Understatement? Kann ich.

Es war eine stinknormale Winkertour. Stinknormaler als stinknormal sogar. Ein Pärchen winkte mich ran, nannte eine Adresse, ich wusste etwa, wo das war. 4 Kilometer, 10 Euro, der Durchschnitt unter den Durchschnitten. Ich brachte sie hin, aber bereits nach den ersten paar Sätzen ist die Konversation zwischen uns abgebrochen und die beiden haben sich fortan untereinander unterhalten. Ich fuhr, flott aber nicht bekloppt. Alles das quadrierte Nichts.

Ich kam dann zum Ende der Fahrt wieder ins Gespräch, denn dort meinte die junge Dame ohne erkennbaren Anflug von Ironie plötzlich:

„I am so happy, that we got this awesome driver tonight! Really, You made my day!“

Da muss man Profi bleiben. Ich hab’s folglich kurz gemacht und ebenso trocken geantwortet:

„That’s what we’re here for.“

Will ich’s wissen? (2)

Da stand ich also. Mitten in einem Industriegebiet, der Regen wurde stärker und meine Kundin war um’s Eck. Abgehauen? Ich glaubte nicht daran. Sicher, dass sie offenbar kein Geld zum Bezahlen dabei hatte, davon war auszugehen. Aber sie würde ja kaum heulend und brüllend am Telefon hängen und durch den Regen stromern, wenn sie sich nur gerne mal umsonst von A nach B (noch dazu ein äußerst uneinladendes B) hätte bringen lassen wollen.

Als ich gerade ein paar Meter vorfahren wollte, um mal einen Blick ums Eck zu werfen, gab es ein Lebenszeichen von ihr. Nicht das beruhigendste, aber immerhin: eine Autoalarmanlage heulte auf und die Nische, in der sie verschwunden war, strahlte gelb-blinkend rhythmisch auf. Das war mir dann ehrlich gesagt zu sehr Tatort-Klischee, um es noch bedrohlich zu finden. 🙂

Während es aus der Nische hupte und blinkte, nahm ich in anderer Richtung, in 300 Metern Entfernung, eine Bewegung war. Eine trostlos müde Gestalt schleifte sich über den schlecht asphaltierten Boden in meine Richtung. Nicht ganz zombiehaft, aber doch ausreichend ähnlich, um mich zu amüsieren. Die Alarmanlage erlosch, startete kurz darauf erneut und erlosch wieder. Der Zombie kam immer näher. Ich stand inzwischen neben dem Auto und hab eine geraucht. Wenn schon versteckte Kamera, dann will ich wenigstens cool rüberkommen!

Zunächst tippelte ein Waschbär von rechts nach links über die Straße. Der Rücken krankhaft krumm, aber die Reaktion blitzschnell, als ich versonnen zweimal aufs Autodach trommelte. Und schon war er wieder weg! Der Zombie entpuppte sich beim Näherkommen schnell als desinteressierter Hausmeister, ganz offensichtlichen das Vorbild für Scruffy aus Futurama. Als er dann letztlich kraftlos an mir vorbeischlurft, trafen sich unsere Blicke kurz und beide sagten sinngemäß:

„Na, Du hast Dir ja auch ’ne bescheuerte Lokalität zum Arbeiten ausgesucht heute!“

Kurz darauf stapfte meine inzwischen klatschnasse Kundin wieder auf mich zu, offensichtlich unzufrieden. Ich öffnete ihr vorsorglich die Türe und sie nahm die Einstiegsmöglichkeit dankbar an. Ich selbst habe Kundschaft, die noch nicht bezahlt hat, ja auch lieber im Auto als irgendwo in einem Hinterhof.

„Soll es noch wo anders hingehen?“

flüstere ich geradezu.

„Ja, aba ei‘ Moment no‘!“

Weiterhin schluchzte sie vor sich hin und telefonierte. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt Interesse daran hätte, herauszufinden, was Sache war. Da sie aber mit Mühe versuchte, sich mir gegenüber normal zu verhalten, war ich inzwischen sicher, dass mir kein Ungemach drohte. An ihrer Stelle wäre mir vermutlich so langsam komisch vorgekommen, dass der Taxifahrer so ruhig bleibt. Aber für mich war das nur logisch: Zum einen hatte ich sicher 10 Minuten Wartezeit verschenkt, sah aber die Möglichkeit, für die Anschlussfahrt die Uhr mit Einstiegspreis und teureren ersten Kilometern wieder starten und den Verlust so amortisieren zu können. Zum anderen war ein ordnungsgemäßes Ende der Tour überall wahrscheinlicher als hier in diesem trostlosen Hinterhof, der von der Zivilisation so weit entfernt schien wie der Mond, der in diesem Moment hinter dicken Regenwolken gar nix zu melden hatte.

Es dauerte noch rund drei Minuten. Ich saß auf dem Fahrersitz, die Kundin direkt hinter mir. Ihr Gesicht im Innenspiegel erkennbar verheult und von ihrem Smartphone-Display erleuchtet, wenn sie nicht gerade telefonierte. Der Motor summte leise und der eklige Nieselregen plätscherte uninspiriert lautlos aufs Autodach. Gelegentlich schaltete ich den Scheibenwischer ein, einfach um diesen seltsamen Moment dramaturgisch wertvoller zu gestalten.

„OK, wi‘ gehe‘ zu’ück.“

„Zurück? Wieder zur Torstraße?“

„Ja.“

Bevor ich meine Zustimmung äußern konnte, hatte meine rechte Hand das Taxameter wieder eingeschaltet. Sehr gut, so eine zuverlässige rechte Hand zu haben!

Während die Kundin abermals telefonierte, hochaufgeregt und immer wieder mit Phasen des Weinens, fuhr ich recht stumm gen Innenstadt zurück. Mir war klar, dass ich gerade eine Nebenrolle in irgendeinem größeren Drama spielte und dass das eine der Fahrten sein würde, die niemand je schätzen zu lernen würde: Hinfahrt, erfolglos irgendwas versuchen, Rückfahrt. Am Ende sollten es 28,60 € Taxifahrt für ganz offensichtlich nix und wieder nix sein. Im Gegensatz zu so vielen Touren, bei denen man als Fahrer helfen kann oder Leute glücklich machen.

Natürlich war die Frage der Bezahlung immer noch offen. Dementsprechend hätte ich angespannt sein können. Wie bei der letzten Fehlfahrt z.B.
Aber um ehrlich zu sein: Ich war es nicht. Natürlich hätte ich mich aufgeregt, hätte ich das Geld nicht bekommen. Und natürlich wäre die gute halbe Schicht eine beschissene halbe Schicht geworden. Aber mir war das egal. Vollkommen. Vielleicht eine unterbewusste Blockade – ICH wäre es immerhin nicht, der die Nacht flennend durch Berlin rennt. MEIN Tag wäre immer noch besser als ihrer, selbst wenn sie mich jetzt abzockt …

Was für ein Drama sich da zwischen Mitte und Lichtenberg letzten Sonntag abgespielt hat, weiß ich immer noch nicht. Ich will’s vielleicht wirklich nicht wissen. Das Ende für mich jedoch war unspektakulär. Ich hielt, wo mir geheißen wurde, und meine Kundin zückte mit einer beachtlichen Selbstverständlichkeit ihr Portemonnaie, als ich bei 14,60 € die Uhr das zweite Mal an diesem Abend stoppte. Insgesamt 28,60 €, hier sind 30, stimmt so. Mein Tagessoll war damit erfüllt, und das sogar recht früh. Nur tanken musste ich immer noch. Aber irgendwas ist ja immer …

Will ich’s wissen? (1)

Meine letzten Fahrgäste waren vor einem Kilometer erst ausgestiegen und hatten mich an diesem Sonntag auf 50 € Umsatz gebracht. Auf den Punkt genau. Das hätte egal sein können, aber ich hatte mir vorgenommen, diesen Umsatz als Marke zu nehmen, um anschließend das Auto zu betanken. 70 € wollte ich in meiner halben Schicht einfahren, aber ich tanke gerne vor der letzten Tour, falls sie mich in eine Gegend verschlägt, von der aus ich dann weite Umwege zu einer der Erdgas-Tankstellen fahren müsste.

Da schnellte ein Arm hoch und ich legte ein ziemlich apruptes Bremsmanöver auf der Torstraße hin. Aber alles im grünen Bereich: kein einziges Auto weit und breit auf der Straße außer mir. Der winkende Arm gehörte zu einer jungen asiatisch aussehenden Frau und die nächsten zwei Minuten verbrachten wir mit leichten Kommunikationsschwierigkeiten und dem Versuch, das Fahrtziel zu erörtern. So grob war es schnell klar – die Herzbergstraße. Aber welche Ecke da genau war ein bisschen schwierig. Direkt damit zusammenhängend: Was es etwa kosten würde.

Ich taxierte schnell mal 15 €, aber da sie irgendwie verunsichert wirkte, gab ich mal einen Straßennamen ein, der eigentlich weiter weg hätte liegen sollen …

„Naja, eher so 12 bis 13 €.“

Das war es dann erst einmal mit der Unterhaltung, denn sie telefonierte. Und das in – vermutlich – ihrer Muttersprache. Ich verstand kein Wort und wurde aus dem Alltagstrott, den das stumme Fahren halt darstellt, rausgerissen, als sie mir dann plötzlich den Weg zu einer anderen Kreuzung als erwartet wies. Als sie mich dann dort auch noch auf eines der riesigen Industriegelände einbiegen lies, neiget sich die Uhr deutlich über 13 €. Ich hörte die junge Frau am Telefon weinen und neben mir unbekanntem Vokalsalat das Wort „Taxi“ jammern. In der Hoffnung, ihren offensichtlich schlechten Tag ein wenig aufzuheitern, hab ich die Uhr dann bei 14,00 € ausgemacht, obwohl wir noch am Fahren waren. Aber arg weit konnte es auch nicht mehr sein.

Sie lotste mich ein paar hundert Meter zwischen nicht mehr ganz benutzbar aussehenden Industriebaracken hindurch und ich folgte geduldig. Am Ende standen wir im tiefsten Lichtenberg (und doch nicht einmal weit vom Abstellplatz des Autos entfernt) mitten im Hof und sie stieg panisch telefonierend aus.

Nun ist es ja so, dass es bessere Situationen gibt, als als Taxifahrer in einem verlassenen Industriegebiet bei einsetzendem Regen alleine rumzustehen, während die Kundschaft telefonierend flüchtet. Viele Kollegen unterstellen mir gerne Leichtsinnigkeit bei solchen Fahrten, aber ich hab die Lage durchaus vernünftig versucht einzuschätzen. Trotz Dunkelheit hatte ich gute Sicht in alle Richtungen. Mir standen drei Fluchtwege offen und der Großteil meines Geldes war gut versteckt. Und ich behielt meine Kundin vorerst immer genau im Auge, obgleich sie selbst eher verängstigt als gefährlich wirkte. Der Zündschlüssel steckte, der Motor lief und ich hab beschlossen, dass ich jetzt einfach mal abwarte.

In alle drei verfügbaren Richtungen rannte die junge Frau jeweils bis zu 100 Meter weit, nie jedoch außer Sichtweite. Was beruhigend war. Obwohl ich langsam Zweifel hatte: Ich wollte die 14 € von ihr schon haben!

Irgendwann bin ich ihr dann tatsächlich ein paar Meter hinterhergerollt, erst in die eine, dann wieder zurück in die andere Richtung. Sie fluchte und heulte am Telefon und ich wusste so langsam gar nicht mehr, woran ich war. Während ich mich ärgerte, dass sich das in die Länge zog und die Uhr aus war, verschwand die junge Dame plötzlich um eine Hausecke …

Fortsetzung folgt heute Mittag um 15 Uhr.

Minderheitschef

Dass er kein gebürtiger Berliner ist, war mir gleich klar. Meine Ohren vernahmen sofort den leichten Singsang des Heimatidioms. Und in der Tat fragte er mich dann auch einiges grundsätzliches: Wo wir hier genau seien, ob dieser Stadtteil denn an jenen grenze und und und.

„Sorry, ich bin erst seit einer Woche hier.“

„Also gerade frisch hergezogen? Woher?“

„Aus Stuttgart. Ganz klassisch.“

„Ach, das kenne ich irgendwoher …“

versuchte ich, vielsagend anzumerken. Das ist ihm gar nicht weiter aufgefallen. Er meinte nur, dass er jetzt alle Klischeegrenzen sprengen würde.

„Wieso? Als Schwabe?“

„Schwabe UND Türke, mein Lieber!“

„Oh, gleich die beiden größten Minderheiten …“

„Minderheit? Ich bin quasi in der Mehrheit jetzt!“

Ich glaube, der schafft es mit seiner Ironie ganz schnell, „richtiger Berliner“ zu werden. Was immer das auch sein soll. 🙂

Vorhersagen

Insbesondere, dass die Karfreitagsschicht noch gut wird, war nicht von Beginn an abzusehen. Im Gegensatz zu mir haben ohnehin viele Kollegen gejammert, vielleicht war ich ja sogar ein ausgesprochen einsamer Glückspilz. Lustig war das Gespräch, das ich anlässlich dieses Themas mit @chris87de auf Twitter führte:

 

 

 

 

… und dann nahm die Nacht ihren Lauf. Als sie so langsam zu Ende war, stellte ich mich noch einmal an den Ostbahnhof, wo mir nach kurzer Wartezeit bereits drei Kunden einstiegen und einer von ihnen sagte:

„Wir müssten zwei Stops einlegen. Der erste wäre in Friedrichshagen …“

Der erste … und das sind ja bald schon 30 € bis dort. Am Ende musste ich morgens noch einen Tweet raushauen:

 

 

Paris, anyone?

Wenn man als Taxifahrer mal wieder so richtig Honig um die Lippen geschmiert bekommen will, sollte man Pariser fahren. Franzosen haben zwar den (teilweise) berechtigten Ruf, etwas trinkgeldfaul zu sein, aber die, die direkt aus Paris kommen, die sind so voll des Lobes, das glaubt man kaum. Dass sie mal freundliche Taxifahrer finden, dass wir anhalten, wenn man uns ranwinkt, und und und …

Laut denen ist Paris das letzte Loch, in dem nur Arschlöcher Taxi fahren. Dementsprechend leicht hat man’s, hier gut rüberzukommen. 🙂

Nun ist da zum einen sicher viel Übertreibung dabei, zum anderen spielt natürlich auch die regionale Ausgestaltung des Gewerbes eine Rolle, wenn es um die Qualität der Taxifahrer geht. Ich möchte mich den Vorurteilen deswegen nicht bedingungslos anschließen, sondern mal fragen, oben irgendwer von Euch schon mal in Paris Taxi gefahren ist oder gar einen Fahrer von dort kennt. Mein Französisch ist echt ein bisschen zu sehr eingerostet, um im Internet groß auf Recherche zu gehen. Falls also jemand Ahnung vom Gewerbe dort hat, freue ich mich über alle Infos. Und wenn es nur ist, um den nächsten Touris was erzählen zu können. 🙂

Der Fahrgast, der mich letzte Woche auf die Idee brachte, hat mir erzählt, dass er niemals seinen Wohnbezirk angibt, wenn er ins Taxi steigt, sondern immer den Nachbarbezirk mit dem besseren Ruf, weil die Fahrer ihn wieder rausschmeißen würden, wenn er die wirkliche Adresse zu Beginn ansagt. Da beschwere sich wirklich nochmal einer über grummelige Berliner!

Ich freue mich auf Kommentare, aber bitte nicht pauschal verletzend werden. Selbst wenn es in Paris im Großen und Ganzen so schlimm sein sollte, gibt es auch da bestimmt nette Kollegen, denkt daran.

Mal eben die Bude ausräumen …

Er winkte mich gleich auf meiner ersten Runde durch den Kiez an die Straßenseite. Dort wusste er dann aber nicht so sicher, wie er mir beibringen sollte, dass das eine eigentlich total tolle Tour werden würde:

„Sag mal, geht das auch, dass wir, ich meine, könnten wir auch in der xy-Straße anhalten. Meine Freundin hat mich gerade rausgeschmissen und ich müsste mein Zeug holen und danach nach Lichtenberg. Kriegst auch’n Fünfer extra!“

Wofür verschloss sich mir zwar, aber man will sein Glück in so einer Situation ja auch nicht überstrapazieren. 🙂

An besagtem Haus angekommen konnte ich gut vor der Einfahrt halten und hab eigentlich hauptsächlich eine geraucht. Seine Koffer und Taschen hab ich ihm an der Haustüre abgenommen, ein paar wurden auch von einer Frau rausgetragen. Dem Gesichtsausdruck nach könnte es die Freundin gewesen sein. Der Aufenthalt dort war kurz, unkompliziert und das Gepäck hat prima in den Kofferraum gepasst:

„Geil, dass Du mit so ’ner geräumigen Karre unterwegs bist!“

Dann kurz nach Lichtenberg, ein paar Koffer vor den Hauseingang stellen, fertig. Echt kein großer Deal, wenn ihr mich fragt. Auch er hat mich das nicht gefragt, sondern sein Versprechen wahr gemacht. 14,20 € standen auf der Uhr und er meinte:

„Wären 20 jetzt wirklich ok für Dich?“

Ja, vielleicht hätte ich ihm das mit dem Wartezeittarif noch mal genauer erklären können – oder das Hilfe beim Gepäck eigentlich selbstverständlich ist. Aber Himmel, der wurde gerade rausgeschmissen, den wollte ich doch nicht mit Details über den Taxitarif belästigen … 😉

PS: Ich mach das ja selten, zu meinen Gunsten bei solchen Fragen schweigen. Aber hier war das ok. Der hat die Frage ohnehin gestellt, als würde er mir ohne weiteres auch 25 oder 30 € geben. Er war sichtlich überrascht und erfreut über die problemlose Abwicklung und dass das alles insgesamt so günstig und stressfrei war. Das hat ihm sichtbar den ansonsten ja nicht ganz so optimal verlaufenen Tag erleichtert. Das sind so Momente, da nimmt man ein tolles Trinkgeld auch einfach mal an. Der wird sich nicht am nächsten Morgen gedacht haben: „Scheiße, ich hätte dem Fahrer doch auch nur 16 € geben können!“

PPS: Heute Abend bin ich hoffentlich wieder fit genug zum Arbeiten. Bisher sieht es gut aus, aber das ein oder andere Daumendrücken schadet sicher nicht. 😀