Neues aus der Honkologie

Wo meine Kundschaft in der Regel nur durch dumme Sprüche und liebenswerte Anekdoten auffällt, wird es anderswo schon mal handgreiflich. Überfälle gibt es ja schon genug, aber manchmal werden leider auch Meinungsverschiedenheiten im schlechtesten Sinne nonverbal geklärt.

Hier ist mal wieder eine Polizeipressemeldung von vergangener Nacht. Der Fahrgast hat den Fahrer geschlagen und ist dann in eine Pizzeria gegangen. Was immer auch los war, clever ist was anderes. Für die Polizei jedenfalls war er recht leicht zu finden…

Das erinnert mich an einen Kollegen, der neulich am Ostbahnhof nach Zeugen gesucht hat, die ihm bestätigen können, dass sein Fahrgast (der mal kurz zum McDonalds ist) ihm beim Aussteigen gegens Auto getreten hat. 🙁

Mir ist ja bewusst, dass es im und ums Taxi mal zu Streit kommen kann. Aber wenn wir ehrlich sind, geht es selten um mehr als 10 €. Mal ganz im Ernst: Wer prügelt sich wegen so einer Summe?

Naja, und wenn wir schon in der Abteilung Honkologie sind, dann möchte ich auch die Spaßvögel ermahnen, dass ich die Bäckervergleiche hier im Blog nicht mache, damit ab jetzt Bäckereien überfallen werden. Doofe Sache, das.

Gestern Abend

…sind bei weitem nicht alle Cops durch meine alte Heimatstadt Stuttgart gezogen und haben Kinder verdroschen. Ein Teil der Berliner musste hier bleiben, um am Ostkreuz eine Bombe zu entschärfen.

Das scheint auch ganz gut gelungen zu sein, immerhin existierten bis zu meinem Feierabend die üblichen Straßenzüge noch soweit, dass ich nicht über die Anschaffung eines neuen Stadtplanes nachdenken muss. Die Zeit der Verkehrssperrungen war wohl ziemlich anstrengend, für uns Taxifahrer gab es im Gegenzug recht viele Fahrten, weil etliche Bahnen und Busse ausgefallen sind.

So fiel auch mein Schichtbeginn nicht schlecht aus. Einer meiner Fahrgäste erzählte eine nette Anekdote von einer Absperrung, bei der sich Autofahrer bei der Polizei beschwert haben. Zitat eines genervten Polizisten:

„Da müssen sie sich bei den Amerikanern bedanken!“

Für sie dat selbe!

„Nein, einmal Nummer 63 extra scharf und eine große Cola bitte.“

Das wäre sicher die beste Antwort gewesen, die ich hätte geben können. Wahrscheinlich würde ich dann aber jetzt nicht so gut gelaunt bloggen.

„Für sie dat selbe!“

hat leider nicht mein geschätzter Freund beim Stammdöner oder der Kellner bei der letzten Betriebsweihnachtsfeier zu mir gesagt, sondern ein offensichtlich im Dienst befindlicher Teil der Staatsgewalt.

„Für sie dat selbe!“

war also offensichtlich eine Belehrung, eine Feststellung, eine Frage oder irgendwas, was ich scheinbar ernst nehmen sollte, denn ein freundlicher Plausch unter Nachtschichtlern war es nicht. Die einzige nähere Information zum Sachverhalt lautete wortwörtlich:

„Mann, mich kotzt das hier langsam an!“

Danach sind sie weitergefahren.

OK, es ist natürlich nicht so, dass ich nicht wüsste, worum es geht. Wenngleich die oben stehenden Aussagen tatsächlich alles war, was ich von der Polizei heute Nacht gesagt bekommen habe. Es geht um das Problem mit dem Halten der Taxen vor dem Matrix.

In dem Fall würde ich aber – trotz aller Bekenntnisse zur StVO in den letzten Tagen – lieber von einem Problem der Gesetzeslage oder einem Problem mit missgelaunten Polizisten reden. Denn eigentlich gibt es kein Problem.

Wie vor fast jeder Veranstaltung in dieser von mehr als 3 Millionen Menschen bevölkerten Stadt stehen vor dem Matrix nachts Taxen. Mal mehr, mal weniger, mal in der Rotherstr., mal am Warschauer Platz. Immer jedoch in zweiter Reihe. Das ist zweifelsohne nicht legal, im Grunde aber völlig egal. Im Gegensatz zu vielen anderen Plätzen in der Stadt ist diese Ecke, die Oberbaum City, eigentlich kein Nachtschwärmerviertel. Ja, das Matrix liegt dort, ansonsten findet sich auf dieser Seite der Warschauer Str. kaum eine geöffnete Lokalität, die großes Publikum anzieht. Das Haus B, eine Schwulendisco und das Billard-House kann man noch dazu zählen, aber unter der Woche ist das ein Geschäftsviertel, das mit nur wenigen Anwohnern nachts nahezu entvölkert ist. Bis auf die Clubgäste und die Taxifahrer.

Die Straßen, von denen wir reden, sind recht breite Tempo-30-Zonen mit Kopfsteinpflaster, an ruhigen Tagen stehen nur vereinzelt Autos am Straßenrand. Um es für Unbedarfte mal ganz deutlich zu sagen: Was in dem Eck Berlins auf der Straße los ist, interessiert kein Schwein!

Und im Normalfall auch nicht die Berufsgruppe, deren Angehörige von manchen gerne mal als solche bezeichnet werden.

In anderthalb Jahren regelmäßiger Matrixbesuche ist bisher noch in jeder Nacht mindestens ein Streifenwagen oder eine Wanne an mir vorbeigefahren. Mal stand ich alleine da, mal im Kreise von 20 Kollegen. Und in 90% der Fälle nicht gesetzeskonform. Bisher bin ich dreimal angesprochen, bzw. weggeschickt worden. Heute schon inklusive!

Mir ist natürlich klar, dass die Polizei durchaus wichtigere Aufgaben hat, ich glaube dennoch auch, dass es kein Zufall ist. Ich behaupte nämlich weiterhin, dass wir der Polizei vor Ort eine Menge Arbeit ersparen, indem wir massenhaft alkoholisierte Jugendliche direkt vor dem Club einsammeln, und sie dadurch gar nicht erst auf die Idee kommen, bei einem spontanen Ausflug ihre Umgebung auf verschiedenste Art umzugestalten.

Dazu kommt, dass die Verkehrsbehinderung zumindest unter der Woche nicht existent ist. Am Wochenende wird es durchaus mal eng um den Club selbst, aber als Taxifahrer sind wir ja doch sehr zuverlässig an unseren Fahrzeugen anzutreffen, sodass sowohl für ein- und ausparkende Clubgänger, als auch für Rettungs- und sonstige Einsatzfahrzeuge stets umgehend der Platz, so er denn benötigt wird, freigemacht wird. Irgendwelche unschönen Einzelfälle mag es sicher schon gegeben haben, ich habe aber jedenfalls noch keinen mitbekommen.

Nur gelegentlich kommt eine (wahrscheinlich ist es immer die gleiche) Streifenwagenbesatzung vorbei und beschwört Weltuntergang und Sittenverfall ob der anarchistischen Zustände.

Ich bin natürlich im Unrecht, werde aber sicher noch das ein oder andere Mal dort zu finden sein. Auch in der zweiten Reihe. Bis es dazu irgendwelche Änderungen gibt (Man könnte ja beispielsweise eine Taxihalte dort einrichten) muss ich wohl weiterhin mal kurz wegfahren oder einfach „Jo, alles klar!“ antworten, wenn mal wieder ein Auto neben meinem Fenster hält, und der Fahrer zu mir sagt:

„Für sie dat selbe!“

Unübliche Wünsche

„Fahr mal hinter Polizei her!“

Das kannte ich bisher auch nicht. Ich hab das Spielchen auch nicht wirklich lange mitmachen müssen. Kurz nach dem Start erhielt ich eine Zieladresse, die in die entgegengesetzte Richtung lag. Aber was versuchen Fahrgäste nicht alles, wenn die beste Freundin eben zur Identitätsfeststellung mit aufs Revier genommen werden?

Die junge Dame hatte definitiv nicht den besten Abend erwischt. Zwei „Freundinnen“ ihrerseits haben sich offenbar vor dem Matrix verkloppt, und zumindest eine der beiden wurde von den Cops kassiert.

Aus irgendwelchen nicht näher bekannten Gründen musste sie jetzt aber zu just dieser Freundin nach Hause, um auf sie zu warten oder so. Nicht nur, dass sie unterwegs erzählt hat, sie müsse jetzt eben versuchen, die Tür bei der betreffenden Person zu Hause „öffnen“ (wozu sie sich schon „Jungs bestellt“ hat), nein die Tour war auch auf andere Art und Weise witzig. Sie hat den Polizei-Notruf (!) angerufen, um ihrer Freundin die Nachricht zukommen zu lassen, dass sie nun bei ihr zu Hause ist. Mit besonders denkwürdigen Möglichkeiten, Wedekindstraße auszusprechen:

„In Weddiningstraße oder so!“

Warum fahrt ihr Kollegen alle nicht das Matrix an? Das ist echt witzig 😀

Der missratene Abend des Mark X.*

*Name geändert

Das erste Mal gesehen habe ich ihn, als ich vor dem Matrix gewartet habe. Er kam vom Süden her ange… naja, schwankt und lief mit einer beachtenswerten Anzahl an Ausfallschritten am Matrix und damit an mir vorbei. Ich hab mir noch gedacht:

„Wow, das is’n Pegel, der sicher schon keinen Spaß mehr macht!“

Für mich folgte alsbald eine Fahrt, und dabei sah ich ihn wieder: Auf der Warschauer Brücke übers Geländer hängend. Offenbar hat er seinen Mageninhalt auf den 7 Meter tiefer liegenden Bahnsteig verfrachtet. Von meiner Tour zurückkommend sah ich ihn dann das dritte Mal. Er lag am Boden auf der Brücke, und ein Mann stand daneben und winkte mich ran. Ein Mensch, offenbar aus einem der östlichen Nachbarstaaten, fragte in mehr oder minder gebrochenem Deutsch, ob ich die Notrufnummer kennen würde.

Ich hab dann quasi erstmalig in meinem Leben freiwillig die 110 gewählt und den Cops Bescheid gegeben, dass hier auf der Warschauer Brücke einer Hilfe braucht. Dieser werte Herr war nämlich nur zeitweise ansprechbar, aber immerhin hat er seinen Namen und seine Adresse wiederholt preisgegeben. Inklusive Details wie „Zweiter Aufgang, da gibt es zwei Aufgänge…“ Sogar den Namen seiner Freundin wusste er noch. Dass er mir unterstellte, ich hätte sie gefickt, habe ich aufgrund seines Zustandes sogar wohlwollend zur Seite schieben können. Überhaupt habe ich öfter mit dem Gedanken gespielt, ihn ins Taxi zu packen, aber der wiederholte Versuch seinerseits, Flüssigkeit über den Mund abzusondern, sowie die Gefahr, dass er bei falscher Körperlage daran ersticken könnte, haben mich davon abgehalten. Das wäre im Übrigen bei weitem die beste Fahrt der Schicht gewesen, wenn die Adresse stimmt…

Aber so haben wir auf die Cops gewartet, die auch keine 5 Minuten später da waren. Beachtlich war die Reaktion auf den ersten Grünen, der ihn packte, aufrichtete und meinte:

„Halloho! Berliner Polizei hier! Was ist los? Zuviel getrunken?“

Die war nämlich folgende:

„N‘ bisschen!“

Er gab zu, nicht mehr aufstehen zu können und bat darum, heimgebracht zu werden. Auf die Aussage des Cops („Hör mal, wenn wir das machen, dann wird das teuer!“) konnte er immerhin sagen:

„Des is scheißegal…“

Naja, mich haben die Cops dann alsbald entlassen, und somit war die Sache für mich vorbei. Trotz eigenem Verschulden hoffe ich mal, dass der Kerl gut heimgebracht wurde, und die Rechnung nicht zu immens war.

Die grünen Männchen…

Ich habe ja schon (noch im alten Blog) angekündigt, dass es ein paar Dinge zu erzählen gibt. Darunter sind einige schöne, aber eben auch dieses jenes hier, was mich gelinde gesagt… ankotzt.

Ich habe meinen Tag wie so oft am Ostbahnhof gestartet. Davor wollte mal wieder kein Winker meine Dienstleistung beanspruchen. Sodenn! Stand ich da also in Position 4 und habe gewartet. Dann traten rechts an mein Auto zwei Gestalten, und insbesondere mit dem männlichen Part des Gespanns hatte ich eine seltsame Art Blickkontakt, die ich zwar vehement nicht in die Kategorie „Flirten“ packe, aber letztlich etwas davon hatte. Er kam zum Auto, redete noch mit ihr, und dann stieg sie als erstes quasi ein mit den Worten

„Ich hab gehört, ich kann mir das Taxi aussuchen!?“

„Natürlich können sie das, ICH freue mich jedenfalls, wenn sie mit mir fahren…“

war so in etwa das, was ich gesagt habe. Er meinte dann: „Wieviel macht das denn nach Haselhorst?“ Es kam das Übliche: Ich hab gesagt, noch weiss ich das nicht so genau, er meinte daraufhin: der Kollege hätte 35 gesagt. Ich meinte: Nee, eher weniger… Dann Zieladresse ins Navi und dann war klar, dass es deutlich weniger ist, und sie sind endgültig eingestiegen.

Dass meine Kollegen das aber auch immer wieder versuchen müssen…

Also hatte ich zu Schichtbeginn eine 25-Euro-Fahrt, die auch super-locker lief. Er war selbst mal Taxifahrer, spielt jetzt nebenher in einer Country-Band (war eine Country-Messe in der Stadt) und so weiter und so fort. Einfach geil! Bis zum Jakob-Kaiser-Platz!

Dort war ich erst das zweite Mal in meinem Leben, und so habe ich mich verspätet auf die richtige Spur eingeordnet. Kein Thema, ein Kollege hat mich vorgelassen, alles easy. Ich gurke so durch den Kreisverkehr, sehe eine Ampel, sehe gelb, gebe Gas, und schon waren wir auf dem Siemensdamm. Noch knapp 4 km, der Großteil ist geschafft. Ich war gerade dabei, mich mit meinen Fahrgästen über Verhaltensweisen im Straßenverkehr zu unterhalten, eben darüber, dass ich nicht wie Henker fahren muss, nur weil ich damit Geld verdiene, da entdecke ich etwas fast schon vergessenes im Rückspiegel:

„STOP“, rot leuchtend, aus einzelnen Dioden bestehend, aber unverkennbar. Die Bullen!

Bin ich also spontan der Verkehrssituation angepasst mal kurz über zwei Spuren nach rechts gewechselt und habe angehalten. Ungeachtet der Gefahr, dass sie es als Gefährdung einstufen, wenn einer aussteigt, der sie um einen Kopf überragt, habe ich das Fahrzeug verlassen und bin mit gutem Gewissen auf die Cops zugelaufen. Sie forderten alle möglichen Papiere (das Übliche plus P-Schein) und erklärten mir mit ernster Miene, dass ich über Rot gefahren bin.

Ich kann hier nur versichern, dass mein Erstaunen nicht gespielt war!

Der Rest war Larifari, wenigstens habe ich mich mit meinen Fahrgästen erheiternd über den unerwarteten Halt (sie haben auch kein Rot gesehen) unterhalten können. Dabei sei insbesondere zu erwähnen, dass ich meinem Beifahrer den Verzehr von Flaschenbier erlaubt habe, und er nun langsam dringend für kleine Königstiger musste, aber – Problem!

„Wenn ich mich jetzt hier an den Busch stelle, dann muss ich auch gleich noch 25 € zahlen…“

Naja, er hat es noch bis zu Hause überlebt, und wenn ich nicht mit Widerspruch oder dergleichen durchkomme, dann habe ich mal eben spontan 3 Punkte gesammelt, und 3/4 der Schicht umsonst gearbeitet.

Ach ja, für alle, die immer noch an Fairness glauben:

„Da müssen sie als Taxifahrer besonders drauf achten, die Polizei hat da ein Auge drauf!“

Bevor jemand das falsch versteht: Wenn es rot war, dann: Fuck it, scheiß drauf, war ein Fehler, stehe ich für gerade! Kein Thema! ABER: ALLE Verkehrsteilnehmer müssen sich nach den Regeln richten – und ggf. entsprechend bestraft werden. Ich trage so oder so ein mehrfaches Handicap:

  1. Ich fahre wesentlich mehr als Otto Normalspritverbrenner
  2. Ein Fahrverbot kostet mich nicht nur Freizeit, sondern verdammt viel Geld
  3. Mein P-Schein (sprich: meine berufliche Existenz) ist schon ab ca. 8 Punkten in Gefahr, nicht erst ab 14

Insofern finde ich es nicht gerade angebracht, dass ich auch noch mit verschärfter Kontrolle zu rechnen habe – wenngleich mir klar ist, dass ich auch eine besondere Verantwortung trage. Aber wenn ich schon durch meine Anwesenheit etliche Besoffene vom Fahren abhalten kann, dann würde ich mir doch wünschen, wenigstens nicht härter drangenommen zu werden als der Rest. Fair ja, aber Sonder-Beobachtung von Taxlern halte ich für kontraproduktiv, ehrlich!