen deiner Geduld. 😉
    Schade dass dein Auto keine andere Farbe hat. Der Begriff „gelbe Engel“ ist ja schon gut belegt und „elfenbeinfarbene Engel“ klingt leider ein wenig… seltsam.

  2. Buscher Christel sagt:

    Hallo Sash, eija das kenne ich auch, nicht angenehm aber er war dann ja wohl friedlich.ich wünsche dir friedliche und zufrieden e Kundschaft..lg aus Riesa

  3. Oni sagt:

    @opatios Elfenbeinfarben ist für Engel aber eigentlich eine üblichere Farbe. 😉
    Sash, du bist der Beste.

  4. Busfahrer sagt:

    Respekt Sash, diese Geduld hätten wohl nur die allerwenigsten gehabt

  5. elder taxidriver sagt:

    Dass der Dich so angestarrt hat ist eine tiefe Prägung aus Urzeiten: Die Orang Utans zum Beispiel starren einen auch
    unentwegt an, wenn man denen mal begegnet. (Spezial-Hinweis für Sash: Vorsicht bei Umarmungen!)

  6. Sash sagt:

    @opatios:
    Ach komm. Nicht gleich übertreiben …

    @Buscher Christel:
    Ja, der war friedlich. Im Auto die ganze Zeit. Nur bei diesem seltsamen Stopp nicht. Ein wenig seltsam. Aber naja, passiert bei solchen Vögeln halt auch mal. LG nach Riesa zurück! 🙂

    @Oni:
    Das sicher nicht. Aber „einer von den Guten“ reicht mir auch. 😉

    @Busfahrer:
    Wie bereits geschrieben: Im Auto war der ein Lämmchen. Was den bei der Pause geritten hat: Keine Ahnung!

    @elder taxidriver:
    Äh … ja gut, ich versuche diese Warnung irgendwie sinnvoll abzuspeichern. 😀

  7. leserin sagt:

    „..Und sorry, dass ich jetz’ so’n Arschloch war, sorry, ok?”

    das weiß er also noch!? vielleicht wundere ich mich sogar ernsthaft darüber.
    immer wenn ich über solche zustände lese denke ich mir, dass ich SO blau tatsächlich noch nie war. und auch nicht sein möchte.

  8. Rosa sagt:

    Passend dazu heute auf smsvongesternnacht.de
    14:13 Scheiße. Wer war denn überhaupt dieser Typ, der uns da nach Hause gefahren hat? Kanntest du den?
    14:17 Den Taxifahrer? Nein 😀
    (zum wiederfinden: sms151221)

  9. Taxi 123 sagt:

    Glück gehabt. Alles über dem regulären Fahrpreis als Bonus für das nächste Mal betrachten, dann gleicht sich das eventuell wieder aus.

  10. Marcus sagt:

    Eine deiner schönsten Geschichten.

  11. Sash sagt:

    @leserin:
    Manche Leute sind offenbar wirklich irgendwann unberechenbar. Ich verstehe das auch nicht. Hey, bei Parties einen über den Durst trinken kann ich auch ganz gut. Ist nicht so, dass ich mich da nicht auskenne. Und ja: Vielleicht ist mir auch mal was peinlich danach. Aber auch nur, weil ich vielleicht zu viel privates erzählt hab oder so. Ich kann das nicht ab, wenn Leute aggressiv werden oder totale Betreuungsfälle. Und ich selbst will diese Level auch nicht erreichen.
    Auf der anderen Seite ist das für mich als Fahrer wieder in Ordnung. Jetzt nicht das Rumnerven. Aber ich hab zu den Leuten eine erst einmal rein geschäftliche Beziehung. Die bezahlen mich, dann ist auch ein bisschen Babysitting drin. Und ja, selbst ein oder zwei blöde Anmachen. Mehr sollte es nicht werden, aber das war hier ja z.B. auch nicht der Fall.

    @Rosa:
    Ja, hab’s gesehen. 🙂

    @Taxi 123:
    Ja, so gesehen war der Zwischenstopp ja schon gut. 😀

    @Marcus:
    Danke. 🙂
    (Insbesondere, weil ich mir bei dem Artikel sogar ein bisschen extra Mühe gegeben habe)

  12. Petra sagt:

    Ich werde wohl diese Schnapsdrosseln und Quartalssäufer nie verstehen.
    Obwohl…. Ohne die wäre dieses Blog nicht so amüsant und hätte nur halb so viele Geschichten ;o))

  13. Sash sagt:

    @Petra:
    Ach, bis zu einem gewissen Level mag ich ja mitgehen. Am Montag ist Weihnachtsfeier, da werde ich hoffentlich auch einen Kollegen finden, der mir glaubt, dass ich niemals in ein Taxi kotzen würde – obwohl ich wahrscheinlich gut einen im Tee haben werde.
    Mein Verständnis hört da auf, wo den Leuten alles egal ist. Wo sie nicht mehr wahrnehmen, dass da jemand anders einfach nur seine Arbeit machen will oder einfach nett ist und keinen Ärger verdient hat. Denen gönne ich ihren Spaß auch nicht wirklich. Die anderen sind überwiegend richtig tolle Kundschaft: Redselig, überdurchschnittlich großzügig, guter Laune etc. pp.
    Der hier ja auch – bis auf die 4 Minuten Zwischenspiel.

  14. FrauBe. sagt:

    „Wenn ich ihn mal wieder nüchtern treffe, dann erkläre ich ihm, dass das Taxameter ja auch weiterläuft, wenn er gerade schmollend und pinkelnd in einer Ecke steht. ;)“

    Highlight!! ;D

  15. Sash sagt:

    @FrauBe.:
    Freut mich, wenn es Spaß gemacht hat. 🙂

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