Die kürzeste Route!

Ja, die kürzeste Route muss ich als Taxifahrer fahren, so lange vom Fahrgast nichts anderes gewünscht ist. Und ihr hört mich über wenig enthusiastischer plaudern als meine Versuche, das auch zu tun. Auf der anderen Seite schneiden wir uns damit natürlich ins eigene Fleisch. Umsatzbasiert bezahlt zu sein bedeutet eben auch, dass jeder Meter mehr potenziell leicht verdientes Geld ist. Nicht umsonst gehören zu den hartnäckigsten Problemen im Taxigewerbe die Kollegen, die halbe Stadtrundfahrten machen, bis sie endlich am eigentlich viel direkter zu erreichenden Ziel angelangen.

Das Gegenstück dazu liefern natürlich die Kunden, die eine ganz eigene Vorstellung von kurzen Wegen haben, meist ungefähr wie folgt:

„Da fahr ich immer, das ist ganz sicher der beste Weg!“

Dass nachts, ohne Berufs- oder irgendeinen Verkehr, der kürzeste Weg in der Regel immer der Beste ist, wollen viele nicht wissen.

Zu dieser Kategorie gehörte die junge Frau sicher nicht, die ich vom Kater Holzig nach Hause in die Kienitzer Straße in Neukölln bringen sollte. Aber nachdem ich pflichtbewusst erwähnte, dass die allerkürzeste Route durch die Adalbertstraße gesperrt ist, machte sie es sich zur Aufgabe, mir ihren Weg näher zu bringen. Um ehrlich zu sein: Ich hab mich lediglich durch angedeutete Bisse ins Lenkrad immer mehr in den WTF-Modus reingesteigert. Viele wissen es wahrscheinlich schon aus meinen Beiträgen, die anderen können es anhand einer Karte (s. unten) in Windeseile nachvollziehen: Für alles, was nördlich der Oranienstraße und zumindest mal östlich der Lindenstraße liegt, ist die direkt parallel zur Adalbert- verlaufende Mariannenstraße eine super Ausweichlösung, wenn man grob gen Hermannplatz will. Meine Kundin hatte dezent andere Pläne:


Größere Kartenansicht

Aus der Tour, die mit Ach und Krach für einen Zehner machbar gewesen wäre, hat sie eine Odyssee durch Kopfsteinpflastergassen gemacht, bei der am Ende 14,40 € auf der Uhr standen. Ich bin mir keiner Schuld bewusst, sie war sich darüber im Klaren, dass es länger ist und hat den Weg freiwillig gewählt. Also passt das schon. Die Kollegen aus der Tagschicht kennen solche Fahrten wahrscheinlich zu Hauf und planen sowas des Verkehrs wegen auch mal von sich aus. Mir als Nachtfahrer zieht es bei sowas immer fast die Schuhe aus.

Aber am Ende ist es doch so: Wenn die Kunden zufrieden sind und wie hier noch 1,60 € Trinkgeld drauf legen, dann hat man wohl nix falsch gemacht. Und der nächste schweigsamere Genosse fährt dann wieder für einen Zehner, versprochen. 🙂

12 Kommentare bis “Die kürzeste Route!”

  1. Judith sagt:

    Das ist wie bei unserem Auslieferungsfahrer. Da wir uns in der Stadt noch nicht auskannten haben wir erstmal seine Route übernommen – um dann irgendwann durch einen Zufall rauszufinden, dass man die gleiche Liefertour in 1-2 Stunden weniger fahren kann, wenn man anders fährt…

  2. Nihilistin sagt:

    Oh…da erinnere ich mich an meine letzte Tour vom Flughafen Schönefeld in den Norden der Stadt. Nachts um kurz vor 12. Daß der Herr Taxifahrer mit „seinem“ Weg 500 m kürzer unterwegs war als ich mit meinem Vorschlag (bei 25 km Gesamtweg jetzt nicht unbedingt kriegsentscheidend), konnte nicht wettmachen, daß:
    – er den Weg einfach „entschied“, ohne auch nur ansatzweise auf meinen Wegwunsch einzugehen – ja sogar noch blöde Sprüche machte
    – er permanent 20-30 km/h schneller fuhr als erlaubt, im Tunnel Britz sogar 40km/h schneller (zwischen den Blitzkameras), und das sogar auf mehrfache Aufforderung nicht abstellte
    – er sich an der Ampel billiges Rasierwasser in die Handfläche schüttete sich sich gut 200ml auf Kopf und Nacken verteilte, was zusammen mit dem Wunderbaum am Spiegel fast zum Kotzanfall meinerseits führte

    Ich war einfach zu müde, um entweder am nächsten Taxistand in eine andere Taxe umzusteigen oder mir wenigstens seine Zulassungsnummer aufzuschreiben mit anschliessender Beschwerde bei der Innung. Natürlich gabs kein Trinkgeld, aber so einem Vollhonk 50 EUR Umsatz in die Tasche geschaufelt zu haben, ärgert mich bis heute. Glücklicherweise wars erst der zweite Oberidiot bei ungefähr 50 Fahrten in 4 Jahren.

  3. taxameter sagt:

    Kein wunder war ja auch nen LDS ler

  4. Rike sagt:

    Ich warte ja schon lange darauf, dass einer deiner Leser sich mal mit dir den Scherz erlaubt, auf einem ganz verkrusten Weg durch halb Berlin zu gurken.

    @Nihilistin
    Das ist ärgerlich. Ich hatte auch schon 1 oder 2mal einen Taxifahrer, wo ich mich im Nachhinein geärgert habe, dem den Umsatz beschert zu haben. Aber mitten in der Nacht auf dem Weg von Mariendorf nach Friedrichshain ist man dann doch froh ein Taxi zu haben und will nicht wieder neu suchen.

  5. 965nacht sagt:

    Hallo Sascha,

    schön zu lesen, dass es auch noch anderen so geht, wobei ich mich über längere Strecken, sofern vom Kunden gewünscht, nicht aufrege. Ganz im Gegenteil. Der Kunde ist König und so soll es meinetwegen gerne die längere Strecke sein. Die Mariannenstraße als Ausweich zu nehmen, wäre mir allerdings nicht in den Sinn gekommen. Ich hätte in obigem Fall eher die Ritterstraße/Reichenberger Str. bevorzugt oder kommt man da nicht mehr aufs Kottbusser Tor? Macht aber vermutlich keinen Unterschied ob nun direkt aufs Tor oder über die Mariannenstraße bis direkt an die Kottbusser Brücke ran.

    Werde demnächst mal Ausschau halten. Zerbeulter Zafira mit Dachschild und 1925? als Konzession…sollte machbar sein.

    Grüße

  6. Sash sagt:

    @Judith:
    Ui, das is’n heftiger Unterschied. 🙂

    @Nihilistin:
    Gegen der Willen der Fahrgäste irgendeinen Weg durchzudrücken, ist natürlich idiotisch. Schien ja aber ohnehin ein eher, ähm … „spezieller“ Kollege gewesen zu sein. 🙁

    @taxameter:
    Auch da soll es vernünftige geben.

    @965nacht:
    Ich ärgere mich da wirklich nicht, keine Sorge! 🙂
    Und ja: Über den von Dir vorgeschlagenen Weg kommt man am Kottbusser Tor nicht durch. Deswegen die Mariannenstraße. Und ich bin problemlos auffindbar – das haben schon einige Leser hinbekommen. 😉

  7. egal sagt:

    Heute morgen 6:10 Uhr – sanftes klopfen weckte den Taxifahrer am Stand auf… aber er war wohl zu überrascht von mir und fuhr auf einer Strecke, die sonst etwa 1,6 km lang ist (an einer Hauptverkehrsstraße startend zum Hbf) locker über einen km Umweg, indem er auf den Hauptstraßen blieb anstatt kleine Seitenstraßen zu nehmen. Nach der zweiten Seitenstraße fragte er mich noch sogar, ob man da nicht auch durch könne Richtung Hbf… Ich bejate und erwähnte auch, dass es kürzer sei und er fuhr weiter den Umweg, wohl noch unter Schock, aus dem Schlaf gerissen worden zu sein. Dafür fuhr er aber auch ziemlich konsequent 70 km/h um den Zeitverlust auszugleichen oder so…

    Das mit dem Schlaf find ich nicht weiter tragisch. Ich zahl auf der Strecke immer 5,50 (die ersten 2 km haben hier einen Festpreis) und gebe 7 Euro. Heute standen 6.30 auf der Uhr und ich hatte wieder 7 parat. Da machste nix.

  8. Judith sagt:

    Sash sagt:
    22. Juli 2013 um 17:22

    @Judith:
    Ui, das is’n heftiger Unterschied. 🙂

    Jepp, vor allem, wenn man die Zeit bezahlen muss 😉

  9. Sash sagt:

    @egal:
    Klingt nach jemandem, der besser mal eine halbe Stunde vorher Feierabend gemacht hätte … 0.o

    @Judith:
    O ja … 🙂

  10. ein Matthias sagt:

    Von mir auch noch etwas eher zu Judith passendes.

    Bei einem früheren nächtlichen Nebenjob als eine Art Kurierfahrer, hat der Chef selbst mit mir die Einweisungsfahrt gemacht. Aufgrund seiner Orts-UN-kenntnis hat er 5 Stunden benötigt, fand das aber ok so und legte die 5 Stunden gleich pauschal für die Runde fest.
    Meine Bestzeit war später 2:55 h. Ich musste nur beim Arbeitsbeginn, dem Fahrtprotokoll und dem Tanken etwas mit der Zeit jonglieren, um nicht allzu sehr aufzufallen. Bei dem miesen Lohn von 4,20/h waren die 21 Euro pro Fahrt dadurch aber (als Nebenjob) auch geradeso ok.

  11. Sash sagt:

    @ein Matthias:
    Ich kenne sowas. Bei einem ehemaligen Arbeitgeber wurden die Stunden auch ziemlich heftig aufgerundet. Der Stundenlohn war zwar besser, aber die Auslastung so mies, dass man mit der realen Arbeitszeit unglaublich wenig verdient hätte. Aber wenn man morgens um 7.00 Uhr die erste Tour und abends um 22.00 Uhr die letzte Tour hat, will man halt doch wenigstens mal einen Fuffi dafür kriegen – trotz 7 Stunden Pause (in drei Teilen) dazwischen …

  12. highwayfloh sagt:

    Also da brauchste keine Gewissensbisse haben… echt nicht!

    Ich hab jetzt in meiner Heimatstadt auf meiner „Stammroute“ diverse Taxifahrer/innen gehabt von der Altstadt (Innenstadt) weg, bis auf einen, zwei Euro hat sich da nicht viel getan. Und wenn ich dann ein Taxi nehme bzw. nehmen muss (grins) kommts mir da auch nicht explizit drauf an. Nur einen musste ich mal massiv korrigieren, der wollte mich partout abzocken, wo ich dann doch ganz deutlich gesagt habe, dass ich die Strecke kenne und auch den Preis, welche die und die Route kostet.

    Der war dann ganz kleinlaut danach… .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: