Berufswahl

Ich gehöre ja zu den glücklichen Menschen, die mit ihrer Berufswahl zufrieden sind. Glücklicherweise bin ich auch nicht alleine damit. Etwas zu denken gegeben hat mir aber eine illustere Truppe, bei der eine Frau besonders herausgestochen ist.

Sie überlegte mit einer Freundin zusammen lautstark, wie denn ein Umzug nach Berlin so machbar wäre. Wohnungen sind hier bekanntlich kein großes Problem, teuer ist die Stadt im Allgemeinen auch nicht, das Problem ist immer das selbe: Arbeit.

Wer nach Berlin zieht, muss Arbeit finden, und davon gibt es nicht allzu viel hier. Bzw. wenn, dann natürlich in den falschen Branchen.

„Ich könnte ja Schließerin im Knast machen!“

meinte sie irgendwann, und man hat das fragende Gesicht der Freundin förmlich hören können.

„Meinst du wirklich?“

„Klar. Deswegen bin ich ja Therapeutin. Leid berührt mich nicht. Mir ist das scheißegal.“

Und ein Buch will sie auch schreiben. Arbeitstitel:

„Deutsches Trauma Überwindung des Terrors – warum die freie Liebe nicht funktionierte“

Ich bin gespannt… und ein bisschen irritiert.

Kürzer als kurz…

Ich hab nur gesehen, dass zwei Männer in der Halle des Ostbahnhofes aneinandergeraten sind. Es wurden ein oder zwei Schläge ausgeteilt, irgendjemand hat sie getrennt, im Nachhinein keine große Sache.

Einer der beiden kam wutentbrannt rausgerannt, hat sich eine Minute mit einem Kollegen unterhalten, dann ist er als Fahrer in eine abgestellte Taxe gestiegen und losgefahren. Was war da bitte los?

Ich hab den Kollegen gefragt, und nach dem war die Geschichte folgende:

Der oben erwähnte Kollege stand offenbar am Ostbahnhof in der Schlange ganz vorne. Dort bekam er einen Funkauftrag zum Fritz-Club, direkt Ecke Straße der Pariser Kommune. Das ist im Grunde 40 Meter hinter Platz 1 in der Schlange, wirklich nur einmal über die Straße. Obwohl immer wieder auch Kollegen dort vor dem Club direkt warten, was einer der wenigen Streitpunkte an der Halte ist, hat er seinen Fahrgast dort auch angetroffen und aufgenommen. Und jetzt soll es so gewesen sein, dass dieser als Fahrtziel tatsächlich den Ostbahnhof angegeben hat. Also mit Wohlwollen 50 Meter Fahrtweg.

Die kurze Fassung des ebenso unbeteiligten Kollegen lässt einige Fragen offen, insbesondere, was wohl im Taxi genau passiert ist. Fakt ist wohl, dass der Fahrer ihn tatsächlich dahin gebracht hat, und der Fahrgast mit den Worten „Du Arschloch!“ das Taxi verließ und die Tür zugeknallt und/oder dagegengetreten hat.

Um diesen Vorfall zu bewerten, fehlen mir die Infos. Ich weiss nicht, was für Flüche der Kollege ausgestoßen hat, ich weiss nicht einmal, ob der Fahrgast das Taxi mit oder ohne Bezahlung verlassen hat.

Aber eine grundsätzliche Frage hat das Ganze aufgeworfen, und ich hab mit meiner besseren Hälfte unerbittlich einige Zeit über die Problematik diskutiert. Ist es ok, wenn ein Kunde eine derartige Strecke fährt, bzw. was soll so schlecht daran sein?

Meine Position war zunächst die Seite der Fahrer. Es ist allgemein bekannt, dass kurze Strecken jetzt nicht gerade das Wunderelexier sind, das uns Fahrer zum lächeln bringt. Ich selbst mache ja auch wirklich jeden Mist mit, aber kann man in so einem Fall nicht davon ausgehen, dass sich jemand über einen lustig machen will? Dass jemand 300 Meter fahren will, weil er sich kurz aufwärmen will – ok. Dass einem fußlahmen Menschen 400 Meter zu weit zum Laufen sind – ok. Dass wer sich nicht merken will, an welcher Ecke auf den 500 Metern Weg er abbiegen muss – ok. Aber 50 Meter? Mit Sichtkontakt zum Zielort? Ist das nicht ein Zeichen für „Mit dem Deppen kann ich mir mal einen Spaß erlauben“?

Die Argumentation meiner diskussionsfreudigeren Hälfte war dagegen, dass wir abgesehen von der rechtlichen Verpflichtung zur Fahrt ja durchaus auch hier durch den Startpreis entschädigt werden – wir kriegen die 3,20 € hier ja für sichtbar wenig Arbeit hinterhergeschmissen. Oder: Ist das Ganze nicht eigentlich nur deswegen schlimm, weil wir uns als Fahrer über kurze Strecken aufregen? Für 20 € ertragen wir ja auch 15 Minuten lang den ein oder anderen Deppen. Für 10 € auch noch gute 10 Minuten. Warum also sollte eine Minute, selbst wenn es nur eine abschätzige Geste ist, für 3,20 € so schlimm sein? In allen Fällen haben wir unsere Arbeit vielleicht mal nicht überragend gerne gemacht, aber ist es wirklich ein Problem dieses Kunden oder doch des Tarifs in dem Fall – also dass die Wartezeit in dem Fall zu wenig berücksichtigt ist?
Und damit einhergehend: Braucht ein Kunde wirklich einen Grund für eine Fahrt, oder sollte uns als Fahrer das nicht egal sein?

Ganz ehrlich: Ich finde unter all dem oben genannten nichts wirklich falsch. Ärgern würde ich mich wahrscheinlich dennoch über den Typen… auch wenn ich deswegen keine Schlägerei anzetteln würde.

Irgendwelche Gedanken dazu?

War das nun illegal?

Ich bin ja kein Stammgast bei den örtlichen Flughäfen. Manches Mal verschlägt es mich dorthin, um Kundschaft abzuliefern, das war es dann aber schon. Die mir undurchsichtig erscheinende Schlange sitzfleischtragender Kollegen hat mich nie genug gereizt, um mich anzustellen. In Tegel darf ich ja sowieso nicht mehr, seit zur Qualitätssicherung für 50 Cent extra pro Tour darauf geachtet wird, dass ich dort keine Kunden mitnehmen darf.

Ich bin zwar eigentlich ein recht netter Fahrer, mein Auto ist sauber und ich spreche relativ gut englisch, aber ohne Kreditkarte darf ich halt nicht mehr…

Naja, und nun habe ich einen ziemlich eiligen Kunden gleich als erste Fuhre nach Tegel bringen dürfen. Ich stehe ja überhaupt nicht auf Zeitdruck-Fahrten, aber dieser Kunde hat mir einige in meinen Augen total aberwitzige Umwege erlaubt, um ja schneller voranzukommen.

Dann musste er natürlich ausgerechnet in den abgelegenen Terminal C, an dem ich zwar selbst mal angekommen bin, deswegen aber nicht wirklich besser wusste, wo er ist. Aber zur Behebung des Problems existieren sowohl mein Gehirn als auch Hinweistafeln, sowie eine glücklicherweise geringe Anzahl an Kollegen, die mich nicht abbiegen lassen wollen, weil sie nicht darauf achten, dass meine Fackel aus ist, und ich in diesem akuten Fall mal keine Konkurrenz bin.

Wie dem auch sei, es ist tatsächlich noch kriminell geworden. Oder so…

Als ich mich nämlich vom Terminal C wieder entfernte, um mich in sowas ähnlichem wie einem Stau (bin mir nicht sicher, sowas gibt es Nachts eigentlich nicht) wiederzufinden und auf den Ausritt in die City freute, stieg mir ein Kunde ein. Irgendwo in einem Bereich, in dem ich eigentlich nur verwirrte Autofahrer und Hausmeister vermutet habe.

Im Unwissen darüber, in welche Richtung ich ihn nun überhaupt genau zum offiziellen Taxistand hätte schicken sollen, habe ich ihn mitgenommen. Dreist, ich weiss! War auch noch mal eine gute 20€-Tour. Hat mir den Abend versüßt und meine Scham hält sich in Grenzen. Was hätte ich sonst tun sollen?

Verschätzt

Gerade hatte ich den Motor wieder angeworfen. Ich wollte mich eigentlich aus dem Boxhagener Kiez verziehen, da es noch zu früh war, um die ganzen Kneipengänger einzusammeln. Aber ich hatte mich mal wieder verschätzt. Keine 100 Meter weit bin ich gekommen, als zwei Jungs mich entdeckten und winkten.

Ich bin ja im Allgemeinen vorsichtig mit Vorurteilen, aber natürlich versuche auch ich, meine Kundschaft erstmal irgendwo einzusortieren. Meist sind das harmlose Einordnungen, d.h. ich entscheide nach dem ersten Auftritt über die Begrüßungsfloskel, den Gesprächseinstieg. Besoffene australische Touris im Alter von 20 behandel ich natürlich anders als 60-jährige Anwälte auf Geschäftsreise. Beide natürlich freundlich und mit Respekt, aber ein gut gelandeter zielgruppengerechter Spruch schadet zu Beginn nie.

Ich meine so Sachen wie

„So, erst kotzen, dann einsteigen! War nur Spaß, ihr dürft auch nach dem Aussteigen noch.“

oder anderenfalls

„Machen sie sich keine Sorgen: Wenn die das Hotel nicht über Nacht umgesetzt haben, sollte ich es heute auch noch finden.“

Alles kein Problem, und bei über 2000 Fahrgästen dieses Jahr hab ich mir bei höchstens dreien ein Schweigen eingehandelt. Aber ich tue mich schwer mit Typen, die noch minderjährig sind und Goldkettchen zum Lebensziel erklärt haben.

Und genau dieser Typus waren meine beiden Neueinsteiger. Vielleicht gerade 18 Jahre alt, insofern sogar mehr oder weniger berechtigt, vom eigenen Vater bis zum Baum im Kindergarten gegenüber alles mit „Alter“ zu anzureden. Ihren Gesprächen nach ist die Welt mehr oder minder unterteilt in coole Typen, die es voll raus haben (sie) und „Spastis, die wo schwul rumreden“ (die meisten anderen). Wenn ich sie weiterhin richtig verstanden haben, ficken die Spastis auch irgendeine Ehre, wahrscheinlich die Freundin von einem der beiden.

Das war so etwa das Niveau, das mich erwartete, und auch wenn mir dieses Weltbild per se ein wenig fremd ist, glaube ich ziemlich genau zu wissen, auf welcher Seite dort ein Taxifahrer steht, der irgendwelche spießigen Regeln bezüglich Bezahlung oder dergleichen aufstellt.

Naja, ganz so schlimm waren sie nicht, aber die Sprache wurde durchaus schnell aggressiver, als sie im Auto waren. Aber es war eine kurze Strecke, die sie fahren wollten, umdrehen, einmal abbiegen, knapp zwei Kilometer.

Fuck, 2 Kilometer? Na wenn die beiden nicht nach der Hälfte der Strecke noch auf die Idee kommen, ich könne ja Kurzstrecke machen…

Aber sie waren zunächst viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, ich hab mich in die Rolle des Fahrroboters weggestohlen, nach Konversation war mir unter den Bedingungen auch nicht wirklich.

Das Ziel haben sie nicht eindeutig definiert, aber sie gaben mir rechtzeitig die Info, ich könne sie doch an der Ampel gleich rauslassen. Ich war in Gedanken schon bei Preisfeilschereien bezüglich Kurzstrecke oder beim Polizeinotruf, weil die beiden ohne Bezahlung verduften. Irgendwie hatten sie es so oder so eilig und waren nervös… man denkt sich seinen Teil. Immerhin war es eine Scheißgegend und eine blöde Uhrzeit für einen Überfall.

„Was krisch‘, Alter?“

„Wir sind bei 6,40 €.“

„Ey, mach mal 8, Alter!“

Trinkgeld. Wow. Nicht mal ein schlechtes! Ich bin beeindruckt. Wo ist jetzt das blöde letzte 2€-Stück? Und die Ampel wird auch schon wieder grün, selten blöde Ecke hier an zwei Hauptstraßen…

„Fuck, Alter! Die Ampel wird grün!“

Ich hatte noch nie – wirklich noch nie – Kundschaft, die sich dafür interessiert hat, das für ihren eiligen Haltewunsch gerade gefühlt der komplette Verkehr in der Hauptstadt stillsteht. Da mag man mich bitten, ausgerechnet im baustellenbedingt einspurigen Bereich einer vierspurigen Hauptstraße anzuhalten: Aus einem fremden Taxi heraus pöbelt es sich für alle offenbar wesentlich gelassener als sonst in Richtung der zu Recht verärgerten anderen Verkehrsteilnehmer.

Und ausgerechnet diese beiden Deppen sollen das ernst meinen? Und wie:

„Weissch, behalt Rest! Ampel is grün, Alter!“

3,60 € Trinkgeld. Es ist nicht immer schön, Leute falsch einzuschätzen. Hier war es aber so.

Alter!

Einkaufen

Nun aber noch ein kleiner Taxi-Artikel:

Ich hab die Frau an einer Haltestelle im Vorbeifahren aufgegriffen, sie hat sich spontan entschieden, nun doch ein Taxi zu nehmen. Es war eine schöne Tour bis nach Hochschönhausen, Wohnen-schön-draußen oder dorthin, wo meine bessere Hälfte gewohnt hat, bevor sie einem partiell irren Schwaben gefolgt ist.

Knapp über 10 Euro standen auf der Uhr als ich an Hausaufgang x² gehalten habe. Sie hat ein wenig im Portemonnaie gegraben, schon mal 1,50 € hinausgereicht. Über ein Euro Trinkgeld. Sehr schön soweit.

Dann drückte sie mir ein zerknittertes Papier in die Hand, das ich anhand eines blauen Randes unschwer als Nicht-10-Euro identifizieren konnte. Ich entfaltete das Papier, und schon rief es von hinten:

„Ach nein! Oh mein Gott! Da hab ich ihnen meinen Einkaufszettel gegeben!“

Kann ja mal passieren 🙂

Nett war übrigens, dass sie mit keinem Wort darauf eingegangen ist, dass sie mich beinahe um mein Geld gebracht hätte… nein:

„Das wäre aber gar nicht gut gewesen. Das hätte ich bis morgen doch alles wieder vergessen!“

Da hab ich schon schmunzeln müssen 🙂

Mehr so allgemein…

Also vorweg: Mein Lieblings-Spambot schreibt immer noch mehr als ich. Kontinuierlich postet er etwa jede Stunde in einen Artikel hier ein ellenlanges Link-Sammelsurium. Fast schon niedlich…

Ich dagegen arbeite gerade eher ein bisschen, bzw. ein bisschen mehr. Wobei ich zugeben muss, dass ich die letzten beiden Tage eher weniger Lust hatte. Das Wetter ist nicht so dolle, die Umsätze auch nicht so wirklich, und wie alle anderen auf diesem Planeten würden auch mir viele Gründe einfallen, einen Sessel dem Fahrersitz vorzuziehen.

Die gestrige Nacht hab ich mich vor dem Arbeiten gedrückt, wo es nur ging, was letztlich in einer zweistündigen Kaffeepause zur besten Arbeitszeit mit einem netten Kollegen mündete. Es stimmt schon: Auch in dem Job kann es mal gut tun, sich zwei Stunden voll auszuklinken, und nicht einfach nur eine Halte mit möglichst langer Standzeit anzufahren, wenn man mal eine Pause machen will.

Ich hab direkt im Anschluss an die Pause sogar eine ziemlich weite Tour zugunsten eben jenes Kollegen abgelehnt, weil ich eigentlich gar keinen Bock hatte, mich tief in den Südwesten der Stadt zu begeben. Aber immerhin bin ich die letzten zwei Stunden noch ganz gut durch mein Lieblingsrevier gekommen, sodass mein Umsatz gemessen an der wirklichen Arbeitszeit sogar noch halbwegs erträglich war.

Besonders nett war dann meine Abschlusstour am Ostbahnhof. Ich hab mich eher uninspiriert nochmal angestellt, fest davon ausgehend, dass ich eine lange Tour an einen Kollegen weiterreichen müsste, und ich wahrscheinlich eh frühzeitig abhauen würde. Aber das Glück war mir in Form eines Kurzstreckenmuffels auf Position 1 hold, und so hatte ich nach vielleicht einer halben Zigarette Wartezeit eine Seniorin, völlig außer Atem, mit Handtasche und zwei langen Bambusstecken als Gepäck, als Abschlussfahrt. Ob ich sie zur O2-World bringen könne…

„Na klar, kein Problem. Aber was wollen sie da um die Uhrzeit?“

„Da fahren unsere Busse ab.“

„Oh, schön! Machen sie einen Kurzurlaub?“

„Nee, nee, Anti-Atomkraft-Demo!“

Spätestens da war der Tag dann endgültig gerettet 🙂

Nicht gesehen

Und da stand ich am Ostbahnhof und wartete seit gefühlten 2 Stunden. Während ich meinen Blick zwischen der mitgebrachten Lektüre, dem rechten Außenspiegel und der Ausgangstür des Bahnhofsgebäudes schweifen lasse, öffnet sich plötzlich die Tür hinten links. Da mich das zweifelsohne sichtbar überrascht, greife ich zur Beschwichtigungsschiene:

„Oh, tut mir leid. Ich hatte sie gar nicht gesehen!“

Es gibt genügend Kunden, die keinerlei Hilfe beim Einladen oder Einsteigen brauchen, aber natürlich helfe ich gegebenenfalls. Allerdings – auch wenn es vielleicht das Klischee vom faulen Kutscher bedient – vertiefe ich mich bisweilen durchaus ins Lesen, da eine Wartezeit in ständiger Erwartungshaltung anstrengender sein kann, als eine Tour mit schlecht gelaunten Kunden.

„Kein Problem. Ich wollte ja auch nicht hier vor allen Leuten…“

erwidert mir die Pointe offenlassend die Stimme einer jungen Frau, von der ich nach dem erschreckten Umdrehen gerade noch das Gesicht wahrnehme. Na denn. Alles bestens!

Sie wünschte sich einen Straßennamen, nannte aber den Stadtteil gleich dazu. Ob ich wisse, wo das sei?

„Naja, zugegeben: Mit der Straße haben sie mich erwischt. Aber die Richtung ist ja erstmal klar. Ich würde mich freuen, wenn sie mir die Straße zeigen könnten, ansonsten nehme ich einfach das Navi.“

„Nein nein! Zeige ich ihnen. Aber manche kennen den Stadtteil gar nicht.“

„Das meinen sie nicht ernst, oder?“

„Doch, und nach der Arbeit hab ich keinen Bock, das jedes Mal zu erklären…“

„Nur keine Sorge, ich weiss schon, wo es langgeht. Sie können sich einfach entspannen!“

Sie sagte mir zu, mir die Straße zu zeigen, aber ich hab nebenbei das Navi programmiert, falls sie doch müde wird, es sich anders überlegt… und wie zum Teufel kann man den Stadtteil als Taxifahrer nicht kennen?

Aber gut, es ist eine gute Tour, 17 bis 20 €, ich bin erst einmal zufrieden und versuche es mit Smalltalk:

„Wenn sie gerade von der Arbeit kommen, lassen sie mich raten: Gastronomie?“

Das klappt immer und ist ein hervorragender Einstieg ins Gespräch. Unsere Kundschaft ist dann nahezu dieselbe, selbst gute und schlechte Tage hängen voneinander ab, denn nicht zuletzt speist sich der Pool meiner Kunden aus der enormen Anzahl derer, die sich Abends einen hinter die Binde kippen.

„Äh… nein.“

Fuck! Fettnäpfchen! Aber egal. Ich Profi, Gespräch noch nicht beendet! Ich übergehe die peinliche Realität mit gewohnter Lässigkeit:

„Hätte ja sein können. Wissen sie, die meisten, die während meiner Arbeitszeit Feierabend haben, arbeiten in der Gastronomie.“

Nach dem Satz kann man gechillt aufs Wetter umschwenken oder auf die Schönheit der Stadt bei Nacht. Auf die Bahnverbindungen, die die Taxifahrt nötig machen und auf peinliche Menschen, die einem über den Weg gelaufen sind. Ein Freundschaftsangebot meinerseits. Das Du-musst-es-nicht-sagen, das im Preis natürlich genauso inbegriffen ist wie das Du-darfst-mir-alles-erzählen.

Sie hat es nicht genutzt.

„Wenn sie mich gesehen hätten, würden sie nicht denken, ich arbeite in der Gastronomie… nein, ich arbeite im Nachtgewerbe.“

Mein „Ach so“ war nicht gekünstelt. Wenngleich das Sex-Geschäft für mich als langweiligen monogamen, dennoch aber natürlich an Körperlichkeiten interessierten Menschen zwar gleichermaßen extrem unverständlich und irgendwie faszinierend ist, so hab ich im Umgang mit den Beteiligten (Prostituierte, Freier, Tänzerinnen, sexuell anders orientierten Menschen) ja durchaus eine lockere Routine entwickelt. Die Protagonisten dieser Szenerie sind Kunden wie alle anderen auch. Im Grunde liegt unser Gewerbe in enger Nachbarschaft, ist miteinander verwoben, und da es dort oft um größere Summen geht, mangelt es meist nicht an Trinkgeld.

Da es ihr aber trotz der (wahrscheinlich gefühlt notwendigen) Offenheit scheinbar nicht sonderlich wohl war, so geoutet zu sein, hab ich es einfach bei offensivem Desinteresse belassen. Nach diesem einen Satz nahm sie das auch dankbar an, und der Rest der Unterhaltung drehte sich mehr um ihren Stadtteil, die Routenansage und das Bezahlen.

Da sie nun die ganze Zeit hinter mir saß und ich somit nicht sehen konnte, fragte ich mich aber dennoch, wie ihre Ansage gemeint war. Als sie dann ausstieg, wurde es mir dann doch recht schnell bewusst. Wer Anfang November untenrum nur einen String trägt, wundert sich natürlich nicht zu Unrecht über die Frage nach der Gastronomie als Broterwerb.

Memo an mich für die Zukunft: Erst gucken, dann quatschen! 🙂