Nass dank Fahrrad

„Das ist aber wirklich sehr nett, dass sie mir da helfen!“

„Überhaupt kein Problem. Wie schon gesagt: Bisher hab ich alle Fahrräder ins Auto reingekriegt, aber es ist jedes Mal eine ziemliche Fummelei. Könnten sie mal da vorne…“

Ächz!

Großraumtaxen sind was Tolles, aber manchmal sorgen sie auch für Arbeit, die dem E-Klasse-Fahrer erspart bleibt. Für Fahrräder hat mein Zafira sowas ähnliches wie eine Mustergröße. Ich hab bisher wirklich jedes reingekriegt mit umgelegter Rückbank – aber das System, wie jetzt gerade dieses eine dort hineinbugsiert werden kann, das darf man jedes Mal neu erfinden.

„Vorher war da ja ein Kollege mit so einem Bus, aber der wollte gar nicht auf mich hören. Dabei hätte man das dort wahrscheinlich einfach reinschieben können…“

teilte sie mir mit einem bedauernden und nicht einmal bösen Tonfall mit. Sie war etwa Ende 40 und hatte nach eigenen Angaben in diesem verregneten Sommer bereits eine zweiwöchige Fahrradtour absolviert, ohne ernsthaft nass zu werden. Und jetzt Berlin. Es war eine der kältesten Juli-Nächte, so ca. 12°C, sie war den ganzen Tag unterwegs mit Bahnverspätung und allem Tralala. Der Himmel schüttete sich seit 2 Tagen hemmungslos aus und sie hatte einfach keine Lust, die letzten 5 Kilometer noch mit dem Rad durch die teils zentimetertiefen Pfützen der Hauptstadt zu fahren.

Bei ihrer Aussage zum Kollegen musste ich an eine andere glückliche Kundin denken, die mir strahlend berichtet hat, dass sie letztes Mal „bei totalem Sauwetter“ einen Taxifahrer getroffen hat, der ihr Rad mehr schlecht als recht – aber besser als gar nicht – in den geöffneten Kofferraum seiner Mercedes-Limousine gestopft hat, um sie halbwegs trocken ans Ziel zu bringen.

Obwohl ich hier zum Verladen meist unter der schützdenen Heckklappe dem Regen entkam, war die Dankbarkeit meiner aktuellen Kundin etwa ähnlich umfassend.

„Sagen sie, was kostet denn so ein Fahrrad dann extra?“

Ich hab mal ziemlich frei die Tarifordnung zitiert:

„Ein Gepäckstück, das nicht in den Kofferraum passt, kostet einen Euro extra.“

„Oh, das ist ja viel zu wenig!“

Ein wenig innerlich vor mich hinfluchend, warum dieser blöde Lenker sich jetzt gerade an den Rücksitzen verkeilen musste, hab ich nur vielsagend vor mich hingemurmelt:

„Wenn es sich weiter so wehrt, dann haben sie vielleicht Recht…“

Aber ich hab mir die Zeit genommen, sie daraufhin kurz anzulächeln und zu sagen, dass das schon ok ist.

Und siehe da: Irgendwann hatten wir das geschafft. Das Rad war verstaut, und abgesehen von der bangen Frage, ob es da auch je wieder rauskommen würde, waren wir erst mal glücklich mit dem Ergebnis. Also ging es rein ins warme Auto, Tür zu und dann haben wir zugesehen, dass wir Land gewinnen. Das Fahrrad war verkeilt genug, damit nicht einmal der Gepäckkorb klapperte, und so konnte ich trotz Regenwetter den Weg ins Herz Neuköllns auch zügig zurücklegen. An der angesagten Adresse angekommen, bedeutete sie mir in ziemlicher Demut, ich solle doch bitte bitte erst mal im Auto bleiben. Sie macht jetzt erst mal die Tür auf bei sich, dann könnten wir da gleich ohne allzu nass…

Ich bin ausgestiegen und hab den Kofferraum geöffnet. Wie gesagt: Unter der Klappe ist es ja auch nicht feuchter als im Wagen selbst und ich wollte mir mal ansehen, wie wir dieses Etwas aus dem Wagen bekommen, das irgendwie entfernt an einen eingebauten Überrollkäfig erinnerte. Zu meiner Überraschung ließ sich das Rad mit 2 Handgriffen sanft und endgültig aus den Eingeweiden meines Autos rausoperieren und kaum dass sie die Türe des Hauses offen hatte, stand ich mit dem Fahrrad bei ihr.

„Oh, das ist aber… das hätten sie doch nicht… wie viel bekommen sie denn jetzt?“

„Die Uhr steht bei 10,80 €, mit dem Zuschlag wären wir dann bei 11,80.“

„Oh Mein Gott, das ist ja wirklich viel zu… also nee!“

Mein Grinsen hab ich sorgfältig verstecken müssen. Das gibt 15. Locker! 🙂

„Machen sie mal 20!“

Wow! Und da sag mal einer, dass sich Service nicht doch lohnt. Damit war auch der Typ aus dem letzten Artikel wieder völlig vergessen.

„Na, sie sind ja jetzt auch ganz nass geworden wegen dem Fahrrad…“

Das hätte ich ja auch nie erwartet bei einer Schicht im strömenden Regen 😉

„The Best Western please!“

Das ist so in etwa das Schlimmste, was einem als Taxifahrer in Berlin passieren kann. Oder das Beste – falls der Kunde die Rundfahrt bezahlen will. Die Seite der Best-Western-Kette bietet selbst den besten Überblick, weswegen man das so sagen kann: Suchergebnisse für Berlin bei Best Western. (ich hoffe mal, der Link klappt)

Getroffen hat es einen der netteren Kollegen an meinem Lieblingsbahnhof. Rein vom Optischen her ein Bilderbuchkutscher und sehr nett und erfahren. Ich hab ihn nur ein paarmal dort gesehen, aber wahrscheinlich gehört er wirklich zur Lichtseite des Gewerbes. Nur Englisch ist nicht so sein Ding.

Ich stand direkt hinter ihm und nach ein paarmal gegenseitigem Achselzucken bin ich ausgestiegen und hab mal nachgefragt, ob ich irgendwie helfen kann. Nun kannte der Kollege das Best Western City Ost nicht – was ich aber auch nur kenne, weil ich zufällig schon einmal da war. Auch mit englischem Publikum übrigens, der Fahrgast damals war allerdings um etliches verstrahlter als das gut situierte Ehepaar dieses Mal.

Ich hab ihm also kurz zu sagen versucht, an welcher Ecke das Hotel liegt, war mir allerdings auch nicht bis aufs Letzte sicher. Dass man das Hotel im Vorbeifahren übersieht, kenne ich aus eigener Erfahrung – da mag es noch so direkt an der Frankfurter Allee liegen. Den Fahrgästen wurde die Sache etwas unheimlich und sie haben verschämt nachgefragt:

„So, would YOU please bring us there?“

Ich hab ihn gefragt und er hat eingewilligt. OK, eine lange Tour war es nicht, aber nicht jeder Kollege gibt gerne seinen Fisch an der Angel ab. In Nullkommanix waren die beiden dann dorthin verfrachtet, und sie haben die 8 € mit 12 beglichen. Mit einem ausdrücklichen Dank für meine guten Englischkenntnisse und mein kulantes Einspringen.

Der Kollege ist zufällig nach seiner Tour auch wieder zum Bahnhof gefahren. Wir kamen in genau derselben Konstellation wieder zum Stehen. Er erkundigte sich gleich, wo das Hotel jetzt nochmal genau ist und merkte es sich. Außerdem beglückwünschte er mich zu dem dicken Trinkgeld und gestand:

„Naja, so viel hätt‘ ick ja eh nich‘ jekriegt. Mit mein Englisch.“

Er hatte eine Tour für 7,60 €. Hat sich also im Prinzip alles nix geschenkt. Wie man sieht, muss man auch in diesem Gewerbe nicht ständig nur um jeden Euro untereinander kämpfen. Zusammenarbeit ist für alle Beteiligten wesentlich gechillter!

Das erste Taxi am Stand

Die Berliner Taxiordnung sagt in Paragraph 4 (2):

„Den Fahrgästen steht die Wahl der Taxe frei. […]“

Soweit die Theorie. Wie sieht das in der Berliner Realität aus? Ein Erfahrungsbericht:

Ich hatte mir (was sehr selten ist) an der Tankstelle meines Vertrauens ein belegtes Brötchen für lächerliche 2,99 € rausgelassen und mich zum Essen am Bahnhof an den Stand, auf Position 25 etwa, gestellt.
In dem Moment, in dem ich erwartungsvoll die Tüte öffne, klopft es an meine Scheibe:

„Sag mal, bringste mich kurz zum Mariannenplatz?“

Wäre er nur 5 Sekunden später gekommen, hätte ich mit „Felbverfbämfliff“ antworten müssen, ohne eine halbe Gemüsetheke im Mund gelang mir aber die hochsprachliche Artikulation.

„Letztes Mal hat mich der Taxifahrer ganz vorne gebeten, doch nach hinten zu gehen, ist das in Ordnung?“

Jein. Bitten oder Beten ist nicht verboten. Wie wir eingangs gelesen haben, ist dem Wunsch eines Fahrgastes aber Folge zu leisten. Mein übersensibler Kunde war tatsächlich gewillt, es allen Fahrern auf diesem Planeten recht zu machen, da war das sichtlich in Ordnung. Ich denke, ich kann für fast alle Fahrer sprechen, wenn ich sage: Wir freuen uns, wenn der Kunde sich über unser Geschäft Gedanken macht und eine kurze Fahrt mit einem der hinteren Taxen absolviert, weil diese noch nicht so lange gewartet haben. Selbst ich ärgere mich manchmal insgeheim, wenn ich nach einer Stunde Standzeit eine Tour für 5 € bekomme, das bleibt nicht aus, wenn man umsatzbasiert bezahlt wird.

Aber es ist und bleibt dabei: Der Kunde darf sich das Auto (und damit auch den Fahrer) aussuchen. Wir Fahrer mögen den ein oder anderen Kundenwunsch nicht verstehen, aber legitim ist er. Ob der Kunde sich das Auto aussucht, weil es an einer bestimmten Stelle steht, weil es neuer, größer, sauberer oder vielleicht doch eher gemütlicher, lustiger oder älter ist: Es ist sein Recht. Wir Taxifahrer haben eine Beförderungspflicht, und die gilt in einem siffigen Lada ebenso wie in einem frisch geputzten Mercedes.

Das Problem ist schlicht der Faktor Mensch. Jeder Taxifahrer geht anders mit seinem Job und den Kunden um. Und viele sind der Meinung, dass das ungeschriebene Gesetz, der erste bekomme die Tour, über der Taxiordnung steht.
Man sollte als Kunde nicht verwundert sein, wenn ein Fahrer den ersten in der Reihe vorschlägt. Es ist meist einfach ein Versuch, kollegial zu sein.
Ebenso finden sich aber natürlich auch Arschlöcher am Taxistand, die als letzte in der Reihe den Kunden mit der Kurztour wieder nach vorne schicken, „weil das so ist“, obwohl sie in Wirklichkeit nur dem Kollegen eine kurze Tour unterjubeln wollen und selber auf einen dicken Fisch warten.

Damit ist es ein leidiges Thema, denn es ist schwer, es allen Taxifahrern recht zu machen. Wir sind auch nur Menschen und haben alle ein bisschen verschiedene Ansichten. Wirklich beliebt sind kurze Strecken vielleicht nie – aber genau das ist ein Grund mehr, die Taxiordnung beim Wort zu nehmen und als Kunde zu entscheiden, mit wem man fahren will!

Ich würde wirklich gerne einen allgemeingültigen Tipp geben, welches Auto man als Kunde am ehesten wählen sollte – aber irgendwer in der Kollegenschar fühlt sich immer auf die Füße getreten. Vielleicht sollte ich es so machen:

Wenn sie eine kurze Strecke im Taxi fahren wollen, dann sagen sie das im Voraus und fahren dann mit dem Fahrer, der am nettesten reagiert. Und wenn sie das Gehacke um dieses Thema genauso stört wie mich, dann bedanken sie sich bei genau diesem Fahrer mit einem guten Trinkgeld und verzichten sie beim nächsten Nörgler ganz explizit (gerne mit Ansage) darauf. Vielleicht ändert sich dann mal was…

Taxistand Kulturbrauerei

Zu meinen regelmäßigen Standplätzen gehört auch die Kulturbrauerei. Dort ist leider wunderbar zu beobachten, wie Interessen von Stadt und Taxigewerbe auseinandergehen können und was das im Alltag für Stress bedeuten kann.
Da selbst Google Maps noch nicht ganz auf dem aktuellen Stand ist an dieser Kreuzung, müsst ihr eine meiner seltenen Zeichnungen ertragen. Bitteschön:

 

Die Kulturbrauerei-Haltesituation (+Elch) Quelle: Sash

An der Ecke Knaack-/Danziger Straße befindet sich ein Ausgang der Kulturbrauerei, hier durch das X links markiert. Da die Knaackstraße eine Einbahnstraße ist, bietet es sich für die Taxifahrer an, in zweiter Reihe vom Eingang bis weiter unten in der Straße auf der linken Seite zu halten. Die gewohnheitsmäßigen Halteplätze sind hier mit den Buchstaben A bis E gekennzeichnet, am Wochenende kann es schon mal bis zum Buchstaben R gehen 😉

Die Halte ist natürlich nicht legal, das hat sie mit vielen anderen gemein. Es ist auch tatsächlich relativ eng in der Knaackstraße, wenn dort eine Stange Taxen wartet. Nun hat man uns dort vor einiger Zeit etwas fantastisches geschenkt: Eine Taxihalte in legal. Diese findet sich auf dem Bild dort, wo TAXI geschrieben steht, und etwas ungelenk dazuwischengekritzelt sind die Halteplätze 1 bis 3. Abgesehen von meinem unklaren Verhältnis zur maßstabsgetreuen Zeichnung kann man sich jetzt wahrscheinlich bildlich vorstellen, wie es da aussieht, oder?

Sowohl die Macht der Gewohnheit, als auch Platzmangel und rationale Erwägungen sorgen nun dafür, dass die Halte eigentlich kaum genutzt wird. Zumindest Nachts. Zum einen eignet sie sich viel besser als einfache Ausfahrt von Position A. Auf A kann man quer zur Fahrtrichtung halb in den Eingang der Kulturbrauerei hineinstehen und dann über den eigentlichen Taxistand auf die Danziger fahren (das hat im Übrigen auch den Vorteil, dass man sich die oft rote Ampel am hier nur angedeuteten Fußgängerüberweg an der Danziger spart).

Die Kunden fallen einem quasi direkt ins Auto, und gut ist. Der Nachteil ist natürlich: Wenn die Cops das doch mal mitbekommen, ist man dank Halten auf der Straße, dem Gehweg und in einer Feuerwehreinfahrt wahrscheinlich ziemlich viel Geld los…
Ein guter Grund, die legale Halte zu verwenden, oder? Unter der Woche sicher, denn solange nur maximal 3 Taxen vor Ort sind, funktioniert das ganz gut. Sobald aber Taxi 4 dann entweder auf Position A oder B wartet, steigen alle (!) Kunden aus der Kulturbrauerei (und das sind die meisten) in dieses Auto ein, weil es näher ist. Mal ganz abgesehen davon, dass die Kunden wegen dieser Entfernungsphobie auch grundsätzlich eher Taxi 3 wählen – was zwar die Abfahrt schwieriger macht, aber so ist es eben…

Da ich dennoch nicht viel Lust auf Ärger mit den Cops hab, und mich gerne unter der Woche spät dort ans Eck stelle, wo man auch mal ein Weilchen warten kann, versuche ich tatsächlich, mitten auf der Halte, also eher in Position 2 zu warten. Sollte ein Kollege kommen, rücke ich kurz vor.
Dummerweise inspiriert das einige Kollegen, zu denken:

„Haha, ein Idiot! Der stellt sich soweit vom Eingang weg, da stelle ich mich doch auf Position A und räume die Kunden ab!“

Das ist weder ein Einzelfall, noch erfolglos. Man hat also die Wahl zwischen Pest und Cholera: Riskiere ich ein Bußgeld oder riskiere ich, dass mir eine Fahrt  – durchaus auch mehrmals 🙁 – weggeschnappt wird?

Kleiner Witz am Rande: Als ich mich mal ausnahmsweise als einziges Taxi auf Position A gestellt hab, kam prompt ein Kollege an, positionierte sich auf der 3 und beschuldigte mich, ein widerlicher Aasgeier zu sein…
Aber normalerweise entscheide ich mich gegen die rauhen Sitten und nehme es in Kauf, dass mir ein oder zwei Touren durch die Lappen gehen. So auch neulich. Es kam auch, wie es kommen musste: Ich stand 10 Minuten da, dann kam ein Kollege ohne mich eines Blickes zu würdigen zur Position A gefahren, lud binnen zweier Minuten Kundschaft ein und brauste (noch dazu über die rote Ampel hinweg) davon. Man gewöhnt sich dran, aber an dem Abend hat es mich echt gefuchst. Also hab ich mein Buch zugeschlagen und zu mir selbst gesagt, dass ich auf die Kundschaft hier scheiße und eine Runde durch die Stadt fahren werde. An der nächsten Ecke würde ich sicher eine gute Tour bekommen! So!

Danziger Ecke Prenzlauer (also 400 Meter weiter) sprang mir dann ein kleiner Mann ins Auto und wollte zur Deutschen Oper. Die Tour hat etwa 20 € gebracht, die Genugtuung war unbezahlbar 😀

Der Japaner im Kofferraum (2)

Nun endlich: Die Rezension!

Ich hatte vor einiger Zeit ja schon geschrieben, dass der Taxiblogger nun sein erstes Buch veröffentlicht hat. Wie damals schon befürchtet, hat es mit der Rezension jetzt etwas länger gedauert. Aber das Schöne an Büchern ist ja, dass es sie dauerhaft käuflich zu erwerben gibt. 🙂

Als regelmäßiger Leser beim Taxiblogger war ich sehr gespannt auf das Buch, gerade weil es das erste Buch eines Kollegen ist, der aus der selben Stadt und teilweise sogar der selben Zeit berichtet. Freundlicherweise hab ich das Buch vom Autor selbst zugesandt bekommen und es auch gleich binnen 3er Taxinächte durchgelesen.

Ich will ehrlich sein: Die Rezension ist mir auch nicht leichtgefallen. Obwohl ich das Buch gerne gelesen habe.

„Der Japaner im Kofferraum – Mein Leben als Taxifahrer“ hat nämlich einen skurrilen Aufbau, der sich nicht leicht beschreiben lässt. Mein Kollege hat es geschafft, auf den 202 Seiten unglaublich viele verschiedene Anekdoten zum Besten zu geben, worunter die Form etwas gelitten hat.
Das Buch hält insofern, was es verspricht: Ein Leben als Taxifahrer – insbesondere wenn es gleich mehrere Städte und Arbeitsverhältnisse umfasst – ist natürlich ein Auf und Ab. Dem wird das unterhaltsame Buch zweifelsohne gerecht 🙂

Der Titel ist meines Erachtens nach nicht clever gewählt, da der besagte Japaner im Buch ohne die prominente Erwähnung zwischen einem ganzen Haufen lustigerer und längerer Anekdoten untergeht. Aber diese Verlagsentscheidung möchte ich garantiert nicht dem Autor anlasten.

Der Schreibstil von Fischer ist meist wie aus seinem Blog gewohnt kurz und prägnant, wobei ich glaubte, in der ersten Hälfte des Buches ein wenig mehr ausschweifendes Erzählen wahrgenommen zu haben als auf den hinteren Seiten. In jenem hinteren Teil begegnen Bloglesern auch mehrere bekannte Einsprengsel aus selbigem, alles in allem stimmig untergebracht im bunten Sammelsurium des „Japaners“.

Was das Bild des bunten Taxler-Lebens abrundet, sind allerlei Informationen, mal als kleine Kästchen, mal als ganze Kapitel. So hat das Buch auch einen gewissen Sachbuchcharakter und wirft hier und da auch mal ein Licht auf die rechtlichen Fragen und Begleitumstände unseres kuriosen Gewerbes. Vom Preisvergleich zu anderen Städten über die Frage nach Traiferhöhungen, den Schönefeld-Streit unter den Taxlern und betrügerischen Kollegen findet man alles, aber ebenso seine legendäre Einsteiger-Typologie, Murphy’s Law für Taxler und andere nicht ganz so ernste Zusammenstellungen.

Was mir ganz ehrlich nicht gefallen hat, war mancher wilde und schwer nachzuvollziehende Zeitsprung und manch allzu kurz gefasste Info – der ein oder andere Leser wird sich sicher über das Mehrangebot auf Frank Fischers Blog freuen, wenn er den Hinweisen des Autors dorthin folgt.

Dementgegen steht eine gewaltige Vielzahl an Anekdoten, von denen ich als Fahrer in derselben Stadt und als Leser seines Blogs nur selten überrascht war, wenn dann aber umso mehr 🙂
Für alle unbedarften Leser ist es ein bunter Einblick ins Arbeiten, Leben und Denken eines Taxifahrers mit Humor und Beobachtungsgabe, das seine 10 Euro wert ist.

Ich persönlich war beeindruckt, weil mein Kollege einen Gedanken in Worte gefasst hat, den ich selbst für absolut richtig halte, den ich aber in all der Zeit, die ich nun selbst mit dem Schreiben über diesen Job verbringe, nicht in dieser Klarheit hatte: Die Erkenntnis über die Fahrgäste:

„Wir sehnen ihn herbei und buhlen um seine Gunst, aber wenn er erst mal da ist, möchte man ihn so schnell wie möglich wieder loswerden: den Fahrgast.“

(Kapitel 3, S.25, erster Satz)

Besser kann man es einfach nicht ausdrücken! 😀

Frank Fischer:
Der Japaner im Kofferraum – Mein Leben als Taxifahrer
ist erschienen bei Knaur
ISBN: 978-3-426-78355-9
9,99 €

Wer sich für das Buch interessiert und mir auch noch was Gutes tun will, der bestellt über diesen Link bei Amazon:


Pechvogel des Tages

Juhu, die Durststrecke hat ein Ende! Die gestrige Schicht lief wie eine normale Wochenendschicht, die Ferien sind vorbei und der Mai macht sowieso alles neu! Soweit eine sachliche Zusammenfassung meiner Hoffnungen und Wünsche.

Wie immer hab ich am Wochenende wenig Zeit, und verwende den Platz hier nur für einen kurzen Wettbewerb mit Klaus. Der hat mir heute früh am Ostbahnhof schon angedroht, ich müsste wieder als persönlicher Pechvogel herhalten, wenn seine Schicht nicht so laufen sollte, wie er sich das vorstellt.

Dann lege ich doch mal vor:

Meine Tour heute Morgen hat 6,60 € gebracht. Wer bringt jetzt wem Unglück, Klaus?

(Aber abgesehen davon gab es 2,40 € Trinkgeld, und die Tour hat direkt zum Abstellplatz meines Autos geführt. Also so richtig mies drauf bin ich deswegen auch nicht 😉 )

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Fahrer, Kunden, Missverständnisse

Mein Gott, was sich aus einer Kundenanfrage alles ergeben kann – oder wie rede ich aneinander vorbei. Drama am Ostbahnhof in 3 Akten.

Die Personen:

Die Kunden:
4 Rentnerinnen mit 4 kleinen Koffern.

Taxifahrer (nach Reihenfolge am Stand, vereinfacht):
Kollege 1, Fahrzeug Mercedes E-Klasse
Kollege 2, Fahrzeug Mercedes B-Klasse
Kollege 3, Fahrzeug Skoda Octavia Kombi
Kollege 4, Fahrzeug Opel Zafira
Kollege Sash, Fahrzeug Opel Zafira.

Sashs Fahrzeug steht als einziges auf der den Kunden gegenüberliegenden Straßenseite.

1. Akt (Prolog)

Die Kunden betreten den Bahnhofsvorplatz. 3 von ihnen bleiben weise dreinsehend am Taxistand neben den Fahrzeugen von Kollege 1 und 2 stehen. Eine Kundin stelzt über die Straße auf Sashs leeres Fahrzeug zu. Sash wird aufmerksam und gibt sich als Fahrer zu erkennen.

„Hallo, kann ich ihnen helfen?“

„Ja, wir bräuchten ein Taxi für 4 Personen mit Gepäck.“

2. Akt (Eskalation)

Sash sieht sich am Stand um. Jedes der Fahrzeuge bietet selbstverständlich Platz für 4 Personen zuzüglich des nicht sehr umfangreichen Gepäcks. Dies gibt er auch zu verstehen und meint:

„Das ist selbstverständlich machbar. Aber sehen sie: Die Kollegen haben doch auch Platz für sie.“

Damit will er nicht etwa die Rentner loswerden, sondern nur sicherstellen, dass sie nicht wegen falscher Vermutungen ein anderes Taxi vor ihm verschmähen. Die Kollegen 1 und 2 scheinen sich nicht zu interessieren und bleiben im Wagen sitzen, Kollege 3 meint auf Nachfrage verwundert:

„Wat weiss ich denn, warum die hier so einen Stress machen?“

Dann nimmt er einen Funkauftrag an und fährt davon.

Sash geht zu Kollege 2, in der Hoffnung, seine nette Geste, einem länger wartenden Fahrer die Tour zu ermöglichen, wird erkannt:

„Kollege, bei dir ist doch sicher auch Platz für das bisschen Gepäck der Damen, oder?

Die Kunden sind sichtlich aufgebracht, schielen verächtlich auf das Fahrzeug und beharren auf folgendes:

„Aber wir wollten doch ein Auto für VIER Leute!“

Währenddessen schält sich Kollege 2 aus seinem Fahrzeug und fängt an, Sash anzupöbeln:

„Was ich nicht verstehe: Wieso gehen sie denn nicht zu ihm!?“

und deutet auf Kollege 1. Der bleibt weiterhin im Auto sitzen und ignoriert das ganze Geschehen. Inzwischen wittert Kollege 4 eine gute Chance und fragt nach, ob er eventuell helfen könne.

Während Sash Kollege 4 erklärt, was für ein Auto gesucht ist, redet sich Kollege 2 in Rage über Kunden, die keine Ahnung hätten, aus völlig unerklärlichen Gründen nach wie vor in Richtung Sash. Kollege 4 reagiert erfreut und ruft den Damen zu, sie mögen doch bitte zu ihm kommen, er würde sie gerne mitnehmen. Das wiederum ist für die Kundschaft zu viel. Die Wortführerin beschwert sich nun lautstark, dass sie überhaupt nicht daran denkt, ein anderes Auto als das von Sash zu nehmen und wie unverschämt es sei, dass ihr dieser Wunsch verwehrt würde.

„Natürlich können sie bei mir einsteigen, ich wollte doch nur…“

„Glauben sie, wir wollen in so ein tiefes Auto einsteigen? Da kommen wir doch nicht mehr raus. Eine Frechheit ist das hier!“

Mit Zähneknirschen murmelt Sash ein paar einladende Worte und geleitet die lustig erregte Truppe über die Straße zu seinem Auto. Kollege 1 verharrt weiterhin in seinem Fahrzeug und Kollege 2 ruft Sash beleidigt hinterher, dass er die Tour ruhig fahren soll. Kollege 4 gibt langsam sein Betteln um Aufmerksamkeit auf, während Sash unter empörtem Fluchen auf die ach so schlimmen Berliner Taxifahrer das Gepäck einlädt…

3. Akt (Auflösung)

Mit durchaus ambivalenten Gefühlen nimmt Sash zur Kenntnis, dass es sich um eine lukrative Tour bis nach Buckow handelt. Während der Fahrt gelingt dann die teilweise Aufdröselung des Durcheinanders, und Sash findet mit seiner Bitte Gehör, doch beim Schimpfen auf die bösen Taxifahrer wenigstens diejenigen auszuklammern, die versuchen, irgendwie zu helfen.

Das Schauspiel endet letztlich unblutig mit einem durchschnittlichen Trinkgeld für Sash und einer Truppe von Kunden, die ab jetzt der Meinung sind, die Taxifahrer am Ostbahnhof streiten sich, um zahlende Fahrgäste loszuwerden.

Kollege 1 wacht eine halbe Stunde später auf und erzählt von einem irren Traum mit vier Rentnerinnen. Kollege 2 ist die restliche Schicht noch sauer über die blöden Kunden und hofft vergeblich, die Fahrt wäre unter 8 Euro geblieben, während Kollege 4 sich fragt, was er eigentlich falsch gemacht hat.

Da soll mir nochmal einer sagen, dass das ja alles so einfach ist…