Na sag das doch!

„Und wie viel kostet das dann etwa?“

Die Straße lag weit im Süden, ich stand im Osten und war erstmal planlos.

„Puh, das ist jetzt so ’ne Strecke, dich ich grad gar nicht einschätzen kann. Ich würde jetzt aus dem Bauch raus 20 € sagen, aber zwei mehr könnte ich auch nicht sicher ausschließen …“

„Na, ich hab halt noch 25 € dabei. Das muss reichen.“

„Ja, kein Thema. Für 25 kommen wir zumindest fast bis zur Stadtgrenze, also erheblich weiter!“

„Gut, dann fahren sie mal. Ich hab vorher bei so ’ner App geschaut, die hat sogar gemeint, es wären nur 16 €. Und das stimmt eigentlich immer.“

Ich bin ehrlich gesagt ja froh, dass er nicht blind der Technik vertraut. Aber wenn ich – ebenfalls mit allgemein zugänglichen Mitteln wie Google Maps die Länge (und damit den Preis) einer Taxifahrt ermittele und dem Ergebnis nach mehreren Versuchen vertraue – dann steige ich doch nicht bei einem ins Auto, der mit seiner Einschätzung mal eben 30% drüber liegt …

Und es waren am Ende 16. Danke für das Vertrauen! 😀

Die ganz kurzen Fahrten

Als ich um kurz nach 23 Uhr am Schulze-Delitzsch-Platz vorbeikam, winkte mir ein Mann zu. Zwischen den geparkten Autos erkannte ich nicht, dass er neben zwei kleinen Kindern auch noch Gepäck dabei hatte. Trotz des Gepäcks hatte ich nun nicht mit einer Flughafen-Fahrt gerechnet – aber zum A&O-Hostel in der Köpenicker Straße war dann wirklich weit unter den Erwartungen.

Das soll jetzt aber nicht heißen, dass mir das deswegen unangenehm war – es war eine Winker-Tour, quasi auf dem Weg liegendes geschenktes Geld! Um das kleine bisschen Aufwand zu entschädigen, haben wir ja unsere 3,20 € Startpreis. Mehr als 4,20 € kamen am Ende allerdings auch nicht raus dabei 😉

Die Fahrtstrecke kann ich euch natürlich nicht vorenthalten:

 

Größere Kartenansicht

100% korrekt = 2% obenauf

Womit Fahrgäste immer wieder zu beeindrucken sind, sind ganz offensichtlich Preis-Ansagen mit Hand und Fuß. Im Laufe der Zeit – insbesondere wenn es zwischenrein keine Tariferhöhungen gibt – wird man als Taxifahrer da natürlich immer besser. Es kommt zwar immer mal wieder vor, dass man sich verschätzt, aber wenn man eben nach der Ansage „11 bis 12 €.“ wirklich 11,20 € auf der Uhr stehen hat, dankt es einem die Kundschaft doch meist mit Erleichterung. Der Glaube, Taxameter zählen irgendwelche Fantasiebeträge, ist wohl noch nicht ganz ausgerottet…

Manche Strecken fahre ich nun aber so oft, dass es mich vor keinerlei Herausforderung mehr stellt, eine Ansage zu machen – auch wenn ich eigentlich noch dabei bin, mich tierisch über die Fahrt zu freuen, weil sie unerwartet lang ist. Am Ostbahnhof abends eine Tour zum Flughafen Schönefeld gekriegt zu haben, war neulich beispielsweise so ein Grund zur Freude. Noch dazu quittierte mein Fahrgast – ein junger Spanier – die Preisansage über 30 € nicht mit gespieltem Schock sondern nickend mit stiller Zustimmung. Wir haben uns – wie eigentlich immer bei der Tour – auf die schnelle und mittellange Route geeinigt und so stimmte meine Ansage auf den Cent genau.

Obwohl die Fahrt wegen einiger Sprachprobleme meist schweigend verlief, griff mein Kunde am Ende sogar noch in sein Kleingeldfach, um den wirklich extrem Trinkgeld-unfreundlichen Betrag ein wenig aufzustocken. Um 60 Cent. Das sind zwar nur 2%, damit allerdings rund 2% mehr, als ich von jungen spanischen Touristen so erwarte 😉

Von nicht so ausgereiften Plänen

Mal kein Geld für die Taxifahrt zu haben ist nicht weiter tragisch. Irgendwelche Lösungen lassen sich meistens finden. Ob man nun an einer Bank hält, ein Taxi mit Kartenzahlung ordert, zu Hause das Geld vom Nachttisch holt – irgendwas klappt immer!

Eine eigentlich ebenso unspektakuläre Variante hat ein Typ am Berghain gewählt: Er würde zu sich fahren und dort würde mir ein Kumpel das Geld geben. Na gut. Ich sollte mich aber möglichst beeilen, denn der andere würde auch mit dem Taxi kommen. Kann man ja mal machen. Die Fahrt führte mich nach Mitte und ich hab nach Möglichkeiten seiner Bitte entsprochen und bin recht zügig gefahren. Abgesehen von meinen Finanzen war das eine eher doofe Idee. Bei ihm vor der Türe angekommen, stellte sich nämlich heraus, dass das zweite Taxi noch ein Weilchen brauchen würde.

Die nächsten 5 Minuten haben wir mit der Lösungsfindung zugebracht. Für mich war die Sache eigentlich klar: Die Uhr läuft, also warte ich halt. Er war inzwischen leider nicht mehr ganz so überzeugt davon, dass sein Kumpel auch wirklich so flott ist wie angedacht (eigentlich sollte er ja schon da sein) und ganz so viel auf der Uhr wollte er dann auch nicht haben. Er hat mir dann sehr kuriose Vorschläge gemacht, wie beispielsweise, dass ich in einer halben Stunde einfach nochmal vorbeikommen und klingeln sollte…

Das hab ich ihm glücklicherweise ausreden können. Er war zweifelsohne eine ehrliche Haut, wollte mir auch zu diesem Anlass seine Wohnung zeigen, Pfand dalassen etc. – aber was fange ich mit einer halben Stunde an? Kundschaft hätte ich da aller Voraussicht nach nicht bekommen – und wenn, dann wahrscheinlich nach Spandau oder ins Umland. Man kennt sein Glück ja.

Also haben wir vereinbart, dass ich warte. Als klar war, dass der Freund nur noch ein paar Minuten entfernt ist, bin ich ihm auch entgegengekommen und hab die Uhr ausgemacht. Dazu gab es nicht wirklich einen Grund, außer dass er halt eigentlich doch ein Netter war. Für mich war es an diesem Morgen ohnehin die letzte Tour.

Ihn hat es allerdings nicht mehr auf der Straße gehalten, er wollte unbedingt in seine Wohnung. Also stand ich letztlich mit inzwischen ausgeschalteter Uhr an meinem Taxi, wartete auf einen gewissen Mario und hatte als Pfand das Handy von Thomas. Mario war glücklicherweise bereits darüber informiert, dass er mich zu bezahlen hatte:

„And look Mario, there is a taxi in front of my door, which you have to pay. The driver is a really tall guy with a beard, I would say he looks like, like a viking!“

Während ich mir noch überlegt habe, ob ich zur besseren Identifikation ein Segel hissen sollte oder sonst irgendwas wikingertypisches tun, kam auch schon ein Taxi an, aus dem Mario umgehend auf mich zugesprintet kam. Während er den Wikinger in mir offenbar gleich erkannte, wurde ich ein wenig enttäuscht. Keine rote Mütze, kein Schnauzbart… alles nicht mehr so wie in meiner Kindheit 😉

Aber bezahlt hat er mich immerhin. Sogar mit etwas Trinkgeld.

Richtungsweisend

Ich stand am Kudamm. Bzw. eigentlich noch in der Leibnizstraße. Ich wartete auf diesen verheißungsvollen Grünton der Ampel, der mir eine sichere Weiterfahrt gewähren würde. Dass es eine extrem schüchterne Gestalt war, die sich meinem Auto vom Gehsteig aus näherte, sah ich gleich. Kunststück: Ich hab schon Rehkitze tollkühner und furchtfreier auf mich zustolzieren sehen!

Aber nachdem er sich nochmal ganz dolle versichert hatte, dass ich auch wirklich frei bin und meine einladende Geste nicht etwa an einen Käfer in der Umgebung, sondern an ihn richtete, ist er dann eingestiegen. Anfang zwanzig, ein grauer Mantel bis zu den Knöcheln, Hornbrille und eine typische Nicht-Frisur. Ein freundliches „Guten Abend!“ haben wir ausgetauscht, daraufhin sah ich ihn fragend an. Wenn man die Tour an einer Kreuzung startet, sollte man sich ja recht schnell auf ein Fahrtziel einigen.

Ich schielte kurz nach der Ampel, die inzwischen grellgrün die Nacht erhellte und hatte die Hoffnung, dass ich mit seiner hoffentlich bald folgenden Ansage genug würde anfangen können, um mich für eine der Richtungen noch während dieser Grünphase zu entscheiden. Aber die Uhr tickte…

Mein Fahrgast wirkte plötzlich wieder immens eingeschüchtert. Kann sein, dass ich das jetzt falsch memoriere, aber ich könnte schwören, er zitterte. Er rang jedenfalls nach Luft, nach Worten, bekam aber offenbar beides nicht wirklich auf den Plan. Er sah mich panisch an, stierte nun selbst auf die Ampel, dann sah er wieder zu mir, wieder zur Ampel. Die wurde jetzt auch noch gelb und plötzlich – mein Fuß am Gaspedal zitterte nun auch langsam – presste er hervor:

„Äh! Äh! Geradeaus!!!“

Würde die Motorisierung meines Opels für einen gepflegten Burnout reichen, dann wäre das einer gewesen! Der Rest der Fahrt war unspektakulär, es entwickelte sich sogar noch ein normales Gespräch. Aber der Anfang war echt filmreif…

Netter Typ

Das bin ich angeblich ja. Sagte zumindest mein Kunde. Besser gesagt: Er hat mich gefragt, ob ich nett sei. Ich hab das vorläufig bejaht, aber angemerkt, dass die Untersuchungen dazu noch nicht abgeschlossen sind. Dass das ankommt, war klar 🙂

Ja, er hätte sich heute über drei meiner Kollegen geärgert.

Das ist natürlich nie so dolle, in dem Fall konnte ich allerdings auch nicht wirklich für den Kunden Partei ergreifen. Der wäre nämlich gerne mit einer Kurzstrecke an sein Ziel gefahren, die Taxifahrer indes standen dort. Vor einer Bar, nicht an einem Taxistand. Das ist nun eine gar nicht so einfache Geschichte, denn die Taxiordnung erwähnt bei der Kurzstrecke selbstverständlich keine illegalen Halten. Auf der anderen Seite ist unsere Verpflichtung, nur an Taxiständen zu warten, nachts ohnehin aufgehoben, so dass – nach meinem Rechtsverständnis – ein vor einem Club wartender Taxifahrer natürlich auch nicht zum Kurzstreckentarif fahren muss. Das ist auch – so wenig einem das als Kunde gefällt – im Sinne der Kurzstreckenregelung, denn der Einschub mit den Halten wurde ja eben gemacht, um uns nicht lohnende Touren zu ersparen, wenn wir auf sie warten müssen.

Die Diskussion mit meinem Fahrgast verlief also durchaus strittig. So richtig abzubringen war er von seiner Meinung nicht, als ich das mit dem nächtlichen Bereithalten erklärte, bestand er drauf, dass die Kollegen aber verkehrswidrig standen, bla keks. Man hat gemerkt, wie er ein Schlupfloch gesucht hat, um seinen Trotz begründen zu können.

Das wirklich schöne daran war allerdings, dass das alles völlig ruhig und nett verlief. Wir haben uns ausgetauscht, hatten unterschiedliche Meinungen, aber das war ok. Er hat sich beim Verabschieden entschuldigt, dass er jetzt eigentlich gar nicht so über Taxifahrer nörgeln wollte und ich hab meinerseits angefügt, dass ich ihn natürlich auch nicht persönlich anzugehen gedachte, aber eben anderer Meinung bin. Im Grunde hatten wir die Fahrt zwar streitend verbracht, am Ende war es eine nette Tour mit freundlichem Danke, einem bisschen Trinkgeld und gegenseitigem Händedruck. Und nett fand er mich trotzdem noch…

Na denn!

Nachts in Stralau

Stralau ist jetzt nicht gerade eine Ecke, die meines Wissens nach für wilde Party steht. Die Halbinsel im äußersten Osten des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg ist eher ein Ort, wo die Leute hinziehen, die gemütlich in Wassernähe wohnen wollen. Für die Parties gibt es den Rest des Bezirks, und der ist glücklicherweise deutlich abgetrennt von der kleinen Landzunge.

Mein Kunde, der dorthin musste, war mir ziemlich schnell sympathisch. Er dürfte ungefähr dasselbe Baujahr wie ich gehabt haben, trug dazu ebenso wie ich einen Bart, der „Schneid mich!“ ruft, und war alles in allem gelassen und locker. Er wollte mir sogar vor der Losfahrt noch meine Zigarette gönnen, was ich aber wie immer wenn mein Fahrgast nicht raucht, abgelehnt habe. Wir unterhielten uns über seine Suche nach einer Wohnung, für diese Nacht würde er aber in einem Hostel nächtigen. Hostel? Auf Stralau? Sagte mir nichts, aber die Adresse hatte er selbstredend dabei. Irgendwann meinte er dann, dass er jetzt nur hoffe, überhaupt noch einchecken zu können. Aha?

Ja, im Internet häbe gestanden (Häbe = schwäbischer Konjunktiv! Ich darf das und grüße an dieser Stelle Christoph Sonntag.), die Rezeption sei bis 23 Uhr geöffnet. Ich schielte auf meine Uhr und stellte fest, dass es bis dahin noch rund 6 Minuten wären. Aber, so ließ mich mein Fahrgast wissen, auf anderen Unterlagen stünde nun plötzlich etwas von 17 Uhr und er hatte telefonisch vor seiner Abfahrt niemanden mehr erreicht. Aha.

Das Auffinden des Hostels war nicht ganz problemfrei, insbesondere weil keine beleuchtete Hausnummer zu finden war. Mein Navi berechnet die Hausnummern mit einer Formel, die ganz offensichtlich nicht für solche Fälle entwickelt wurde und so schossen wir einmal übers Ziel hinaus. Die kleine Schleife, die ich drehte, wollte ich dem Kunden nicht anlasten, schaltete das Taxameter also schon kurz vor der Ankunft aus. Über 11,40 € nach Stralau kann man ohnehin schon froh sein, die gibt es ohnehin nur dank der Baustelle, die einen zu Umwegen zwingt. (Siehe hierzu: Verschwörung der Taxiinnung?)

Als wir letztlich an der richtigen Adresse auf den Hof fuhren, waren noch ein paar Minuten eventuell theoretische Zeit. Wir hatten aber längst geklärt, dass ich besser noch auf eine Zigarette warten sollte – denn wenn die Rezeption geschlossen hätte, wäre es zweifelsohne sowohl für ihn, als auch selbstverständlich für mich, eine enorme Erleichterung, gleich weiterfahren zu können. Er packte seinen Koffer, bedachte mich mit 14 € und schritt frohen Mutes zum Eingang. Ich zündete besagte Zigarette an und wartete.

Der Eingang war hell erleuchtet, ich hoffte ernsthaft für ihn, dass ich ihn nicht zu einem Hotel bringen müsste. Mir wäre das zwar finanziell entgegengekommen, aber ganz so ein egoistisches Arschloch bin ich auch nach 3 Jahren im Taxi noch nicht geworden. Ich schlenderte auf dem Hof umher und warf weitere Blicke in den Eingangsbereich. Au Backe: vor dem Empfangstresen war bereits das Rollo geschlossen. Mein Fahrgast studierte irgendein Schriftstück und ich bereitete mich darauf vor, mir irgendwelche Hotels in der Umgebung einfallen zu lassen.

Dann kam er plötzlich wieder rausgestürmt, wider meines Erwartens mit freudestrahlendem Blick:

„Cool, ich hab meinen Schlüssel in ’nem Brief gekriegt!“

Na denn!

Ich hab meine Kippe vorzeitig entsorgt und bin durch die ruhige Stralauer Nacht entschwunden. Alleine. Kundschaft hatte ich dennoch recht bald wieder im Auto. Allerdings nicht schon in Stralau – aber das wäre auch ein bisschen zu unglaubwürdig gewesen…