Nachts in Stralau

Stralau ist jetzt nicht gerade eine Ecke, die meines Wissens nach für wilde Party steht. Die Halbinsel im äußersten Osten des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg ist eher ein Ort, wo die Leute hinziehen, die gemütlich in Wassernähe wohnen wollen. Für die Parties gibt es den Rest des Bezirks, und der ist glücklicherweise deutlich abgetrennt von der kleinen Landzunge.

Mein Kunde, der dorthin musste, war mir ziemlich schnell sympathisch. Er dürfte ungefähr dasselbe Baujahr wie ich gehabt haben, trug dazu ebenso wie ich einen Bart, der „Schneid mich!“ ruft, und war alles in allem gelassen und locker. Er wollte mir sogar vor der Losfahrt noch meine Zigarette gönnen, was ich aber wie immer wenn mein Fahrgast nicht raucht, abgelehnt habe. Wir unterhielten uns über seine Suche nach einer Wohnung, für diese Nacht würde er aber in einem Hostel nächtigen. Hostel? Auf Stralau? Sagte mir nichts, aber die Adresse hatte er selbstredend dabei. Irgendwann meinte er dann, dass er jetzt nur hoffe, überhaupt noch einchecken zu können. Aha?

Ja, im Internet häbe gestanden (Häbe = schwäbischer Konjunktiv! Ich darf das und grüße an dieser Stelle Christoph Sonntag.), die Rezeption sei bis 23 Uhr geöffnet. Ich schielte auf meine Uhr und stellte fest, dass es bis dahin noch rund 6 Minuten wären. Aber, so ließ mich mein Fahrgast wissen, auf anderen Unterlagen stünde nun plötzlich etwas von 17 Uhr und er hatte telefonisch vor seiner Abfahrt niemanden mehr erreicht. Aha.

Das Auffinden des Hostels war nicht ganz problemfrei, insbesondere weil keine beleuchtete Hausnummer zu finden war. Mein Navi berechnet die Hausnummern mit einer Formel, die ganz offensichtlich nicht für solche Fälle entwickelt wurde und so schossen wir einmal übers Ziel hinaus. Die kleine Schleife, die ich drehte, wollte ich dem Kunden nicht anlasten, schaltete das Taxameter also schon kurz vor der Ankunft aus. Über 11,40 € nach Stralau kann man ohnehin schon froh sein, die gibt es ohnehin nur dank der Baustelle, die einen zu Umwegen zwingt. (Siehe hierzu: Verschwörung der Taxiinnung?)

Als wir letztlich an der richtigen Adresse auf den Hof fuhren, waren noch ein paar Minuten eventuell theoretische Zeit. Wir hatten aber längst geklärt, dass ich besser noch auf eine Zigarette warten sollte – denn wenn die Rezeption geschlossen hätte, wäre es zweifelsohne sowohl für ihn, als auch selbstverständlich für mich, eine enorme Erleichterung, gleich weiterfahren zu können. Er packte seinen Koffer, bedachte mich mit 14 € und schritt frohen Mutes zum Eingang. Ich zündete besagte Zigarette an und wartete.

Der Eingang war hell erleuchtet, ich hoffte ernsthaft für ihn, dass ich ihn nicht zu einem Hotel bringen müsste. Mir wäre das zwar finanziell entgegengekommen, aber ganz so ein egoistisches Arschloch bin ich auch nach 3 Jahren im Taxi noch nicht geworden. Ich schlenderte auf dem Hof umher und warf weitere Blicke in den Eingangsbereich. Au Backe: vor dem Empfangstresen war bereits das Rollo geschlossen. Mein Fahrgast studierte irgendein Schriftstück und ich bereitete mich darauf vor, mir irgendwelche Hotels in der Umgebung einfallen zu lassen.

Dann kam er plötzlich wieder rausgestürmt, wider meines Erwartens mit freudestrahlendem Blick:

„Cool, ich hab meinen Schlüssel in ’nem Brief gekriegt!“

Na denn!

Ich hab meine Kippe vorzeitig entsorgt und bin durch die ruhige Stralauer Nacht entschwunden. Alleine. Kundschaft hatte ich dennoch recht bald wieder im Auto. Allerdings nicht schon in Stralau – aber das wäre auch ein bisschen zu unglaubwürdig gewesen…

6 Kommentare bis “Nachts in Stralau”

  1. Athene sagt:

    Ende gut alles gut 🙂
    Aber… es ist wohl eher der äußesterste Osten wenn ich mich nicht irre.

  2. Hartmut sagt:

    Ich würde ja jetzt gerne mal wieder behaupten „Mit OpenStreetMap wär das nicht passiert“

    http://osm.org/go/0MbGYgFJJ–

    Allerdings war da bis eben nur die Hausnummer (37-39) auf dem Gebäude (hätte aber
    auch schon geholfen?), das Hostel hab ich eben erst eingetragen 😉

  3. Unterdosis sagt:

    Wie ist das eigentlich mit E-Zigaretten in Taxis? Die stinken ja nicht den Wagen voll. Entscheidet das jeder Fahrer selbst?

  4. Wolfy sagt:

    Kindliche Freude ist die schönste Freude – auch wenn das Kind Bart trägt. 😀

  5. Sash sagt:

    @Athene:
    Hast natürlich Recht und es ist schon korrigiert 🙂

    @Hartmut:
    Das stimmt natürlich. Und mit einem Helikopter wären wir sogar noch schneller dagewesen 😉

    @Unterdosis:
    Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Aber ich persönlich würde sagen, die fallen nicht unter das Rauchverbot.

    @Wolfy:
    Überhaupt ist Freude immer gut! 🙂

  6. leserin sagt:

    @ unterdosis

    manche erlauben es, manche nicht. in den einen ist es strikt verboten, die anderen „werben“ damit nahezu, dass mans machen kann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: