Absurde Punktlandungen

Die Tour führte quer durchs Viertel, über viele kleine Nebenstraßen. Eine der Fahrten, bei denen man erst einmal hilflos ist, weil einem die 8 Straßen in der Gegend nicht reichen, die man problemlos im Kopf hat. Ich hab die Karte meines Trackers auf dem Handy großgezogen und mir einen Weg zurechtgebastelt. War der kürzeste, die Kundin hat nicht einmal gemerkt, dass ich mich nicht gut genug auskenne, super Sache!

Dann aber hab ich das letzte Mal abbiegen verpasst, weil wir gequasselt haben. Ich musste also einmal um den Block fahren. Kein großes Ding, aber ich hab trotzdem die Uhr unterwegs gestoppt und mich entschuldigt. Damn, aber man ist ja kein Arschloch.

9,90 € waren bisher aufgelaufen und als wir 30 Sekunden später vor ihrer Tür standen, meinte die Kundin:

„Ui, ich sehe gerade, dass ich auch nur noch genau einen Zehner beihab.“

Das nenne ich mal Glück. Also ihrerseits. Ich hätte mich über mehr als 10 Cent Trinkgeld natürlich gefreut – andererseits denke ich auch ungern darüber nach, was das an Stress* bedeutet hätte, wenn am Ende 30 Cent zu wenig dagewesen wären …

*bei 30 Cent hätte ich sie vermutlich einfach weggescheucht, andererseits war sie eigentlich eine Nette und hätte vermutlich 10 Minuten in ihrer Wohnung nach einer Euromünze rumgesucht und das hätte meinen Abend nicht unbedingt verbessert. Zumal ich direkt vor Ort eine weitere Kundin gefunden hab, die gleich mit mir weiterfahren wollte.

Der letzte in der Kette

Taxis sind ja selten erste Wahl. Es ist eben teuer, sich einen Fahrer mit eigenem Auto zu gönnen. Bus und Bahn sind billiger. Die können das auf mehr Leute umlegen und werden ggf. subventioniert, beim Fahrrad muss man selber treten, laufen ist noch anstrengender und für einen Leihwagen muss man nüchtern sein. Wenn überhaupt alles genannte vor Ort verfügbar ist.

Was in Berlin natürlich prinzipiell für die meisten Leute irgendwie hinkommt.

Trotzdem haben wir Touren. Oft geht’s um Bequemlichkeit und Geschwindigkeit. Manchmal um das Plus an Sicherheit und manche merken erst am Ziel, dass sie im Taxi sitzen. Sei es wie es ist, ich fühle mich als Nischendienstleister wohl. Und manchmal staune ich auch nicht schlecht, WIE VIEL schiefgehen muss, bis Menschen ins Taxi steigen.

So hatte ich nun eine Kundin, die mich am Treptower Park rangewunken hat. Und ich schwöre: Da hat mich noch niemand rangewunken. In sechseinhalb Jahren. Und ja, sie fahre sonst eigentlich nicht Taxi … also wie kam es dazu?

„Ich war ja eigentlich in Köpenick …“

Weite Strecke, verstehe …

„Normalerweise fahre ich selbst Auto, aber heute wollte ich was trinken …“

Die Nüchtern-sein-Geschichte, ok.

„Dann hab ich den falschen Nachtbus genommen und bin einmal im Kreis gefahren, bis ich wieder dort war, wo ich eingestiegen bin …“

Das … ähm, also immer noch die Nüchtern-sein-Geschichte. 😉

„Dann hab ich endlich den richtigen Bus gefunden, musste dann aber unglaublich dringend pinkeln, weswegen ich hier ausgestiegen bin.“

OK, mal was neues.

„Und jetzt hab ich trotz Google Maps den S-Bahnhof nicht gefunden, der hier irgendwo sein soll …“

Die Ortskenntnis-Sache, schon klar.

Und – schwupps! – sitzt man im Taxi. 😀

Ursprünglich sollte ich sie gar nicht bis ganz nach Hause, sondern nur zum Schlesischen Tor bringen, wo sie dann in die U-Bahn steigen wollte. Aber nachdem unweit von dort auch noch ein Unfall, vielleicht kurz darauf sogar eine Massenschlägerei (Keine Ahnung, aber die Zahl der Einsatzfahrzeuge war beeindruckend!) stattfand, bat sie mich, sie aus diesem Irrenhaus einfach nur weg und bis vor die eigene Wohnung zu bringen.

Die Misanthropennummer. Selten, aber auch nicht ungewöhnlich. 😉

Und ja, ich bleibe dabei: Irgendwann braucht jeder mal ein Taxi.

 

Müggelseedamm

Ich hätte heute Nacht eine Menge Geld verdienen können, wäre ich öfter zur Wuhlheide gekommen. Das Konzert von Linkin Park hat im Südosten die Taxikapazität gesprengt. Ich war natürlich immer wegen irgendwelcher Kurztouren woanders. Aber weil die Zentrale so gebettelt hat, bin ich dann doch mal hingefahren. Statt reihenweise Fahrgäste kamen mir aber bereits jede Menge leere Taxis entgegen. Damn!

In Köpenick dann aber Winker. Auch Konzertgänger, etwas älter schon.

„Zum Hotel am Müggelsee.“

„Welches?“

„Na, Müggelsee. Müggelseedamm!“

Na dann is‘ ja klar. Neben dem großen Hotel gibt es noch diese und jene Pension, die den Müggelsee im Namen führt und alles kennt man soweit draußen ja auch nicht. Die Nummer, 145, bekam ich auch noch nachgereicht. Also dann …

Aber da standen wir dann. Kein Hotel, ratlose Gesichter, ganz dumm gelaufen halt. Am Ende hab ich Onkel Google befragen müssen und es kam raus, dass es doch das große Hotel war. Am Müggelheimer Damm. -.-

Ich hatte die Uhr schon gestoppt, weil ich versehentlich an der 145 vorbeigefahren war – und jetzt lag das Hotel etliche Kilometer entfernt am anderen Ufer des Sees. Na klasse! Ich hab dann wegen des erneuten Startpreises noch eine kurze kostenlose Fahrt eingefügt, nach mehr war mir aber nicht zumute. Dass die Tour am Ende bei fast 30 € lag, wo ca. 15 locker gereicht hätten, hat mir persönlich natürlich eher gefallen – aber auf dem Weg ist das alles andere als lustig gewesen. Denn natürlich ist an all dem der Taxifahrer schuld:

„Jungs, das ist der Müggelheimer Damm, nicht der Müggelseedamm!“

„Hab ich doch gesagt. Du kennst Dich doch aus hier!“

„Jaja. Schon klar.“

„Björn wär geil!“

Er war schneller mit mir ins Gespräch vertieft als ich ihn überhaupt wahrnahm:

„Na, was‘ mit Dir? Du bist, das sehe ich schon, ganz kleinlich. Pedantisch. Ja, irgendwie pedantisch …“

„Ach!? Weil ich jetzt gleich gewendet hab und nicht weiter vorgefahren bin oder was?“

„Nee, nee, ich seh‘ das einfach. Aber ehrlich: I like, I like! Mag ich. Wirklich. Pedantisch. Super!“

„Schnelle Analyse für 20 Sekunden Kennenlernzeit …“

„Ja ja, ich weiß. Wie heißte denn? Bitte sag Björn! Björn wär echt geil, Björn wär super, ich fänd Björn klasse!“

„Ähm … das könnte ich jetzt sagen, würde aber vermutlich auch nicht helfen. Sascha.“

„Sascha? Sascha! Na das ist doch auch, also …“

„Was?“

„Also ich find Sascha mal extrem geil!“,

meinte dann eine der Damen von der Rückbank.

Hab meine persönliche Taxiphilosophie umgehend erweitert: Höre lieber auf die sympathischen zurückhaltenden Fahrgäste auf der Rückbank als auf die Prolls neben Dir! 😉

„Glückwunsch“, „Kollege“!

Wenn mein Kunde nicht gelogen hat, wird ein bestimmter „Kollege“ bald unangenehme Post bekommen. Der Kunde jedenfalls war nicht nur sauer, sondern auch sehr überzeugt:

„Versteh‘ dit nich falsch! Ick bezahl‘ Euch jerne, keen Ding. Ick hab die nötjen Penunzen. Jeb auch imma Trinkgeld. Aba wenn mir eener verarschen will … nee, dit kriegt mein Anwalt, der macht dit schon, is mir ooch ejal jetze …“

Mein Kunde hatte laut eigener Aussage bisher 29 € berappen müssen. Für diese Strecke:

Tour für 29 € beim "Kollegen". Quelle: osrm.at

Tour für 29 € beim „Kollegen“. Quelle: osrm.at

Den Rest der Fahrt hat der Kunde dann mit mir gemacht (gleicher Maßstab), für 17,90 €:

Meine Tour für 18 €. (Zwischenziel wg. derzeitiger Baustellen) Quelle: osrm.at

Meine Tour für 18 €. (Zwischenziel wg. derzeitiger Baustellen)
Quelle: osrm.at

Sollte das alles stimmen und auch irgendwie nachzuweisen sein … dann sollte der Kollege die 29 € vielleicht besser sehr (!) gut verzinst anlegen …

Energisches Handeln – I like!

Wir waren gerade die ersten Meter gefahren, da dachte ich schon, dass das eine Horrortour wird:

„Alter Schwede, mit dem Mundgeruch könnte die nebenberuflich als Antibiotikum arbeiten!“,

dachte ich so bei mir, denn es war wirklich penetrant, was da von hinter mir hervorwaberte. Aber gut, man will ja kein Fass aufmachen – und während so einer kurzen Taxifahrt ist auch nicht unbedingt rauszufinden, ob das vielleicht komplizierte medizinische Hintergründe hat, die sie durchaus kennt … kann ja alles sein.

Aber: Boah, war das schlimm!

Allerdings hatte ich sie zu Unrecht verdächtigt.

Denn an der nächsten Ampel bat ihr Begleiter darum, mal eben kurz aussteigen zu dürfen. Er sei da wohl in was ekliges reingetreten und müsste nun, nun ja, seinen Schuh wegwerfen. Und das hat er dann auch kurzerhand getan. 0.o

Es waren löchrige Chucks, am Ende hat er sogar den Socken gleich mitentsorgt. Und dann isser wieder eingestiegen, mit einem nackten und einem beschuhten Fuß und wir sind bis ans Ziel gefahren. Das Auto blieb glücklicherweise unverseht und dementsprechend hab ich bei den Entschuldigungen der beiden auch abgewunken.

Wer eben mal schnell seinen Schuh opfert, um in meinem Taxi für bessere Luft zu sorgen, sollte nicht um Entschuldigung bitten, sondern einen lobenden Blogeintrag bekommen. So! 😀

Die Schwierigsten zum Abschluss

Ich war auf dem Heimweg. Schon wieder. Die Schicht war blendend gelaufen und ich war schon zweimal auf dem Heimweg rangewunken worden und nun „absolut sicher“, dass ich nicht noch mal halten würde. Ich hatte sogar die Fackel schon ausgeschaltet, was ungefähr ein jährlich einmaliges Ereignis ist. Aber die illustre Runde aus drei Männern winkte dann doch und ich hab doch auch noch gehalten. Einer der drei schien schwer angeschlagen zu sein, eigentlich hätte ich mir nichts weniger gewünscht.

Aber genau der Typ musste natürlich auch gefahren werden. Mir wurde eine Straße genannt, die ich erst einmal ins Navi eingeben musste. Und klar: Natürlich entgegengesetzt meiner Richtung … aber immerhin nicht sehr weit und bequem über Hauptstraßen zu erreichen.

Der Typ um die 40 entschuldigte sich auch gleich für seinen Zustand, das wäre eine Ausnahme, es hätte was familiäres zu Feiern gegeben und außerdem müsse er – scheiße, so spät schon!? – morgen auch wieder früh raus, weil er Besuch bekäme. Autsch. Eine kurze Nacht war für ihn sicher die Höllenfolter schlechthin, so blau wie er war. Er ist im Taxi auch umgehend eingeschlafen.

Die Hausnummer hatte ich nicht gleich erfragt, die wollte ich vor Ort von ihm einholen – was schwierig war, weil ich ihn dazu erst einmal aufwecken musste. Und während ich so mitten in der kleinen Nebenstraße stehe, die aber natürlich unglaublich verwinkelt war – Plattenbausiedlungen und so – und ihn wachrüttele, schleicht ein Streifenwagen vorbei. Mit zwei Cops drinnen, die mich misstrauisch beäugen. Ich hab ihnen kurz den Daumen nach oben gegeben und sie sind weitergefahren, vermutlich auch froh, sich so spät nicht noch mit irgend so einer Taxigeschichte abgeben zu müssen.

Ich fragte den Typen, wie ich weiterfahren solle, er sagte kurz „25!“ und trat umgehend wieder weg. „Ja, danke, Du Scherzkeks!“, dachte ich mir. Ich stand an einer Kreuzung, in der alle abgehenden Straßen gleich hießen und hatte keine Ahnung, in welcher Richtung die 25 liegt. Die richtige Abzweigung hab ich genommen – trotzdem war es am Ende die letzte Nummer, an der ich vorbeigefahren bin, ohne nochmal was doppelt abzugrasen. Wie gesagt: Verschachtelte Straßenverläufe, immer eine Freude. Dabei war die Straße aber kurz genug, um eben nicht 20 Meter vor dem Ziel das Navi nochmal umzuprogrammieren. Hatte ich zumindest gedacht.

Aber gut, ich hab im Vorbeifahren auf einem Schild schon gelesen, dass es irgendeine Hilfseinrichtung war. Ich hoffte von Herzen, dass ich da nicht gerade einen Alkoholiker mit Rückfall im Gepäck hatte. Aber ich weiß es nicht, ehrlich.

Ich hab den Kerl auch ein zweites Mal wachgekriegt, er hat sich überschwänglich bedankt und mir die Fahrt samt kleinem Trinkgeld anstandslos bezahlt. OK, das Suchen der Scheine hat etwas gedauert, aber ich hatte gefühlt ja eh schon Feierabend …

Am Ende stieg er aus, schwankte, hangelte sich an der Autotür entlang und fiel dann wie ein Käfer auf den Rücken, noch dazu quer über die Bordsteinkante. Sein Rucksack hat da offenbar einiges abgemildert, aber angenehm war das nicht, das ist mal klar. Ich bin also schnell rausgesprungen und hab ihm mit beiden Armen unter die Achseln gegriffen, um ihn wieder in die Senkrechte zu bringen. Er freute sich, schämte sich aber auch sichtlich, jetzt von einem Taxifahrer aufgehoben werden zu müssen. Nein, der war definitiv nicht auf alltäglicher Sauftour und im üblichen Umstand prall heimgekehrt, der hatte das offenbar wirklich alles so nicht gewollt.

Ich hab ihn dann noch bis zur Haustür ein wenig gestützt, ab da aber lehnte er dann jede weitere Hilfe ab. Da wäre ja gleich der Aufzug, hier kenne er sich ja aus. Sollte mir recht sein – obwohl ich ja nun schon durch meine Vergangenheit im Behindertenfahrdienst auch vergleichsweise wenig Scheu hab, Leute noch in die Wohnung zu begleiten und noch dies und das herzurichten. Wobei ich natürlich auch froh bin, wenn sowas vorher abgesprochen ist.

Am Ende war ich froh, dass ich die Tour noch gemacht habe. Was wäre gewesen, wenn die ein Kollege mit Rückenproblemen erwischt hätte? Oder einer mit null Bock?

An der Stelle war dann aber wirklich gut. Ich hätte noch den schwankenden Winker auf dem Rückweg mitnehmen können und vielleicht hätte das auch noch eine tolle Geschichte ergeben. Aber irgendwann ist Feierabend eben auch im Taxi wirklich Feierabend. Und man soll ja bekanntlich aufhören, wenn’s am schönsten ist. 😉