Flaute

Ich wünschte mir langsam wirklich, das mit der Zahn-OP hätte am Dienstag bereits geklappt. Dann würde ich jetzt breifutternd das Bettchen hüten und im besten Sinne das machen, was ich mir tatsächlich so vorgenommen hatte: Urlaub auf gelben Schein. Die Auszeit wäre mir gelegen gekommen, mir ist es gerade an diesem und jenem Eck ein bisschen zu viel. Wirklich überarbeitet hab ich mich bislang zwar selten, aber dass ich gestern keinen Blogeintrag hinbekommen habe und vorgestern stattdessen runde 8 Stunden serienguckend vor dem Fernseher versumpft bin, spricht Bände. Normalerweise bin ich ja wenigstens zu Hause produktiv.

Aber gut, nun bin ich halt doch wieder der Arbeit entgegengeeilt, wobei Eile nicht wirklich angesagt war. Die Wartezeiten waren jenseits von Gut und Böse und mein Willen, wenigstens 50 € Umsatz zu machen, musste ganze sechs Stunden durchhalten. Versüßt wurde mir mein Daueraufenthalt glücklicherweise durch einen Roman von Tom Liehr, den mir ein netter Leser über meine Wunschliste hat zukommen lassen. Danke dafür, das hat mir echt die Schicht gerettet! 🙂

Immerhin war die erste Tour gleich eine nette Fahrt mit einem Leser und die letzte hat mit ihrer Länge dann wenigstens die Wartezeit ausgeglichen. Arg viel weniger als Französisch Buchholz hätte mich nach anderthalb Stunden tatsächlich ein wenig enttäuscht. Die Fahrt dorthin jedoch war durch meine gesprächige Kundin sehr unterhaltsam und ich nehme es mir inzwischen auch nicht mehr übel, dass ich das leider nur bescheidene Trinkgeld von 20 Cent auch noch dadurch annulliert habe, dass ich mich beim Wechselgeld um einen Euro beschissen habe. Naja, ein Euro ist jetzt auch kein Grund, umzudrehen und nachts um halb zwei bei jemandem zu klingeln. Obwohl ich’s mir auf der anderen Seite irgendwie auch wieder lustig vorstelle …

Mal sehen, ob der Schnee die Nacht überlebt, ich werde bis Abends wahrscheinlich erst einmal nicht mehr aus dem Fenster schauen. Muss ja auch nicht, fahre ja Abends wieder.

Dessauer Straßenkenntnisse

In die Dessauer hätte ich die beiden ja gerne mitgenommen, das wäre gefühlt schon fast außerhalb Berlins und außerdem nicht unweit meiner Heimat hier gewesen. Aber sie haben sich nur als Dessauer Bürger zu erkennen gegeben und wollten von der Boxhagener Straße lediglich zu einem der bekannten Hotels am Alex. Damit blieb die Tour unter 10 €, aber gerade bei Winkern würde ich mich ohnehin nie auch nur ansatzweise über die Streckenlänge beschweren.

Es war ein Pärchen, Ende 30 vielleicht und vermutlich so in etwa der letzte lebende Manta-Witz. Er eher prollig gekleidet, Oberlippenbart und Vokuhila, sie mit knappem Jeans-Röckchen und blonder Dauerwelle allerdings nicht weniger klischeebeladen. Für das Auftreten waren sie aber wirklich angenehme Fahrgäste. Wir fanden schnell ins Gespräch und im Grunde wollten sie sich nur über die Großartigkeit Berlins unterhalten. So ganz ohne eigenes Wissen mussten sie auch gar nicht auskommen, die Einfahrt auf die Karl-Marx-Allee kommentierten sie selbst völlig richtig und ihnen schien vor allem daran gelegen, die Größe der Stadt zu bewundern:

„Na, det is ja nu richtich weit, ne?“

„Sagen wir es so: für Berlin ist es ein recht kurzer Weg.“

„Nu ja, wir fahr’n ja aber nu schon ewich hier lang.“

„Ach, ewig. Insgesamt sind das so um die drei Kilometer.“

„Drei? Das waren doch mindestens schon fünfzehn! Durch Dessau wären wir da schon lange durch!“

Der witzige Nebeneffekt ihrer falschen Einschätzung war, dass sie meine Ortskenntnis für diese wirklich lehrbuchhaft einfache Fahrt so gnadenlos überschätzten, dass ich am Ende ungelogen beklatscht worden bin dafür, dass ich ihr Hotel gefunden hab. Bei nur 4 mal abbiegen!

Dass sie mir mit ziemlich überschwänglicher Geste erlaubten, aus den 8,40 € ganze neun zu machen, hab ich abschließend einfach mal versucht, mit Dessauer Verhältnissen zu erklären. Ich wäre dankbar, wenn mir niemand diese Illusion raubt.

Worte, Scheine, Gummibärchen

Ist ja nun wirklich schon oft gewesen, dass ich das mit dem Wechselgeld angesprochen hab: wir Taxifahrer haben in der Regel wenig dabei. Sicherheitshalber. Der eine Grund ist, im Falle eines (Über)Falles nicht unbedingt gleich zwei oder drei Schichteinnahmen verloren zu haben, der andere ist – ein wenig optimistisch – dass irgendwann auch der ein oder andere Räuber selbst aus Erfahrung gelernt hat, dass es bei uns viel weniger zu holen gibt, als gemeinhin gedacht wird.

Mit ganz blankem Portemonnaie sind wir natürlich selten unterwegs, auch die Taxiordnung schreibt uns ja z.B. vor, einen „für den üblichen Taxenverkehr ausreichenden Wechselgeldbetrag“ mitzuführen. Ein wunderbarer Gummiparagraph, dessen Vorgabe „ausreichend“ wenn es mal nicht passt für die lustigsten Vorstellungen und entsprechende Wortgefechte sorgt.

Ich für meinen Teil kann zu Beginn der Schicht auf jeden Fall auch bei einer Kurzstrecke auf einen Fuffi wechseln. Das deckt mindestens 99,9% aller Bezahlversuche ab. Und ich weiß aus dem Kollegenkreis, dass manche Fahrer da noch deutlich sparsamer sind, wobei Fünfziger dann auf der anderen Seite halt doch so verbreitet sind, dass ich mich unwohl fühlen würde.

An dem Abend ging es klassisch los: eine Tour knapp über 10 €, danach war halbwegs Ebbe in der Kasse. Meine Lieblingstankstellenbesatzung hat mir einmal mehr aus der Patsche geholfen und so stand ich wieder am Ostbahnhof. Es dauerte auch nicht lange, da hatte ich meine nächste Tour. Ungefährer Preis 8 €, mit Trinkgeld vielleicht 10. Kaum losgefahren fragte die junge Frau mich, ob es für mich in Ordnung sei, dass sie nur einen Fünfziger hätte.

„Selbstverständlich.“

„Aber sagen sie’s ehrlich, wenn es stört.“

„Ach, stören tut mich das gar nicht. Ich werde danach wahrscheinlich nochmal wechseln gehen, aber das ist ok.“

„Nein nein, wir können das auch anders machen! Ich könnte auch noch kurz zu dem Späti am Eck …“

„Bitte, ich will bestimmt keine Umstände machen, das gehört alles zum Job dazu.“

„Nein, ich bitte Sie! Dann hätte ich wenigstens eine Ausrede, mir heute noch eine Packung Gummibärchen zu holen …“

„In so einem Fall halte ich natürlich gerne als Argument her!“

Gesagt, getan. Mein Wechselgeld blieb unangetastet, ich war eine Ausrede für Gummibärchen und wenn ich meiner kurzzeitigen Beifahrerin Glauben schenken darf, dann war sogar der Spätiverkäufer recht froh, da er an diesem Abend eher von Kleingeld überhäuft wurde. 🙂

Am Ende kommt’s dann halt doch auf die richtigen Worte an. Und nicht einmal unbedingt die der TaxO. Und auf Gummibärchen vielleicht auch.

Grenzen

„Hey, ich wollte mal fragen, wie viel es bis zur Hastenichtgesehenstraße in Pankow kostet.“

„Hm, vielleicht so 20 Euro. Aber mit deinem Kumpel mach‘ ich das nicht, sorry.“

„Kann ich verstehen. Is halt scheiße, ich muss den irgendwie heimbringen und …“

„Ey, ich bin kein Arschloch, ganz ehrlich. Und ich gehör zu den Taxifahrern, die auch Leute mitnehmen, bei denen es eng werden könnte. Aber so wie dein Kumpel da seit 10 Minuten wild durch die Gegend kotzt und dich dann auch noch anbrüllt, wenn Du ihn was fragst … für so was fehlt mir heute der Nerv, ehrlich!“

„Ich weiß. Kotzt mich ja selber an! Aber ich …“

„Hey, frag ruhig die Kollegen hier und ich wünsch‘ euch auch, dass ihr wen findet. Aber heute Nacht bin ich’s mal nicht!“

Und da soll mir mal noch ein Kollege vorwerfen, ich könne nicht auch hart sein! 🙂

Wenn man einmal nicht aufpasst …

Berlin ist tricky mit seinen Straßennamen. Das weiß man inzwischen ja wahrscheinlich schon, wenn man hier mitliest. Viel besser noch weiß ich es also selbst. Es gibt so viele Doppel- und Mehrfachbenennungen, von ähnlich klingenden mal ganz zu schweigen. Mir ist da inzwischen auch nichts mehr grundsätzlich peinlich:

„Ich würde gerne in die Torstraße.“

„Die in Mitte oder gibt’s da noch eine zweite?“

…

„Unter den Linden bitte.“

„Sicher, dass sie nicht ‚Unter den Eichen‘ meinten?“

…

„Einmal in die Köpenicker.“

„Allee, Chaussee, Landstraße, Straße und wenn ja, welche von den acht?“

Irgendwann frage ich wahrscheinlich aus Gewohnheit beim Potsdamer Platz noch nach. Überraschenderweise fällt die Fragerunde dennoch oft aus, das sind dann die Punkte, bei denen sowas wie wirkliche Ortskunde meinerseits zu erkennen ist. Meist geben die Fahrgäste ja dann doch Tipps:

„In die Torstraße kurz hinterm Rosenthaler.“

„Unter den Linden, Ecke Friedrichstr.“

„Köpenicker, da beim A&O-Hostel.“

Und irgendwie kam ich nicht sofort auf die Idee, die beiden Jungs würden eventuell nicht in ein Marzahner Industriegebiet wollen, als sie mich baten, in die Meeraner Straße zu fahren. Die Ecke ist mir halt vertraut, nach der Straße ist eine Haltestelle benannt, die ich stets passiere, wenn ich zu meinen Chefs fahre. Nach 300 Metern auf der Leipziger in Mitte hat es mich dann aber doch kurz durchzuckt oder so, jedenfalls holte ich die Frage nach:

„Nur nochmal zur Sicherheit: wir reden über die in Marzahn!?“

„NEIN! Schöneberg.“

Ich hab’s versucht, professionell zu handhaben:

„Oh, gut. Dann wende ich wohl mal besser hier.“

Die Meraner Straße. Anders geschrieben, klar. Aber eben nicht gesprochen. Hätte ich das Navi eingeschaltet, hätten wir das Ganze vielleicht früher geklärt gehabt – aber ich war mir ja so sicher!

Die beiden Jungs haben es grundsätzlich mit Humor genommen, es entspann sich auch umgehend eine Spaßdiskussion darüber, dass sie ansonsten ja wohl gesagt hätten, sie müssten in die „Meheeeeraner Straße“, völlig logisch. Kleiner Wermutstropfen war der ernste Einwurf von einem, dass er selbstverständlich keinen Cent gezahlt hätte, wären wir in Marzahn gelandet. Da bin ich persönlich durchaus anderer Meinung, trotz Teilschuld. Das wäre sicher ein unangenehmer Abendverlauf geworden.

Aber gut, wurde es nicht. Es war nett, es gab Trinkgeld, alle sind dort gelandet, wo sie wollten und ich vergesse das nächste Mal sicher nicht das fragen:

„In die Meraner Straße.“

„Welche?“

„Da gibt es zwei?“

„Natürlich. Einmal in Marzahn und einmal in Schöneberg.“

„Das wusste ich auch nicht …“

„Dafür weiß ich ja Bescheid.“

Und man wird sich freuen, meine Ortskenntnis wird gelobt werden, das volle Programm. So gesehen freue ich mich eigentlich darauf. 🙂

Glück mit kurzen Touren (2)

Gar nicht lange nach dem ersten Glücksfall bekam ich eine nur etwas längere Strecke. Vom Ostbahnhof in die Cuvrystraße. Normalerweise unter sieben Euro, dank der gesperrten Oberbaumbrücke leicht darüber. Aber nichts, was den Kohl fett machen würde, wie man so sagt. Der Kunde war nett, alles in allem eine unspektakuläre Sache. Smalltalk, zwei Ampeln, sieben Euro, einen noch als Trinkgeld, fertig.

Als ich ihn jedoch rausließ, stand auf der anderen Straßenseite ein älteres Pärchen, das mich aus vier Augen glücklich anstrahlte:

„Sind Sie jetzt etwa frei?“

„Ja, so sieht es aus.“

„Ach, das ist ja hervorragend! Würden Sie uns nach Kleinmachnow bringen?“

Eine Anschlussfahrt, dreimal so lang wie der Durchschnitt …

Ich bin so langsam an einem Punkt, wo es mich kaum noch ärgert, dass Kollegen kurze Touren ablehnen. Sollen se die ruhig alle zu mir schicken. In den meisten Fällen passiert mir in letzter Zeit irgendwas Gutes in dem Zusammenhang, also nur her damit!

Glück mit kurzen Touren (1)

„Wie weit is’n bis zum Kater?“

„Kater Holzig?“

„Ja.“

„Ungefähr ein Kilometer.“

„OK, danke. Ähm … sag mal: würdeste uns da auch hinfahren?“

„Logisch.“

[…]

„Ey Sven, gibt dem Mann auf jeden Fall ’n Zehner, wenn er uns schon für die kurze Strecke mitnimmt!“

Aber das war noch nicht alles an dem Abend …