Der klassische Fall …

Ich hatte eigentlich das Glück im Unglück schon gehabt. Den ganzen Abend dumm in der Gegend rumgestanden und Däumchen gedreht – und danach ging es nach einer Fahrt Schlag auf Schlag. Vier Touren ohne zwischendrin länger anzuhalten, als nötig gewesen wäre, um die Passagiere aus- und einzuladen.

Gut, außer mit Jo. Mit dem hab ich wie immer noch eine Kippe vor der Haustüre geraucht.

Irgendwann ist aber der beste Run vorbei. Und obwohl ich mir gestern keine hohen Ziele gesteckt hatte, wollte ich doch zumindest noch einen Zehner näher an das ranrücken, was noch so halbwegs in Planung war – also umsatzmäßig jetzt.

Nach viel gedanklichem Hin- und Her hab ich mich entschieden, mich nicht vor’m Ostbahnhof, sondern vor’m Kater Holzig, bzw. dem Lichtpark anzustellen. Ersterer war zwar geschlossen, aber zum einen hätte diese Tatsache feierwütige Angereiste ins Taxi locken können, zum anderen wusste ich von Jo, dass im Lichtpark noch was los war. Also hab ich mich in die Schlange gestellt, mal Twitter gecheckt und gewartet.

Nix hat sich bewegt. Die Schlange kam nicht voran und auch auf der Straße schienen nur freie Kollegen rumzufahren. Also hab ich die Flinte ins Korn geworfen und auf den Zehner geschissen. Als ich Marzahn bereits rund einen Kilometer näher war, kam jemand über die Kreuzung gesprintet, an der ich stand. Alle nonverbale Kommunikation half nichts, der Mann schlich sich bedächtig an mein Taxi und stellte die wichtigste aller Fragen:

„Sind Sie frei?“

Nachdem wir diesen komplexen Sachverhalt erörtert hatten, stieg er ein und wollte „zum Mehringdamm nach Schöneberg“. Obwohl es vollkommen entgegengesetzt meiner Richtung war, war ich froh über die finanziell genau passende Fahrt und belehrte ihn nicht, dass der Mehringdamm nicht in Schöneberg, sondern in Kreuzberg liegt. Seine Verwechslung wurde für mich noch lustiger dadurch, dass ich von uns beiden der einzige Zugewanderte war und er gerade nach Hause fuhr. Aber sei es drum, immerhin war er auch keiner der Idioten, der es schlimm fand, dass ich aus Stuttgart komme. 🙂

Hektik

Der Mittwoch ist ja eigentlich kein Arbeitstag für mich. Mit einer Ausnahme: Heute. Ich hatte eine nette Touranfrage bei Twitter, zudem ist mir am letzten Wochenende mal wieder die 1925 ausgefallen. Quietschen mit Schluckauf oder so. Da tut ein Tag zum Ausgleich ganz gut.

Naja, jetzt ist es jedenfalls so, dass ich ziemlich früh los muss, um das Auto aus der Werkstatt zu holen (mein Tagfahrer ist zu allem Überfluss nämlich auch noch krank), und danach geht es noch eine Runde auf die Piste. Ich hoffe, der Mittwoch ist nicht ganz so schlimm, wie ich ihn in Erinnerung habe. Dafür kann ich das Auto wenigstens mit nach Hause nehmen nach der Schicht. 🙂

Noch zwei kurze Links:

Erstens:
Falls es jemand noch nicht aufgefallen ist – in der Seitenleiste oder bei Facebook und Twitter – es gibt neue Fotos von mir.

Zweitens:
Mein bisheriger Rekord-Dauerfahrgast Jo legt morgen Abend im Lichtpark direkt neben dem Kater Holzig auf. Für elektrobegeisterte Berliner vielleicht ein Donnerstagstipp. Und ich würde hier keine Werbung dafür machen, wenn Jo nicht extra noch Gästelistenplätze verlosen würde dafür. Guckt mal hier auf seiner Seite!
(Und wenn ihr im Lichtpark sein solltet: Kann gut sein, dass die 1925 da morgen ein oder zweimal vor der Tür wartet. 😉 )

Die kürzeste Route!

Ja, die kürzeste Route muss ich als Taxifahrer fahren, so lange vom Fahrgast nichts anderes gewünscht ist. Und ihr hört mich über wenig enthusiastischer plaudern als meine Versuche, das auch zu tun. Auf der anderen Seite schneiden wir uns damit natürlich ins eigene Fleisch. Umsatzbasiert bezahlt zu sein bedeutet eben auch, dass jeder Meter mehr potenziell leicht verdientes Geld ist. Nicht umsonst gehören zu den hartnäckigsten Problemen im Taxigewerbe die Kollegen, die halbe Stadtrundfahrten machen, bis sie endlich am eigentlich viel direkter zu erreichenden Ziel angelangen.

Das Gegenstück dazu liefern natürlich die Kunden, die eine ganz eigene Vorstellung von kurzen Wegen haben, meist ungefähr wie folgt:

„Da fahr ich immer, das ist ganz sicher der beste Weg!“

Dass nachts, ohne Berufs- oder irgendeinen Verkehr, der kürzeste Weg in der Regel immer der Beste ist, wollen viele nicht wissen.

Zu dieser Kategorie gehörte die junge Frau sicher nicht, die ich vom Kater Holzig nach Hause in die Kienitzer Straße in Neukölln bringen sollte. Aber nachdem ich pflichtbewusst erwähnte, dass die allerkürzeste Route durch die Adalbertstraße gesperrt ist, machte sie es sich zur Aufgabe, mir ihren Weg näher zu bringen. Um ehrlich zu sein: Ich hab mich lediglich durch angedeutete Bisse ins Lenkrad immer mehr in den WTF-Modus reingesteigert. Viele wissen es wahrscheinlich schon aus meinen Beiträgen, die anderen können es anhand einer Karte (s. unten) in Windeseile nachvollziehen: Für alles, was nördlich der Oranienstraße und zumindest mal östlich der Lindenstraße liegt, ist die direkt parallel zur Adalbert- verlaufende Mariannenstraße eine super Ausweichlösung, wenn man grob gen Hermannplatz will. Meine Kundin hatte dezent andere Pläne:


Größere Kartenansicht

Aus der Tour, die mit Ach und Krach für einen Zehner machbar gewesen wäre, hat sie eine Odyssee durch Kopfsteinpflastergassen gemacht, bei der am Ende 14,40 € auf der Uhr standen. Ich bin mir keiner Schuld bewusst, sie war sich darüber im Klaren, dass es länger ist und hat den Weg freiwillig gewählt. Also passt das schon. Die Kollegen aus der Tagschicht kennen solche Fahrten wahrscheinlich zu Hauf und planen sowas des Verkehrs wegen auch mal von sich aus. Mir als Nachtfahrer zieht es bei sowas immer fast die Schuhe aus.

Aber am Ende ist es doch so: Wenn die Kunden zufrieden sind und wie hier noch 1,60 € Trinkgeld drauf legen, dann hat man wohl nix falsch gemacht. Und der nächste schweigsamere Genosse fährt dann wieder für einen Zehner, versprochen. 🙂

Das mit dem Lohn …

(und andere Kleinigkeiten)

Abgesehen von Selbständigen und dubiosen Schneeballsystem-Betreibern sind Taxifahrer ja eine recht seltene Gruppe von Leuten, die ihren Lohn auf Provisionsbasis beziehen. Das ist nicht überall so und wird sicher auch nicht auf ewig so bleiben, aber derzeit ist das in Berlin eben das Modell der Wahl.

(Ich persönlich bin froh drum, aber ich hab es auch nicht so schwer wie viele Kollegen)

Naja, es war also Donnerstag. Der letzte Donnerstag natürlich. Ich habe mir mal wieder – wie so oft – kein Zeitlimit gesetzt, sondern wollte einen bestimmten Umsatz einfahren, damit es mir auf das reicht, was am Monatsende rausspringen soll für mich. Im Prinzip kommt es da zwar auf ein paar Cent nicht an, aber ich hab nunmal eine Art Statistik-Fetisch. Oder so. Ich wusste jedenfalls, dass ich an diesem einen ganz speziellen Donnerstag noch 7,70 € brauchen würde.

Und als mir am Kater Holzig dann endlich Fahrgäste einsteigen, realisiere ich, dass die Tour zum Matrix geht. Das könnte zu wenig sein. Allerdings nur, wenn man – wie so oft, ich geb’s ja zu – die illegale Abkürzung nimmt und gleich links in den Warschauer Platz abbiegt. Aber ich hatte nette, verständnisvolle Kundschaft, die das nicht verlangt hat. Am Ende der Tour standen auf dem Taxameter tatsächlich haargenau 7,80 €. 10 Cent mehr als „benötigt“.

Na, krasse Scheiße! Ich wollte eh um die Zeit rum Feierabend machen!

Natürlich ist mir aber nicht entgangen, dass binnen der paar Sekunden, die meine Fahrgäste zum Ausstieg benötigten, bereits drei Taxis besetzt von dort weggefahren waren. Und jetzt standen nur noch zwei da …

Also hab ich mich, irgendwie schweren Herzens, auch noch dort angestellt. Und: Tada! Meine Kundschaft hatte ich keine anderthalb Minuten später. Einmal zum Oranienburger Tor. Nun aber heim!

In der Torstraße dann Winker zur Samariterstraße. Nun aber heim!

Kurz darauf Winker bis in den Weitlingkiez. Nun aber … naja, dann auch wirklich heim!

Es war nur eine Stunde, die mich das Ganze gekostet hat. Der Umsatz war verhältnismäßig bombig. Die Stunden davor lag er bei einem Drittel davon, wenn überhaupt. Und schon kam mir die Schicht nicht mehr doof vor, schon war mein Stundenlohn wenigstens ansatzweise dort, wo gemeinhin ein Mindestlohn hingehört. So kann es gehen, so sollte es öfter gehen, so ist es aber leider nur selten.

Wenn ich als Taxiblogger mich genötigt sehe, sowas niederzuschreiben, dann denkt mal über die Stunden nach, in denen es nicht so läuft!

Coolness? Check!

Woran es am Ende genau gelegen hat, weiß ich nicht. Vielleicht war es wirklich die Sperrung der Straße der Pariser Kommune auf der Karl-Marx-Allee. Jedenfalls hab ich den wild durcheinandergackernden Spaniern nicht zu viel versprochen.

Sie sind mir aufgeregt ins Auto gesprungen und haben mich gefragt, ob ich wüsste, wo das Klinikum am Friedrichshain wäre. Da waren sie nun wirklich nicht an der falschen Adresse. Das ein oder andere Mal hab ich ja schon Leute dort zur Rettungsstelle gebracht, prominent erwähnt seien hier vielleicht der Zombie und der Mann, der aussah wie Donald Rumsfeld. Wobei letzterer dann ja doch nicht wollte.

Egal. Die Spanier zeigten jedenfalls auf den Krankenwagen, der sich gerade vor dem Yaam langsam in Bewegung zu setzen schien und anschließend fragte meine wuselige Gesellschaft mich, ob ich jenem Wagen hinterherfahren könne. Abgesehen davon, dass ich nicht im Windschatten eines Krankenwagens Kamikaze-Fahrten mache, schien mir die Richtung auch ungünstig zu sein. Wenn der Fahrer nämlich nicht vorhatte, gleich zu wenden, würden sie mindestens bis zur Warschauer Straße gen Osten fahren müssen, tatsächlich unnötig weit. Also hab ich alternativ auf die Andreasstraße gezielt und versprochen, wir würden als erste da sein. Man braucht ja auch Ziele im Berufsleben, nicht wahr? 😉

Ich denke, über die Tempo-30 Zonen schweigen wir einfach, ansonsten war ich nicht wirklich schneller als die Polizei erlaubt, sondern nur schneller als der RTW fährt.

An der Rettungsstelle sahen die vier, die um ihren Kumpel (Alkoholvergiftung oder irgendwas in der Art) bangten, sich nochmal ängstlicher um und fragten, ob ich wisse, wo der Wagen ankommen werde.

„Well, exactly here. And that’s why I have to go now.“

Ich hätte sagen können, was ich will. Die werden ihre letzte Urlaubsnacht hier eh nicht vergessen. Als ich aus dem Tor bin, kam gerade ein Rettungswagen reingefahren. Denke, das hat gut gepasst. 😉

Beziehungskisten

Es ist ja kein Wunder, dass mich Jochen Knoblach von der Berliner Zeitung beim Interview unter anderem nach betrügenden Ehemännern gefragt hat: Man kriegt ja auf dem Fahrersitz durchaus mal mehr Einblicke in die Beziehungen der Fahrgäste, als einem lieb ist. Und nicht immer sind es die Ehemänner, die was zu erzählen haben.

Ich meine, klar, die gibt es schon. Mein liebster (ganz aus der Anfangszeit des Blogs, schaue ich jetzt nicht nach) fragte mich damals nach der Uhrzeit und als ich ihm mitteilte, dass es ungefähr ein Uhr sei, meinte er:

„Uff, dann bin ich jetzt so gut wie geschieden!“

Klang ganz so, als ob das alte Rollenbild mit der nudelholzbewehrten Frau hinter der Tür irgendwo weiterlebt.

Ähnlich bekloppt und für mich nicht nachvollziehbar war die junge Frau, die mich unterwegs rangewunken hat und mir von Friedrichshain eine gute Tour bis in den Westen zukommen ließ. Schöner Abend, ein klein bisschen was getrunken, mit den Freundinnen gequatscht, alles prima soweit. Und dann meinte sie ernstlich:

„Das Dumme ist nur: Eigentlich hätte ich heute gar nicht weggehen dürfen, mein Freund verbietet mir das.“

WTF, Menschheit?

Wieso tun sich solche Leute nur zusammen?

„Du, ich geh‘ übrigens voll gerne feiern.“

„Cool, aber jetzt nicht mehr.“

„Ok Schatz, nur noch heimlich …“

Schon klar, sowas passiert schleichend und mit viel Verdrängung, Ab- und Anhängigkeiten. Ja ja. Leute, für sowas gibt’s Therapeuten. Geht da ruhig mal hin, bevor ihr nackt bis auf eine Sonnenbrille im Park Schach mit Coladosen spielt oder mit dem Nudelholz hinter der Tür wartet, ok?

Meine danach nötige Ablenkung ließ nicht lange auf sich warten. Ebenfalls eine Frau, dieses Mal etwas stärker angetrunken, quatschte sich mit sichtlichem Vergnügen in Rage über das Abendessen mit zwei Pärchen, die auf der Gruselskala bezüglich Getue, Heimlichkeiten und Misstrauen noch eine weitere Stufe erklommen hatten.

„Warum nur? Warum tun sich Leute sowas an?“

Erklären konnte ich es ihr natürlich auch nicht, aber so ein WTF spricht sich gemeinsam nochmal viel erleichterter aus. 🙂

Warum halten Sie?

„Warum halten Sie? Sie können ruhig bis zur Tür fahren.“

„Ach, das mach ich sicherheitshalber lieber nicht.“

Gut, da hat sie ein wenig sparsam geguckt. Also hab ich mal ein weiteres Wort in den Raum geworfen:

„Dachschild.“

Nicht ohne Grund:

Eine Zentimeterfrage. Quelle: Sash

Eine Zentimeterfrage. Quelle: Sash

Anschließend hat sie sich ziemlich begeistert gezeigt, dass ich daran gedacht hätte. Nicht ganz zu Unrecht, denn an das Dachschild denke ich wirklich in der Regel nur, wenn es ums Waschen des Autos geht. Aber bei dieser extrem flachen Vorfahrt haben alle Alarmglocken geklingelt.

Noch begeisterter als die Kundin werden aber wahrscheinlich meine Chefs sein. 🙂

Das Auto hat – wie man ja auch sieht – schon genug Macken. Da muss nicht auch noch eine von mir dazukommen …