Na also, geht doch!

Dieses Wochenende … ich sag’s Euch!

Sowas deprimierendes ist auch mir selten passiert. Die 10 geplanten Stunden am Freitag liefen völlig desaströs und selbst mit der zufällig noch hinzugefügten elften (die immerhin mal eben fast 40 € Umsatz brachte) kamen am Ende nur knappe 7 € Bruttostundenlohn raus. Der Samstag fing nochmal beschissener an, insbesondere war es traurig, dass ich während der ersten dreieinhalb Stunden nur zwei (!) Touren hatte. Zwei!

Aber gut, immerhin war eine längere dabei. Und so sollte der Abend – nach einer Pause – auch weitergehen: Wenige Touren, dafür aber lange. Kommt im Prinzip nicht arg viel schlechter als mehrere kurze Fahrten, aber wirklich genießen konnte ich die viele Wartezeit auch nicht. Ich möchte den Job nicht nur aus den Augen meines Geldbeutels sehen, aber ohne Kundschaft isser auch einfach recht langweilig.

Und dann stand ich am Berghain. Nach einer langen kundenlosen Rückfahrt in die City dauerte jetzt auch das Warten verhältnismäßig lange. Damn it! Um wenigstens noch irgendwas halbwegs brauchbares aus dieser Schicht rauszuholen, wären 20 € für die nächste Tour schon angemessen gewesen.

Und das war ABSOLUT UNMÖGLICH*. Vom Berghain kriegt man einfach keine Tour über 20 €. Die Fahrten von dort teilen sich auf in die ungeliebten Fahrten der Leute, die nicht reinkommen und nun einen anderen Club ums Eck oder ein Hotel aufsuchen – und denen, die nach dem Feiern dort nach Schöneberg fahren. Ob zu Toms Bar, einem Hotel oder ihrer Wohnung, egal: Das ist so zuverlässig, das hätte man gerne öfter im Taxigewerbe.

So auch mein Kunde. Ein zierlicher junger Mann, und er wollte in die Motzstraße. Schöneberg. Immerhin. Trotzdem halt „nur“ 16 €. Man könnte jetzt sagen: „Ja, es klappt halt nicht immer alles!“ und das wäre richtig. Aber an diesem Abend? Wo ich von der Halte nur Fahrten über 20 € und kürzere Touren allenfalls von unterwegs kannte?

Das Schicksal kann auch nett sein.

„Oh, fuck fuck fuck! Wir müssen zurück zum Berghain!“

meinte mein Fahrgast auf der Holzmarktstraße.

Was vergessen. Medikamente. Oder Drogen? Mir egal.

Ich hab dann „total uneigennützig“ angemerkt, dass es, wenn es schnell gehen sollte, deutlich günstiger wäre, wenn ich warte. Also im Gegensatz zu einem neuen Taxi vom Berghain aus. Und er hat angenommen. Das allerdings eher überraschend, denn er sprang nur raus, sagte, dass er gleich wiederkommen würde und sprintete davon. Für ein paar Momente hatte ich die Befürchtung, er wäre ohne zu bezahlen stiften gegangen, weil das so schnell ging, dass ich nicht einmal ein Pfand einfordern konnte.

Aber er kam wieder. Und wir fuhren bis nach Schöneberg. Dann mit rund 23 € auf der Uhr.

Und nun?

Konnte er nicht zahlen. 19 € in bar hatte er. Mit Karte wäre gegangen, aber ich hab ja keinen funktionierenden Kartenleser an Bord.

Alles dumm gelaufen? Geht so. Er wollte zu einem Automaten und ich hab gewendet, um hinzufahren. Hatte aber vergessen, dass ich schon „Kasse“ gedrückt hatte. Also verschwand der Betrag vom Taxameter. Dumm, denn eigentlich hätte ich das ja berechnen dürfen. Aber wie das Leben so ist: Ich hab’s nicht getan. Eine 23€-Tour vom Berghain in einer miesen Nacht … da kann man auch mal 700 Meter für umme fahren.

War so gesehen eine komplizierte Sache, aber hey: 23 € vom Berghain aus! 😉


*natürlich ist grundsätzlich alles möglich. Die Aussage des obigen Satzes ist als vernachlässigbar geringe Wahrscheinlichkeit zu verstehen. Genau genommen hatte ich ja bereits vor kurzem eine Tour über 20 € vom Berghain.

Nordwest holt auf

Ich hatte meinen Südost rulez-Eintrag fast vergessen. So oft hat man so lange Touren mit extrem gutem Trinkgeld einfach nicht. Dann aber ereilte mich letzte Woche doch mal wieder einfach so – BÄM! – vom Ostbahnhof weg eine Fahrt nach Friedrichshagen. Knappe 28 € auf der Uhr und mit 7 € Trinkgeld zudem wieder außerdordentlich gutes Trinkgeld. Und wieder war es der Südosten.

(Natürlich sind diese Fahrten vom Ostbahnhof einfach häufiger als die nach Steglitz. Aber auffällig war es schon.)

Und als ich während der Schicht noch überlegte, ob ich jetzt bereits die Kundschaft aus Treptow-Köpenick völlig subjektiv als besonders spendabel feiern sollte, stiegen zwei Leute ein und ließen sich für 33 € nach Heiligensee bringen und beglichen den Betrag mit vier Zehnern und einem „Stimmt so.“.

Wow!

Ja nun, da hat sich der Nordwest-Sektor der Hauptstadt auch noch ins Rennen eingemischt. Es steht zwar 3:1, aber ich behalte das jetzt mal im Auge … 😉

Kreisläufe

Kein Trinkgeld gibt es öfter mal. Schätzungsweise 10% aller Touren enden ohne Tip. Die meisten wortlos. Da sind sicher viele dabei, die gar nicht wissen, dass Trinkgeld geben im Taxi die Regel ist, andere geben vielleicht grundsätzlich keines oder sind vielleicht auch unzufrieden mit mir. Kann man ja beim besten Willen nicht ausschließen.

Ein paar wenige allerdings entschuldigen sich dafür und begründen das meist mit eigenen finanziellen Sorgen. So auch der junge Mann, der mich spontan für eine Tour von am Ende neun Euro herangewunken hat. Allerdings hat der es in selten schöne Worte gepackt:

„Ich kann Dir leider kein Trinkgeld geben. Ich bin sowas von pleite, tut mir echt leid. Ich hab gerade nix, jetzt geb ich Dir nix – ein Kreislauf der Ungerechtigkeiten!“

„a cultural thing“

Es gibt so Touren …

Ich hatte den Fahrgast in meinem Alter an der Tankstelle an der Holzmarktstraße rausgelassen, weil er mir vorgeschwärmt hatte, wie sehr er sich noch Wein zum Essen wünschen würde. Soweit mir mein eigentlich nicht sonderlich fokussierter Blick verriet, war daraus nun eine Flasche Wodka geworden. Sei es drum. Und dann sind wir weiter und er starrte mich mit Panik in den Augen an:

„Uh! Man! Did you want something?“

„No, no, it’s fine!“

„I’m sorry. It’s a cultural thing. I’m an arabic guy and I can’t go out somewhere without giving something to my friends.“

Milde ausgedrückt. Kennengelernt hatten wir uns eine knappe Viertelstunde zuvor, da war er aus dem Berghain spaziert und mir binnen einer Minute gestanden, dass er mich lieben würde. Vor allem aber plagte ihn der Hunger, er wollte unbedingt noch was essen. Da er selbst unter anderem McDonald’s vorschlug, hab ich gleich am Ostbahnhof gehalten. Das eigentliche Fahrtziel lag ein ordentliches Stück entfernt in Schöneberg: die Tour, auf die jeder Taxifahrer vor dem Berghain spekuliert.

Und beim McDonald’s ging es schon los:

„C’mon! I’ll buy you something!“

„No, thanks.“

„You had lunch?“

„Yes.“

„Doesn’t matter. You always have to take lunch twice when you work!“

„Sorry.“

Er hat mich eine Weile bearbeitet, bis ich zugestimmt habe, dass er mir einen Cheeseburger mitbringen kann. Schweren Herzens, immerhin versuche ich gerade mal wieder ein paar Pfunde runterzubekommen und ich hatte wirklich schon gegessen.

„A cheeseburger? Really? You mean that tiny little thing? No! I’ll make it a double cheeseburger. With fries. You like fries?“

„Yes …?“

„Great! I’ll be back! Wait here!“

Und wie zu erwarten kehrte er mit einer extra Tüte für den Taxifahrer zurück. Ohne undankbar wirken zu wollen: Mich hat mehr gefreut, dass inzwischen fast vier Euro mehr auf der Uhr standen. Solche Einladungen sind nett, aber um mein Essen kümmere ich mich sehr gerne selbst und vor allem bestimme ich gerne selbst, wann ich etwas esse. Aber natürlich weiß ich solche Gesten trotzdem zu schätzen.

Nach den Einkäufen sollte ich mich beeilen. Mein Fahrgast wollte gerne essen und obwohl ich ihm zusicherte, dass er gerne – so er denn aufpasst – im Auto essen könnte, bestand er darauf, mich damit nicht belästigen zu wollen. In dem Punkt könnten sich einige von dieser Kultur mal ein Scheibchen abschneiden. 😉

Als wir auf bestem Wege waren, fiel ihm dann auf, dass der Betrag auf der Uhr schon unerwartet hoch war:

„Will we do that for under 20 €?“

„No, sorry.“

„Well, maybe I have 22 … ah, yeah! Here: 22 Euro!“

„I think, in the end it’ll be something like 23 to 24.“

„…“

„If you don’t have enough …“

Ich bin in dem Moment über meinen Schatten gesprungen und hab gesagt, dass ich die Uhr gerne bei 22 ausmachen könnte. Hey, er hatte mit seinen Zwischenstops über 4 € mehr in die Kasse gespült – im Gegensatz zu manch anderen ohne auch nur darüber zu reden – hat mir Essen mitgebracht und am Ende würde ich einen Euro wegdrücken. Also bitte …

„No, no, no! Please don’t do that! I surely don’t want to …“

„Hey, after all that would be fine!“

„Ha! Here’s another one! 23 Euro! If, I mean, would you please, could you, maybe … stop the meter at 23?“

„Of course.“

So weit, so gut. Dann beschlich ihn erneut Panik:

„The tip! Fuck, I forgot the tip! I have to …“

Das ist mein Problem mit dieser Form der kulturellen Regeln. Es ist alles schön und gut, so lange man das von ganzem Herzen befolgt. Ich würde auch keinen hungernden Freund mit in ein Restaurant schleppen und nix ausgeben. Aber wenn das dann letztlich zu einem Zwang wird, den man auch befolgen muss, wenn die anderen das gar nicht wollen – oder man sich gar Schuldgefühle einredet …

Ich hab ihn davon überzeugen können, dass es eigentlich total bekloppt wäre, wenn er mich jetzt für 3 €, die er mal eben aus seinem Zimmer holen will, nochmal 5 Minuten unten warten lässt. Nicht wegen dem Betrag, rein so von der Verhältnismäßigkeit.

Und am Ende ging alles gut. Wider Erwarten standen dann doch „nur“ 22,20 € auf dem Taxameter und er konnte mir mit seinen 23 sogar noch Trinkgeld geben. Natürlich hat mich das gefreut. Allerdings war das dennoch das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, der Fahrgast hätte sich mehr über das Trinkgeld gefreut. Egal, sei es drum.

Ich hab während der nächsten Viertelstunde dann das getan, was sich der nette Kerl nicht getraut hatte: Burger und Pommes während der Fahrt essen. Mit sehr gutem Gefühl dabei. 🙂

Hat noch was offen?

„Wo soll’s hingehen?“

„Weiß nicht. Hat hier noch was offen?“

„Wo hier? In Berlin allgemein?“

„Ja …“

„Nee, da müssten wir schon bis nach außerhalb fahren …“

„Haha, netter Versuch!“

„Danke.“

Und: Nein, das war nicht ernst gemeint. Der Fahrgast war von Anfang an lustig drauf und hat rumgescherzt. Da kann man sowas mal bringen. 🙂

„Hmpf, naja.“

Das hat er so gesagt:

„Hmpf, naja.“

Also in etwa. So ganz genau lässt sich das schwer sagen, das p war sicher eher stumm … ach, was erzähle ich das?

Die Tour war bis dahin eigentlich formidabel. Ich hatte keine Zeit, Leerkilometer anzusammeln, bevor er winkte, es war eine weite Strecke bis nach Steglitz und die Unterhaltung lief auch ganz ordentlich. Und nun das „Hmpf, naja.“. Ich war insbesondere irritiert, weil er so nicht etwa über mein Auto, mich, die Berliner Stadtplanung oder die Politik der Bundeskanzlerin redete. Nein, er sagte das, als wir übers Taxifahren redeten und ich sagte, dass die Tarife eigentlich hoch genug wären, um Geld mit dem Job zu verdienen, wenn nur die Auslastung stimmen würde. Aber gut, seine Meinung dazu war „Hmpf, naja.“.

Kann man wohl nix machen. Außer ein bisschen mehr als „Hmpf, naja.“ zu sagen, wenn er im Anschluss satte 4,60 € Trinkgeld gibt. 😉

Wegrennen …

Das hatte ich lange nicht mehr. Hinter mir nuschelte einer der kreuzbraven Jungs verschwörerisch:

„Sag mal, weiß der Taxifahrer, dass wir dann wegrennen?“

Ich hab mit skeptischem Blick in den Rückspiegel geschaut und gesagt:

„Weißte, der Witz ist inzwischen einfach ein bisschen zu alt um lustig zu sein. Außerdem sitzt ausgerechnet Du an der Tür mit der Kindersicherung, dein Wegrennen würde ich in der Tat gerne sehen …“

Erfolg ist immer relativ. Aber ich fand’s ok, dass mein Beifahrer mir für die schlagfertige Antwort ein High-Five angeboten hat. 😉