„Schnell, schnell, schnell, es dauert noch!“

„Hey, Taxi, Taxi, TAXI!“

Wow. So dringend war meine Dienstleistung offenbar schon lange nicht mehr nötig. Also hab ich neben dem Winker angehalten.

„Hi, hi, hi, toll, dass Du da bist. Sag mal, könnteste …“

Ich war gespannt. Schnell zum Flughafen fahren? Einem Freund den Haustür-Schlüssel bringen? Einen Wagen verfolgen? Vor einem Straßenräuber flüchten? Oder gar den Cops?
Ich war auf alles eingestellt. Hell yeah, Thug Life, Action und Party, let’s roll!

“ … warten, bis meine Mutter runterkommt? Die ist nicht mehr so gut zu Fuß.“

Äh ja, selbstverständlich auch das. 😉

Gut, da Muttern noch rund zwei Minuten zum Bewältigen der Treppen brauchte und die gefühlte Taxidichte an der Frankfurter Allee am frühen Abend ungefähr 30 Autos pro Minute beträgt, war seine überaus liebenswert gemeinte Eile ein klitzekleines Bisschen unverständlich. Aber wer will sich bei einer Tour bis nach Biesdorf wegen sowas beschweren …? 😀

Die unschönen Eilaufträge

„Bringense uns mal in die XY-Straße. Auf dem schnellsten Weg bitte, ist ein Notfall!“

Uff. Und sowas passiert einem natürlich dann, wenn einem die XY-Straße mal so gar nix sagt. 🙁

Aber gut, eine der beiden Damen wusste Bescheid. Ging also trotzdem ganz flott ohne Naviprogrammierung; und unterwegs haben wir uns zunächst auch ganz nett übers Autofahren unterhalten. Ich hab mich natürlich trotzdem versucht, zu beeilen. Irgendwann musste ich aber einfach fragen:

„Ich hoffe, es ist kein allzu schlimmer Notfall!?“

„Naja, mein Schwager ist so einer, der meine Schwester gerne mal verdrischt … und die hat um Hilfe gerufen.“

HOLY. FUCKING. SHIT!

Das sind dann auch echt so die Momente im Leben, wo man nicht so recht weiß, was man tun soll. Also mal abgesehen vom selbstverständlichen vorsichtigen Dehnen der Verkehrsregeln. Mein Adrenalinpegel hatte sich 5 Sekunden später schon wieder eingepegelt, als sie mir sagte, dass sie die Polizei schon informiert hätte und die sicher schon da wäre. Was sie dann auch war.

Aber ich hätte da ja nicht ernsthaft wegfahren können, wenn es nicht so gewesen wäre. Ich werd doch keine zwei Kundinnen bei einem Typen abliefern, über den ich erst einmal nur weiß, dass er jahrelanges Training im Verprügeln von Frauen hat. Den Einsatzeifer der beiden in Ehren, aber trotzdem. Andererseits hab ich auch reichlich wenig Erfahrung im Verprügeln von prügelnden Typen.

Ich hoffe ehrlich, auf Dauer von derartigen Sondereinsätzen verschont zu bleiben. Eigentlich reichen mir die Kuriositäten des Alltags. Falls es trotzdem passieren sollte, werdet Ihr diejenigen sein, die erfahren, wie’s ausging …

Voll besetzt

Ganz eilig kam der Winker an der wilden Renate angerannt, um mich ja noch auf ihn aufmerksam zu machen. Dabei hatte ich ihn schon zuvor gesehen und nur auf sein Winken gewartet. Ich war etwas verwundert, weil er neben einem Taxi stand, aber gut, wird das halt im Zweifelsfall eine Kurzstrecke. Besser als nichts. Ich war eh nur dort, um ggf. Winker einzusammeln und mit etwas Glück am Sisyphos vorbeizukommen, um zu sehen, ob sie offen haben.

„To the Sisyphos, please!“,

meinte mein Fahrgast und in diesem Moment fuhr auch das andere Taxi besetzt weg. All die Leute, die sonst noch so da rumstanden, wandten sich mir zu und alles sah ein wenig nach einer Großraumtour aus. Nur dass das Zählen bei all dem Gewusel etwas schwer fiel. Aber als dann vier im Auto waren und zwei gefragt haben, ob sie auch noch mitkommen könnten, hab ich zugesagt und die anderen wieder aussteigen lassen. Eigentlich etwas umständlich – aber bis die sich von alleine organisiert hätten …

Ich hab gleich gesagt, dass ich mir nicht sicher wäre, ob der Laden offen hat, aber es ging erst einmal los. Unterwegs Gewissheit: Die anderen (im Auto des Kollegen von eben) waren schon da und es war zu. Egal, ich solle bis dort hinterherfahren, sie beraten dann. In Anbetracht dessen, dass es danach eventuell noch ins Kosmonaut gehen sollte, war das ein lohnender Umweg.

Die Beratungen ergaben dann, dass wir zum Ostkreuz müssten. Dort würde eine Freundin zusteigen. Mit Fahrrad. Ich hab etwa so geguckt:

0.o

Ja, nee, beim Kollegen. Vielleicht auch ohne Fahrrad.

Auf dem Weg zum Ostkreuz hab ich ihnen dann erklärt, dass sie besser mit ihrer Freundin ausmachen, dass sie auf der richtigen Seite – Ausgang Sonntagstraße – warten solle, da der Weg zum Kosmonaut sonst wirklich ein wenig arg verzwiebelt wäre. Alles klar, aber während ich gerade dafür sorgte, den inzwischen mir hinterherfahrenden Kollegen in unserem kleinen Konvoi nicht abzuhängen, war das Geschrei groß und ich solle doch hier, also gleich, oder wenn’s geht zumindest bald mal anhalten, da wäre gerade die Freundin gewesen!

Das alles war auf den nachtleeren Straßen völlig stressfrei. Aber reichlich verplant hat’s schon gewirkt.

Während der Kollege ebenfalls mit Warnblinker hinter mir anhielt, die halbe Besatzung beider Autos raussprang, um die Fahrradfahrerin zu begrüßen, hab ich mir das mit einem Lächeln, aber etwas skeptisch angesehen. Der Kollege hat mich auch gleich zu sich gewunken und gefragt:

„Äh, hast DU noch Platz bei Dir?“

„Nee, absolut null!“

Und als wir das so halbwegs verklickern konnten, kamen Pläne mit Hin- und Zurückfahren, einem weiteren Taxi und sonstwas auf. Ich war dann mal nicht besonders geschäftstüchtig und hab die Leute drauf hingewiesen, dass das Kosmonaut nur noch ungefähr 500 Meter entfernt sei und das mit dem Fahrrad echt kein Ding sein sollte.

Nach der Wegbeschreibung sind zwar am Ende drei Leute ausgestiegen, um die Dame zu begleiten – und das Tempo der Ankunft weiter zu verzögern – aber was machte das noch aus? Am Ende waren das 22 € für eine Route, die auf dem kürzesten Weg (und ohne Großraumzuschlag und Wartezeit natürlich) ungefähr für eine Kurzstrecke machbar gewesen wäre. Mir soll’s recht sein. Mein Kilometerschnitt war prima heute Nacht. 🙂

Alltag und so

Und dann war da noch das Pariser Pärchen um die Fünfzig, die ich als Winker am schlesischen Tor eingesammelt und zum Hilton-Hotel gebracht habe, das Berlin so schön fand, dass es unbedingt wiederkommen will.

Ja, das ist irgendwie banal, ich weiß. Aber auch das gehört zu meinem Job: Ich hab da Leute drei Stufen über meiner Gehaltsklasse im Auto, die aus der angeblich schönsten Stadt der Welt kommen, sich eben in einer abgeratzten Touri-Ecke rumgetrieben haben, nun in ihr First-Class-Hotel gebracht werden wollen und einfach nur happy sind. Man muss wirklich nicht alles daran toll finden oder überbewerten, aber ich mag sowas, ganz ehrlich.

Ja, die vielen Touristen machen Berlin nebenbei auch zu schaffen. Keine Frage. Aber ich finde es toll, wenn Menschen sich hier wohlfühlen und ich am Ende einen kleinen Teil dazu beitragen kann. Das ist kitschig und schmalzig, ich gebe es ja zu, aber es spielt für meinen Job eben auch eine Rolle und ich bevorzuge es nach wie vor, das eher positiv anzugehen. 🙂

Beautiful 10 P

Sie fragte ordnungsgemäß beim Einstieg:

„Can we make this a short trip for 5 Euro?“

Klar ging das. Am Ende war das Ziel selbst mit Wenden und an der passenden Stelle halten nur ungefähr 600 Meter vom Startpunkt entfernt. Knapp über „Zum Normaltarif ist es aber billiger“. Wir haben uns dank einiger Ampeln dennoch kurz unterhalten und sie mochte offensichtlich, wie „cool“ ich war.

Aber – ach, o Schreck! – das Geldproblem blieb natürlich bestehen:

„Man, I’d like to give you a good tip, but I can’t! I’m running out of change. But please take this. It’s only a 10P, but it’s a real beautiful coin. Keep it and think of me, ok?“

Hach, wie soll man da nein sagen. Und ja, hübsch ist die Münze schon irgendwie. 🙂

Ten Pee – aber ich bezweifle, dass man dafür zehnmal pinkeln darf! Quelle: Sash

Ten Pee – aber ich bezweifle, dass man dafür zehnmal pinkeln darf! Quelle: Sash

Der Marvin

Das war so ein klassischer Fall von gutem Lauf. Ich hatte vom Stand weg eine nur kurze Tour bekommen, bin dann etwas bedröppelt drei Kilometer durch die Gegend gegurkt, hab Winker für einen Zwanni bekommen und als die aussteigen wollten, stand draußen schon der Marvin.

„Ist hier gleich frei, mal ehrlich, kann ich dann, ja, ja?“,

fragte er das unspektakuläre Pärchen, das ich in Niederschöneweide absetzen wollte und das erst mal das mit dem Zahlen hinkriegen wollte.

„Isser frei, frag ja nur, sagt doch! Ja? Ja?“

„Is‘ ja gut. Ja, er is‘ gleich frei – aber entscheiden muss der Fahrer das selber!“,

fauchte es von der Rückbank zurück. Marvin kümmerte der unleidliche Tonfall keine Spur:

„Super! Suuuper! Das‘ ja’n Ding! So ein Glück! Ich raste gleich aus!“

Die nächsten zehn Sekunden bemerkte er, dass er eine Bierflasche in der Hand hatte und fürchtete, deswegen nicht mitgenommen zu werden. Anstatt deswegen mal kurz mich zu fragen (und ein ok zu bekommen), versuchte er, das Bier meinem aussteigenden Fahrgast in die Hand zu drücken:

„Nimm doch. Mann, nimm jetzt. War teuer, muss weg, freu Dich!“

Wer jetzt glaubt, der Kerl hätte einen an der Klatsche gehabt, der hat das ganze Ausmaß noch nicht begriffen. Hatte ich zu dem Zeitpunkt auch noch nicht. Marvin nannte mir mal eben eine Zieladresse in Weißensee und beschloss, mir 100€ Vorschuss zu geben. Ich hab abgeklärt geantwortet, dass wir vermutlich leicht unter dem Betrag nach Weißensee kommen würden. Also eher so 30€.

„Is aber kein Problem. Ich kann Dir auch 100 Schweizer Franken geben. Oder ich geb Dir tausend. Oder einen Zwanni. Ganz wie Du willst, ganz wie Du willst … aber ich muss kurz pissen, is dringend. Halt mal hier an bitte!“

Da hatten wir gerade mal einhundert Meter Fahrt und 45 Sekunden hinter uns.

Ich hab an der nächsten Kneipe angehalten und er hat sich dort einen Klogang erbettelt. Ich will mir nicht einmal ausmalen, mit wie vielen Worten. Ein Zwanni lag inzwischen auf meinem Armaturenbrett, ich war also erstmal finanziell sicher. Auf die Idee, dass ich damit abhauen könnte, ist er sogar von selbst gekommen, anstatt aber auf mich zu hören und sich die Konzessionsnummer zu merken, wollte er meinen Vornamen wissen.

Als er wieder rauskam, war er höchst verzückt, dass ich immer noch da war:

„Ach je, ehrlich jetzt? Na Du bist mir ja ein ehrlicher Kerl. Christoph, oder?“

Im Folgenden haben wir eine knappe halbe Stunde zusammen verbracht und ich hab gelegentlich auch mal ja oder nein sagen können, ansonsten hat er durchgehend gequasselt. Und es hat absolut null Sinn ergeben. In Monologform würde sich das ungefähr (!) so lesen:

„Halt! Wir rauchen jetzt eine! Ach nee, lieber nicht. Aber danke für deine Ehrlichkeit! Mann, echt jetzt: Du bist ja ein dufter Typ. Glaubste jetzt nicht, was? Aber ich bin da so der Feeling-Typ, ich merk, was in deinem Herzen so abgeht. Warum machst Du das? Also hier, Taxifahren. Ist doch total bescheuert, Du könntest in der Schweiz so fett Kohle verdienen, aber bist halt seßhaft, was? Biste verheiratet? Ich hab ja auch Frau und Kind, kannste nix machen, und deine Frau, ist die auch scharf, ja? Zeig mal Foto! Glaub ich Dir nicht, dass Du keins hast! Egal, wichtig ist, dass es passt. Was hast Du für ein Sternzeichen? Ach, das hab ich gleich gewusst. Du bist echt so voll der super-relaxte Typ. Deine Oma war Waage, stimmt’s? Weil Du hast voll die Vibes von deiner Oma und deinem Opa, ganz ehrlich, ich spür das! Aber Sami, das ist blöd, Du sollst nicht so sein. Dann nützen dich die Menschen nur aus, im Ernst jetzt. Du bist einfach, deine Aura kribbelt mich echt die ganze Zeit, Alter! Du musst Dir das unbedingt bewahren, sowas gibt’s nicht oft. Willste Drogen? Kann ich dir geben. Koks? Amphetamine? Crack. Hab ich alles auf Tasche, sag ruhig. Ein Kilo, kein Problem! Haha, ich mach nur Spaß, haste gemerkt, oder? Also wenn Du jetzt ’ne Frau wärst, dann würde ich meine jetzt betrügen müssen, Du bist so’n dufte Typ. Aber puh, ist ja Gott sei Dank nicht so. Aber geiler Bart! Haste Kinder? Wusste ich. Aber deine Vibes! Du wirst eine Tochter bekommen, ich schwör’s, eine Tochter! Am 14. Mai! Versprich mir: Ruf mich an, wenn ich danebenliegen sollte, echt jetzt. Ist total wichtig! Hörst Du mir noch zu?“

Und das liest sich witziger als es war.

Unterwegs hat er dann noch einem Kumpel auf die Mailbox genölt, dass er gefälligst wach werden sollte, er habe sich schließlich extra heimlich von der Party seiner Frau geschlichen, um zu ihm zu kommen.

Bei der Bezahlung ist er immer kleinlauter geworden. Aus „jede Summe, die du willst“, wurden 50, 40 und schließlich der Fahrpreis plus ein paar in den Lüftungsschlitzen verteilte Münzen mit dem Gegenwert von 1,20€.

Meine Hoffnung, er hätte ohnehin beim Rumwedeln versehentlich einen Fuffi oder einen Hunni beim Aussteigen, hat sich leider auch als unbegründet erwiesen. Wo ist das Schmerzensgeld, wenn man es mal verdient!?

Am Ende war’s ja nur eine stinknormale Fahrt, lediglich mit übertrieben hohem Bullshit-Auswurf. Aber was willste machen, ist halt der Marvin, ne? N‘ dufte Typ, echt jetzt. 😉

Sicherheitsteam an Fahrgast: „Rechts alles sicher!“

Sie hat mich nur für eine Kurzstrecke rangewunken und nach dem schon schwierigen Einstieg beim Aussteigen um meine Hilfe gebeten. Was kein Act war. Sie brauchte eine Hand zum Festhalten und nach kurzer Abschätzung der vorliegenden Umstände war ich mir ziemlich sicher, die kleine gehbehinderte Frau notfalls am ausgestreckten Arm tragen zu können.

Hab ich natürlich nicht ausprobiert. Stattdesen hab ich sie einfach nur die 10 Meter bis zur Haustür geleitet und dort auf ihre Bitte hin abgewartet, bis sie diese hinter sich geschlossen hatte. Ohne dafür einen Grund zu haben, hab ich dann tatsächlich wie so ein Bodyguard mal eben rechts und links die Lage gecheckt. OK, war natürlich kein Mensch auf der Straße, es war in Niederschönhausen und nach 20 Uhr. Aber sicher ist sicher. Und die alte Dame hat ihre 50 Cent Trinkgeld damit zumindest gefühlt sichtbar gut angelegt. Ich hab ihren Dank mit einem ehrlichen „Die Minute hab ich immer, gute Frau!“ beantwortet – und nach vielleicht vier Minuten insgesamt war die komplette Tour erledigt.

Für die Kundin war’s offensichtlich eine wirkliche Hilfe – für mich eher ein kurzer Backflash in gleich zwei meiner alten Jobs: Behindertenfahr- und Sicherheitsdienst. Darauf, dass sich das mal in einer Tour ergibt, hätte ich ja keine Wetten abgeschlossen. 😉