Das richtige Einsteigen und Aussteigen bei einem PKW will gelernt sein. Insbesondere unter Drogeneinfluß verhalten sich die Leute bei dieser eigentlich nicht sehr beeindruckenden Problematik irrational. Bei manchen Fahrgastgruppen kann man daherreden, wie man will:
Der mit den längsten Beinen krabbelt in die dritte Sitzreihe, direkt nachdem ich gesagt habe, dass dort Platz für kleine Personen mit kurzen Beinen ist. Kaum dass ich dann die Rückbank zurückschiebe, wissen sie, dass es eine schlechte Idee war, weigern sich aber, von ihrem Plan abzurücken.
Die Person in der Gruppe, die mit 2,10 m Länge und 80 cm Breite am besten auf dem Beifahrersitz Platz nehmen sollte, quetscht sich hinter meinen Sitz. Auf dem mittleren Sitz sitzt dann gewöhnlich ein ziemlich breiter Fahrgast, der zwar recht kurze Beine hat, diese aber beide nach links packt, wo sie zusammen mit denen des Zwozehners und meinem Fahrersitz eine unentwirrbare Einheit werden. Ganz rechts auf der Rückbank sitzt das kleine und zierliche Mädchen, dass von den zwei Dicken zwar bis an die rechte Tür gequetscht wird, dafür hat sie aber im Fußraum noch locker Platz für zwei Reisetaschen. Die hat aber mein Beifahrer auf dem Schoß. Der passt eigentlich super auf den Sitz, weigert sich aber, ihn nach hinten zu schieben, weil er das arme Mädel in der Bewegungsfreiheit nicht einschränken will. Während er mit den zwei Reisetaschen in den Armen kämpft, die nebenbei für mich das Schalten in die Gänge 3, 4 und 5 unmöglich machen, bleibt der letzte Platz im Auto, die eine Hälfte Kofferraum, leer.
Solch extrem begabte Gruppen wiegeln Vorschläge meinerseits in der Regel mit dem Verweis auf Lieblingsplätze ab oder freuen sich darüber, dass sie jetzt über Conny lästern können, dessen Knie ich beim Fahren gelegentlich an der rechten Niere spüre, der aber so unglaublich lustig aussehen muss mit seinem schmerzverzerrten Gesicht, dass sich das ganze Chaos offenbar dafür schon gelohnt hat.
Während obige Beispieltruppe jetzt natürlich von mir besonders böswillig zusammengestellt wurde gestaltet es sich in der Regel wesentlich harmloser. So hatte ich neulich zwei Fahrgäste:
Er war ein sportlicher Mittdreißiger mit ersten Anzeichen von Glatzenbildung, 1,70 m groß und ansonsten sehr unscheinbar.
Sie hingegen war wahrscheinlich noch keine 30 Jahre alt, dafür mit rund 1,90 m sehr hoch gewachsen (wenn ich Frauen mal auf Augenhöhe begegne…), und gut die Hälfte davon waren Beine.
Sie quetschte sich mit ambitioniertem Gesichtsausdruck hinter meinen Sitz auf die Rückbank, allerlei Posen ausprobierend, bis sie die Beine weit nach rechts gen Mittelkonsole streckte. Statt jetzt durchzurutschen auf die rechte Seite (wo der Beifahrersitz maximal nach vorne gestellt ist und im Fond für unglaublich viel Platz sorgt) bittet sie (!) ihren Begleiter, doch rechts zu sitzen. Dieser tut wie ihm geheißen, rennt einmal ums Auto herum und lässt sich in die endlose Leere fallen. Ich bin überzeugt davon, dass er die Beine geradewegs ausstrecken kann, aber er überprüft das langweiligerweise nicht. So denn.
Die Fahrt war nett und problemlos, die gute Frau hat sich auch kein bisschen beschwert über ihre unnötig unpraktische Platzwahl, einen Einwand meinerseits hat sie wie alle mit einem „Geht schon“ abgewiesen.
Als wir am Ziel ankommen, versucht sie ihre Beine zum Ausstieg zu entknoten, wobei sie sehr schwungvoll – wo immer sie den Schwung her hatte? – gegen meinen Sitz stieß. Das mir reflexhaft entwichene „Aua!“ galt sowohl ihr als auch meinen Rippen, ich ergänzte es aber lediglich auf sie bezogen um die Frage:
„Alles ok? Haben sie sich weh getan?“
Die Antwort kam selbst für mich überraschend:
„Ja, aua! Das ist ja fies! Dafür geb ich jetzt halt weniger Trinkgeld!“
Also bin ich schuld. Wer auch sonst?