Passiv, aber heftig.

Die Schicht war scheiße gelaufen, aber jetzt winkte es ausgerechnet im südlichen Neukölln, als ich das Auto gerade in Richtung Firma bringen wollte. Nun denn, so ist das Spiel eben! Der Winker stand auf dem Mittelstreifen und gab mir gut erkennbar den Hinweis, dass ich vor ihm (an einer Kreuzung) drehen solle und es wieder stadteinwärts gehen würde. Kein Ding.

Und dann stiegen drei Leute ein, die mich so dermaßen ins Jahr 1998 zurückgeflasht haben, dass ich mir selbst erst mal klarmachen musste, dass es am Geruch lag.

„Alter, nice, dass Du so angehalten hast! Reicht Wildenbruch noch Kurzstrecke?“

„Wir können’s zumindest versuchen.“

„Yeah. Also nicht, dass das war, was ich, also wir, ich äh … hihi.“

„Wir fahren Kurzstrecke auch immer von woanders, ist manchmal schwer einzuschätzen.“

„Is‘ super, Digger! Wir wollen ja nur noch kurz noch einen rauchen … das machste sicher auch nicht, wa?“

Hätte ich nicht vor ungefähr 15 Jahren mein gelegentliches Kiffen zugunsten eines Fahrerjobs ad acta gelegt, hätte ich anhand der Luft im Auto noch die Sorte an Gras bestimmen können, die die drei Gesellen offenbar die letzten Monate anstelle von Atemluft benutzt haben. Also hab ich mal frech geantwortet:

„Nee, Jungs, das passt nicht mit dem Job. Aber ganz ehrlich: Was ich gerade passiv mitnehme, versaut mir ohnehin schon die nächsten Drogentests.“

Zugegeben, es war nur sehr bedingt überraschend, aber: Sie mussten lachen. 😀

Schon mal das Vergnügen

„Ha! Hatten wir beide nicht derletzt schon mal das Vergnügen?“

„Äh … kann sein!? Ich merke mir nicht jedes Gesicht.“

Was man halt so sagt, wenn man sich wirklich nur sehr sehr sehr schwer Gesichter merken kann.

„Wohin soll’s denn gehen?“

„Die XYZ-Straße.“

Und genau deswegen sage ich immer, dass ich mir Gesichter schlecht merken kann und nicht, dass ich einfach ein schlechtes Gedächtnis habe. Denn als er das gesagt hatte, wusste ich:

„Ah, Bundesstraße Drölf, links in die ABC, von der ABC-Straße rechts ab, dann die dritte links in den Weg mit dem ziemlich langen und schwer merkbaren Namen und dann hinten am Eck halten. Knappe 13 Euro, ein Zweier Trinkgeld obenauf. Und nach dem Absetzen einfach links-links, dann bin ich wieder auf der XYZ-Straße.“

Gesagt hab ich nur:

„Ich glaube, ich erinnere mich.“

Diesmal war es komplizierter. Notarzteinsatz vor uns, deswegen ein kleiner Umweg, anderes Ranfahren, aber das Ende passte:

„Und hinten am Eck halten, ja?“

„ACH, HAHA! SIE ERINNERN SICH!“

Nur so grob. Aber danke für die zwei Euro Trinkgeld. 😉

„Meine Dienste“

Mittzwanziger, leicht abgeranzte Klamotten, schon leicht einen im Tee. Soweit der erste Eindruck.

Ich war der einzige Taxifahrer am Stand, also kam er zu mir. Mal sehen …

„Einen Wunderschönen! Ick müsste mal Ihre Dienste für eine janz kurze Zeit beanspruchen, geht das klar?“

Berliner Dialekt und Höflichkeit. Da gehe ich ja innerlich ohnehin auf die Kniee.

Ja, die Tour blieb mit knapp neun Euro nur mittelmäßig ergiebig. Andererseits muss ich jetzt auch mal die lediglich drei Minuten Wartezeit und die fürstlichen drei Euronen Trinkgeld erwähnen. Und, welch edler Herr in schäbigem Gewand musste sich meine Dienste so höflich erbitten?

Einfach nur ein echt netter Barkeeper, der nach drölfzig Stunden mehr als ich völlig platt war, aber vorm Schlafengehen noch unbedingt Kippen an der Tanke holen musste.

Meinetwegen muss das Protokoll ja nun nicht derart pingelig eingehalten werden, aber in dem Fall hab ich’s einfach mal als echte Höflichkeit gewertet. I like! 😀

Freude und Hass, alles auf einmal!

Ich erzähle oft tolle Stories hier, aber ich bin nur ein Autofahrer wie alle anderen da draußen auch: Ich hab mir im Laufe der Jahre ein paar tolle Fähigkeiten zugelegt, Reflexe verinnerlicht und bin sicher nicht schlecht in meinem Job. Andererseits gibt es selbstverständlich Momente, in denen ich dumme Fehler mache, die man sonst nur Fahrschülern zugestehen würde und ich halte mich trotzdem irgendwie für unfehlbar. Und dabei kommt dann halt sowas wie letztes Wochenende in Kreuzberg raus:

Ich hatte eben hochzufrieden eine Kundin abgesetzt, es war eine sehr angenehme Fahrt. Ich war eigentlich konzentriert und wollte nur – um das mal zu vereinfachen – links auf eine Einbahnstraße einbiegen. An einer Kreuzung, die zwar Ampeln für den entsprechenden Querverkehr, nicht aber für mich hatte. Ich sah nach rechts auf die zweispurige Straße und dort wiederum rechts jemanden stehen. Und schloß daraus, dass deren Ampel wohl gerade rot sei.

Ich kann rückblickend nicht sagen, ob ich auf die linke Spur nicht geachtet hatte, ob sie wegen einer Hecke zu schlecht einsehbar war oder es wirklich nur so war, dass der Typ scheiße schnell war und ich ihn einfach deswegen noch nicht sehen konnte. Aber egal: Als ich auf die Hauptstraße einbog, quietschten plötzlich Bremsen und nur wenige Zentimeter vor der Front meines Opels schlitterte mit einer gekonnten Ausweichbewegung ein Mercedes in mattem Schwarz vorbei, um hupend und reifenqualmend etliche Meter hinter der Kreuzung zum Stehen zu kommen.

Der Fahrer hat in der Situation eindeutig uns beide gerettet. Obwohl ich unberechtigt auf seine Spur gefahren bin, ist er ausgewichen und hat damit eine sicher sehr sehr unschöne Kollision vermieden. Top-Reaktion, vielen Dank dafür! Ich persönlich war auch immer stolz darauf, wenn mir sowas mal in der entsprechenden Situation gelungen war.

Deswegen: Danke, danke, danke! Du hast uns und vielleicht noch andere vor einem echt beschissenen Abend, einem Krankenhausaufenthalt und was weiß ich noch bewahrt! Toller Autofahrer, I like! Und ein dickes Sorry meiner Verfehlung wegen, ehrlich!

Andererseits muss ich rückblickend auch anmerken: Diese menschliche, motorische und meinetwegen moralische Überlegenheit erledigt sich in meinen Augen dann doch sehr schnell, wenn man anschließend an so eine Situation ohne Rücksicht auf den Verkehr quer über beide Spuren mit Warnblinker anhält, sich mit seinen in 170 Zentimetern nur schwer passenden Minderwertigkeitskomplexen aufplustert und mitten auf der Straße aussteigt um aggressiv rumzubrüllen, wie scheiße mein Verhalten gewesen sei. Und auf meine Entschuldigung und meine Danksagung für die schnelle Reaktion nur antworten kann, dass das trotzdem scheiße sei.

Und das nicht, weil ich glaube, dass das meinen Fehler besser macht. Ehrlich nicht! Ich hab in dem Moment Scheiße gebaut, bei einem Unfall wäre ich schuld gewesen und ich bin nach wie vor dankbar fürs Ausweichen!

Aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich das weiß: Wieviel bringt’s mir wohl, dass man mir das nochmal ins Gesicht brüllt, Du asoziales Arschloch?

Und ja: Ich meine das ernst! Denn wie oben verlinkt: Ich kenne auch die andere Seite und ich hab’s bisher auch ohne Einschüchterungsversuche und Beleidigungen geschafft.

Januar und so

Auch wenn natürlich nicht mit dem 0-Uhr-Glockenschlag am ersten Februar schlagartig das Geschäft besser wird: Ich bin froh, mit dem gestrigen Abend meinen persönlichen Januar dieses Jahr beendet zu haben. Aber selbst der bot ja die ein oder andere nette Szene. So vorgestern, als gerade ein Kollege mit mir an zweiter Position am Stand ein Gespräch angefangen hat:

Kollege: „Hey Sascha, wie geht’s? Alles gut?“

Ich: „An sich ja. Aber wenn das Geschäft besser laufen würde, wär’s deutlich angenehmer.“

Potenzieller Fahrgast: „Sorry, ich hätte da mal eine Frage: Was nehmt Ihr bis Erkner?“

Ich: „Sagen wir mal 45 €.“

Fahrgast: „Na denn: Erkner, Bahnhof.“

Und ja: Wie erwartet war’s am Ende ein glatter Fuffi:

„Fünf Euro Zielprämie, weil Du schneller da warst als der Zug!“

PS: Das Absurde daran war, dass ich zwar früher da war als der Zug, die Fahrt aber deutlich länger gedauert hat. Sie hätten halt nur 20 Minuten in der Kälte warten müssen und sind deswegen stattdessen mit mir gefahren. Ist so eine Art „Gefühltes Schneller“. 😉

Lebensmüde

Ich bin selten in suizidaler Absicht unterwegs, aber wenn auf einer dreispurigen Haupt- und Bundesstraße 60 km/h erlaubt sind, dann erlaube ich mir selbige auch bei Schnee und Eis.

Andererseits hab ich schon aus Geldgründen auch Fußgänger im Blick. Dieses Mal war das nicht schlecht, denn die Frau, die da irgendwo im 50-100m-Umkreis auf die Fahrbahn tappste, war schnell als nicht zurechnungsfähig erkennbar. Ohne Hingucken torkelte sie da von einer  Seite zur anderen. Sie begann die Straße zu überqueren und ich trat die Bremse durch. Trotz ABS rutschte und rutschte ich auf sie zu, während sie meiner Spur näherkam, aber das war ok. Ich hatte früh genug reagiert, ich hatte es im Gefühl: Das Auto bekam rechtzeitg wieder Grip, ich hielt sicher 15 Meter vor ihr an.

Und bei allem Unmut über komatöse Patienten im Straßenverkehr: Mir war’s egal. Berlin halt. Da hält man auch Drogenopfer aus.

Da ich dann wieder losfuhr und sie danach die Gegenspur zu überqueren gedachte, hab ich trotzdem die Situation im Blick behalten und mal kurz die warnende Lichthupe eingesetzt.

Wenn ich dem Geschehen im Rückspiegel glauben kann, ist der Golffahrer durchaus ins Schleudern geraten beim Ausweichen, hat am Ende aber stoppen können, ohne die Fußgängerin oder eine Leitplanke zu treffen. Trrotzdem: Ich bin froh, nicht er gewesen zu sein, ich hatte es leichter.

Und an die Frau mit dem Todeswunsch: Ey, raff Dich mal auf! Für sowas gibt’s Optionen, die keine unbeteiligten Autofahrer mit einbeziehen!

Eiligtarife

„Geht das mit der Tasche so oder soll die in den Kofferraum?“

„Ähm, ich hätte erst eine Frage.“

„Auch ok.“

„Würden wir es schaffen, um 23:20 Uhr einen Zug in Königs Wusterhausen zu erreichen?“

„Ja. Das klappt.“

„Sagen Sie mal, wie viel das etwa kosten würde. Ich hab nicht mehr so viel Geld …“

„Ich sag jetzt mal 60€.“

„Hmm, hmm. Ich hab hier 50. Warten Sie mal, ich sehe mal nach, ob ich noch irgendwo Kleingeld … oh, ähm, also 50€ und 50ct.“

„Wenn Sie’s eilig haben, kriegen wir das auch für 50 hin.“

Da denkt man einmal vorher daran, dass 50 inzwischen etwas knapp sind, und dann sowas! Aber es war trotzdem die beste Tour, die in dieser Stunde anfallen konnte. Und nett war sie noch dazu. Etwas unglücklich war lediglich die Sache mit dem Navi, denn das war natürlich auf die kürzeste Route gestellt und hat mich zwischendrin mit einer Ankunftszeit von 23:31 Uhr „etwas“ erschreckt. Aber abgesehen davon, dass der Zug doch erst um halb fuhr, hatte ich in der verschneiten Brandenburger Wildnis die Möglichkeit, zwischenzeitlich in den Colin-McRae-Modus zu schalten und die Ansage 23:20 Uhr auf die Minute einzuhalten.

Und zack, wieder ein zufriedener Kunde mehr! 😀