Tagfahrermomente

Ich hab ja wirklich – und das ist kein Scherz! – einen Heidenrespekt vor den Kollegen, die den Job tagsüber machen. Denn abgesehen von den sozial etwas verträglicheren Arbeitszeiten kann ich darin keinerlei Vorteile erkennen. Der Verkehr macht die Fahrten viel komplizierter und zeitaufwändiger und ich würde wetten, die Kundschaft ist keineswegs einfacher. Sicher, das Bangen ums Ins-Auto-Kotzen entfällt vielleicht, dafür entsteht viel mehr Stress durch Gepäck, kurze Touren, schwierige Haltesituationen, eilige Termine, gestresste Leute etc. pp.
Und dem Hörensagen nach ist am Ende der Verdienst durchschnittlich noch einmal schlechter als in der Nacht.

Gewiss ist das eine Gewohnheitssache. Ich hab ja jahrelang in Stuttgart zur Hauptverkehrszeit Behindertenfahrdienst gemacht, dagegen ist die Berliner Rush-Hour gemütliches Cruisen. Und ich hab’s eigentlich gerne gemacht und mich wenn dann nicht über den Verkehr geärgert.

Nun, warum schreibe ich das? Weil mich neulich tatsächlich so ein bisschen Tagfahrer-Feeling gestreift hat. Nicht nur, dass ich meinen Tagfahrer-Kollegen heimgebracht habe und dann sehr früh (und bei Sonnenschein, ih!) angefangen habe. Nein, ich hatte als erste Tour ausgerechnet eine Fahrt, wie sie bei mir – und natürlich ist das meine Klischeevorstellung! 😉 – irgendwie immer ausdenke, wenn ich an die Arbeit während der Sonnenstunden denke:

An einem Taxistand am Straßenrand fuhr gerade ein Kollege weg, dahinter stand ein älterer Mann und winkte mich heran. Er konnte nur schlecht gehen, ich hielt also möglichst passend vor ihm. Noch bevor er einstieg, begann er zu fluchen:

„Haben Sie das gesehen? HABEN SIE DAS GESEHEN?“

„Was denn?“

„Da hat der mir das Taxi weggeschnappt! Dieser Junge Schnösel! Und der Fahrer nimmt den auch noch mit!“

Jetzt aber, glücklich mit eigenem Taxifahrer, beruhigte er sich schnell wieder. Er sagte eine Zieladresse an, für die er wirklich an eine seltsam doofe Ecke gewatschelt war. Also klar, zum Taxistand. Aber 50 Meter vorher hätte er zumindest besser einen der durchaus zahlreich anzutreffenden Kollegen ranwinken können. Er hätte allerdings auch eine Kurzstrecke verlangen können und das hat er auch nicht.

Die eigentlich nur zwei Minuten Fahrt wurden verhältnismäßig kompliziert, damit länger und waren vollständig von seiner medizinischen Geschichte bestimmt. Eine Leistenbruch-OP hätte er bald und er überlege, ob er das wirklich machen sollte. Über die Zahl solcher Eingriffe und der Komplikationen wusste er bestens Bescheid, aber er musste das jetzt loswerden und wollte – natürlich, man nenne mir mal bessere Experten! – einen Rat von mir als Taxifahrer.

„Gut, Sie sind ja nun ooch noch nicht janz so alt wie ich, keine Ahnung, ob sie da eine Meinung haben …“

„Naja, ich hatte immerhin schon eine Leistenbruch-OP.“

„WAS SIE NICHT SAGEN!“

Ihr seht: Ich bin auch für Rentner-Smalltalk bestens gerüstet! 😉

Und dann stand ich wirklich zum Sonnenuntergang am Ende noch 5 Minuten vor der Haustür meines 76-jährigen Kunden und hab mich mit ihm über Schmerzen in den Hoden unterhalten. Und wisst Ihr, was? Es war eigentlich mal eine ganz nette Abwechslung. Und er war danach sichtlich hoffnungsvoller:

„Na wenn dit schon vor 20 Jahren nur eine kleine Sache war, dann glaub ick mein‘ Arzt da besser mal, wa?“

Gut, wirklich neiden werde ich den Tagfahrern diese Kundschaft jetzt nicht unbedingt. Auf der anderen Seite hat mir die Tour am Ende auch gute 2 € Trinkgeld gebracht und das Gefühl, dass unser Job nicht umsonst ist. Und meistens reicht das ja schon, um die Arbeit zumindest mal ok zu finden.

19 Kommentare bis “Tagfahrermomente”

  1. Uwe sagt:

    Du hast recht, tagsüber kann zur Hölle werden. Ich war 10 Jahre in der Nacht unterwegs. Wenn ich wirklich mal tagsüber gefahren bin, spürte ich den Unterschied schon. Alleine das Ausschlafen…. dieser Luxus.

  2. Sash sagt:

    @Uwe:
    Das Ausschlafen tagsüber oder nachts? 😉

  3. Ana sagt:

    „Zumindest mal ok finden“. Will garnich wissen, wie viele das über ihre Arbeit nicht sagen können.

  4. Sash sagt:

    @Ana:
    Ich hab das auch ganz bewusst so geschrieben. Ich denke auch, dass schon da ein paar Leute nicht mitgehen können.

  5. elder taxidriver sagt:

    Wann fängt die Nacht eigentlich genau an? Erst wenn es dunkel wird oder um Punkt 18 Uhr, wenn Schichtwechsel ist?
    Und wann fängt der Tag eigentlich genau an? Wenn es hell wird ? Oder wenn der Berufsverkehr beginnt? Dann gibt es in Berlin unterschiedliche Tagesanfangzeiten. Im Osten, die großen Magistralen, da geht es schon um fünf Uhr früh los mit dem Berufsverkehr. Und in Zehlendorf, Grunewald und so weiter, eher erst um acht oder neun.. So gesehen war ich ein halb-und- halb- Fahrer. Das aber voll und ganz.

  6. Sash sagt:

    @elder taxidriver:
    Eins A Klassifizierung! 🙂
    Ich persönlich finde Berufsverkehr allerdings schon ein gutes Indiz. Und immer noch einheitlicher als Sonnenaufgänge …

  7. Andreas sagt:

    Da hat der gute Mann ja mal wieder eine der ewigen Wahrheiten bestätigt bekommen. Egal, was man anderen Leuten über seine Krankheiten erzählt: Die hatten sie auch schon, nur VIEL SCHLIMMER! 🙂

  8. elder taxidriver sagt:

    Einmal habe ich ein Pärchen gefahren, für die fing der Tag völlig überraschend an einem sonnigen Sonntagmittag an. Die kamen aus dem Vagabund in der Knesebeckstraße, eine Art noch- einen-letzten-Absacker-Lokal für Kellner und sonstige Nachtschwalben und Nachtschwälberiche. Die stiegen also ein und meinten ganz freundlich ‚Guten Abend‘.

  9. Buscher Christel sagt:

    Ich fahre nur Tag und ja es stimmt es ist stress hoch 3 .der Verkehr die Kurzstrecken zum Arzt usw..das gewusel in der Innenstadt auf dem Boulevard. …so das wars …lach ! Lg aus Riesa

  10. Rosa sagt:

    Für mich fängt der Tag an, wenn ich nach dem Schlafen wieder aufstehe. Also nicht, wenn ich (große Ausnahme) mit oder nach dem Sonnenaufgang vom feiern oder so nach Hause komme.

  11. hrururur sagt:

    Ich möchte mich mal eben ganz ganz herzlich bei dem netten Taxifahrer und der genauso netten Dame in der Zentrale bedanken. Das verf….luchte neue Auto(es ist übrigens ein Meriva B geworden, weil der uns zugelaufen ist @Sash. Ich finde die Mail bei Facebook nicht mehr) hat dermaßen viel Elektronik verbaut, dass trotz gestriger längerer Autobahnfahrt eine halbe Stunde Radio irgendwie gereicht hat die Batterie zu töten. Das teilt das Auto aber nicht mit lustigem Römömömöm-glump mit, sondern die total unnötig elektrische Handbremse geht weder fest noch lose(ich will wieder ne normale!), der zeigt Fehlermeldungen an, lässt einen die Fenster runter und hoch machen(hallo? Das verbraucht doch noch mehr Saft…) Und beim starten entriegelt verriegelt entriegelt verriegelt er im Takt wie auch das Licht dann an und aus geht. Ich hab dann sehr müde und noch verzweifelter bei meinem Lieblingstaxiunternehmen in Hamburg(211211 <3) angerufen und erklärt, dass ich nach Hause in mein Bett will und halt irgendwo im Nirgendwo steh(war nochmal beim Pferd) und das Auto nicht will. Was man halt so redet, wenn man müde ist. Sie hat mir dann ne Überbrückung vorgeschlagen. Ich war ehrlich gesagt nicht auf den Gedanken gekommen, dass das die Batterie sein könnte. Wir haben es dann probiert und ich konnte mir die deutlich über zehn Euro liegende Fahrt nach Hause und morgen das Gewarte auf den ADAC sparen. Der Fahrer hat mit dem glatten Zehner und dem Fünfer Trinkgeld auch nicht so ins Klo gegriffen, wenn man Sashs Umsatzkram auf Hamburger Vorort anwenden kann. Alle glücklich.

    Vielen Dank lieber Taxifahrer und liebe Zentraltante. Ihr habt mir viel Geld gespart. Und Zeit. Und Nerven.

    Außerdem weiß ich jetzt warum der die letzten Male beim starten gegongt hat. Muss man ja auch erst lernen…

  12. Aro sagt:

    Ich fange meine Schicht zwischen 17 und 18 Uhr an und bin auch immer heilfroh, wenn es nach 20 Uhr endlich leerer wird auf den Straßen und mehr als die Hälfte der Zeit fürs Fahren draufgeht, statt für’s Stehen. Und ich verstehe es einfach nicht, wie mein Tagfahrer unter solchen Umständen meist 120 oder mehr Euro Kasse machen kann. Das würde ich tagsüber vermutlich nie schaffen.
    Also: Ebenfalls Respekt.

  13. Cliff McLane sagt:

    Jetzt mal wieder on topic: Leistenbruch ist echt keine Geschichte, meinen haben sie vor 35 Jahren zusammengenäht, und wehe, es sagt jemand „Alter Sack!“ zu mir. Sowas macht man heutzutage doch minimal invasiv, also so mit Sonde und Draht und so, vor allem in Berlin. Und Gerüchten zufolge haben sie auch bisher nur ganz selten ein Ei oder einen Samenstrang erwischt.

    Warum hast du ihm nicht gesagt, dass der Silvio Berlusconi [ https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/38/It-Silvio_Berlusconi.ogg ] auch an der Leiste operiert wurde und… — der Rest ist bekannt. Und außerdem der Hugh Heffner, Gerhard Schröder und Wladimir Putin.

  14. hrururur sagt:

    Putin? Vielleicht zwickt ihn die Narbe. Das könnte n bisschen was erklären 😛

  15. Sash sagt:

    @Cliff McLane:
    Äh, weil ich kein dezidiertes Wissen darüber habe, welche Politiker eine Leisten-OP hatten? 😉

  16. Roichi sagt:

    Hugh Heffner als Politiker.

  17. Sash sagt:

    @Roichi:
    Wäwäwä! 😉

  18. Maik aus Wilhelmshaven sagt:

    Moin!

    Bin anfangs nachts gefahren, bis ich meinem damaligen Chef als Nachtschichtfahrer „zu schade war“. Seitdem darf ich mich am Tage über die Straßen bewegen. Und das einzige, was mich daran stört, ist die frühe Anfangszeit, 6.00 Uhr ist eindeutig zu früh. Aber, ich als bekennender Langschläfer, hatte bislang immer die Frühaufsteher-Jobs ….. 😉

    Und aus heutiger Sicht gefällt mir das Tagfahren deutlich besser, es ist einfach sehr abwechslungsreich. Sicher, man hat viele Kunden, die einem ihre Krankheitsgeschichte erzählen, aber man hat auch viele andere nette Gespräche. Und es kommt auch öfter mal vor, das man kuriose, lustige aber auch traurige Geschichten erlebt.
    Alles in allem, ich möchte nie wieder nachts fahren müssen (außer mal eine Samstagnacht-Schicht, um mal zu sehen, wie es ist…..)

    Aber, wenn man bei uns mit den Kollegen redet, dann bekommt man das Gefühl, es gibt zweierlei Taxifahrer. Die eingefleischten Nachtfahrer und die überzeugten Tagfahrer. Und die allerwenigsten könne sich einen Wechsel vorstellen 😉

  19. Sash sagt:

    @Maik aus Wilhelmshaven:
    Ich kann mir gut vorstellen, dass in vielen kleineren Städten die Nachtschicht viel langweiliger ist. Aber abgesehen davon ist es wohl wirklich eine Einstellungssache. Mein Tagfahrer hat mir am ersten Tag ja auch gesagt: „Ich würde Dir ja gerne irgendwelche Tipps geben, aber Du machst ja einen komplett anderen Job als ich …“ 🙂

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