Nochmal zur gestrigen Tour

Ich hab den Artikel gestern nicht grundlos ein bisschen daneben klingen lassen. Kunden, die in Berlin extra die „Dorfdisco“ aufsuchen, mit Kumpels, die „Türsteher machen“ und dann ernsthaft fragen, ob das dort gut sei. Ich schiebe das gerne ein bisschen weg von mir, weil das nicht wirklich meine Szene ist. Andererseits sind das die Vorzeige-Elektro-Schuppen, die so angesagt sind, auch nicht.

Und um ehrlich zu sein: Ich hab in der neuen Kneipe meiner Stuttgarter Stammgastwirte meine Hochzeit gefeiert. Nachdem sie die ehemalige Kneipe zu einem Automatencasino umgewandelt hatten. Einen Blick von oben herab hab ich auf das Stadtteilleben wirklich nicht. Deswegen sei auch nochmal nachgeschoben, dass die Kunden, obwohl drei eher prollige Typen, durchaus einige Sympathien bei mir erwerben konnten. Sie waren furchtbar nett, haben meinen Rat ernsthaft haben wollen und waren reichlich selbstironisch ob ihrer Zielauswahl.

Zu guter Letzt der geschäftliche Teil: Kein Feilschen, kein Du-bist-ja-nur-der-Fahrer-Getue sondern ein angenehmes Gespräch. Und als meinem Beifahrer beim Bezahlvorgang versehentlich das Portemonnaie in der Hand explodiert ist, hat er meinen ersten Suchambitionen eine selbstverständliche Abfuhr erteilt, gemeint, dass es ja nur „ein bisschen Kleingeld“ sei und die 17,50€ trotzdem mit einem Zwanni beglichen.

Es mag nicht die klassische Kundschaft zu so einem Club gewesen sein, aber auch sowas passiert immer noch oft genug, um meine dann doch mal aufkeimenden Vorurteile gelegentlich auf die Probe zu stellen. Danke dafür!

Empfehlen?

„Abend. Wie viel würde es denn in die Hasteschongehörtstraße kosten?“

„Das war in Hellersdorf, oder?“

„Weiß nicht. Der Dorfclub2000?“

„Ah, kenn‘ ich. Zwanzig Euro etwa.“

„Und? Kannste den empfehlen?“

Ja, öhm, puh!

Also mal abgesehen von meiner geringen Fähigkeit, gute Clubs von schlechten zu unterscheiden: Die angefragte Location war halt so ungefähr der Inbegriff von dem, was man hier in Berlin einen schlechten Club nennt. Und ich meine jetzt nicht einen, der verschrieen ist, weil da nur Touris sind, sondern einen von der Sorte, die man in keinem Stadtführer findet, weil es die Lokalität um die Ecke ist, in der die Leute aus den umliegenden Vierteln abhängen, weil ihnen 30 Minuten S-Bahn-Fahrt zu nervig sind.

Also so ein bisschen wie die kleine Eckkneipe im Kiez, „Sylvie’s Pub“ (nur echt mit dem Apostroph!). Und dann fragt jemand, ob man das eine gute Lounge zum Chillen sei. Was willste da sagen? Ich meine, natürlich kann man da saufen, sogar günstiger als anderswo. Aber rechtfertigt das eine Empfehlung?

Ich hab mich etwas gewunden, aber die Kundschaft hat beschlossen, es zu versuchen. Denn obwohl sie selbst aus Mitte kamen:

„So Kumpel von uns machen da manchmal Türsteher, verstehste?“

Am Ende scheint es schon gepasst zu haben, auch wenn ich das eher als gruselige Location abgespeichert habe. Aber hey, die Geschmäcker sind verschieden! 🙂

Liebe. So schön!

„Ich liebe Dich!“

„Uff, das ist jetzt nicht wirklich problemfrei …“

„Haben Sie was gesagt? Sorry, ich telefoniere gerade.“

Achievement unlocked: Weird communication.

Heimwegfinanzierungen

„Ach, mach doch mal billiger, Du fährst doch eh in die Richtung!“

Das ist, wie ich oft hier bei GNIT erwähnt habe, kein Argument. Obwohl beim Taxifahren vieles Zufall ist, bleibt am Ende dann doch, dass auch unsere Verfügbarkeit vor Ort bereits Teil der Dienstleistung ist. Das ist nicht immer fair, da auch der Winker einmal ums Eck nach dem nächsten Kunden noch den vollen Grundbetrag zahlen muss, aber dafür musste ich meiner letzten Kundin am Sonntag eben nicht auch mal eben hundertdrölfig Euro Anfahrt berechnen, weil mein Kilometerschnitt völlig im Arsch war, als ich sie einlud.

Aber der (abgesehen vom Schnitt sehr gute) Abend war für mich vorbei und mit ihrem Ziel in Marzahn kam sie mir ohne es zu wissen sehr entgegen. Sie wollte auch keinen Sonderpreis, sondern hat nur erwähnt, dass sie nur noch 11,50€ dabei hätte und ich dann eben ggf. stoppen solle. Passiert öfter, und unter diesen Umständen finde ich da meist auch eine versöhnliche Lösung. Hier folgende:

„Ich glaube nicht, dass das komplett reicht, aber warten wir mal ab. Um ehrlich zu sein: Die Richtung passt mir ganz gut.“

Ja, das ist in gewisser Weise das Gegenteil von dem, was ich eingangs erwähnt habe, aber genau da liegt der sehr sehr wichtige Punkt: Natürlich gibt es Momente, in denen man als Taxifahrer mal jenseits von Recht und Gesetz fünfe grade sein lassen kann. Aber wann das passiert, entscheidet der Taxifahrer nach seinen Möglichkeiten und nicht der Kunde! Es mag sein, dass man da ethische Grenzfälle finden kann, aber für uns ist der Deal, dass wir uns (und unter Umständen unseren Chef) um Geld bringen und zusätzlich das Gesetz misachten. So toll Kundschaft an sich ist: Dieses Entgegenkommen ist für uns ausschließlich negativ, denn unsere Alternative ist es, drölfzig bezahlte Kilometer Umweg zur schwerhörigen Uroma zu fahren, die dem Fahrgast das Geld schenkt. Und ja: Nix anderes ist einforderbar, alle Alternativen sind semilegale Geschenke von unserem wohlverdienten Lohn.

Aber wie ich bereits festgestellt habe: Auch das tut mal mehr und mal weniger weh und außerdem ging es mir nie nur um Prinzipienreiterei um der Prinzipienreiterei (die übrigens  ein sehr unbefriedigender Sport ist) wegen.

Also hab ich der Kundin noch vor Ende der Fahrt erklärt, dass ich sie schon heimbringen würde, weil mir der Weg gut passte. Und nur um das mal zu erklären: „Der Weg passt“ ist nicht immer das, was Kunden darunter verstehen. Selbst wenn man z.B. einer Veranstaltung entgegen fährt, kann es für mich blöd sein, nicht bereits die ersten Kunden einzuladen, sondern erst die einen Kilometer weiter. Sicher, oft kann ich das selbst nicht gut genug einschätzen, weil die nächsten ja auch unterschiedliche Touren haben könnten, aber das typische „Na, Du kannst ja froh sein, wieder in die City zu kommen …“ ist leider nicht immer  ein gutes Argument. Vielleicht ist im Außenbezirk auch gerade eine fette Party der Anziehungspunkt, von der fast alle Anwesenden Touren ins Umland zu bieten haben.

Aber wie ich wusste: Bei meiner Kundin war das nicht der Fall. Abgesehen von der geringen Partydichte in Lichtenberg und Marzahn am Montagmorgen war es auch so, dass ich langsam müde war, wirklich Feierabend machen wollte und ihr Ziel wirklich DIREKT auf dem Weg zum Abstellplatz lag. Eben genau die von Kunden sicher gerne herbeifantasierte Situation von „Entweder das oder gar nix“. Selbst wenn unterwegs Winker gewesen wären: Ich hätte sie nicht gewollt, ich hab nach der Tour für die verbleibenden anderthalb Minuten die Fackel ausgemacht. Und das ist auch nach achteinhalb Jahren immer noch ein nur ungefähr einmal jährlich auftretender Zustand.

Der Witz war, dass die 11,50€ am Ende zu 100% exakt bis zum Zielort gereicht haben. Abgesehen davon, dass ich sonst vielleicht noch ein Trinkgeld hätte einstreichen können, hab ich mich nicht einmal irgendwie aus dem Fenster lehnen mü …

„Ach, wenn Sie sowieso abbiegen: Könnten Sie mich dann da am Zebrastreifen rauslassen?“

Na gut, die einhundert Meter …

Ein spätes Foul ihrerseits. Aber dafür war mein Kilometerschnitt trotzdem wieder im Rahmen. 🙂

Was ich mal werden will …

Was ich mal werden will, wenn ich groß bin?

Mal ganz im Ernst: Ich messe seit nunmehr über 15 Jahren über zwei Meter. Der Zug ist abgefahren!

Aber was will ich werden, wenn ich mal erwachsen bin?

Nun, das ist schwieriger. Und weil ich nicht lügen will: Ja, „reich“ und „berühmt“ sind noch nicht ganz vom Tisch, aber mein eigentlicher Favorit ist „schlagfertig“.

Ehrlich: Ich hatte Momente, in denen ich mehr als genug Geld hatte und ebenso solche, in denen ich mir berühmt vorkam.
(Im Ernst: Nicht jeder von uns hatte schon mal eine Doppelseite im Stern, oder?)

Aber weit besser angefühlt haben sich immer die Situationen, in denen ich eine wirklich gute schlagfertige Antwort parat hatte. Und das, ohne dass es dabei immer darum ging, Leute zu brüskieren.

Nehmen wir also das letzte Wochenende. Ich hatte eine Gruppe von Partypeople im Gepäck. Mittelweite Tour, ausgehend von einem mitteldurchschnittlichen Club und ich hatte bis dahin mitteldurchschnittlichen Umsatz. Definitiv kein Ansatz für einen Moment, den man in seinem Tagebuch (oder Blog) erwähnen müsste. Dann aber die Kundschaft:

„Moni soll anfangen!“

„Nein, ich fang nicht an. Sag Julius, er soll anfangen!“

„Deine Mudder fängt an! Lass uns doch den Taxifahrer fragen!“

Ich weiß bis heute nicht, worum es ging. Also womit angefangen werden sollte.  So sehr ich meinen Blog liebe, so sehr lasse ich der Kundschaft gerne ihre Gespräche. Nun aber sollte ich entscheiden, wer – was auch immer – anfängt. Und hier war ich eben mal schlagfertig:

„Ey Leute, keine Ahnung, wer Moni und Julius sind, aber mal im Ernst: Der Trommelschlumpf fängt an!“

Für das folgende Gelächter, den Zuspruch und das Lob hab ich keine Worte. Aber ich hab  wohl die richtige Zielgruppe gehabt und das Trinkgeld war jenseits von Gut und Böse.

Mit einem dummen Spruch für gute Laune sorgen … ich will ehrlich sein: Genau DAS würde ich gerne beruflich machen! Also quasi wenn ich mal groß bin.

Aber wie man sieht: Als Taxifahrer kann man da schon nahe rankommen. 😉

Karma-Rückzahlung

Ich war nach der Tour fast in Ahrensfelde gelandet und hab auf dem Rückweg in die City meine Lieblingsroute durch Marzahn gewählt. Kleiner Umweg, aber oft Winker. Zumindest nachts am Wochenende. Und siehe da: Es winkte. Ein junges Paar an einem Bahnhof. Was es nach Schöneweide kosten würde.

Ich hab all meine Erfahrung und Ehrlichkeit zusammengeworfen und gesagt, dass das mit einem Zwanni vermutlich nicht ganz reichen würde, 25€ aber ausreichend sein sollten.

„Hmm, könntste uns auch pauschal mitnehmen?“

Bis jetzt weiß ich nicht, wie viel sie zu bezahlen bereit waren. Ich hab trotzdem einfach nur nett gesagt, dass das nicht geht und um Verständnis gebeten. In Anbetracht der offenbar verpassten Bahn hab ich sogar angeboten, sie für einen Fünfer Kurzstrecke zu einer anderen Bahnlinie zu bringen. Wollten sie auch nicht. Wir haben uns freundlich getrennt, nachfragen darf man bei mir ja durchaus mal, ich verstehe das mit der knappen Kasse durchaus. Am Ende war ihnen das Warten das Geld wert, das ist auch für mich ok.

Aber natürlich hätte mir die Tour gut gepasst und rein finanziell wär’s mir auf zwei Euro mehr oder weniger eigentlich nicht angekommen. Dementsprechend hab ich dann doch beim Weiterfahren gezweifelt, ob’s nicht besser gewesen wäre …
Sie waren ja nicht unverschämt, vielleicht wäre es immerhin ein Zwanni gewesen …

Und dann stand 800 Meter weiter eine Winkerin, die bis nach Neukölln musste. Ja, eher Kreuzkölln, es sind auch „nur“ 24€ zusammengekommen. Aber problemlos, nett, mit passendem Trinkgeld und ohne das schlechte Gewissen, das ich Idiot mir halt immer noch machen würde, wenn ich mehr oder minder schwarz durch die Gegend fahre.

So eine Bestätigung dürfte es gerne öfter geben. 🙂

Retter im Bettlerdress

Es passiert oft genug, dass Leute anders drauf sind, als man aufgrund ihres Erscheinungsbildes zu wissen meint. Binsenweisheit, aber immer wieder überraschend, wenn’s mal soweit ist.

Und dann war da letzte Woche der Tag, an dem das mit dem Trinkgeld einfach nichts werden wollte. Satte 50% der Leute haben exakt nichts gegeben, der Rest waren dann so 30Ct-Beträge bei 25€-Fahrten. Als ich einen Hunni auf der Uhr hatte, waren gerade mal 2,10€ Tip aufgelaufen. So konzentriert kommt das auch nur alle paar Jahre mal vor. Oder wenn man wirklich nur zwei Lange Fahrten hat und dort nichts extra anfällt.

Und dann stand ich am Bahnhof als einziges Taxi. Zwei verwegen aussehende Typen in ihren Fünfzigern diskutierten gerade auf der Beifahrerseite  auf Russisch, ob sie ein Taxi wollen. Dann trat links eine nette Frau mit ihrer Tochter heran und  fragte, ob ich noch frei sei. Ich hätte sie zweifelsohne lieber mitgenommen, so rein sympathiemäßig, aber ich steh zu dem Glücksspiel Taxifahren und hab ernsthaft erwidert, dass ich es noch nicht wisse, die beiden aber zuerst da waren.

Und ja, der eine wollte tatsächlich fahren. Also konnte ich nur der Tochter fix die Nummer der Zentrale diktieren.

Mein Fahrgast indes hat gerade so noch seine Adresse rausbekommen, glücklicherweise inklusive des Stadtteils, denn natürlich war’s keine Straße, die es nur einmal in Berlin gab. Dank der Sprachkenntnisse (seine deutschen und meine russischen) verlief das Gespräch etwa so:

„Und? Fahren Sie jetzt nach Hause? Heim? Home?“

„Fahren? Du fahren bitte! Einfach fahren.“

Danach Schweigen.

Und wie immer, wenn’s eh schon kompliziert ist, waren er und mein Navi auch noch uneins, wie man seine Hausnummer am Besten anfährt, so dass ich an gleich drei Kreuzungen von ihm berichtigt wurde, wie ich fahren sollte. Den Umständen entsprechend nett, aber halt doch nur so lala. Am Ende der Fahrt standen 19,10€ auf der Uhr.

„Machen swansig.“

Hat also gut in den Tag gepasst. Dann reichte er mir allerdings einen Zwanziger und einen Zehner, woraufhin ich natürlich nur den Zwanni genommen habe. Da hat er mir nach einem weiteren Blick auf die Uhr den Zehner noch rübergeschoben und gemeint:

„Machen dreizig. Du Arbeit nicht viele Geld.“

Manchmal braucht’s solche Typen, um auf die 10% zu kommen. 😀