Glückscent

Ein Wort, dass mir bei aller Gewöhnung an den Euro noch Schwierigkeiten bereitet. Glückspfennige – ja. Glückscent – hmm …

Aber ich will nicht ein paar Tage, nachdem sich ein Haufen Schwachmaten unter dem Kürzel AfD formiert hat, schlecht über den Euro reden. Das verstehen die in ihrer einfachen Welt sonst vielleicht falsch.

(Lesenswert zum Thema übrigens wie fast immer Ali Arbia bei den Scienceblogs)

Eine Kundin hatte so ihre Not mit dem Geld. Nicht einmal grundsätzlich, sondern mit dem Kleingeld. In solchem wollte sie mir den Fahrtpreis gerne erstatten, und da bin ich auch dankbar. Insbesondere, wenn es wie hier um einen einstelligen Betrag geht und die Alternative in dem Fall ein Fuffi ist. Das ist alles kein Problem, aber in klein isses mir dann doch lieber.

Und ihr Portemonnaie war wirklich randvoll gefüllt. Aber natürlich mehr mit Rotgeld als mit Münzen, die man gemeinhin bei einem Preis von acht Euro herauskramt. So ließ es sich kaum vermeiden, dass irgendwann eine Münze zu Boden fiel, was sie auch in helle Aufregung versetzte. Ich beruhigte sie, kassierte dann erst einmal und bot ihr an, nach dem Aussteigen nochmal nachzusehen. War aber nicht nötig:

„Ach, was ich jetzt verloren hab, war allenfalls ein Glückscent.“

Genau genommen waren es zehn Glückscent und ich gebe zu, dass ich mir die Mühe gemacht habe, sie aufzuheben – was sich, wie Götz Widmann eindrucksvoll erforscht hat, (zumindest für arme Schlucker wie Taxifahrer) durchaus lohnt.

Nachdem das nun nicht das erste Mal war, stellt sich nur die Frage: Sind es tatsächlich die Taxikunden, denen wir die Glückscents zu verdanken haben?

Stammkundschaft

Dank meiner ja doch eher, sagen wir: eingeschränkten Arbeitszeit bin ich ja nicht so der Held im Sammeln von Stammkundschaft. Hauptsächlich ein paar Leser, deren Ausflüge hier und da mal passen, rufen gelegentlich an. Ansonsten beschränken sich vermehrte Fahrten mit den selben Fahrgästen auf Leute, die am Ostbahnhof einfach durch Zufall mehrmals bei mir landen.

Bei dieser eigentlich nicht wirklich als Stammkundschaft zu bezeichnenden Fahrgastgruppe gibt es natürlich solche und solche:

Ein netter, schweigsamer, älterer Herr, der gerne bis Zehlendorf fährt,

einen ziemlich nervigen Meckerer, der bei der Bahn arbeitet

und eine Kollegin von ihm, die mir eine meiner liebsten Kunden ist.

Es gibt auch noch einen netten Kerl, der zwar nur eine kurze Strecke fährt, dafür aber gerne geräumige Autos nimmt und ebenfalls nicht sparsam beim Trinkgeld ist. Wahrscheinlich gibt es sogar noch weitere, aber ich bin mit einer Gesichtsblindheit gesegnet, die in dem Job nicht wirklich toll ist.

So hab ich auch dieses Mal ein wenig skeptisch geguckt. Der riesige Typ mit der Glatze stand schon ein paar Minuten rauchend mit einem Kumpel auf der anderen Straßenseite am Stand und ging dann auf mich zu. Der Kerl, ein Brecher sondersgleichen, mich in Größe und Umfang noch toppend, bleibt still und sagt nur sein Fahrtziel an. Tief im Südosten, gute 25€-Tour. Ein zwei Fragen zur Strecke, er ist ein angenehmer Fahrgast, was sein Äußeres so nicht unbedingt vermuten lässt. Aber das hab ich über mich als Fahrer auch schon gehört.

Wir waren am Schlesi, da meint er, er hätte gerade eine längere Tour durch die USA gehabt, woraufhin ich einfach mal unsicher aber frech gesagt habe, dass wir ja trotzdem nicht das erste Mal zusammen fahren würden. Die Kombination kam mir bekannt vor – und bingo:

„Ja, damals hab ich noch bei ‚Night of the Jumps‘ gearbeitet.“

Er freute sich, dass ich ihn wiedererkannte – und es gibt wirklich nichts schöneres als bei Leuten, bei denen man sich wegen irgendwas unsicher ist, ein Lächeln zu sehen. Damit aber war der Schalter sofort umgelegt. Als ob wir uns ewig kennen würden, haben wir uns geduzt und er hat angefangen, wieder mal von seinem Job zu erzählen. Er ist nämlich Kameramann, früher bei besagter „Night of the Jumps“-Veranstaltung, inzwischen für Red Bull direkt bei einem ähnlichen Zirkus weltweit. Abgesehen davon war er wohl auch beim Stratosphärensprung von Felix Baumgartner vor Ort.

Ist alles im Prinzip so überhaupt nicht meine Welt, aber mein Fahrgast hat eine wahnsinnig angenehme Art, über seine Arbeit zu reden, dass es auch mich immer wieder fesselt. Ich mag das ja, wenn Menschen so richtig in ihrer Arbeit aufgehen, und das scheint bei ihm definitiv der Fall zu sein. Ich hab zumindest sonst noch von niemandem lachend erzählt bekommen, dass er schon dreimal bei seiner Arbeit von einem Motorrad getroffen wurde.

Mit der Zeit erinnerte ich mich zumindest vage wieder an die Zieladresse, aber das sind ohnehin so Fahrten, die meinetwegen gerne ein bisschen länger dauern könnten. Der Fahrpreis wurde – daran hab ich mich dann schnell erinnert – wie jedes Mal großzügigst auf 30 € aufgerundet. Wenn es überhaupt irgendwas negatives benennen könnte, dann, dass man nachts kurz von der Stadtgrenze einfach zwingend noch ein paar Leerkilometer ansammelt. Aber in Anbetracht der ganzen Umstände: Wayne?

Und es ist schön, dass es umgekehrt wohl ähnlich sein muss. Denn wenn man wie ich jetzt auch noch auf der zehnten Halteplatzposition mit solchen Fahrten beglückt wird, dann muss man doch wohl auch irgendwas richtig machen. 🙂

Also echt jetzt!

„Guten Abend, wo darf es denn hingehen?“

„Spandau.“

„OK, wohin genau?“

„Also zum Bahnhof. Nicht ganz. Aber so die Ecke.“

„Alles klar, kein Problem.“

„Ja, da, ich … äh, ich hab aber nur noch 15 €.“

„Das wird nicht reichen. Sollen wir unterwegs an einer Bank anhalten?“

„Hmm, ja, äh … nee. Wieviel mehr wird das denn sein?“

„Schon einiges. So auf 25 € kommen wir sicher. Für 15 € kommen wir höchstens bis Anfang Charlottenburg.“

„WAAAS? So eine Frechheit. Ich bin bisher immer mit 15 € nach Spandau gekommen!“

„Von hier aus?“

„Na das vielleicht nicht, aber SOOO schlimm war das noch nie! Also echt jetzt!“

„Tut mir leid, das ist nunmal der Tarif. Wir Taxifahrer müssen ja auch von irgendwas …“

„Da kann ich ja gleich laufen!“

„Naja, bei der Strecke …“

„Sie finden das wohl auch noch toll, oder?“

Daraufhin Abgang besagter Kundin. Und währenddessen ist der Kollege hinter mir vom Stand weggekommen …

Ich weiß doch, dass Taxifahren teuer ist. Himmel, ja! Da müssen Auto und ein eigener Fahrer bezahlt werden. Das ist nix, was mal eben für 45 Minuten Fahrt nur ein paar Cent kosten kann. So leid es mir tut. Aber darum so einen Aufstand zu machen? Ich weiß ja nicht …

PS: In den FAQ beantworte ich auch Fragen zum Taxitarif.

Schon länger hier …

Ostern – ih bäh!

Ich hab’s heute nicht länger als für zwei Touren auf der Straße ausgehalten. Vielleicht blöd, es könnte ja auch noch die gute Zeit kommen, aber nach rund drei Stunden am Stand wollte ich die leere Hauptstadt nicht länger mit meiner Anwesenheit nerven. Zwei Touren … unterirdisch wäre geprahlt, ich muss definitiv mehr Bücher verkaufen … 😉

Aber eine der Touren war zu schön, um nicht von ihr zu erzählen. Ein schon ziemlich alter Mann zog seinen Rollkoffer mehr und mehr in Richtung meines Taxis. Ihn schien ein wenig Skepsis zu plagen, vielleicht wegen meines Bartes oder weil ich so jung war. Ich hab ihn offensiv freundlich begrüßt, am Ende ist er mutig eingestiegen. Na also.

Zur Tiergartenstraße wollte er, genauer könnte er mir das sagen, wenn wir da wären. Normalerweise hätte ich gleich wegen der Sperrung dort gefragt, aber er hat umgehend eingeworfen:

„Wir können durch den Tunnel fahren!“

„Den Tunnel?“

„Ja, oder ist der zu?“

„Nein, aber das wäre von hier dann doch ein ziemlicher Umweg …“

Seine Aussage war offensichtlich der Gewohnheit geschuldet, er erzählte nämlich im Anschluss daran, dass er ja eigentlich verschlafen hätte. Eine freundliche junge Frau hätte ihn im Zug geweckt, da seien sie aber schon am Hauptbahnhof vorbei gewesen, wo er eigentlich ausstiegen wollte. Und ja, vom Hauptbahnhof aus wäre der Tiergartentunnel auch die beste Lösung gewesen. Ich hab ihm ein wenig dabei geholfen, sich zu orientieren, am Molkenmarkt hatte er dann wieder alles auf dem Plan:

„Ach hier! Ja, hier hab ich ja auch mal gesessen. Da ham die von der DDR mich an der Grenze erwischt und 8 Stunden verhört …“

„Na, das war sicher auch nicht der beste Tag …“

„Nein“, erwiderte er lachend. „Aber das ist schon unendlich lange her. Sind Sie Berliner?

Wir hatten es dann über meine Herkunft und ich hatte ein wenig Sorgen, als er anfing, über „die kleinen Probleme zwischen den Ländern und Mentalitäten“ zu reden. Nicht wegen mir, aber ich weiß ja wie diese „Ich hab ja nix gegen Ausländer aber …“-Gespräche anfangen. War glücklicherweise Fehlalarm. Im Gegenteil. Nicht nur, dass sich der alte Mann prächtig mit mir über die Animositäten zwischen Schwaben und Berlinern unterhielt, er teilte einem wegen der Verspätung besorgten Anrufer mit, er sitze gerade in einem „sehr netten Taxi“. 😀

Kurz vor seiner Zieladresse informierte er mich ausführlich über die Gegend während der Nazizeit und ich war froh, dass er deutliche Worte fand über diese Epoche.

„Hab das ja mitgemacht, ich bin ja schon länger hier.“

Natürlich mussten wir dann doch hinter die Absperrung, die Tour hat sich also nochmal verlängert, was mir nicht einmal des Geldes wegen ganz gut gefallen hat. Am Ende standen 14,80 € auf der Uhr.

„Hier haben Sie zwanzig. Die dürfen Sie behalten.“

Gut, es war auch des Geldes wegen schön. Er verlor noch ein paar Worte über die umliegenden Diplomatenwohnungen und verabschiedete sich mit einem ausgesprochen weise klingenden Satz:

„Leben Sie gut.“

Ich werde es mir merken. Vielleicht werde ich ja dann auch mal so angenehme Taxi-Kundschaft im Alter …

Schlüsselerlebnisse

„Du?“

„Jepp!“

Blöde Frage, blöde Antwort. Altes Spiel. 🙂

„Du!“

„Ja …?“

„Du bringst uns heim!“

„Darauf können wir uns einigen.“

„Was macht das bis Hermann-, Ecke Flughafenstraße?“

„Ach, so 11 bis 12 € etwa.“

Da fiel seine Begleitung uns ins Wort:

„Sagen wir doch einfach 10. Los jetzt!“

„10 sagen wir nicht, das wird nicht ganz reichen. Aber ich kann Sie gerne bei 10 € rauslassen, wenn Sie nicht mehr dabei haben.“

„Nee nee, 12 is‘ ja völlig ok. War nur’n Spaß!“

Und was für ein ausgefallener und amüsanter Spaß. -.-

Aber egal. Auch wenn sie zu Beginn ein wenig reserviert wirkte, sollte das nicht die schlechteste Fahrt sein. Er hatte definitiv ein Bisschen einen im Tee und ließ sich nicht davon abbringen, zu erzählen, dass es voll toll wäre, dass ich sie jetzt heimbringen würde. Lob für recht banale Dinge kann ja auch mal erfrischend sein.
Bereits nach mehreren Metern allerdings bekamen sie einen Anruf von Freunden, die wohl mit ihnen im FritzClub waren und der warf – wie auch immer – irgendwie die Pläne durcheinander. Dass die anderen jetzt schon in der Bahn saßen war wohl irgendwie falsch, sollte doch eigentlich die Anita bei ihnen pennen, nur der Klaus musste ja nach Steglitz. Ähm, ja. Die Relevanz des Ganzen war mir nicht ganz klar, aber ich muss ja nicht alles verstehen. Eine sehr direkte Auswirkung allerdings war wichtig: im Laufe des Telefonates nämlich merkte mein fröhlicher Beifahrer, dass er seinen Schlüssel vergessen oder verloren hätte. Ach nee, den hätte ja die Anita. Die jetzt aber mit Klaus nach Steglitz fuhr.

„Schatz, hast Du ’n Schlüssel?“

„Nee. Du, mein Lieber, hast gesagt, ich soll ihn nicht mitnehmen, Du hättest ja einen dabei!“

Perfekt. Dann bräuchten sie halt den von Anita. Nun fing „Schatz“ an zu lamentieren, sie könne ja dann kurz nach Steglitz fahren, sie sei ja noch fahrtüchtig – was auf lauten und sehr sehr albernen Widerspruch stieß. Nach einem kurzen Halt zum Nachdenken beschlossen sie dann, dass das ohnehin alles irrelevant sei, weil der Autoschlüssel ja bei ihnen in der Wohnung liegen würde. In die sie ja nicht reinkommen würden. Es war offensichtlich, dass sie sich mit Anita treffen sollten. Also mir war das klar. Bei den beiden Helden in meinem Auto hat diese Erkenntnis ein wenig Zeit gebraucht. Ein Telefonat später wussten wir dann aber, dass die gerade in der Bahn zwischen Jannowitzbrücke und Alex wären. Dann legte er auf und dachte weiter nach, ob wir bis nach Steglitz fahren sollten. Binnen weniger Sekunden kam er zu einem Entschluss:

„Gut, wir fahren nach Steglitz.“

Aus meiner Tour für knapp über einen Zehner wurde plötzlich irgendwas in der Größenordnung 30 bis 50 Euro. Oha! Das war soweit prima, danach hätte ich umgehend Feierabend machen können, aber ein bisschen absurd schien mir das Ganze schon. Auch wenn wir den Weg der S-Bahn nicht nochmal gekreuzt hätten – eine halbe Stunde mehr oder minder einer Bahn hinterherzufahren, um am Ende wieder umzudrehen … also ich wär da nicht drauf gekommen. Schon gar nicht in einem Taxi, das mal eben 1,28 € pro Kilometer kostet. Also hab ich mich ein wenig eingemischt und dem Typen klargemacht, dass zumindest finanziell alles andere als Steglitz deutlich sinniger sei. Das hat er auch eingesehen und mich nebenbei ermahnt, er wolle sich jetzt bitteschön nicht den geilen Abend kaputtreden lassen.

Es waren noch zwei Telefonate mit ziemlich hanebüchener Gesprächsführung notwendig, um einen ziemlich einfachen Entschluss zu fassen: Anita und Klaus sollten am Hackeschen Markt aussteigen und kurz die Schlüssel übergeben. Manchmal frage ich mich zwar auch, warum ich so nett bin – auf der anderen Seite war mir die Unterhaltung in Kombination mit einer einstündigen Tour vielleicht auch einfach zu anstrengend.

Die Übergabe klappte problemlos, ich durfte endlich Anita und Klaus kennenlernen, von denen ich schon so viel gehört hatte, am Ende haben wir sie sogar noch zur nächsten S-Bahn-Station mitgenommen. Nach einer abermals lautstarken und mittlerweile völlig unwichtigen Diskussion, ob Madame noch fahrtüchtig sei und ob sie das einfach mal probieren sollten, erreichten wir das Ziel bei von mir vorher recht gut geschätzten 25,40 €.

Die bekam ich dann auch prompt ohne irgendwelches Trinkgeld und war doch relativ froh, die beiden loszusein. Auf dem Rückweg hab ich vorsichtshalber mal in meiner Hosentasche nachgesehen, ob mein Schlüssel da ist. Er war es, wenigstens ich müsste in dieser Nacht keinem Kollegen auf die Nerven gehen … 😉

PS: Auch von vergessenen Schlüsseln erzählt der Eintrag „Schlüsselkinder“ von 2010.

Vier Junkies

Nee, wat niedlich!

Zwei Jungs hab ich eingeladen. Beide ungefähr 1,95 Meter groß, blondierte Haare. Schlank, aber muskulös. War fast schon schwierig, die im Auto gut unterzubringen – obwohl meine Kiste ja recht geräumig ist. Die beiden hätten eine Traumbesetzung für Baywatch abgegeben, ich musste tatsächlich umgehend an Surfer denken, als ich sie gesehen hab. Ganz aus Hawaii oder Florida hat es sie aber nicht nach Berlin verschlagen, es waren Holländer. Der blondere der beiden hat ein zwar einfaches, dafür aber fast akzentfreies Deutsch gesprochen, der zweite hat offenbar nur niederländisch und englisch verstanden. Wie dem auch sei: Genügend Sprachfertigkeiten für die übliche Taxikonversation waren gegeben.

Ins Berghain wollten sie. Die Uhr zeigte kurz nach Mitternacht, der Club hatte folglich gerade aufgemacht. Von der Simon-Dach-Straße – wo ich sie aufgegabelt hatte – liegt das Pi mal Daumen eine Kurzstrecke entfernt, nach einer solchen haben sie aber gar nicht gefragt. War auch gut, dass ich keine angeboten habe, denn es ging zwischendurch noch zu einer Bank. Ich hab scharf überlegen müssen, dann ist mir die Sparkasse in der Grünberger Straße eingefallen. Ohne Umweg, alles bestens.

Ich halte also an, zeige dem Sunnyboy die Bank und er geht kurz rüber. Ich sehe, wie er vor der Bank steht und zögert. Ich hab mich innerlich darauf vorbereitet, auch auszusteigen. Ging die Tür dort nur mit Karte auf? Oder was war sonst so verwirrend? Als er wieder zum Auto trottete, fragte ich ihn umgehend.

„Da sind vier Junkies in der Bank.“

Ich hab einen Blick an ihm vorbeigeworfen und festgestellt, dass vier Obdachlose am Fenster der Bank saßen und sich dort aufwärmten. Das hab ich meinem Fahrgast auch so gesagt – ohne jetzt ein Fass aufzumachen und eine Diskussion über die Begriffe Obdachloser und Junkie zu starten. Der Kerl – dieser Brecher von Kerl! – hatte Schiss vor ein paar alten bärtigen Männern mit Bier in der Hand …
Ich hab ihm Mut zugesprochen, da hat er es noch einmal versucht. Tapfer ist er reingegangen und hat sich an den Automaten gestellt. Und ich hab ihn beobachtet. Sicher aber nicht, um aufzupassen, ob die „Junkies“ ihm was antun. Die Typen haben nicht einmal aufgesehen, als er rein ist.

Und dann?

Hat er sich ein Herz gefasst, sich umgedreht und sich mit ihnen unterhalten. 🙂
Nicht lange, ein zwei Sätze hin und her. Dann hat er ihnen ganz offensichtlich was von seinem Geld gegeben und ist mit guter Laune wieder rausgekommen. Ich mag diese kleinen Momente, in denen man sieht, wie Vorurteile zerbröckeln. Wenn einen etwas an das Gute im Menschen glauben lässt, dann sowas!

Wieder im Auto sitzend hat er seine Erlebnisse mit seinem Kumpel teilen müssen. Ich hab nicht viel verstanden. Aber er hat ihn offenbar darüber aufgeklärt, dass die „Junkies“ keine Wohnung hätten, ihm aber einen schönen Abend gewünscht haben. Und dass er ihnen fünf Euro gegeben hätte, einfach so. Und ich wusste in dem Moment nicht, für wen ich mich eher freuen sollte …

Der Rest der Fahrt war in zwei Minuten erledigt. Ich hab am Ende der Tour finanziell etwas schlechter abgeschnitten als die „Junkies“, aber das war selbstverständlich in Ordnung. Und bei einem Zehner für 7,80 € auf der Uhr kann ich mich ohnehin nicht beschweren. War die Tour des Abends für mich, ganz ehrlich!

Und noch ein kleines PS dazu: Ich seh so viele Obdachlose da draussen und ich werd auch oft genug von ihnen angeschnorrt. Das fühlt sich nicht immer gut für mich an, noch weniger aber wahrscheinlich für die Leute selbst. Und während ich mich darüber freue, dass wir nochmal Schnee haben, müssen sich manche Menschen um Plätze in Notunterkünften streiten. Ich hab echt ein paar nette Typen unter den Wohnungslosen getroffen und im Nachhinein keinen einzigen Euro bereut, den ich abgegeben hab. Und wenn’s für ein Bier war! Scheiß drauf! Wenn’s für ein paar schöne Augenblicke gereicht hat, dann isses doch ok, so lange es mir nicht wehtut.
Ich hab schon ganze Nächte mit „Pennern“ verbracht und am Ende sind es – Überraschung! – Menschen wie wir auch gewesen. Die wollen wie ich auch leben, und ja: auch mal Spaß haben. Die meisten, die ich kennengelernt habe, waren echt nette Leute, ich hab sogar schon Trinkgeld von Obdachlosen bekommen.

Wir alle haben Vorurteile, natürlich. Aber wir haben auch alle die Möglichkeit, sie zu überprüfen, gegen sie anzugehen. Das wollte ich unbedingt mal gesagt haben.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Na dann halt nicht …

Über die Gründe, weswegen Kollegen Fahrten ablehnen, lässt sich ja manchmal nur spekulieren. Meistens ist Geld im Spiel, das heißt: Ihnen ist die Tour zu kurz. Manchmal ist sie auch zu lang – im Falle von Touren ins Umland ist das Ablehnen dann ja auch rechtlich in Ordnung. Selten ist hingegen, dass extrem lukrative kurze Touren weitergereicht werden. Was natürlich noch wesentlich seltener ist als diese Touren ohnehin.

Meine Fahrgäste jedenfalls näherten sich nur mit Bedacht, sie wurden vom Fahrer vor mir offenbar wenig freundlich abgewiesen. Vielleicht konnte er kein Englisch, vielleicht hatte er auch moralische Bedenken, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die vier Jungs aus Dänemark trotz leichtem Schwips recht gut artikulieren konnten, dass sie Interesse daran hätten, viel Geld zu investieren, um sich mit unbekleideten Damen zu verlustieren. Und das kann für uns Taxifahrer ja bisweilen recht, ähm … einträglich, sein.

Es gibt einige Nachtclubs und Stripbars, die sich unsere Gunst sichern, indem sie die Eintrittsgelder unter der Hand und nicht wirklich legal an uns weiterleiten – was insbesondere bei gleich vier Kunden schnell mal unsere Schichteinnahmen verdoppeln kann.

Meines – sicher nicht umfassenden – Wissens nach liegen die wirklich üppig zahlenden Etablissements allesamt im Westen, weswegen ich nur recht selten in den Genuss dieser Zahlungen komme. In erster Linie bin ich nämlich Taxifahrer und hab trotz des ganzen zwielichtigen Gemauschels durchaus noch einen Rest Anstand, der es mir verbietet, Leute durch die ganze Stadt zu karren, bloß um mir ein paar Euro extra zu sichern. Ich fahre schließlich auch keine Umwege, bloß damit es bei mir auf dem Taxameter besser aussieht.

Aber wenn es die Kundeninteressen erlauben, dann würde ich sagen, dass ich ja blöd wäre, wenn ich die Kohle nicht annehmen würde. 🙂

Bis in den tiefsten Westen bin ich nicht gefahren. Es gibt schließlich Mittelwege. Dass ich keine Namen schreibe, sollte verständlich sein. Am Ende hatte ich jedenfalls einen Zehner auf der Uhr und das achtfache an „Trinkgeld“. Und bin weiterhin überzeugt davon, dass man sich keinen Gefallen damit tut, Fahrten abzulehnen …