Wären alle Touren so, würde ich hinschmeißen (1)

Während ich mich mit einer Kollegin unterhielt, geisterten sie schon am Taxistand rum. Da standen 6 Taxis, ich hatte den einzigen Großraumwagen. Am Ende haben sie mich als letztes gefragt, ob ich sie zu fünft mitnehmen könne.

Dabei hab ich mich bewusst zurückgehalten. Ich hatte die Stunden davor gut zu tun und war froh um eine Pause. Außerdem vermerkte die Kollegin, nachdem sie angesprochen wurde:

„Sei froh!“

Und noch bevor ich die Kunden dann im Auto hatte, war mir klar, weswegen. Seit mindestens zwei Jahren hat sich keine Gruppe mehr so dämlich darum gestritten, wer in der letzten Reihe sitzen muss. Und noch bevor alle saßen, wurde mir schon gesagt, dass ich „’nen guten Preis machen“ muss.

„Ich muss hier vor allem eines: Das Taxameter anmachen!“,

hab ich dem vorlauten Kerl erklärt und ab da war auch erst einmal Ruhe. Also bezüglich des Preises. Die Fahrt versprach insgesamt auch durchaus lukrativ zu werden, denn es sollte erst in die Oranienburger Straße gehen – und dann nach Spandau. Wow. Die grob angepeilten 30 € fanden sie dann schon auch ok, insofern wollte ich das einfach wegrocken. Die Gruppe war bunt gemischt und mehrheitlich nicht aus Berlin. Es wurden kleine Wissensfetzen ausgetauscht, wie beispielsweise, dass die Oranienburger Straße der Straßenstrich sei. Was ja immerhin mal stimmt. Das allerdings war einer der wenigen Teile, der stimmte. Die Dame ganz hinten hatte Kniebeschwerden, der Typ hinter mir zweifelte dann doch wieder das Taxameter an, der vorne war genervt und einer Frau auf der Rückbank war schlecht.

„Aber ich kotz‘ nicht, keine Sorge!“

Na, immerhin!

Und während wir an der Oranienburger die ersten Prostituierten passierten, meinte einer der Helden:

„Sind wir jetzt bald in der Oranienstraße?“

Ich hab geschluckt.

„Das ist jetzt nicht Euer Ernst, oder? Ihr wollt in die Oranienstraße?“

„Äh ja, haben wir doch gesagt!“

„Ähm … nein!“

(Fortsetzung heute mittag)

Kurzstreckenmeckerer

Da fragt ein potenzieller Fahrgast einen Kollegen vor mir am Stand nach einer Kurzstrecke. Der sagt, dass der Kurzstreckentarif vom Stand aus nicht gilt und er sich doch, sollte er die Verbilligung nutzen wollen, einen Kollegen von der Straße heranwinken solle. Daraufhin erleichtert sich der potenzielle Kunde in einer Hasstirade gegenüber denn ach so fies geldgeilen Taxifahrern, darüber, was wir doch allesamt für gescheiterte Existenzen und lebensunwerte (Oh ja, so hat er das ausgedrückt!) Kreaturen seien. Und wundert sich anschließend, dass auch ich seine Nachfrage mit einem vergleichsweise netten „Vergiss‘ es!“ beantworte.

Lasst uns mal eines klarstellen: Im Taxi wie überall im Handel- oder Dienstleistungssektor gibt es entgegengesetzte Interessen. Natürlich will man als Kunde gerne umsonst bis nach Kasachstan transportiert werden und als Dienstleister würde man gerne einfach mal einen Scheck über 10.000 € einstecken dürfen, weil man so nett gelächelt hat. So gesehen haben sich bisher nicht viele Wünsche der Menschheit erfüllt.

Bei der Taxi-Kurzstrecke selbst ergibt sich dann das Bild, dass der Kunde gerne für 4 € seine 2 Kilometer fahren will, der Taxifahrer da aber rund 7 € haben will, weil er sich schon angestellt und auf eine Fahrt gewartet hat. Beides an sich erst einmal legitime Wünsche. Aber:

Wenn man schon mieseste Beleidigungen ausspricht, sollte doch wenigstens der Hauch eines Grundes vorhanden sein! Der Taxitarif ist gesetzlich vorgegeben – der Kunde hat den Fahrer also de facto zu einem Rechtsbruch überreden wollen. Das kann man machen, aber für gewöhnlich sollte man dafür bessere Gründe haben als „Ich will xyz aber billiger!“.

Auch wenn man’s sich noch so schönredet, sind Sonderangebote mit Einschränkungen was anderes als Normalpreise. Wenn ich heute beim Netto einen Käse für 50 Cent mitnehme, weil er in zwei Tagen abläuft, kann ich bei der nächsten Charge, die für einen Euro verkauft wird, nicht drauf pochen, dass das Zeug „sonst“ oder „normal“ nur 50 Cent kostet. Berlin ist ohnehin eine absolute Ausnahme mit dem Kurzstreckentarif – und ich bin dagegen, dass er abgeschafft wird! – aber es gab und gibt ihn nur für eine kurze Fahrt ohne Zwischenstopp beim Heranwinken eines Taxis.

Einem Taxiunternehmer entstehen Kosten, wenn man zu einem Stand fährt. Einen Taxifahrer kostet es zudem Zeit, wenn er irgendwo wartet. Das ist im normalen Tarif eingepreist, nicht aber in der Kurzstrecke, weil sie eben genau dafür nicht geschaffen wurde, sondern für besonders günstige Spezialfälle.

Ich will sicher kein Arschloch sein, das darauf pocht, unsinnige Regeln einzuhalten. Mitnichten! Aber, liebe Mitmenschen:

Einen Taxifahrer beschimpfen, um ihn zu einer ihn auch noch Geld kostenden Ordnungswidrigkeit anzustiften … so viel Realitätsverweigerung muss man ja nun nicht noch wohlwollend begleiten, oder? -.-

Scheiße

„Ob de’s gloobst oda nich: Unsa Freund hat sich einjeschissen. Da sin‘ wa ausser S-Bahn jeflüchtet.“

„Äh, ok. Hatte er zuviel getrunken, oder wie?“

„Ach, der hatte letztes Jahr ’nen Herzinfarkt und sich jetzt nich‘ mehr so unter Kontrolle …“

Natürlich war ich ganz ehrlich auch froh, den Freund nicht mit im Auto zu haben, aber widerlicher als diese Art der „Freundschaft“ wäre mir Scheiße wohl auch nicht vorgekommen. Dass man die Situation besser nicht ohne die Betroffenen bewertet, hab ich dann gemerkt, als die beiden ihren Kumpel angerufen haben. Selbiger hat sich nämlich (sie hatten auf Lautsprecher gestellt, damit ich es auch hören kann) vor Lachen kaum halten können, weil er zwei junge Mädels mit seinem Geruch vertrieben hat.

Manchmal fällt einem wirklich nichts mehr ein zu den Fahrgästen. Oder deren Freunden. -.-

 

Unhandlich

„Ey Digger, was kost’n das, so freundschaftspreismäßig?“

„Lass den Fahrer doch, ich hab doch schon nach einer Kurzstrecke gefragt und er macht das!“

„Ja, immer cool bleiben, alles easy. Ich will hier ja auch nicht handeln oder so …“

Nee, gar nicht. Hab ich auch gleich gemerkt. 🙂

Wütender „Großraumkollege“

Es könnte auf den Straßen der Welt so sittsam zugehen, würde nicht ständig irgendwas unvorhergesehenes passieren. Aber so ist das halt. Ob es der über die Straße laufende Fuchs, der Winker am Straßenrand oder sogar der Taxifahrer ist, der für die Winker anhält. Darüber hinaus gibt es Mißverständnisse über Mißverständnisse und eine Menge unnötigen Hass.

Dass ich den auf mich ziehe, ist vergleichsweise selten – was ich durchaus auch meinem Fahrverhalten anrechne. An diesem Wochenende hat’s dann mal nicht gereicht.

Ja, ich hab für Winker gebremst. Und dabei die Spur eines Reisebusses blockiert. Und dass den Fahrer das genervt hat, kann ich irgendwo noch nachvollziehen. Zumal ich davor wirklich von der linken Spur auf seine rüber bin. Um es aber ganz klar zu sagen: ich hab ihn nicht geschnitten und ausgebremst. Der Bus war gerade am Anfahren, hatte also kaum Geschwindigkeit drauf und ich hab vielleicht 40 Meter vor ihm vorsichtig gebremst. Anbei schön geblinkt und alles. Und ich neige ja schon dazu, solche Situationen überzuinterpretieren und mich selbst zu kritisieren. Dass die Situation, wenn ein Fahrgast winkt, während ich mich im fließenden Verkehr befinde, grundsätzlich gefährlich ist, weiß ich. Ich habe schon zahllose Winker deswegen stehenlassen, so weh es auch manchmal getan hat.

In dieser Situation nun habe ich unmittelbar nach dem Winken den Bus ins Visier genommen und mich gefragt, ob das reicht. Nicht ob es mir zum Bremsen reicht oder dem Bus gerade eben so noch. Nein, ob es vertretbar ist, vor ihm anzuhalten! Und auch als ich auf der Spur war, habe ich ihn nicht aus den Augen verloren und wäre sofort wieder durchgestartet, hätte ich Sorge gehabt, ich zwinge ihn zu scharfem Bremsen. Und ja: ich bin mir auch bewusst, was ein Bus ist, dass er sich anders fährt als mein Taxi und der Fahrer ggf. auf Passagiere achten muss.

Und wieder einmal war das kein Problem. Ich hab um einen gewissen Sicherheitsabstand bemüht erst einige Meter nach den Winkern wirklich angehalten, der Bus dann gute 10 Meter hinter mir. Ohne Reifenquietschen, ohne Vollbremsung. Ganz gemächlich.

Im Kopf hab ich das deswegen noch, weil der Fahrer – nachdem er mich wild angehupt hat – sich danach entschlossen hat, mir doch noch die Meinung zu sagen. Auf der zu jener nachtschlafenden Zeit ausgestorbenen Kantstraße setzte er den Blinker, fuhr links neben mich, öffnete die Türe und stieg aus. Und in Anbetracht dessen, was er mir vorwarf, sollte man durchaus darüber nachdenken, wie verkehrskonform denn diese Aktion war.

Er bezichtigte mich, eine „vorsätzliche Straftat“ begangen zu haben. Ob das jetzt das Blinken, das Bremsen oder das Halten auf der Busspur betraf, weiß ich nicht. Ich schätze, dass ihm das auch egal war. Vermutlich war ich einfach einer von „diesen doofen Taxifahrern“, denen er es jetzt stellvertretend mal richtig zeigen konnte. Meine Fahrgäste sprangen noch ein und meinten:

„Sorry, wir haben Ihn rangewunken.“

„DAS IST SCHEISSEGAL! DANN MUSS ER TROTZDEM WEITERFAHREN!“,

wütete sich der Grauschopf in Betriebslaune. Er beendete seine rechtlich leicht dünne Belehrung damit, dass er mir das nächste Mal „absichtlich ins Heck“ fährt und damit „vor Gericht auch noch Recht bekommen“ würde. Nun ja. Sie sind schon niedlich, wenn sie wütend werden …

Im Ernst: Ich weiß, dass Taxis in zweiter Reihe oft nerven. Und wenn sie vor einem bremsen erst recht. Und ich will es auch nicht entschuldigen, wenn ein Kollege da Umsatz vor Verkehrssicherheit gewichtet. Ebenso kann ich eigene Fehler natürlich nicht ausschließen und ich bin mir auch nicht sicher, ob unsere Erlaubnis, in zweiter Reihe zu halten (StVO §12 (4)) auch für Busspuren gilt.
„Wenn die Verkehrslage es zulässt“ greift meines Erachtens nach auf einer leeren dreispurigen Straße, wenn nur ein einzelner und langsamer Bus in angemessenem Abstand hinter einem fährt. Und falls ich da dieses Mal laut StVO im Unrecht war, stellt sich immer noch die Frage, ob das rechtfertigt, sich selbst verkehrswidrig zu verhalten und andere Verkehrsteilnehmer zu bedrohen. Aber keine Sorge: ich werde Euch auf dem Laufenden halten, falls mir demnächst ein weißer Reisebus absichtlich ins Heck fährt.

Bis dahin würde ich damit verbleiben und zusätzlich noch einmal darauf hinweisen, dass Taxis ggf. unvermittelt auf der Straße anhalten und dass es hilfreich ist, damit zu rechnen. Ich halte hinter Kollegen meist auch einen extra großen Abstand ein. Natürlich sollte der Taxifahrer selbst drauf achten – aber gewonnen hat am Ende keiner, falls es doch mal schiefgeht. Egal ob man im Recht ist oder nicht.

PS: Auch wenn das „Großraumkollege“ in Anführungszeichen von manchen vielleicht so verstanden wird: ich habe nicht vor, hier einen Taxifahrer-vs-Busfahrer-Krieg zu befeuern. Ich schätze die Kollegen in den Bussen und mit ein oder zwei anderen Abzweigungen in meinem Leben wäre ich einer von „ihnen“. Ich sehe sie als Kollegen im Sinne von „professionelle Fahrer“, ebenso wie Trucker und Fahradrikscha-Fahrer. Und ich denke auch, dass wir zusammen eine Menge Möglichkeiten haben, den Verkehr da draußen sicherer und/oder besser zu machen, indem wir entsprechend professionell agieren. Uns wegen vermeintlicher oder realer Fehler wutentbrannt auf der Straße gegenseitig anzuschreien sehe ich jedoch als den dümmsten aller Versuche an, dieser Aufgabe gerecht zu werden.

…

Wenn ich etwas wirklich gut unter Kontrolle hab, dann ist es meine Cholerik. Die hab ich so gut im Griff, dass die meisten Menschen, die ich kenne, abstreiten würden, dass ich Choleriker bin. Das natürlich nicht grundlos. Ich bin groß und stark und wenn ich ausraste, dann wird’s halt schnell teuer. Einer meiner ehemaligen Schulkameraden hat wohl noch heute eine Bleistiftspitze von mir im Bein stecken – und als das geschah, war ich in der dritten Klasse …

Wie gesagt: sowas passiert mir heute nicht mehr. Ich muss mich da auch nicht mehr groß zusammenreißen, ich nehme einfach viel mehr Dinge hin seitdem. Inzwischen kann man mich gefahrlos im Mensch-ärgere-dich-nicht besiegen und es schert mich nicht. Und im Job erst! Leute, die mich schneiden? Pffft … Leute, die ins Auto kotzen? Ja mei, wenn sie wenigstens nett waren …

Aber heute Nacht war ich kurz davor, einfach spontan einem Fahrgast von hinten den Schädel zu spalten. Notfalls mit meinem Haustürschlüssel.

Ich hab’s nicht gemacht, denn zum einen brauche ich meinen Schlüssel noch, zum anderen schien’s mir ein schlechtes Bild abzugeben für einen kundenfreundlichen Taxifahrer. Und wie gesagt: ich halte Lynchjustitz inzwischen als Reaktion auf manche Kleinigkeiten nicht mehr für die richtige Wahl.

Dass die Fahrt nicht die leichteste an diesem Abend werden sollte, war schnell klar. Vier verstrahlte Jugendliche mit McDonald’s-Tüten in den Händen, alle angetrunken. Aber ich will nicht unfair sein. Zwei von denen schienen schwer in Ordnung zu sein, keiner hat auch nur nach einem Preis gefragt, auch schon mal was. Die Ermittlung der Zieladresse erfolgte erst unterwegs, aber sie war davor hinreichend genau. Eine Tour nach Charlottenburg, vom Ostbahnhof aus immerhin ein Zwanni Umsatz.

Nun isses halt manchmal anstrengend. Dorf-Jugendliche aus Niedersachsen, die beim Wort Puff kichern müssen, aber voll ganz im Ernst nachher in einen gehen werden. Oder zumindest mal bis zum Schaufenster, in dem Alter reicht das ja schon, um sich die Hosen nass zu machen.

Auch wenn einer inzwischen krähte, dass er bloß 15 € bezahlen wollte, war das harmlos. Das selbe hatte er nämlich bei 5 € auf der Uhr auch über einen Zehner gesagt. Und tat es folglich bei 15 € wieder und wollte nun höchstens einen Zwanni bezahlen. Drauf geschissen. Dann fragte mich der eher schweigsame Typ auf dem Beifahrersitz, ob er vielleicht einen Happen essen könne. Obwohl einer von hinten gleich schrie:

„Nee, Du Depp! Nicht im Taxi! Vollpfosten!“,

hab ich einen auf „korrekter Typ“ gemacht, der ich laut Aussage des jungen Mannes hinter mir war (der, der immer nur 5 € mehr als bisher zahlen wollte):

„Eigentlich kein Problem. BigMäc wäre scheiße, soll ja sauber bleiben. Aber …“

„Cheeseburger?“

„Na klar, kein Thema.“

„Aber Alter, Dir is‘ schon klar, dass ich keine Gurken mag. Die nehm‘ ich runter und kleb‘ sie dir unter’n Sitz …“

Wieder der Kerl hinter mir. Die meiste Zeit lachten wir dann aber wieder, wie er versuchte, seiner Freundin im Hotel die Adresse zu entlocken, zu der sie jetzt fahren müssten. Um ganz ehrlich zu sein: die Jungs hatten mehr Humor als ich erwartet hatte und im Grunde verlief die Fahrt eigentlich vergleichsweise nett. Wobei anzumerken sei, dass mir bewusst war, dass nur arg ambitionierte Gesellen es schaffen können, nach 20 Minuten aus dem Matrix zu fliegen – was ihnen angeblich zuvor gelungen war. Nach kurzer Diskussion hielten dann wir mittig zwischen Hotel und Puff und ich bekam die 19,60 € Fahrtpreis großzügig mit einem Zwanziger bezahlt. Naja, immerhin. Und während die Jungs dann in Richtung Hotel (!) verschwanden, fand ich … tatsächlich eine Gurkenscheibe am Sitz hinter mir.

Kein großes Ding. Ich hatte gerade ein Tuch zum Abwischen in der Hand und das war eine Arbeit von vielleicht zweieinhalb Sekunden. Wahrlich ein Abgrund, in den ich sehenden Auges renne, wenn ich das Essen im Auto erlaube. Ähnliches hatte ich hier und da schon ohne es im Blog zu erwähnen. Nicht oft, aber  sicher schon zwei- oder dreimal.

Nein, was mich wirklich kochen lassen hat, war natürlich die Dreistigkeit. Denn ich denke, wir sind uns einig, dass purer Zufall eine mäßig glaubwürdige Option ist, wenn jemand androht, eine Gurkenscheibe an den Sitz zu pappen und am Ende eine Gurkenscheibe am Sitz pappt.

Ich schreibe im Internet. Ich bin durchaus gewöhnt daran, dass Leute mich für einen Idioten halten. Das passiert. Wahrscheinlich haben das jetzt einige Kollegen gelesen, die mich für blöd und unerfahren halten, weil ich die Jungs habe essen lassen. Andere vielleicht sogar, weil ich sie mitgenommen habe. Oder überhaupt am Ostbahnhof gestanden bin. Sei es drum, ich halte ja auch nicht alle Menschen da draußen für Reinkarnationen Einsteins.

Aber so ein Vollhonk, der sich was darauf einbildet, absichtlich meine Arbeit zu behindern, indem er an einer Stelle, an der ich ihn weder überwachen kann noch will, mein Auto zu verschmutzen – und sich für diese dümmlich-destruktive Meisterleistung vermutlich auf sich selbst einen runterholt – der hat schon außerordentliches Glück, dass ich ein paar Jahre Erfahrung damit habe, meinen Ruhepuls nicht für Gurkenscheiben zu überschreiten.

Entsprechend hab ich mich beherrscht. Und mir hilft der Gedanke, dass der Kerl in den nun folgenden 3 Tagen in Berlin eventuell an streitsüchtige Kollegen oder gewinnorientierte Prostituierte gerät. Oder dass ihn wahlweise der Blitz beim Scheißen trifft, den ich umgehend für ihn geordert habe.

Das mit dem kleinen Finger …

Jaja, reicht man ihnen den kleinen Finger, dann wollen Sie die ganze Hand …

Es ist schön, wenn man sich Stresser am absoluten Ende einer absolut grandiosen Schicht einfängt. Dann tut es nicht so weh, falls es wirklich schief geht. Ich hatte dank Biermeile und Leserfahrten „den Sack zu“, wie einige meiner Kollegen diesen Zustand nennen, wenn man den angestrebten Umsatz bereits eingefahren hat. Aber nicht nur das. Ich hatte glatte 25 € über Soll, darüber hinaus aber selbst bei leerer (weiter) Heimfahrt einen bombigen Kilometerschnitt, eine auch für Normalbürger akzeptable Arbeitszeit und dank viel Trinkgeld, ausschließlich netten Fahrgästen und einer kurz vorher eingelegten Kippenpause die beste Laune, die ich so während einer Schicht aufzubringen in der Lage bin.

Ich war also zu 100% auf dem Weg in den verdienten Feierabend, als es durch die Nacht hallte:

„HALT MAL AN, TAAAAXIIIIII, MAAAAAANNN!“

Ach, was soll’s? An einem anderen Tag würde ich eine Stunde auf sowas warten. Drei junge Kerle in hautengen Hemden, nicht mehr komplett nüchtern, aber erstaunlich fit für die Uhrzeit. Sie wollten zum Hermannplatz. Da ich gerade aus der äußerst südwestlichen Ecke der Stadt kam, war das für mich bezahlte Heimfahrt. Gut, nicht ganz der Weg, den ich einzuschlagen gedachte, aber absolut richtige Richtung. So denn!

Kurze Zeit später kam dann die Frage nach einem Festpreis auf, die ich abgewatscht habe. Sie haben das halblebig akzeptiert und sich nun dem Gesang irgendwelcher Lieder gewidmet. Ich hab’s ganz sicher nicht genossen, aber ich hab auch einfach keine Ahnung, was sie gesungen haben. Da ich ihre Sprache kein bisschen beherrschte, hätten das für mich sowohl Fußball-Schmähgesänge oder Kinderlieder sein können. Irgendwann meinte dann einer, dass sie nur noch 12 € hätten. Obwohl ich zuvor bereits „ungefähr 15 €“ angesagt hatte.

Nun, was tun? Sie waren schon wieder am Singen. Ich hab für mich die Lage sondiert. Ich hatte es mit drei kraftstrotzenden jungen Kerlen zwischen 20 und 25 zu tun, die laut eigener Aussage „die Party erst starten“ und noch zum McDonald’s wollten. Ergo: sie hatten Geld, egal was sie erzählten. Ich war zwar „satt“, aber auch nicht gewillt, sonderlich große Zugeständnisse zu machen. Wenn ich schon lautstarkes Singen und Rumhampeln ertragen muss, dann bitte zu meinen Konditionen. Sie bei 12 € irgendwo in unbekanntem Terrain abladen wäre sicher scheiße für die Stimmung gewesen. Bei aller guten Laune: um mich mit denen im Dunkeln anlegen, waren mir 3 € zu wenig. Also hab ich die Uhr einfach weiter laufen lassen, denn am Hermannplatz ist es immerhin mal hell und belebt. Und im schlimmsten Fall hätte ich ein paar Euro als Fehlfahrt abzurechnen. …

Kurz vorher bemerkte einer der drei, dass die Uhr bei 14,80 € stand und erinnerte sich in jeder Hinsicht falsch, dass wir 15 € ausgemacht hätten. Nun ja:

„Ach ja, ist ja nicht mehr weit. Also mach‘ ich hier mal aus, ok?“

Ja, ich hab das nur halb freiwillig gemacht. Aber besser so als mit Stress. Und immerhin waren das jetzt schon 3 € mehr als vorher. 😉
Die letzten 500 Meter sind wir dann also so gefahren, was soll’s. Der Schnitt war wie gesagt ohnehin bombig. Und auch wenn ich gerne stur bin beim Preis: ich muss ja nicht in unklaren Situationen Stress provozieren. Und wirklich schlau geworden bin ich aus den Typen nicht.

Das Drama am Ziel hatte ich jedoch nicht vorhergesehen, jetzt, da wir uns „auf 15 € geeinigt“ hatten.

Vom einem Typen bekam ich einen Fünfer. Von einem zweiten vier Euro. Und die sechs vom Dritten? Nicht. Der beschwerte sich und sagte, es sei sein Fünfer gewesen, den er dem ersten gegeben hätte. Der wiederum versuchte mir klarzumachen, dass er mich ja bezahlt hätte und ich mich gefälligst an den anderen zu wenden hätte.

Um es klar zu machen: keiner hat sich getraut, mich nicht zu bezahlen, sondern einer von ihnen hat versucht, seinen Kumpel in die Scheiße zu reiten. Da ein ewiges Hin-und-Her nicht fruchtete, hab ich eingeworfen, dass es mir wirklich vollkommen scheißegal sei, wer jetzt wem was schulde, dass bei mir aber 6 € offen seien.

Und obwohl der eine bereits gesagt hatte, ich solle die Polizei holen, um den Kumpel anzuzeigen (WTF? Wer geht mit solchen „Freunden“ feiern?), hab ich einfach mal der primitivsten Küchenpsychologie vertraut und darauf gewettet, dass ich bei der Sache nicht der Verlierer sein würde:

„Jungs, macht mal halblang! Ihr wollt feiern und ich bin Euch entgegengekommen! Ich hab die Uhr vorher ausgemacht, obwohl ich das nicht gemusst hätte! Und jetzt wollt Ihr mich hier abziehen? Was läuft bitte bei Euch schief? Klärt das mit der Kohle doch später untereinander und fickt nicht mich, der ich nichts damit zu tun hab, ok!?“

Ich hab noch nicht einmal aussteigen müssen, wirklich mit der Polizei drohen oder sonstwas. Ich hab die „total coolen“ Jungs, die mir ein paar Minuten zuvor „fetten Gangsta-Rap“ vorgelegt hatten, einfach nur bei dem gepackt, was sie für essentiell wichtig in ihrem peinlichen Biotop halten: der Ehre.

„Ihr würdet euch wegen 6 € gegenseitig die Bullen auf den Hals hetzen? Und mich abzocken? Na herzlichen Glückwunsch!“

Gut, ich muss zugeben: Trinkgeld gab es keines. Und ja, ich hab 500 Meter umsonst zurückgelegt. Aber von Möchtegern-Posern geknickt 6 € gereicht zu bekommen … ich will mich im Nachhinein nicht über den Unterhaltungswert dieser Fahrt beschweren. Und so lange ich nicht solche „Freunde“ habe, lache ich ggf. auch über solche Fehlfahrten. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ich in der Nacht insgesamt weniger Stress hatte als diese drei anschließend beim McDonald’s. Die streiten wahrscheinlich zur Stunde noch rum, wer das einsame Gürkchen auf diesem oder jenem Cheeseburger bezahlt hat  …