Großstadtwünsche

So, kleines Geschichtchen noch:

Manchmal klinge ich vielleicht ein bisschen fies, wenn ich über Kunden sage, sie sollten schon selbst wissen, was sie wollen. Aber das ist wirklich nicht so gemeint. Die zauberhafte Erklärung ist schlicht: Berlin ist groß!

Ich hab großes Verständnis für all die Touristen, die hierher kommen, um endlich mal was richtig tolles zu erleben. Und das kann man in Berlin ja auch zweifellos. Schwierig wird es halt, wenn man nicht weiß, was man genau erleben will – denn da haben wir dann das Problem mit der Qual der Wahl. In kleinen Städten ist es sicher nicht schwer, beispielsweise „den besten Club“ zu empfehlen. In Berlin sollte man etwas mehr ins Detail gehen. Vielleicht lässt es sich so begreiflich machen: Selbst in einer kleineren Stadt wie z.B. Potsdam würde man sicher blöd angeguckt, wenn man fragt, wo man denn am besten ein Bier trinken gehen könne. Denn Kneipen, in denen Bier ausgeschenkt wird, gibt es selbst in Potsdam dermaßen viele, dass man die Auswahl nicht vernünftig einschränken könnte.

Und dann das:

„Hello, Do you have an idea, where we should go?“

„Well, what are you searching for?“

„Just a place where we can drink something. Maybe with music?“

„What kind of music?“

„Hmm, good music.“

Araber, Juden und die EM 2012

Oder: „Die Iraner isse besoffen!“

Obwohl ich bei dieser Fußball-EM für mich bisher ungewöhnlich viele Spiele gesehen hab, ist mir das ganze Getue auch dieses Mal wieder auf den Wecker gegangen. Ich unterhalte mich zwar auch als nicht sonderlich fußballinteressierter Mensch mal gerne über ein Ergebnis (ist ja nicht so, dass mich das Wetter – sonst gerne Smalltalk-Thema – rasend begeistern würde!), aber irgendwie hatte man dann doch wie immer das Gefühl, die vorherrschende Logik wäre folgende:

„Ich brülle lauter und beleidige dein Heimatland besser, also gewinnt mein Team – und zwar zurecht!“

Dass nicht einmal die meisten Kollegen irgendeinen Zugang zu meiner Aussage „ist mir eigentlich egal, ob die Deutschen gewinnen“ fanden, versteht sich ja leider fast schon von selbst. Die meisten Leser hingegen werden wissen, dass ich nicht viel von Patriotismus – und noch weniger von Nationalismus – halte. Dass ich Multikulti noch immer nicht für ein Schimpfwort halte, liegt neben vielem anderen auch an meinen Fahrgästen. Viele von euch haben über die Spinner meiner „Alles eins„-Tour gelacht, heute nacht gab es Nachschub.

Erst kurz zuvor hatte ich ein paar Torfköpfe im Auto, die glaubten, dank der EM-Spielberichte aus der BILD könnten sie nun gut informiert über europäische Finanzpolitik reden, da tippelten zwei massige junge Männer mit eher südländischem Aussehen zu meinem Taxi am Ostbahnhof. Ähnlich der Gestalten der oben verlinkten Tour waren sie mir erstmal nicht unbedingt sympathisch, aber das änderte sich schnell. Ich hab klargestellt, dass ich keine Festpreise mache und sie akzeptierten das. Dann jammerten sie zwei- bis dreisprachig über das eben erst beendete EM-Spiel zwischen Spanien und Frankreich. Sie hatten wohl unterschiedliche Wetten plaziert, Heimatstolz trieb offenbar keinen der beiden:

„Ach, sag isch: Hör nicht auf den da hintern! Der ist von Iran!“

„Jaja Mann! Aber den Holzkopf vorne ist Jude!“

„Immer vorsichtig mit Mensche von Iran, sag ich!“

„Geh doch heulen bei wie heißt der? Netanjahu?“

Da hatte ich mir ja gleich das Weltkrisengebiet schlechthin ins Auto gepackt. Super! Im Gegensatz zu ihren oftmals aber doch eher … naja … festgefahrenen Landsleuten nutzten die beiden den ja nicht gerade lächerlichen Konflikt allenfalls zum gegenseitigen Necken. Da könnten sich einige mal ein Scheibchen von abschneiden!

„Alta, bis‘ du morgen Scheißen-England oder Italien?“

„Kein Plan, was wetten?“

„Alta, wirst du so verlieren, weil du morgen England bist!“

„Voll egal, wo ich bin: Deutschland putzt eh weg! Wird Deutschland Aropameister!“

„Haha! Has‘ gehört dem Iraner? Sagt Arabermeister!“

„Hab ich net!“

„Hat gesagt Arabermeister, der alte Araber!“

Daraufhin fingen sie an, die wichtigste Frage all derer zu klären, die bis auf ihre nationale keine sonstige Identität zu haben scheinen: Ob denn „die Araber“ im deutschen Team deutsch seien. Ein Bisschen hatte ich immer noch Sorgen, das könne eklig werden, aber am Ende haben sie sich darauf geeinigt, dass „wer hat Pass und will spiele für Deutschland is Deutsche!“ Und dass sie so wie sie spielen ruhig Arabermeister werden könnten … 😉

Mit der Zeit hatte ich Tränen in den Augen, weil die beiden echt lustig geworden sind. Der Iraner, so wurde mir erzählt, würde nur so dusseliges Deutsch reden, weil er erstmals Alkohol hätte trinken können und der offenbar wirklich aus Israel stammende andere bekam vorgeworfen, dass er ja nun nur für die Italiener sei, weil die wiederum weniger trinken würden als die Engländer, was seit heute – im Namen Allahs! – überhaupt keine gute Idee mehr sei. Oder so.

Die beiden haben einfach eine perfekte Parodie geliefert auf all die unnützen Scharmützel da draußen, auf all die Scheiße, die im Namen von Nationen und Kulturen täglich passiert.

Natürlich, die Welt ist nicht so einfach wie eine Taxifahrt vom Ostbahnhof nach Charlottenburg! Aber verdammt, was würden wir alle gut daran tun, es wenigstens mal auf diesem Weg zu versuchen!

Köpebicker

„OK, wo soll es hingehen?“

„Wait, I have to remember …“

Sehr interessant, dass sie an diesem Punkt ihr Smartphone zückte. Aber ich gebe zu, ich mache das auch öfter. Ich sage, ich müsse kurz überlegen und schalte währenddessen das Navi scharf.

„Here: Köpebicker Straße 20!“

„I think, you mean Köpenicker …“

„Yeah, could be right.“

„OK, then I just have 1 question: which one?“

„20!“

„Ok, but which of the Köpenicker Streets? We have nearly 10 of them!“

Immer wieder nett 🙂

Zugegeben: In dem Fall war es die Köpenicker, die direkt beim Ostbahnhof ums Eck liegt. Aber wissen kann man das ja nie, da frage ich doch besser nach!

Im Übrigen befindet sich auch eine (leider nicht vollständige) Liste doppelter Straßennamen im Berliner Atlas paradoxaler Mobilität. Das Buch empfehle ich nicht nur einfach so: Zum einen ist eine der Karten im Buch auf meine Fahrten zurückzuführen, zum anderen ist es auch eine sehr interessante Herangehensweise an eine Stadt wie Berlin. Ich hab es erst kürzlich zu Ende gelesen und lege es ernstlich jedem nahe, der sich mit Kunst und Karten, Mobilität und Meisterwerken, Wissenschaft und Widersprüchlichem auseinandersetzen will.

Waterloo!

Es war eine typische Touristentruppe, die sich vor dem Berghain ihren Weg durch die Neuankömmlinge bahnte. Ein Pärchen stolzierte eilig und wahrscheinlich traumatisiert, weil man sie nicht reingelassen hat, voran, zwei weitere Mädels versuchten Schritt zu halten. Eine der beiden rief dem Pärchen permanent zu:

„Waterloo! Waterloo!“

Mit noch mehr Abstand schlenderten zwei Jungs hinter ihnen her, sichtlich cool und gelassen.

Das Pärchen hielt offenbar nebenher Ausschau nach einem Großraum-Taxi. So geriet ich langsam ins Visier. Wir beäugten uns gegenseitig skeptisch, etwas das ich inzwischen auch sehr gut kann. Zugegeben, manche sind dann schon weggerannt. Bei den meisten hilft es aber, das sie schneller ihre Frage stellen 😉

„We …“

„Waterloo! Waterloo!“

Das Gebrüll der Freundin übertönte die Anfrage des jungen Mädchens total und bis die Jungs auch am Auto waren, haben sie sich eigentlich nur gegenseitig angebrüllt und so herauszufinden versucht, was sie eigentlich wollen. Mit den Jungs ging das dann:

„Man, got six seats? Six people?“

„Yes, no problem.“

„OK, we …“

„Waterloo! Waterloo!“

-.-

„We wanna go to the …“

„Waterloo! Waterloo!“

„… Watergate.“

Geht doch 😀

…und danach zum Restaurant „Café“

Ein wirklich schweres Los gezogen hatten ein paar englische Touristen am Ostbahnhof dieses Wochenende. Kein verdammter Taxifahrer wollte sie zu ihrem Hotel bringen. Auf den ersten Blick mag das nach „Servicewüste Deutschland“ aussehen, insbesondere weil die drei jungen Leute keine Anstalten machten, sich ihr Essen nochmal durch den Kopf gehen zu lassen oder sonst irgendwie schwierig waren. Allerdings waren die Fahrer am Stand gar nicht uninteressiert, nur die Umsetzung stellte ausnahmslos alle vor unüberwindbare Probleme. Die potenziellen Fahrgäste hatten sich von ihrem Hotel leider die falschen Buchstabenkombinationen gemerkt und verlangten fortwährend, man möge sie ins Hotel „Pension“ bringen.

Manchmal kann man leider wirklich nicht helfen. 🙁

Die Lösung hat sie übrigens am Ende eine Viertelstunde verschiedenster Telefonate gekostet. Die haben alles in allem sicher mehr gekostet als die Taxifahrt am Ende. Ich weiß übrigens nicht, wo es dann hin ging. Die Fahrt hat letztlich ein mir unbekannter Kollege gemacht. Es erinnerte mich allerdings stark an den Australier im himmelblauen T-Shirt, der sich damals zu der Bezeichnung „a place called Platz“ hinreissen ließ.

Kuriose Geber

Da bin ich am Berghain mal schön mitten aus der Reihe weggekommen. Fünf Franzosen hatten in meiner 1925 zielsicher ein Großraumtaxi gesehen und ich war froh um die schnelle Tour. Fahrtziel sollte das Kotbusser Tor sein, ich überschlug den Preis inklusive Zuschlag auf etwa 9 €.

Die komplette Fahrt über verbrachten wir mit der Suche nach einem passenden Radiosender, das übliche bei frühmorgendlichen Clubtouren. Mir war zwar vorher klar, dass sich das Gesuche für die dreieinhalb Minuten Fahrt kaum lohnen würde, aber wenn die Kinderchen spielen wollen, sollen sie das doch tun 😉

Ähnlich wie bei Spaniern und Italienern grassieren im Kollegenkreis eine Menge Vorurteile über die Trinkgeldfaulheit von Franzosen. Meiner Erfahrung nach ein bisschen aus der Luft gegriffen, aber diese Truppe machte dem Klischee alle Ehre. 5 Leute und kein Trinkgeld bei 9,30 € Gesamtfahrpreis. Ein bisschen bitter, insbesondere da das eine Tour ist, bei der sich im Vergleich zu den anderen öffentlichen Verkehrsmitteln eine halbe Stunde Zeit, 500 Meter Fußweg und ein paar Euro gespart haben. Aber gut, man meckert nicht. Ich hab dem Zahlmeister die 70 Cent Rückgeld gegeben und mich ans Umklappen der Rückbank gemacht. Anders kommt der in der letzten Reihe kaum raus – und wenn es schon kein Trinkgeld gibt, wollte ich gleich zweimal nicht einen blinden Passagier für die restliche Nacht haben 😉

Nun aber fielen die Vorurteile fein säuberlich in sich zusammen. Kaum dass ich den letzten Hansel befreit hatte, kramte er in seiner Hosentasche, reichte mir einen Zweier und bedankte sich für die nette Fahrt. Als ich mich dann wieder ins Auto gesetzt habe, sprang einer der anderen an mein Fenster und drückte mir 50 Cent in die Hand mit einem freundlichen Lächeln. Ich hätte an dieser Stelle losfahren wollen, aber die Beifahrertüre stand noch offen. Ich lehnte mich also hinüber, um die Tür zu schließen. Auf dieser Seite des Wagens stand noch der junge Kerl, der mich bezahlt hatte, und offenbar dachte er angestrengt über etwas nach. Dann wandte er sich mir zu und entschuldigte sich für seine Unverschämtheit und gab mir die 70 Cent Wechselgeld zurück. Die Tür hat er dann auch noch zugemacht.

Äh… wow?

Also meiner bescheidenen Meinung nach dürften alle Touren so laufen 😀

Schnabbeno!

Ja, tatsächlich: So hat sie das gesagt.

„Schnabbeno!“

Wenngleich sie aus einer ganz anderen Ecke in Deutschland kam, hat mich nur mein 25jähriges Schwäbisch-Studium gerettet und mich auch wirklich das verstehen lassen, was sie gemeint hat:

„Schönen Abend noch!“

An dieser Formulierung hing wenigstens keine Adressenfindung mehr. Ganz anders bei der Frau in den Vierzigern, die mit ihrem geblümten Kleid etwas schüchtern an die Taxischlange am Ostbahnhof getreten ist. Sie wollte nur eine kurze Auskunft, nämlich wie viel ein Taxi zur Schönfelder Straße kosten würde, da müsse sie später am Abend hin. Das hat mir erstmal gar nix gesagt, was sich auch umgehend als gute Ortskunde erweisen sollte. Das Navi spuckte nicht wie üblich mehrere Straßen als Ergebnis aus, sondern gar keine. Gibt es offensichtlich nicht. Das aber beeindruckte die Kundin in spe nicht, denn sie meinte gleich:

„Kann auch Allee heißen oder so, so genau weiß ich das nicht…“

„Dann sollten sie den genauen Namen aber besser noch in Erfahrung bringen, denn wenn es nachher um eine Schönefelder oder Schöneberger geht, da haben wir dann reichlich Auswahl an Straßen, Alleen und Chausseen. Wo wollen sie denn da genau hin?“

„Ich weiß auch nicht, da ist so ein Club…“

„Dann vermute ich mal, sie meinen die Schönhauser Allee?“

„Ah ja, das kann sein.“

„Da gibt es zumindest ein paar Clubs, das kostet dann je nachdem so 11 bis 13 € von hier aus.“

Zugegeben, man kann auch noch ein paar Euro mehr ausgeben, die Schönhauser ist lang. Aber die meisten Clubs liegen dann doch eher in der südlichen Hälfte der Straße. (Bei der Karte im verlinkten Artikel hat Google übrigens einmal mehr die Routen nachträglich geändert, so dass die nördlichste weggefallen ist.)

Kleiner Fun-Fact am Rande:

Immer wenn es um den Namen der Schönhauser Allee geht, muss ich an die Zeit denken, in der ich wie blöde auf den P-Schein gelernt habe. Damals meinte meine bessere Hälfte nämlich anerkennend, dass ich als Zugezogener ja doch zumindest ein paar Probleme mehr hätte, da ein Berliner niemals in die Verlegenheit käme, bei der Schönhauser nicht sofort zu wissen, dass es „Allee“ heißt und nicht „Straße“. Da kann ich allerdings zugewanderten P-Schein-Aspiranten mitgeben: DAS ist noch das kleinste Problem 😀