Zuständigkeitserfreunisse

Ja, liebe Dudenredaktion: Nehmt „Zuständigkeitserfreunisse“ ruhig in die nächste Ausgabe mit auf. Denn es gibt sie!

Ich bin an Silvester irgendwann quer durch Buckow in Richtung Osten gefahren. Ich würde das in jeder anderen Schicht eher vermeiden, weil ich zwischen Lichtenrade und Kreuzberg auf dem Damm mehr Kundschaft erwarten würde … aber hey, Silvester! Irgendwo winkt sicher wer. Und 5 Minuten Pause wären auch kein Weltuntergang …

Aber, siehe da, da winkte es. Ich hab angehalten und es doch gleich ein wenig bereut. Silvester ist bekannt dafür, dass alle betrunken sind, und so war es bei mir in der Schicht bisher natürlich auch. Dann aber kamen von der linken Straßenseite zwei Frührentnerinnen angewatschelt und schleiften dabei einen Typen in ihrem Alter mit sich mit. Ja: schleiften.

Während meine Gedanken nur darum kreisten, ob mit dem Kerl jemand mitfahren würde und ob das medizinisch gesehen schon grenzwertig sein könnte, trällerte die eine Helferin nur:

„Na, dann sind sie wohl das bestellte Taxi!“

Puh.

„Nee, leider nicht, ich war nur zufällig hier.“

„Ach? Hmm, na was machen wir denn nun?“

„Naja, ich fahre gerne, aber der Kollege ist sicher schon unterwe … ach, sehen Sie mal: Da vorne kommt er ja schon!“

Und ja, ein suchender Kollege mit ausgeschalteter Fackel tastete sich langsam heran. Als er mich ansah, hab ich auf die inzwischen hinter mir stehenden Kunden verwiesen und zugesehen, dass ich Land gewinne.

Er hat mir schon leid getan, ganz ehrlich. Da nimmt der arme Kerl tatsächlich Bestellungen an Silvester an – und dann sowas! Aber, um das mal in Perspektive zu rücken:

Ja, auch das ist ein guter Grund, an Silvester nur Winker mitzunehmen, denn die kann man sich vorher anschauen! Darüber hinaus: Die Kollegen, die Bestellungen annehmen, finden nix mieser, als wenn irgendwer sie vor ihnen einsackt – und das mache ich nach wie vor nicht. Dass da auch mal eine Niete hängenbleibt, passiert halt. Und zu guter Letzt: Wie ich von vielen meiner Fahrten mit total zerstörten Leuten ja auch weiß: Es kann ja trotzdem eine gute Tour geworden sein! Vielleicht ist der Typ gleich eingepennt, hatte eine 50€-Tour und hat am Ende mit einem Hunderter und „schdimmso“ gezahlt, weil er’s nicht mehr gerafft hat. Und ablehnen können hat der Kollege auch noch. Man sollte meine Schadenfreude, so man sie denn aus diesem Text herauslesen könnte, wirklich nicht überbewerten.

Aber ja: In einer Schicht mit 50€-Stundenschnitt war ich heilfroh, dass dieser Kelch Kerl an mir vorüberging!

Ausbildungsfonds: check!

Berlin in den späten 2030ern.

Kind: „Papa, ich brauch einen neuen Firzelgenerator für die Uni!“
Sash: „Hier mein Kind, da hast Du drei Euro. Die sind von Dirk.“
Kind: „Papa, wer ist Dirk?“
Sash: „Also, das war damals, Anfang 2016, so …“

Es war eine kurze Fahrt mit Dirk. Er hat sich gleich nach dem Ranwinken mit Handschlag vorgestellt, mir gezeigt, dass seine Jacke beheizt ist und dann sein Ziel angesagt. So überschaubar die Länge der Tour war, so unerwartet kam sie, quasi mitten im Wohngebiet. Er erklärte selbst, dass er nach dem Finale der Dart-WM im Fernsehen ein wenig betrunken sei, aber das sei schon ok, er habe schließlich frei. Damit war unsere gemeinsame Zeit im Grunde vorbei und es ging an die Begleichung der 9,10€ Fahrtkosten.

„Wie viele Kinder hast Du?“

„Keine.“

„Hmm, ok. Mach trotzdem mal 12.“

„Oh, vielen Dank!“

Ich musste etwas im Portemonnaie herumsuchen, denn ich fand keine Ein-Euro-Münze. Ich entschuldigte mich dafür, dass es so lange dauerte, woraufhin Dirk einwarf:

„Ach, gib mir einfach 35 zurück.“

„Ähm wow, nochmals vielen Dank!“

„Ist für die Ausbildung der Kinder. Von Dirk. Vergiss das nicht. Sag ihnen, das ist von Dirk, ok?“

Ja, ich hab’s hier nur aufgeschrieben, damit ich’s mir all die Jahre merken kann … 😀

So macht man’s, genau so!

Wie ich hier und da vielleicht schon habe durchklingen lassen: Die letzten Tage vor Weihnachten waren nicht so der Bringer. Ich hatte versucht, mir mit ihnen die aktuelle freie Woche zu erkaufen, finanziell geklappt hat’s nur bedingt.

So fuhr ich eines Abends nach einstündigem Warten und einer anschließenden Kurztour wieder am Ostbahnhof vor – allerdings nur, um dem Kollegen, mit dem ich mich dort unterhalten hatte, mein Leid zu klagen. Und theatralisch zu betonen, dass ich mir das nicht noch einmal antun würde. Er sah mich über den Rand seiner Brille fragend an und sagte:

„Ja und? Wo willste denn sonst was kriegen?“

„Keine Ahnung. Ich hatte vorher schonmal Winker am Boxi, vielleicht fahr ich da wieder vorbei …“

„Winker! Tss. Heute, is‘ klar …“

wischte er meine Idee beiseite. Wir verabschiedeten uns und ich fuhr los. 20 Meter die Straße runter, links ab, 100 Meter die Pariser Kommune entlang und … Winker!

OK, es war nur eine Kurzstrecke. Und ja, auch die zweite, anschließende, Winkertour war eine eben solche. Selbst die Schicht insgesamt ist am Ende alles andere als perfekt gelaufen. Aber in diesem einen Moment, nachdem ich die Halte wegen Winkern verlassen und 120 Meter später welche bekommen habe, in dem Moment hab ich mich gefühlt, als könne mir diese Arschkrampe von Zufall mal sowas von gar nix. Ich hatte alles im Griff!

Ist genauso Bullshit wie sich über kurze Touren ärgern. Aber Motivation hat ja auch einen Wert an sich! 😀

Umgehende Belohnungen

Die letzten Arbeitstage vor Weihnachten waren stressig. Nicht nur, dass die Straßen ohnehin leergefegt waren und keine Sau ein Taxi haben wollte: Ich hatte zudem vor der Arbeit meist noch gut zu tun und kam somit allenfalls sehr spät und unmotiviert zum Arbeiten.

Und so hatte ich mich an dem Abend dank einer etwas längeren Fahrt gerade so auf 50 € Umsatz gequält. Natürlich kein angemessenes Schichtziel, eigentlich hatte ich eher 130 im Blick – aber da ich wieder erst um 23 Uhr losgefahren war, lag ein Aufgeben so langsam in Reichweite. Außerdem hatte die Tour bis auf etwa einen Kilometer genau an den vorübergehenden Abstellplatz des Autos herangeführt. Jetzt Feierabend, da wäre alles perfekt gewesen. Selbst der Kilometerschnitt, der ja sonst gerade bei schlechtem Umsatz extra mies ausfällt, hätte gepasst.

Aber ich hab meinen inneren Schweinehund gesattelt und ihm befohlen, in die Stadt zurück zu hecheln. Eine Tour noch, einmal Anstehen noch, eine Stunde noch, einen Zehner noch … also so in etwa.

Und dann passierte etwas seltenes für solche Nächte: Nach nur drei Kilometern winkte einer und wollte eine schnuckelige 20€-Fahrt machen. Noch besser: Er war ein netter Kerl und für nach der Tour hatte ich die Route über die Tanke zum Abstellplatz auch schon im Kopf. Nice!

Kaum dass ich ihn rausgelassen hatte, registrierte ich dann aber sogar noch, dass der @nachholer bereits via SMS angefragt hatte, ob ich noch im Dienst sei. Um es kurz zu machen: Das war dann noch eine gute 30€-Tour, und so stand ich eine Stunde später mit einem immerhin halbwegs plausiblen Hunni in der Prärie und hab mir ’nen Ast gefreut.

Ach, wäre es doch nur immer so, wenn man sich mal entschließt, tapfer zu sein!

Heimliche Gemeinsamkeiten

Mitten im Taxialltag kommt man bisweilen dazu, sich sonderbare Fragen über die Menschen an sich zu stellen. Zum Beispiel „Welche Sprache sprechen sie gerade?“, „Wie kommt’s, dass kaum jemand sein Limit für Alkohol kennt?“ oder aber auch: „Ist es vielleicht leichter für Menschen, ablehnend als zustimmend zu sein?“.

Die letzte Frage kam nicht von ungefähr, denn ich musste wirklich einen Moment darüber nachdenken, ob ich der Kundin vermitteln können würde, dass ich ihr voll und ganz zustimme. Aber nein, ich konnte es nicht. Es war bereits eine Stunde nach meinem geplanten Feierabend und grob 20 € über Soll, als ich eigentlich nur noch heim wollte. Aber man lässt Leute ja nicht stehen, wenn man am nächsten Tag wieder eine Stunde auf sie warten muss. Und es könnte ja in die richtige Richtung …

„XY-Straße bitte.“

„Uff. Moment, ich überlege kurz …“

„Ist in der Nähe vom Hohenzollerndamm.“

„Scheiße!“

Ich hab’s wirklich gesagt, aber sehr leise nur. OK, 25 € auf dem Silbertablett, aber der Heimweg verlängerte sich damit von 7 auf 35 km. Komplett falsche Richtung, noch dazu einmal durch die komplette Innenstadt. Aber gut, meine Schuld. Ich hätte ja die Fackel ausmachen oder sie sonstwie übersehen können. Also wollte ich erst ein bisschen gute Laune auflegen, aber jetzt fing sie an:

Die Fahrt sei total unnötig und nervig! Sie hätte nach der Weihnachtsfeier einfach mit einer Kurzstrecke heimfahren können: Von Kreuzberg nach Mitte. Aber dann hat sie sich überreden lassen, in einen doofen Club nach Prenzlauer Berg zu fahren, dort kam sie wegen eines blöden Spruchs eines Kollegen nicht rein – und musste nun, weil es so spät war, bei ihrer Schwester am anderen Ende der Stadt pennen. Eigentlich sollte es ja gut fürs Trinkgeld sein, den Kunden zustimmend zu begegnen. Aber wie?

„Ach, dann sind wir schon zwei: Ich hab auch keinen Bock, sie da hinzufahren!“

Kannste ja nicht machen.

Also hab ich während der Fahrt ein wenig überlegt, ob man vielleicht auch in anderen Fällen überwiegend nicht nett zu Menschen ist. Arg viel weiter als bis zu der Tatsache, dass ich schon mehr Menschen „Verpiss Dich, Du Arschloch!“ als „Ich liebe Dich!“ gesagt habe, bin ich aber nicht gekommen. Und an dem Punkt war mir dann auch klar, dass es Gründe gibt, den Feierabend nicht ewig hinauszuzögern – das ist nicht gerade förderlich für den Geist. 😉

Druff

„Bisse druff?“

„Äh, wie bitte?“

„Hasse wat jenomm‘?“

„Nein!?“

„Na jut, ick gloob Dir mal!“

„Das ist nett.“

„Dann bring mir mal nach Weissensee.“

„Gerne.“

„Aber druff bisse nich?“

„Nein!“

„Ah, jut. Weil, weil, ick bin ja sons‘ nich so, aba ick, also heute, heute bin ick mal richtig druff. Verstehste, ja?“

„?“

„Alles OK, Digger, will nur keenen, der so druff is wie ick, Digger!“

„Nur keine Sorge.“

„Na dann wer’n wa beste Freunde, Digger! Obwohl, jetz‘ mal im Ernst: Bisse druff?“

Leute, ich hab echt nix gegen Drogen. Habt Spaß, feiert, lasst die Sau raus! Aber glaubt mir bitte, dass ich keiner von Euch bin, ok?
😉

„Früher hätt’s dit nich‘ jejeben …“

Kaum eingestiegen, beäugte er fachmännisch den Kilometerzähler meines Autos:

„Oh, ok, hätte nicht gedacht, dass ein Opel überhaupt so lange hält …“

„Das? Das ist nix. Die letzten beiden hab ich über 400.000 gebracht.“

„Sind wohl praktisch, wa?“

„Sicher: Geringe Kosten, geringer Verbrauch, günstiger Service, bis zu sechs Leute … haben halt auch ihre Vorteile.“

„Verstehe, da bleibt mehr unterm Strich. Egal, früher hätte es das trotzdem nicht gegeben!“

Mag sein. Früher hätte Dich ein Taxifahrer vermutlich aber auch aus dem Auto geschmissen, wenn Du außer zu meckern nix zu sagen gehabt hättest. Hab ich natürlich nicht gesagt, lustigerweise gerade, weil wir heute nicht mehr „früher“ haben.

Das Problem mit „Früher“ ist halt, dass jeder es sich zurechtbiegen kann, wie er will. Da war vielleicht mehr Lametta, andererseits war das Wort Dienstleistung noch kaum erfunden – und der dazugehörige Gedanke wurde noch mit Worten gebrandmarkt, die man heute insgesamt aus der Sprache zu drängen bemüht ist.

Und, wie ich gerne völlig emotionslos anfüge:

„Wer so schwer unter dem Auto leidet, das ich tagtäglich fahre, der soll sich halt die Minute gedulden und auf einen Mercedes warten. Oder drei oder fünfzehn. Oder extra einen Mercedes bestellen oder oder oder. Ich bin mit meinem Job beschäftigt genug, ich hab wirklich kein Interesse daran, mir künftig auch noch auszumalen, in welchen Vierteln ich Leuten damit auf den Fuß treten könnte, dass ich schneller vor Ort bin als jemand, der ein anderes Auto fährt.“