Aber … geradeaus!?

Sie winkte mich auf der Rechtsabbiegerspur am Frankfurter Tor ran. Nur eine Kurzstrecke zur Oberbaumbrücke. Kein Ding an sich, aber der Verkehr war doch recht dicht, also bin ich rechts ab in die Frankfurter und hab gesagt, dass es leider nicht anders geht gerade.

„Aber … ich dachte, Du hättest geradeaus fahren können …“

„OK, das hätte ich vielleicht machen können. Aber da kann ich ja noch länger nicht wenden.“

„Aber ist doch nur geradeaus.“

„Sorry, aber: Nein.“

Da wir 30 Sekunden später wieder am Ausgangspunkt waren, hab ich ihr die Situation sogar nochmal zeigen können und sie hat dann auch eingesehen, dass ich recht hatte, konnte es aber nicht so wirklich fassen:

„Das macht mich jetzt echt total fertig, dass ich mich da so vertan hab.“

„Na, das passiert. Seien Sie froh, dass es nicht ich war, das wird ja dann schnell teuer.“

Aber da hatte ich dann eher sogar einen wunden Punkt getroffen.

„Aber ich wollte ja die Straßenbahn zum U-Bahnhof Warschauer nehmen. Und als die dann kam, hab ich mir gedacht: Ja nee, die fährt ja mal voll in die falsche Richtung! Deswegen sitze ich ja jetzt bei Ihnen.“

Im Wissen, dass es am Ende nicht wirklich ein Problem mit dem Fünfer war, muss ich rückblickend dann auch süffisant anmerken: Ja, doch, sich beim Falschliegen so sicher zu sein, dass man der Straßenbahnbeschriftung misstraut – das muss man, bei aller gesunder BVG-Skepsis, auch erst einmal schaffen! 🙂

Offensichtliches

„Und? Jetzt auf dem Weg nach Hause?“

„Äh … ja. Wieso …?“

„Sorry, wollte nicht aufdringlich sein! Dachte mir nur, dass niemand zwei Stühle in den Kofferraum lädt und dann zu einer Party fährt.“

„Ah, ach so, haha! Ja, da haben Sie recht!“

Captain Obvious und so. 🙂

Super süß

Da standen sie dann an der Grünberger. Jungesellinnenabschied, das war schwer zu übersehen, das mit den einheitlichen Shirts war deutlich genug.

„Würdste uns nur kurz zur Revaler bringen?“

„Sicher. Dafür sind wir doch da.“

„Kannste auch fünf mitnehmen?“

„Auch das. Einen Moment kurz …“

Die Richtung eingeschlagen hatte ich eh schon. Die erste junge Dame purzelte dann eher ungalant auf den eiligst ausgeklappten Zusatzsitz mit dem Hinweis, dass sie ja nun schon seit 15 Uhr trinken würden. Ich schielte zum Chronometer meines Autos. 22 Uhr. Dafür ging’s eigentlich noch.

Die Fahrt würde ultrakurz werden, dank unseres tollen Großraumzuschlags allerdings dennoch ziemlich teuer. Um nicht den Partyschreck spielen zu müssen, hab ich in den Tiefen des Machbaren gegraben und gesagt:

„Da Ihr mehr als vier Leute seid, muss ich leider die 5 € extra berechnen, aber ich würde jetzt einfach mal sagen, dass Ihr mehr als nur deutlich nach einer Kurzstrecke gefragt habt, also sind das am Ende quasi 10 € pauschal für die Fahrt. Ist das ok?“

Unter uns: Hätten sie nein gesagt, hätte ich sie ausgeladen und dem nächsten Kollegen für die normalen 12 € vermacht. Und was kam stattdessen? Meine neu erworbene Beifahrerin strahlte mich an und fragte:

„Oooooh, wie kann man nur so unglaublich süß sein!?“

Tja, Kenntnis des Taxitarifs. 😉

Sündenbock

Als ich nach dem Winken angehalten hatte, war ich mir nicht sicher, ob ich mir mit der Fahrt einen Gefallen getan hatte. Vier Jungs, allesamt Brecher meiner Größe und ziemlich laut unterwegs.

„Mach mal Kurzstrecke, Digger!“

Während einer gleich angefangen hat, mir zu beschreiben, wie genau ich fahren soll, meinte ein anderer:

„Ey, mein Bruder is‘ auch Taxifahrer, weisste, Digger?“

Damit war alles ok. Im Ernst. Die größte Sorge bei einem Rudel Betrunkener ist, dass sie irgendwie Ärger machen, wegen Bullshit. Leute aber, die von Bruder, Vater, Tante oder Großcousine wissen, wie der Job so ist, sind  fast automatisch immer lieb. Die sehen in uns halt nicht einfach irgendeinen potenziellen Abzocker am Steuer, wie manch andere in angespitztem Zustand.

Der junge Mann holte dennoch verbal bedrohlich aus, brachte dann aber eine 1A-Pointe:

„Aber weisste, Digger, wenn ich mir anschau, wie so manche Taxifahrer heizen … weisste, die so glauben, dass ihnen die Straße gehört … wenn ich sowas seh, Digger, dann … dann würde ich am liebsten zu meinem Bruder fahren und ihn schlagen!“

😀

Das Ende vom Lied waren zwei Euro Trinkgeld auf eine Kurzstrecke und gute Laune. Und der Bruder hat diese Nacht vermutlich auch nix abbekommen. 😉

Mit Ansage!

Der Typ war dermaßen verstrahlt, rückblickend wunderte ich mich nicht einmal mehr, dass er mich mitten auf einer Kreuzung zweier Hauptstraßen herangewunken hatte. Wobei ich fairerweise anerkennen muss, dass er von dort aus kürzestmöglichen Zugriff auf 10 Richtungsfahrbahnen für Autos, sowie vier von Straßenbahnen Zugriff hatte. Wahrscheinlich ein Statistiker.

Naja, er bat sich jedenfalls eine Kurzstrecke aus und war unnötig angetan davon, dass ich Schaltwagen fuhr. Nachdem die Richtung klar war, fragte ich nach dem Ausstiegspunkt und er nannte einen großen und bekannten Platz, ließ aber fallen, dass ich, also eigentlich, so von der Sache her, ich könnte auch noch ein wenig weiter. Er hat das dann auch eloquent mit der Tatsache begründet, dass dort eh noch ein paar hundert Meter das Wenden nicht erlaubt sei und ich mich schlecht damit rausreden könne, dass ich wo anders hinwolle. Da musste ich einschreiten:

„Haste Recht. Aber auch hier in der weiten Prärie deines Heimatstadtteils stehen manchmal Winker, die ich nicht einsacken könnte, wenn Du noch drinsitzt.“

Am Ende isser brav ausgestiegen, es war nur ein Versuch, passt schon.

Und dann hatte ich 300 Meter weiter Winker. ICH HAB’S JA GESAGT! 😀

Nur ein Zehner!

Ich machte den typischen doofen Taxifahrer-Move: Da vor mir ein Kollege mit angeschalteter Fackel langtuckerte und ich auf absehbare Zeit keine Winker würde bekommen können, bin ich abgebogen. Nur um mich noch an der Ampel zu fragen, wo zur Hölle ich in diese Richtung eigentlich hinfahren solle. Aber das Glück ist mit den Dummen, nach 100 Metern hatte ich Kundschaft.

„Würdste uns in die Vorname-Nachname-Straße bringen?“

„Na sicher, ich überlege gerade, die sagt mir was …“

„Sind 5 Kilometer, is‘ nur da vorne und dann rechts. Machste hier die Fünf-Kilometer-Dings, ne?“

„Ich mache Kurzstrecke. Das sind fünf Euro, nicht fünf Kilometer, aber ich erinnere mich, das wird schon reichen.“

„Ich sag aber gleich, ich hab nur zehn dabei. Dann musst mir rausschmeissen.“

„Das sehen wir ja dann. Erst einmal reicht die Kurzstrecke.“

…

„Aber ehrlich: Mehr als zehne ist nicht!“

„Wir sind doch immer noch bei fünf Euro und die Kurzstrecke ist erst zur Hälfte …“

„Ich sag’s nur, nicht dass wir dann – is‘ auch da vorne noch einmal ums Eck.“

„Dann reicht das locker.“

„Aber nicht über zehn. Halt vor der Wendestelle, das sind 20 Cent!“

„Es sind immer noch fünf Euro. Und das Taxameter piept ja nun erst einmal, wenn die vorbei sind.“

„Ach, echt?“

So viel Angst ums Geld hatte ich bei einer Kurzstrecke schon lange nicht mehr. 0.0

Positiv hervorzuheben sei abschließend, dass die Kundin und ihr unterhaltsamer Partner die einzigen waren, die in den letzten drei Tagen bei einer Kurzstrecke noch Trinkgeld gegeben haben, ich werde sie also in sehr guter Erinnerung behalten.

Blitz-Dinowissen

Man sollte meinen, dass es in einer großen Stadt wie Berlin selten vorkommt, dass man Dinge neu kennenlernt und dieses Wissen kurz darauf auch tatsächlich anwenden kann. Heute kann ich mit ungefähr 10 Minuten zwischen den Ereignissen wohl einen für länger bestehenden Rekord vermelden.

Die Fahrgäste vom Ostbahnhof nach Lichtenberg waren extrem maulfaul, weswegen ich mich ohne Not während der Fahrt im eigentlich vertrauten Boxhagener Kiez umgesehen habe. Und dann fiel mir erstmals die Dinobar auf. Obwohl ich da jeden Arbeitstag sicher einmal vorbei fahre, dort im Umfeld schon oft weggegangen bin. Ich wusste nicht sicher, ob ich mich nicht doch verlesen hatte, ob ich den Namen lustig oder doof finden sollte. Am Ende hab ich die Kunden einfach heimgebracht und mir keinen Kopf mehr gemacht.

Und auf dem Rückweg winken mich zwei Jungs an der Frankfurter Allee ran und fragen, ob ich wisse, wo die Dinobar sei. 0.o

Ob ich das jemals toppen kann?

Eine eigentlich auch zu stellende Gegenfrage wäre: Wie lange werde ich mich jetzt an diese Bar erinnern?