Wie ich mal eineinhalb Touren vom Ostbahnhof fuhr…

Zugegeben, die ein oder andere verkürzte Tour hatte ich ja schon. Die heutige Nacht sollte aber tatsächlich einen besonderen Glücksfall an meiner Stammhalte für mich bereithalten.

Zunächst war es alles andere als toll. Die Wartezeit war mit 45 Minuten zwar nicht das Maximum, aber auch nicht gerade das, was man sich am Wochenende so erhofft. Gut, ich habe die Zeit genutzt, mich mit Kollege Carsten zu unterhalten, wir hatten uns schon ein paar Tage nicht gesehen. Dann kam der Auftritt eines jugendlichen Milchbubis, der aus lauter Panik vor der fremden Sprache nicht einmal registrierte, dass ich ich ihm durchaus auf Englisch geantwortet habe.

„English?“

„Yes, a little bit!“

„You know a student home?“

Ich nehme an, er meint ein Studentenwohnheim…

„Its a big comlex…“

Aha.

Ich hab ihn dann gefragt, ob er eine Adresse hätte. Natürlich Fehlanzeige!

„Do you know in which area it is located? You know a station nearby?“

„It is, äh… somewhere, äh… like Wiesenhausen!“

Wiesen-Hausen…

Also das sagte mir mal gar nix. Vielleicht Weissensee? Oder Biesdorf? Der junge Kerl hatte keine Ahnung und war ziemlich verzweifelt. Sicherheitshalber hab ich ihn aufgeklärt, dass ich ihn nicht ärgern will, aber dass Berlin nunmal groß ist, und es für keinen von uns sonderlich sinnvoll wäre, wenn ich ihn jetzt ins völlig falsche Eck der Stadt fahren würde. Ich bat ihn, doch wen anzurufen, und wie üblich ist ihm die Idee tatsächlich vorher nicht gekommen.

Genutzt hat es nur bedingt etwas:

„Biesdorf!“

Ja, das ist ein Berliner Stadtteil. Einer von rund 100. Insofern ist die Suche schon mal eingegrenzt. Carsten meinte, dass da an der Oberfeldstraße etwas derartiges sei, und auch mir fiel ein, dass ich da in die Ecke schon mal Leute gebracht hatte. Wohin genau? Argh!

„What would it cost?“

„A bit more than 20 €. 22 maybe.“

„Ok. You’re a lucky guy! Bring me there!“

Dass die 20€-Tour gut war, schien er also zu wissen – allerdings nicht, in welche Straße er musste. So sonderlich „lucky“ hab ich mich nicht gefühlt. Aber ich war guter Dinge, dass wir das hinkriegen. Und wenn ich am Ende für 2 Kilometer die Uhr ausmachen müsste – das wäre wenigstens die gute Tat für den Tag.

Der sichtlich erleichterte Jüngling bat mich, durchzustarten, und so wendete ich also…

„Wait wait! Can you stop here!?“

„Äh, of course…“

„See… oh, I’m sorry! There are my friends! I just go with them! Is this ok?“

Da stand ich also. Direkt vor meinem Lieblingsbahnhof. Seit meiner Ankunft war inzwischen eine Stunde vergangen. Ich hatte 3,20 € auf der Uhr und mich gerade gefreut, mal eben schön 20 € einzufahren. Aber was sollte ich sagen?

„Nein, du musst jetzt im Auto bleiben!“

„Ja, aber du musst jetzt die ganze Fahrt bezahlen!“

„Hör zu: Ich lass dich sowieso nur leben, wenn du mir deine Schwester schenkst!“

Meine Fresse, natürlich hab ich mich geärgert, dass diese blöden Freunde ausgerechnet jetzt am Taxistand vorbeischlendern mussten. Hätten die das nicht 5 Minuten früher oder später tun können? Aber gut, jetzt hatte ich den Salat.
Der junge Kerl hat mir allerdings auch ohne zu handeln oder sonstwie betrübt darüber zu sein, die 3,20 € mit zwei Zweiern beglichen. Es war ihm auch unangenehm. Was sollte ich schon dagegen sagen. Wer weiss: Vielleicht hat er mir auch eine Tour mit ewigem Gesuche erspart.

Am Bahnhof war es glücklicherweise immer noch ziemlich leer, was Taxen anging. Also legte ich den Rückwärtsgang ein…
Da öffnete sich das Fenster bei einem Kollegen:

„Na komm, fahr kurz wieder vor!“

Gleich zwei Kollegen haben mich vorgelassen, und da dort gerade Platz war, hab ich mich dort dann zwischen den Danksagungen eingereiht. Ich war quasi umgehend wieder Dritter. Gefragt hätte ich danach nicht, denn natürlich stellt man sich auch nach jeder anderen 4€-Tour wieder hinten an…

Im Übrigen hab ich mit beiden entsprechenden Kollegen bis dato höchstens mal ein „Abend!“ gewechselt. Ich kenne sie im Grunde nicht. Das macht das Angebot umso ehrenwerter! Wenn sie allerdings gewusst hätten, was das bedeutet…

10 Minuten später:

„Sagen sie, was würde es denn etwa bis Grünau kosten?“

„Hm, 30 €? Vielleicht 35…“

Aber gut, es war eine Großraumtour, die beiden Kollegen mit ihrer E-Klasse hätten sie so oder so nicht bekommen. Sonst hätte ich ernstlich ein schlechtes Gewissen 🙂
Naja, die Tour war sehr nett, allerdings Trinkgeldlos. Aber besser anderthalb Touren als nur eine halbe…

Die Kollegen, das Wochenende

…und der ganze Rest.

Es ist wahrlich kein sonderlich schöner Monat. Pah, Monat! Im Grunde läuft das Geschäft seit 3 Monaten durchgehend desaströs. Die meisten Kollegen meiner mir bekannten Kollegen bestätigen das, und die die es nicht tun haben meist ein- oder zwei Abende Glück gehabt. Hier mal ein Puffbesuch mit Prämie, da mal eine Ferntour.

Den Vogel bezüglich Ferntouren abgeschossen hat Kollege Paul. Der hat jetzt im März 5 Touren gehabt, die man immerhin so halbwegs als Ferntouren einordnen könnte: 2 mal Cottbus, 2 mal Fürstenwalde und einmal noch irgendein anderes brandenburgisches Nest.

Und ich? Naja, nix von alledem. Es war einfach ein beschissener Monat. Bestenfalls kamen die Kollegen zu mir gerannt und haben mit Freudentränen in den Augen geschildert, wie viel ihnen die Tour gebracht hat. Naja, es sei ihnen gegönnt, ich würde es wohl auch kaum anders machen.

Allerdings würde ich es definitiv anders machen als die Kollegen heute am Ostbahnhof. Just als ich mit einem der netteren Exemplare sprach, gerieten vor uns 2 Kollegen mit einem Fahrgast in Streit. Der Fahrgast beschwerte sich lautstark und fragte auf Englisch:

„What is the problem with Erkelenzdamm?“

Der entsprechende Kollege antwortete auch noch hämisch:

„Jaja, ick weeß ja wo der is. Deswegen fahr ick dir trotzdem nich!“

Das Dumme ist, dass ich im ganzen Trubel – der Fahrgast trat dann an mich heran – nicht nach der Konzessionsnummer dieses Kollegenschweins geschaut habe. Und irgendwie war der dann ziemlich schnell weg. Naja, ich hab dann trotz ebenso einstündiger Wartezeit nicht lange gefackelt und den armen Typen zu seinem Ziel gebracht. Ist ja nicht so, dass ich mir nicht auch mehr als 7,00 € auf der Uhr gewünscht hätte, aber ich halte nach wie vor nix vom Tourenablehnen aufgrund der Länge…

Glücklicherweise war das seit langem mal wieder ein besonderer Fall, so viel Stress gab es ja schon aufgrund mangelnder Kundschaft in letzter Zeit kaum.

Deswegen hab ich es mir dann am Samstag (Ja, da lief es dann plötzlich! Grrr….) rausgenommen, mich gemütlich auf zwei Kaffee mit Axel zu treffen, mit dem ich wegen der Kabel1-Geschichte seit langem mal wieder in Austausch getreten bin.
Und ich will meinen werten Lehrer und Kollegen jetzt nicht in den Himmel loben: Aber es hat verdammt gut getan, sich mal innerhalb des Gewerbes auf Augenhöhe mit jemandem unterhalten zu können. Bis auf ein paar ebenfalls bloggende Kollegen bescheren mir dieses Vergnügen nämlich wirklich nur die allerwenigsten…

Das Ende der Pause hat dann just Jo eingeläutet, indem er mich mal flugs ums Eck bestellt hat. Ich war dann zwar erst über eine Stunde später da, aber das schreibe ich nur, um die Zeitumstellung (die mir wie üblich keine Probleme gemacht hat) auch noch in diesem Artikel unterzubringen.
Jo hat dann noch eine „alte Rechnung“ beglichen, sodass es eigentlich gar nicht so schlecht aussah an dem Abend. Und ich glaube für die Route, die wir gefahren sind, lade ich ihn irgendwann dann doch noch mal auf ein Bier ein. Oder wenn es passt – des Anlasses wegen – auf einen „Kurzen“ – denn das ist so etwa das, was ich ihm schuldig geblieben bin in meiner frühsonntäglichen Verplanung 😉

Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten von der Straße. Kaum Leute unterwegs, Schlaglöcher überall und die Bremsen an meinem Auto quietschen munter vor sich hin, obwohl der Hausschrauber die vor zwei Wochen genau aufgrund meines Verdachts für in Ordnung befunden hat. Doofe Geschichte, ich finde es nicht sehr angenehm, mit einem quietschenden Auto an Kunden ranzufahren…

Ach ja, die Kunden:

„Sie sind gewesen von den Fahren Taxi bisher besten alle!“

Na, immerhin 😀

Änderungen unerwünscht?

Ich verstehe so manche Kollegen im Taxigewerbe nicht. Zu allererst natürlich die, die sich den Job stressig machen, indem sie sich wegen kurzen Touren mit den Kunden streiten und sich Ärger einhandeln, weil sie sich nicht an die Regeln halten.
Ähnlich wenig Verständnis hab ich für die Kollegen, die denen das durchgehen lassen. Ein paar Kollegen meckern seit einiger Zeit schon rum, dass sie immer öfter von unbesetzten „Kollegen“ überholt werden und es allgemein rau zugeht. Da hab ich wohl immer Glück gehabt. Insbesondere Anfeindungen bin ich nun wirklich noch nicht ausgesetzt gewesen.

Und dann erzählt mir Kollege Manfred folgendes:

Er ist wohl leer unterwegs gewesen, kurzer Abstecher über die Stadtautobahn zu einer anderen Halte. Er selbst ist auf der 80er-Strecke mit knapp unter hundert unterwegs, und die Fackel hat er – trotz Verbot – der Einfachheit halber eingeschaltet gelassen. Wenn man es eng nimmt, kann man ja da schon was sagen 😉

Aber gut, nun der Auftritt des Kollegen: Mit von Manfred geschätzten 140 Sachen zieht besagter Kollege in seinem Daimler an ihm vorbei, die Fackel natürlich ebenfalls an.
Wie der Zufall es so will, treffen sich die beiden kurz hinter der nächsten Ausfahrt hintereinander an der Halte. Manfred steigt aus, und ich gebe hier mal sinngemäß das Gespräch wieder:

„He Kollege, muss ja wohl nicht sein, dass du mich auf der Autobahn so stehen lässt…“

„Was? Mir doch egal! Auf der Autobahn muss ich gar nix!“

„Ich würde an deiner Stelle mal vorsichtig sein, da mit 140 langzuschießen. Wie viele Führerscheine hast du denn bitte?“

„Scheißegal. Dann schmeiß ich den Führerschein weg und schlag dich tot!“

Manfred ist daraufhin ums Auto herumgegangen und hat sich ganz demonstrativ die Konzessionsnummer angesehen. Dann hat er sich wieder in sein Auto verzogen. Daraufhin kam der ungehaltene Kollege aus seinem Wagen, kam zu Manfred und hat sich entschuldigt. Irgendwas von „war nicht so gemeint“. So eine von den ganz ganz ehrlichen Entschuldigungen, bei denen Mami hinter einem steht und einen stupst, wenn man sich nicht traut.

Und, was ist die Moral von der Geschichte? Keine!

Manfred nix weiter gemacht. Er hat aber jetzt eine tolle Anekdote, und passenderweise war der Fahrer auch noch Türke. Da lässt sich das bei bestimmten „Kollegen“ gleich nochmal gehässiger erzählen.

Mit anderen Worten: Ein eigentlich bekanntes Arschloch fährt weiter unbehelligt Taxi in dieser Stadt, hat nicht einmal eine Beschwerde gekriegt, und sicher 10 Kollegen haben jetzt eine tolle Geschichte, die beweisen soll, dass alle türkischen Taxifahrer in der Stadt ja totale Arschlöcher sind…

Ja, so lösen sich Probleme!

Manchmal tut es wirklich weh, einen Job zu machen, der weitgehend vom Intelligenzprekariat beherrscht wird! 🙁

Sitze kaputt…

Ich mag den Kollegen Yusuf eigentlich sehr gerne. Er ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass es beileibe nicht „die Ausländer“ sind, die so schlimm sind als Taxifahrer. Die unschönen Negativbeispiele kenne ich natürlich – was man sich da unter Kollegen oder zwischen Fahrgast und Taxifahrer alles erzählt… – aber das sind Verallgemeinerungen. Natürlich gibt es diese „Du zeigen, ich fahren!“-Beispiele. Aber Kundenservice und Freundlichkeit hängen nun einmal nicht ursächlich mit der Nationalität zusammen.

Yusuf ist noch nicht lange im Geschäft, 3 Monate jetzt etwa. Natürlich verwendet er (wie ich im übrigen auch) sein Navi desöfteren, aber er macht seinen Job, soweit ich das anhand von Gesprächen bewerten kann, gut. Zwei Monate hat es nur bei ihm gedauert, bis er der Saga vom grenzenlosen Umsatz abgeschworen hat, und inzwischen sieht er die schlechten Tage wesentlich gelassener als ich es am Anfang konnte.

Aber er hat sich im Rahmen dessen eine ganz eigene Unart mitangeeignet, die unter den Großraumfahrern in Berlin schon seit einiger Zeit grassiert: Das Nicht-Großraum-Fahrer-Sein.

In Berlin sind ja eine Menge Taxifahrer mit ähnlichen Autos unterwegs wie ich. Gerade Opel Zafira und VW Touran werden von einigen Firmen wegen der zusätzlichen Sitze gerne genommen. Und das kann ich verstehen. Wir fahren normale, kleine PKW mit entsprechendem Spritverbrauch und unauffälligem Äußeren. Die Autos werden am Stand nicht per se verschmäht, was einigen Busfahrern durchaus passiert, weil die Mär vom Großraumtarif in Berlin nicht totzukriegen ist.

Dabei macht es die Berliner Taxitarifordnung den Fahrgästen wirklich nicht schwer:

Es gibt nur einen Tarif!

Das Sonderphänomen Kurzstrecke ist so eingeschränkt, dass es den normalen Kunden nicht betrifft, beziehungsweise es ist am Stand, wo man sich die Autos aussuchen kann, sowieso unwichtig. Alles weitere wird in Berlin mit Zuschlägen geregelt. Das ist auch ganz praktisch, denn Zuschläge werden auf dem Taxameter gesondert ausgegeben, und so kann man nachfragen, für was man gerade extra bezahlt. Wir haben keinen Großraumtarif, keinen Nachttarif und keine Mondscheinpauschale. Taxen kosten nicht mehr, wenn Weihnachten ist und das Taxameter zählt nicht schneller, wenn Weltspartag ist.

Da die Großraumtaxenbesitzer ihren zweifelsohne vorhandenen Mehraufwand (Anschaffungskosten, Verbrauch, Reinigung, Zeitaufwand etc.) natürlich dennoch vergütet haben wollen – und Großraumtaxen werden eben manchmal gebraucht – werden hier in Berlin 1,50 € Zuschlag für jede zusätzliche Person verlangt, die über 4 Fahrgäste hinaus zusteigt.

Und da wird ein Auto wie der Zafira interessant: Während wir also „normale“ PKW fahren, können wir eben doch hier und da mal 1,50 oder gar 3,00 € Zuschlag kassieren. Für einen Mückenschiss an Spritkosten und einmal Sitze ausklappen. Super!

Zugegeben: Die Sitze sind eng. Aber meine Kundschaft – die Clubgänger in den frühen Morgenstunden – ist da nicht wählerisch.

Und nun – da kommen wir langsam wieder zum Anfang der Geschichte zurück – gibt es aber einen Haufen Fahrer, die diese Möglichkeit nicht (mehr) nutzen wollen. So auch Yusuf.

Das Dumme ist: Die tun das nicht ohne Grund. Größere Gruppen sind potenziell natürlich auch anstrengender. Wer sich mal mit vier betrunkenen Jugendlichen über den Taxipreis gestritten hat, legt wahrlich keinen Wert darauf, mit sechsen davon auch noch über zusätzliche Zuschläge zu diskutieren. Desweiteren ist ganz hinten der denkbar schlechteste Platz, wenn einer kotzen muss. Da kommt keiner ohne Hilfe und mal eben schnell aus dem Auto. Außerdem bekommt man von den Leuten kaum was mit als Fahrer. Neben den Diebstählen von irgendwo hinten gelagerten Dingen kommen auch immer wieder ziemlich sinnlose Vandalismusschäden zusammen. Einem Kollegen wurde mal tatsächlich eine Flasche Motoröl ins Auto gekippt!

Ja, und so sieht sich manche Gruppe von 5 oder 6 Leuten inzwischen an den Taxiständen um und findet kein Großraumtaxi – wenngleich ein paar davon rumstehen. Vor ein paar Tagen stand ich dann am Ostbahnhof im Gespräch mit Yusuf und Manfred. Beides wirklich nette Kollegen – ihr wärt froh, wenn ihr sie als Fahrer erwischen würdet. Dann kam eine Truppe von 5 Leuten an und sondierte gekonnt deren Autos (die ersten in der Reihe) als Großraumwagen. Sie fragten an, ob 5 Leute in Ordnung wären. Yusuf wandte sich an Manfred:

„Du nehmen? Weisstu, isse meine Sitze kaputt.“

„Wat kiekste mir an? Ick nehm keene Fünfe.“

Also, was blieb? Klar… 😉

„Na kommt mit! Mein Auto steht da drüben. Aber ich muss noch kurz den Sitz ausklappen!“

Dann folgte der pädagogische Teil. Zunächst hab ich natürlich meinen Fahrgästen – wie euch auch – versucht, klarzumachen, weswegen die eigentlich netten Kollegen keine Großgruppen mehr mitnehmen. Die beiden hatten übrigens tatsächlich jeweils schon dreistellige Summen Verlust gemacht, weil ihnen Zeug geklaut und beschädigt wurde.
Dann hab ich das natürlich mit der Bitte verknüpft, mir keinen Grund zu geben, in Zukunft auch so zu handeln.

Das haben sie natürlich auch nicht. Ihre Fahrt hat etwa 15 € gekostet – plus den Zuschlag eben. Darauf gab es dann noch generöse 3,50 € Trinkgeld für meinen netten Service, der eigentlich hauptsächlich aus der Selbstverständlichkeit bestand, sie mitzunehmen.

Anschließend hab ich natürlich die beiden Kollegen wieder aufgesucht, um ihnen den Fünfer Mehreinnahmen genüsslich unter die Nase zu reiben und ihnen dafür zu danken. Und hey, eigentlich sollte ich mich nicht beschweren: So eine Fahrt kriegt man dann doch eher selten als 13. in der Schlange 😀

Ist schon ein komisches Gewerbe, ganz ehrlich…

Was schnelles zwischendurch

Und dann war da noch der Kollege, der an der Ampel neben mir hielt. Er ließ sein Fenster herunter, sah mich ernst an, deutete auf die Lichtzeichenanlage und sagte bedeutungsschwer:

„Sash, wenn das grüne Licht leuchtet, musste losfahren.“

Na danke!

Das hab ich dann drei Minuten meinem Fahrgast auf Englisch erklären können 🙂

Neujahr, Bestandsaufnahme und Kollegen

Nun gut, das waren sie eigentlich, die erwähnenswerten Fahrten der Silvesterschicht. Eine Menge anderer netter Kunden kam noch dazu, so zum Beispiel die Truppe mit dem Typen, der der Meinung war, jemand hätte ihm Drogen ins Trinken getan und der jeden zweiten Satz mit „Tut mir leid!“ beendet hat.

Aber sogar völlig nüchterne Kunden hat meine Schicht noch bereitgehalten, Leute die am Neujahrstag um 5 Uhr arbeiten mussten. Ich will nicht sarkastisch klingen, aber mit denen hätte ich nicht tauschen wollen.

Der Umsatz war wieder einmal für Silvester nicht gerade bombig, aber immerhin war es die beste Schicht in nun über zwei Jahren für mich. In 9 Stunden hab ich 329,20 € eingefahren, und 47,50 € sind an Trinkgeld zusammengekommen. Den ewigen Rekord von 23 Touren pro Schicht hab ich auch um eine aufstocken können, und dank Ausbleiben von Brandschäden, Glas auf der Straße oder übermäßig nerviger Kundschaft kann ich dem Tag nach wie vor nur gutes aus eigener Erfahrung unterstellen.

Zwei Kollegen möchte ich noch erwähnen.

Zum einen Kollege Rob, der am Neujahrsabend bei mir zuhause auftauchte, und einen meiner Keys dankend in Empfang nahm, weil sein eigener voll war. Wird sicher ein Kuddelmuddel bei der Abrechnung, aber besser, als wenn er gar nicht mehr hätte fahren können. Er hat an Silvester stolze 480 € gemacht, die Schicht allerdings früher begonnen als ich und beendet, indem er mit 3 Bayern um 12 Uhr einen Kaffee getrunken hat. Auch nicht schlecht!

Mein Mitleid gilt Kollege Mohammed, dem bei einem fantastischen Umsatz bereits um 23 Uhr seine Tasche geklaut wurde, in der sich neben einer unbedeutenden Summe an Bargeld all seine Papiere, vom P-Schein bis zu seinen Bankkarten befunden hat. Er durfte den Jahreswechsel dann auf der Polizeiwache verbringen, ehe er frustriert Feierabend gemacht hat. Er wird Silvester wahrscheinlich als beschissenste Schicht in Erinnerung behalten und noch wochen- oder monatelang auf irgendwelchen Ämtern seinem Zeug hinterherrennen. Hodenkrebs und Arschbrand den Schuldigen!

Ja, so war also Silvester 2010, Neujahr 2011. Ich hoffe, ihr habt nur positives erlebt!

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Wenn man einmal heim möchte…

Auch wenn es viele Kollegen tatsächlich nicht glauben wollen: Morgens am Wochenende ist der Ostbahnhof eine verdammt gute Halte. Wenn ich mich Sonntag früh für meine letzte Samstagstour anstelle, bin ich schon oft mit Fahrten nach Spandau, Lichtenrade, Hellersdorf, meist aber zum Flughafen Schönefeld „überrascht“ worden.

Da mein Tagfahrer das Auto aber auch irgendwann haben will, verlege ich die letzte Tour somit meist eher auf 6:15 bis 6:30 Uhr statt später. Wenn man es überhaupt mal vernünftig einschätzen kann, wann man Kunden hat…

Aber manchmal will auch ich nach einer langen Nacht nur noch heim. Da fehlen vielleicht noch 5 € auf die 200 oder ich hoffe, noch ein bisschen den Kilometerschnitt drücken zu können mit einer Tour grob in Richtung des Abstellplatzes. Das Ablehnen einer langen Fahrt zu dieser Uhrzeit ist alles andere als problematisch, da die Kollegen, die sich um die Uhrzeit am Bahnhof tummeln, meist schon die Tagfahrer sind, sprich: eben mit der Schicht angefangen haben. Da hat niemand was gegen einen 30€-Stich zu Beginn einzuwenden, und meist frage ich sie auch vorher, ob es für sie ok wäre.
Die Fahrgäste haben ebenso meist Verständnis, also läuft das eigentlich ganz gut.

Und so stand ich neulich da, es war ziemlich genau 6 Uhr. Ich hatte überlegt, direkt von der Tanke aus zum Abstellplatz zu fahren, aber irgendwie kam der Ehrgeiz dann doch mal durch. Darf nach 29 Jahren Faulheit ja auch mal passieren.

Es wurde das bekloppteste Schichtende ever.

Zunächst wartete ich 10 Minuten, bis ich erster war. Dann kam eine Kundin. Sie wollte wohin? Richtig: Flughafen Schönefeld. Mein Ziel hingegen war die Storkower Str., und eine Tour über 15 € wollte ich in gar keinem Fall annehmen. Vielleicht, wenn es über die Landsberger Allee gehen sollte, da wäre der Rückweg nachher schnell. Aber lieber so um die 10 €. Richtung Westen vielleicht 8. Meinetwegen gerne eine kurze Tour wie den ganzen Abend davor. So 6,50 € und richtige Richtung?

Die Kundin hatte Verständnis, der Kollege hat sich mächtig gefreut, ich hab weiter gewartet. Die Zeit verrann ziemlich langsam.

15 weitere Minuten später tauchte dann ein Kunde am Horizont auf. Na also! Wo soll es hingehen?

„Ach, ich müsste ganz dringend zum Flughafen Sch…“

„Dann steigen sie doch bitte zu meinem Kollegen ins Auto, ich bin schon 10 Stunden unterwegs und möchte gerne nur noch eine kurze Tour fahren.“

Kollege glücklich. Fahrgast glücklich. Sash müde. weiter warten!

Etwa 10 Minuten nach dieser Anfrage betrat ein weiterer Kunde das Spielfeld. Er wollte wohin? Richtig! Zum Flughafen Schönefeld!

Inzwischen wäre ich mit der ersten Flughafen-Tour längst auf dem Rückweg gewesen und mit 30 € mehr Umsatz auf direkterem Wege in die Heimat. Aber ich bin tapfer weiter rumgestanden und hab die Hoffnung nicht aufgegeben, dass keiner der Kollegen weiter hinten mitbekommen hat, was für eine erbärmliche Gestalt ich in diesem Moment war.

Die nächste Tour hab ich angenommen. Sie war zwar mit 16 € eigentlich zu lang, sie führte mitten ins Herz von Schöneberg, also straight nach Südwesten, was genau entgegen meiner Richtung lag – aber ich wollte es gar nicht mehr mitkriegen, wie mich der nächste Kunde dann wahrscheinlich wegen einer Ferntour nach Leipzig gefragt hätte oder so…
Ich hab das Auto dann mit ein paar Minuten Verspätung abgestellt, was glücklicherweise kein Thema ist, da mein Tagfahrer am Sonntag immer spät anfängt. An diesem Tag hab ich ihn tatsächlich mal getroffen am Auto, und er meinte zu mir:

„Kiek ma, bist ja noch unterwegs. Ha, siehste ooch ma Sonntags de Sonne uffjehn!“

Hätte ich drauf verzichten können…

Ich glaube, nächstes Mal fahre ich einfach „heim“. Irgendwann ist es schließlich mal gut!