„Fahr nicht so viel!“

Winker, super!

„Fährste mich zur Weichselstraße?“

„Die hier in Friedrichshain?“

„Genau.“

„Na, soll ich dann mal Kurzstrecke probieren?“

„Mach, was Du für richtig hälst!“

Ich hab nicht lang überlegt. Natürlich hatte der Typ die Kurzstrecke nicht explizit verlangt, aber es lief so gut an dem Abend, dass mir die eventuell verlorenen drei Euro egal waren. Und ob es reichen würde, war ja eh noch nicht klar. Am Ende passte es recht gut, also denn:

„Ja, dann sind das vier Euro und fertig!“

„Hier, nimm‘! Passt so. Und fahr‘ nicht so viel heute Nacht!“

Ein Zehner. Wow!

Aber ich hab mir den Rat zu Herzen genommen und Feierabend gemacht, als es mir geldmäßig gereicht hat. Man will es den Kunden ja gerne recht machen. 😉

Alt werden lohnt auch nicht mehr …

Eigentlich wollte ich von der Schillingbrücke nur kurz rüber zum Ostbahnhof fahren, um endlich mal meine Scheiben wieder zu putzen. War zwar nur das Kalkwasser von der Waschanlage, sah trotzdem aus wie ein Graufilter. Da reckte an der Ampel eine alte Frau ihren Arm zaghaft in die Höhe, woraufhin ich kurzerhand die durchgezogene Linie ignorierte um zu wenden und in ihrer Fahrtrichtung auf der Hotelvorfahrt zu halten.

Ich möchte an dieser Stelle einen kurzen Einschub bringen: Es war die Donnerstagsschicht. Eine meiner zwei halben pro Woche. Ich war seit 3 Stunden auf der Straße, nach weiteren dreien sollte ich schon in der Bahn nach Hause sitzen. Großer Luxus. Ich kann ihn mir diesen Monat eigentlich nicht leisten, meine Kohle ist gerade so knapp, dass ich ausnahmsweise mal wieder hier und da auf Kleinigkeiten verzichte, die mir das Leben schön machen. Auf der anderen Seite brauche ich die Zeit zum Schreiben und hoffe, dass das auch irgendwann mal genau diese Probleme beseitigt. Und das ist auch Arbeit, keine Frage. Meine Woche hört bei 80 Stunden nicht zwangsweise auf, es ist nur manchmal schwer, zwischen Arbeit und Vergnügen zu trennen. Und nun zurück zu meiner Winkerin!

Sie begrüßt mich freundlich, als sie die rechte Hintertür öffnet und quält sich mühsam auf den hohen Sitz. Meist ist es das ältere Semester, das die Sitze zu schätzen weiß, weil man nicht so tief einsinkt und sich wieder hervorgraben muss. Aber sie ist optimistisch geschätzt 1,50 m groß gewesen, eine Klischee-Oma im gepflegten Kostüm. Mit Hut, Brille, Kurzhaarfrisur und erkennbar mehr als 80 Sonnenumrundungen auf diesem Planeten zu Gast.

„Brauchen Sie Hilfe?“

„Nein, nein. Aber meine Beine sind so schwer heute. Sagen Sie, junger Mann, reicht mir eine Kurzstrecke bis zur Annenstraße?“

„Selbstverständlich, das ist ja nur …“

„Ja ja, nur geradeaus. Aber meine Beine machen das nicht mehr mit.“

„Nur keine Sorge, dafür sind wir ja da.“

„Wissense, ich nehm‘ ja fast nie ’ne Taxe. Aber heute, nach 13 Stunden Arbeit …“

WHAT THE FUCK?

Aber ja: Rente geht so, aber zu mehr als zum zu Hause vor dem Fernseher sitzen reicht’s halt nicht. Und glücklicherweise sei sie ja noch fit genug, um ein bisschen was zu tun. Aber sie lasse sich halt manchmal von Cheffe „ein bisschen zu viel“ aufschwatzen. Man ist  ja froh, wenn es überhaupt was zu tun gibt …

Altersarmut ist was abstraktes. Für die meisten hier. Für mich auch. Dabei weiß ich, dass mir das auch blüht, wenn das mit dem Schreiben nicht klappt. Die Rentenkasse teilt mir auch immer freudig erregt mit, dass ich bei meinem Lohn irgendeinen Betrag weit unter der Grundsicherung haben werde. Noch besser sogar: Um auf eine Rente in Höhe der Grundsicherung zu kommen, müsste ich bloß das Essen und Trinken einstellen und das Geld dafür in eine private Vorsorge stecken. Na klar, mach ich doch sofort! 🙁

Bezahlt hat die betagte Dame die Kurzstrecke mit 6,50 €. Damit für mich auch noch was übrig bleibt.

Keine Pointe.

Wertschätzung

Mein Chef hat mal gesagt, wir müssten der Kundschaft zeigen, dass es das wert ist, dass sie bei uns das zigfache eines Straßenbahntickets hinblättern für die selbe Fahrt. Was natürlich schwierig ist, wenn die Fahrgäste gleich mit dem Preis ins Haus fallen. In dem Fall ist die Kundschaft eher aus dem Haus – dem Sisyphos – ins Taxi gefallen. Und sagte:

„Machste auch Kurzstrecke zum Ostkreuz?“

Ihr wisst, dass ich das vom Stand aus nicht tue. Auch nicht von improvisierten Ständen nachts vor Veranstaltungen. Im Gegensatz zu Kollegen, die außer einem „Verfatz‘ da!“ nix dazu zu sagen haben, liegt mir jedoch etwas daran, dass die Kunden das verstehen. Es ist ja auch nicht schwer: Die Kurzstrecke ist ein vergünstigter Tarif, den wir dafür gewähren, dass wir für die Tour keine Wartezeit oder Anfahrtskosten auf uns nehmen mussten. Ich hab mir da schon „Fick Dich!“ anhören dürfen, bin der Lüge bezichtigt worden, was Menschen halt so machen, wenn sie mal eben 3 € sparen wollen. In dem Fall war es glücklicherweise anders.

„Nein, tut mir leid. Nicht vom Stand, ich hab ja nun schon auf die Fahrt gewartet.“

„Was macht das dann?“

„Genau 6,80 €. Ist bei der Strecke ungünstig, ich weiß. Aber …“

„Ach, dafür bist Du ja auch ein netter Fahrer. Is‘ schon ok.“

Ich hab dann noch erfahren, dass der nette Kollege auf dem Hinweg, obwohl rangewunken, die ganze Zeit nur gemeckert hätte. Gut, da musste ich offensichtlich nicht viel tun, um positiv aufzufallen.

„Weisste, is‘ ja eigentlich entspannt. Ihr müsst auch von was leben, also machste auf jeden Fall mal 8 €, ok?“

Vier oder fünf ehrliche, freundliche Sätze. Und plötzlich war die nervige Taxifahrt eine angenehme, die mal eben 60 bis 100% mehr Geld wert war.

Ja, ich hatte auch schon Idioten im Auto, die die Diskussion nicht wert waren. Aber bevor ich mir solche Kunden wie oben vergraule, traue ich mich doch tatsächlich, auch mal ein Lächeln aufzusetzen.

Wenn Unperfektsein hilft …

So wirklich super war die Tour nicht. Die Winker stiegen ein und meinten:

„Ist nicht weit. Sie können das nach Kurzstreckentarif machen …“

„Sie können“ ist schwierig formuliert. Ich muss. Wenn die Kunden es wünschen. Im Grunde verdiene ich am Normaltarif aber natürlich etwas mehr. Wenn ich mich einfach so egoistisch verhalten würde, würde ich wohl nie Kurzstrecke freiwillig reindrücken.

Aber so bin ich ja nicht und ich hab es einfach mal als Wunsch der Kundschaft interpretiert. Und war kurz darauf froh darum. Denn ich hatte keinen blassen Schimmer, als sie mir den Straßennamen sagten. Gut, sie war auch nicht sonderlich groß oder überragend wichtig, aber ich hatte zu viel mit dem Verkehr zu tun, um mal schnell nebenher das Navi zu programmieren. Bei langen Fahrten ist das einfacher. Die Stadtteile, die die Kunden nennen könnten, hab ich vollständig im Kopf, sind ja nicht mal hundert. Da hat man auf dem Weg die Zeit, mehr rauszufinden, das Navi einzustellen oder zu erkennen, ob die Kunden im Grunde total gerne selbst den Weg erklären.

(Manche sind echt geradezu niedlich stolz, wenn sie Taxifahrern den Weg weisen können, das ist total lustig.)

Aber hier sollte es innerhalb Tempelhofs bleiben und im Grunde hätte ja jede Straße die sein können, in die ich abbiegen muss. Also hab ich mich in meiner ganzen Ahnungslosigkeit outen müssen. Und noch dazu bei Kunden, die ich noch keine 20 Sekunden kannte und die sofort untereinander zu reden begonnen hatten. Das ist soweit natürlich ein Teil meines Alltags, über den ich nicht die Story vom Pferd erzählen müsste. Auf der anderen Seite sind das auch die Sekunden, in denen Kunden darüber entscheiden, ob der Taxifahrer gut, ok oder doof ist. Und letzteres riskiere ich ungern.

Die Kundschaft war schon älter, ich schätze, sie waren verheiratet. Er wies mir den Weg, aber unsere Kommunikation war holprig. Da hinten dann links, nicht hier, nein dort, warten Sie, nein nein nein!

Ich hab mir auf die Lippen gebissen, weil mir klar war, dass ich überhaupt keinen guten Eindruck machte. Auch wenn niemand irgendwas böses sagte, freute ich mich einfach auf das Ende der Fahrt. Wahrscheinlich würden wir uns nie wieder sehen und sie mich vergessen. Hoffentlich!

Die Zielanfahrt wurde dann durch das aufdringliche Piepen des Taxameters unterbrochen. „Ende der Kurzstrecke!“ mahnte es und ich drückte ungefähr 50 Meter vor der Bushaltestelle, an der ich sie rauslassen sollte, auf Kasse. Bei vier Euro und den 40-Cent-Intervallen seit der letzten Tariferhöhung wären das mal eben 10 bis 20% obenauf gewesen und da wollte ich schon wegen meines etwas peinlichen Rumsuchens kein Aufheben machen. Auch wenn ich die Kurzstrecke dieses Mal freiwillig genommen hatte.

Und auch wenn das immer als nette Geste aufgefasst wird, war ich in diesem Fall einfach froh, am Ziel zu sein.

Nun sind Kunden aber ein seltsames Völkchen und teilen nicht immer irgendwelche hintergründigen Sorgen des Taxifahrers. Das habe ich beim Bezahlen gemerkt. Die bisher stille Dame im Fond reichte mir einen Zwanziger nach vorne und sagte, während sie kurz zwinkerte:

„Machen sie bitte zehn.“

Verstehen muss ich das zwar nicht, aber ich denke, Freuen ist ausdrücklich erlaubt. 🙂

Dieses „Unverhofft“

Als ich die Warschauer Straße so runtergegurkt bin, habe ich es bereut, nicht auf dem kürzesten Weg zum Ostbahnhof gefahren zu sein. Kaum dass ich die Straße im Überblick hatte, zählte ich vor mir fünf leuchtende Fackeln. Es gibt so Tage, da schafft man es einfach nicht, mal eine Straße langzufahren und auf Winker zu hoffen, weil reihenweise Kollegen vor einem herfahren, die ebenfalls wie die Geier am Kreisen sind. Und das ist enorm demotivierend.

Schlecht laufen kann es auch an anderen Tagen, weil man nur kurze Fahrten kriegt oder an irgendeiner Halte verschimmelt – aber dieses Gefühl, dass einem nicht mal mehr Glück helfen könnte, kann einen runterziehen, wenn man unbedingt noch ein paar Euro einfahren will.

Und jetzt?

Der Kollege vor mir hatte ihn gerade passiert, da riss der Typ am Straßenrand seinen Arm hoch. Vor mir, Fahrer Nummer 6 in der umherfahrenden Taxischlange. Das war mehr als nur unerhofft, das war nahe an der Unmöglichkeit. Nachdem wir das Gepäck verstaut hatten, hab ich das dem bärtigen Kerl auch gesagt und der nickte nur zum Kofferraum und meinte:

„Ey, wenn ihr hier so zahlreich rumfahrt, dann nehm‘ ich mir eben die Zeit, meine Gitarre ganz liebevoll abzusetzen, bevor ich mir ein Taxi ranwinke …“

War nur eine Kurzstrecke, den Tag gerettet hat die Tour also sicher nicht. Die Laune aber durchaus, schon alleine, weil der Typ zusätzlich zum dringend nötigen Funken Hoffnung auch die dazugehörige Portion Lässigkeit zurück in die Schicht gebracht hat. 🙂

Nein, normal bitte!

„Rechts die Hauptbahnhof bitte!“

„Äh, Hauptbahnhof oder Ostbahnhof?“

„Die, den genau hier. Ostbahnhof. Yaam.“

„Ach, zum Yaam! Kein Problem. Ich mach mal Kurzstrecke.“

Ich mache das nur noch selten, aber hier war das ja kein Ding. Rangewunken hat er mich an der Warschauer, Ecke Mühlenstraße. Das waren echt nur 1300 Meter gerade Strecke, lagen auf meinem Weg und der junge Kerl sah nicht nach viel Kohle aus. Ausnahmen bestätigen die Regel. Das allerdings trifft auch auf’s Verhalten der Fahrgäste zu …

„Nein, nein! Normale bitte!“

„Wie?“

„Nix kurze Strecke! Mache normale bitte!“

DAS hatte ich zwar wirklich noch nie, aber der Kunde ist bekanntlich König. Also hab ich die Kurzstrecke wieder rausgehauen und bin zum Normalpreis gefahren. Obwohl wir da schon ein paar Meter weg hatten, sind wir am Ende bei 5,20 € am rechten Fahrbahnrand stehen geblieben und mein Fahrgast hat sichtlich stolz die 5,20 € hingeblättert, die die Uhr nun anzeigte. Ich muss nicht alles verstehen, aber freuen darf ich mich hoffentlich.* 😉

*Für mich war das gar kein besserer Deal. An einem Euro Trinkgeld auf die Kurzstrecke hätte ich mehr verdient als an 5,20 € passend.

Herzstillstand

Na gut, einen Infarkt werde ich sicher nicht wegen des ein oder anderen Euros haben. Aber dennoch bin ich aus allen Wolken gefallen. Es war nur eine sehr kurze Tour und die Schicht war schon bombig verlaufen. Ich hätte das Auto gleich abstellen können, aber vor mir fuhr meine Bahn, was bedeutete, dass ich auf die nächste eine halbe Stunde würde warten müssen. Da kam mir eine weitere Tour sehr entgegen und ich bot einmal mehr von mir aus eine Kurzstrecke an.

Und die Fahrt war auch kurz. Eher ein Kilometer als die zwei von der Kurzstrecke abgedeckten. Und so standen am Ende 4,00 € auf der Uhr und meine nur seit rund anderthalb Minuten amtierende Beifahrerin meinte:

„Mach einfach 15.“

Aber ja, natürlich hat sie das Rückgeld gemeint, nicht den Fahrpreis. 🙁