Die ganz anderen Kollegen

Die Tour war wie gemacht dafür, die letzte an diesem Abend zu sein. Kurz nach dem Tanken und Waschen stiegen mir zwei junge Kerle als Winker unweit des Alexanderplatzes zu und wollten in die Frankfurter Allee. Knapper Zehner Umsatz und auf gutem Weg Richtung Heimat, beziehungsweise Richtung Abstellplatz.

Wie wir auf’s Thema gekommen sind, weiß ich nicht, jedenfalls sind wir schnell bei ihrem Beruf gelandet. Es waren Kollegen im allerweitesten Sinne, sie waren Rikschafahrer. Mir ist natürlich sofort eine Leseranfrage vor Ewigkeiten in den Sinn gekommen, damals wurde ich gefragt, ob ich „Velotaxen“ als Konkurrenz sehen würde. Ich hab das damals verneint, wollte nun aber von den beiden natürlich gerne wissen, wie das aus ihrer Sicht den mit den Taxis ist.

Und es ist ziemlich genau so, wie ich vermutet hatte:

„Nee, das is‘ ja, wir erbringen ja eine ganz andere Dienstleistung. Bei uns is‘ ja quasi vor allem Stadtführung ein Thema, da geht’s ja zum Beispiel gar nicht drum, schnell zu sein.“

Viel eher als Konkurrenz würden sie die Touristenbusse sehen, aber die Taxen ganz sicher nicht.

Ansonsten war es recht interessant. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass die Geräte, auf denen sich die Jungs und Mädels abstrampeln, preislich durchaus zumindest mal mit meinem Auto mithalten können. Dementsprechend sind die Touren auch nicht wirklich günstig. Die Fahrt, für die ich ihnen 9,80 € in Rechnung stellte, taxierten die beiden auf ungefähr 20 bis 25 € in ihrem Business.

„Aber hey, wir arbeiten schließlich auch körperlich!“,

wussten die beiden schnell rechtfertigend einzuwerfen. Was ohnehin klar ist. Außerdem brauchen sie länger, das kostet natürlich mehr Arbeitszeit, ist ja klar.

Wenn ich den beiden glauben darf, dann ist das ein zwar hartes, aber durchaus auch interessantes Geschäft. Und ich hab endlich eine Zahl: Auf „bis zu 150“ schätzten die beiden die Kollegenschaft. Noch ein Grund für mich, bei ihnen keine Konkurrenz zu befürchten. Das war ohnehin das Entscheidende, was ich am Ende mitgenommen habe aus dem Gespräch: Es gibt in Berlin sehr sehr viele unterschiedliche Möglichkeiten, von A nach B zu kommen. Zu guter Letzt haben alle Angebote eine Daseinsberechtigung und ihre Kundschaft, eine wirklich bedrohliche Konkurrenz untereinander existiert aber wohl eher selten. Da sind wir Taxifahrer untereinander uns wohl die schlimmsten Feinde …

9 Kommentare bis “Die ganz anderen Kollegen”

  1. 965nacht sagt:

    Zudem Saisongeschäft. Was machen die Jungs und Mädels im Winter? Vielleicht auch daher der höhere Preis. Mich stören diese Velotaxis auch nicht. Es sieht aber immer sehr mühsam aus. Für mich wäre das nichts.

  2. Aro sagt:

    Echt, 150? Hätte sie auf ein Drittel geschätzt.

  3. Sash sagt:

    @965nacht:
    Das kommt noch dazu. Die beiden haben auch gesagt, dass dieses Jahr das Ostergeschäft quasi völlig weggebrochen ist. Das ist natürlich mies … 🙁
    Für mich wäre das auch nicht, aber ich hab jetzt zumindest mal zwei kennengelernt, für die das offenbar ein guter Job ist. Sowas freut mich ehrlich gesagt immer! 🙂

    @Aro:
    Ich kann auch nur wiedergeben, was sie mir gesagt haben. Aber das Schätzen fällt natürlich auch immer schwer, weil man nie alle auf einem Haufen sieht. Hätteste mich mal vor 6 Jahren gefragt, wie viele Taxifahrer es in Berlin gibt …

  4. 965nacht sagt:

    Sprachen die beiden von 150 Kollegen oder von 150 Velotaxis? Klingt eher nach Kollegen und die werden nicht alle gleichzeitig fahren. Vermutlich verteilen sich diese 150 Kollegen auf 50 Velotaxis.

  5. Sash sagt:

    @965nacht:
    Naja, sie sprachen von Kollegen. Könnte also durchaus so sein, wie Du schreibst.

  6. philipp sagt:

    ich hätte da mal eine Frage – vielleicht ist das ja auch etwas für einen Blogpost:

    Als ich letztens hier in Hamburg im Straßenverkehr zufällig einen Opel Zafira als Taxi erspäht habe, habe ich mich dabei erwischt, direkt aufs Kennzeichen zu gucken, obs vielleicht die 1925 wäre. Nun gut – sonderlich rational war der Gedanke wohl nicht, die Chance, dass mir dein Auto ausgerechnet in Hamburg vor die Füße fährt ist wohl irgendwo nahe bei einem Lottogewinn. Dass du auch noch drin sitzt, ist dann nochmal unwahrscheinlicher – war schließlich hellichter Tag.
    Nun aber mal weitergesponnen – angenommen du wärst es doch gewesen: Außerhalb des Pflichtfahrgebietes darfst du niemanden aufnehmen – soviel ist mir klar. Außer du bist bestellt – richtig? Wäre es also in einem solch unwahrscheinlichen Fall möglich einfach kurz zum Handy zu greifen, bei dir anzurufen und dich für eine Rundfahrt um die Alster zu buchen? Oder spricht da dagegen, dass du ja nicht für die Bestellung in dieses „Revier“ gekommen bist und du das deswegen nicht darfst? Oder dürftest du das nur wenn ich mit nach Berlin fahre?
    Du darfst bei einer Antwort Hamburg auch gerne durch Potsdam ersetzen – da ist das vielleicht sehr viel wahrscheinlicher 😉

  7. Sash sagt:

    @philipp:
    Ich antworte mal eben schnell ohne eigenen Eintrag. Im Grunde ist das kein Problem. Ich wüsste weder eine Möglichkeit, das Gegenteil zu beweisen, noch wüsste ich, welche Paragraphen dagegensprechen könnten. Die Taxiordnungen und das PbefG sind einfach nicht darauf ausgelegt, dass einzelne Taxifahrer so bekannt sind, dass sie bei ihrem Auftauchen außerhalb des Pflichtfahrgebietes gleich mal gebucht werden.
    So gesehen macht es bei einer Bestellung nichts aus, WANN sie getätigt wird. Und wo wäre rein sachlich der Unterschied zum wahrscheinlicheren Fall: Ein Leser fährt mit mir nach Hamburg und ich schreibe: „Bin am soundsovielten dann und dann in Hamburg. Will jemand dort mit mir durch die City fahren?“
    Also ich sehe da gar kein Problem. Zumal das im Alltag ja sowieso schon zum alltäglichen Beschiss gehört:
    „Ich darf Sie hier nicht aufnehmen. Rufen Sie mal kurz auf meinem Handy an. So, jetzt haben Sie mich bestellt …“

  8. Chris sagt:

    bei mir im Hotel kamen mal 2 Engländerinnen (über 60) im strömenden Regen per Rikscha vom Hauptbahnhof angefahren. Taxi wollte sie nicht mitnehmen weil sie zu nass waren. Zum Glück haben sie es mit Humor genommen. Dank an den Rikscha-Fahrer. 🙂

  9. Sash sagt:

    @Chris:
    Ja, da kann man sich freuen. 🙂
    Wobei ich mich auch immer frage, wie die Kollegen das bei Regen machen. Ich meine, ich hab Ledersitze und ’ne Rolle Küchenpapier im Auto. Da ist das mit der Nässe im Nu erledigt.

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