Auf dem Heimweg

Kurz bevor ich auf den Knopf drücke, sehe ich fast schon automatisch auf mein Handy. 4:23 Uhr. Wieder zwei Minuten zu spät. Ich bin nicht kleinlich bei zwei Minuten, aber in den letzten zwei Wochen ist keine meiner Straßenbahnen pünktlich gewesen. Dieses Mal empfängt mich die BVG immerhin mit einem frisch geputzten Wagen und einem etwa 1,90 m großen Jugendlichen, der mit zwei Mädels unterwegs ist und einen scheinbar Fremden, dessen Gesicht ich nicht sehen kann, lautstark darüber aufklärt, dass er „und die beiden Hübschen hier“ hackedicht seien.

Zwischen ihnen und dem Fahrerkabuff steht quer zur Fahrtrichtung eine offensichtlich blinde und schon reichlich betagte Rollstuhlfahrerin, die die Eskapaden des lauten Kerls mit stoischer Miene hinzunehmen scheint. Direkt neben der Türe, durch die ich die M6 betrete, übersehe ich eine junge Frau, die sich halb schlafend gegen den Fahrkartenautomaten lehnt.

Entgegen der Fahrtrichtung, also nach links, steuere ich auf einen freien Viererplatz zu, muss dazu aber zwei Pärchen passieren. Rechts, auf einem von zwei Einzelsitzen, ein Mittdreißiger mit stolzen 30 cm rotem Bart unterm Kinn; Käppi, Kutte und komplett in schwarz gehüllt. Neben ihm die Freundin oder Frau, ebenso wie er eher kompakt gebaut und von Kopf bis Fuß in schwarz. Dreadlocks bis zum Hintern, ein Blazer verdeckt die Hälfte des Bandshirts, das sie darunter trägt. Beide sitzen sie aufrecht wie in der Schule und scheinen dem Treiben im Vorderteil des Wagens zu folgen. Links ein ungleiches Paar. Er stiernackig, mit weinroter Bomberjacke und einer Frisur, wie sie die meisten Freizeitnazis tragen. Dazu aber eine Brille, die ihm Intellektualität zu verleihen scheint. Sie – auf dem extrabreiten Einzelsitz eng an ihn geschmiegt, wasserstoffblond und vom Aussehen her 10 Jahre älter. Weiße Klamotten, die Haare pitschnass. Woher auch immer. Sie gibt das perfekte Gegenstück zur 2 Sitze weiter postierten Metalbraut ab.

Hinter jenem Pärchen ein Typ in meinem Alter. Muskulös, nüchtern, mit harten Beats auf den Ohren dezent nickend und seine Playlist weiter durchforstend. Als ich mich hinter die Schwermetaller setze, ist das die Szenerie, die ich überblicke. Bis auf die Rollstuhlfahrerin, die verschwindet hinter dem lauten Typen mit hellblauem Kapu und bunt gemusterten Bermuda-Shorts, der gelegentlich aufspringt und dem anderen Typen irgendwas zeigt. Vielleicht auch nur, weil es etwas kalt für kurze Hosen ist. Draußen hat die Dämmerung erst begonnen, der Sonnenaufgang sollte erst in einer halben Stunde erfolgen, die Außentemperatur lag Minuten zuvor laut meinem Autothermometer bei 13°C, in der Bahn läuft zudem die Klimaanlage auf höchster Stufe.

Unmittelbar aus einem Gespräch über Wodka unter den Jugendlichen schreit der blaubunte Typ plötzlich:

„Fick die BVG!“,

nur um aus der Reihe der Mädels gesagt zu bekommen:

„Ey, des hast Du jetzt gesagt, das ist nicht meine Meinung!“

Nur seinen Rücken sehend, erahne ich, dass der Kerl in schwarz seine Muskeln anspannt, er befürchtet offenbar Stress. Seine Frau und er blicken sich für einen Moment gegenseitig an und beide schütteln sie unbemerkt von den meisten sachte ihre Köpfe. Nicht ganz synchron, wie sicher 2 Stunden zuvor auf irgendeinem Jugendhauskonzert, aber sichtbar aufeinander abgestimmt. Der muskulöse Glatzkopf neben mir findet ein schnelleres Lied und überbietet die beiden in ihrer Frequenz. Auf seinem Sweatshirt steht der Name eines Installateurs. Frühschicht, schätze ich.

Während ich meinen Blick Müdigkeit vortäuschend durch die Runde gehen lasse, entdecke ich erstmals die junge Frau am Fahrkartenautomaten, die just in diesem Moment die Augen öffnet und ihrem ablehnenden Wegdrehen nach etwas zu viel in diesen flüchtigen Blickkontakt hineininterpretiert. Sie beginnt damit, sich unzureichend schlafend zu stellen. Käpt’n Blaupulli lässt die ganze Bahn wissen, dass es jetzt mit der Party erst losgehe.

An einer Haltestelle steigt ein Pärchen ein, außerhalb meiner Sichtweite, hinter mir. Offenbar irritiert vom frisch geputzten Boden der Straßenbahn kreischt sie:

„Igitt, was’n hier passiert?“,

während ihr Begleiter mit den Worten

„Was weiß ich?“

an mir vorbeimarschiert und die beiden sich hundemüde rücklings zu den lauten Jugendlichen auf jeweils eine eigene Seite setzen. Sie nickt umgehend ein, er versucht die nächsten anderthalb Minuten mit seiner adretten Kleidung und ausgeprägtem Augenbrauenheben auf die Wodka-Wodka-Rufe hinter sich zu reagieren.

Ein Schwall klarer Flüssigkeit spritzt auf den blauen Pulli des Wortführers im Frontabteil, vielleicht ja der Wodka. Er springt auf und droht dem die Schandtat vollziehenden Typen Prügel an:

„Ich kenn den Türsteher von dem Club da drüben!“,

was allerdings im Gelächter untergeht, da die Mädels ihn darauf hinweisen, dass der „Club“ ein Ikea sei. Die beiden Rocker erheben sich bedeutungsschwanger, gehen aber doch nur zur nächsten Tür, um kurz darauf auszusteigen. Herein kommt ein verplanter hagerer Typ mit Brille und Dreitagebart, der sich keinen Sitzplatz sucht, sondern glasig dreinblickend an seinem sicher nicht ersten Berliner Pilsner nuckelt, während er versucht, aufrecht zu stehen. Da der metallische Sitzplatz zunächst leer bleibt, windet sich die Blondine des Brillennazis aus ihrer Enge und setzt sich für seine Begriffe ein wenig zu energisch weg von ihm. Er quittiert das mit einem Schulterzucken, sie schmollt nun anderthalb Meter vor mir theatralisch.

Erst drei Stationen später fasst er sich ein Herz und flüstert:

„Un‘ nu? Hier aussteijen?“

Da er außerstande ist, ihr darauf erfolgendes Schulterzucken zu interpretieren, verschränkt er die Arme vor der Brust und starrt, so lässt seine Kopfbewegung erahnen, provokativ auf die BVG-Heftchen mit den Baustelleninformationen.

Ich  muss so langsam aussteigen und stehe auf, woraufhin der schwankende Dreitagebart ungläubig meine Größe zu erfassen versucht, sich dabei verschluckt und einen Hustenanfall bekommt. Dass ich die Haltewunschtaste betätige, scheint zumindest die weiterhin scheinschlafende am Fahrkartenautomaten kauernde junge Dame zu beruhigen und im lauten Abteil werden die wirklich interessanten Gespräche geführt:

„Was wäre denn, wenn wir jetzt sagen würden, dass wir lesbisch sind?“,

fragen die beiden Damen kichernd den Helden in blaubunt. Aufgerissener Mund, große Augen – und:

„Das wär‘ geil!“

Die Bahn hält, ich drücke den Knopf und bin raus. Im Vorbeigehen stelle ich fest, dass die Dame im Rollstuhl lächelt. Ich laufe bei meinem Döner ein, um mir eine Schachtel Zigaretten zu ziehen.

„Is‘ ruhig heute hier …“,

meint der Mann aus der Nachtschicht.

„Ach, draußen auch.“,

beruhige ich ihn. Was auf die vergangene Schicht im Taxi überwiegend zutrifft. Aber es fährt ja nicht jeder mit dem Taxi nach Hause.

Bisher am weitesten verschätzt

hat sich ein Kunde neulich.

Manchmal hab ich so Leute im Auto, die irgendwie ein komisches Bild von Taxifahrern haben müssen. Sie sind verwundert, dass ich mich vernünftig artikulieren kann und glauben dann ziemlich schnell, dass ich ja eigentlich kein „richtiger“ Taxifahrer sei.

Was ein „richtiger“ Taxifahrer ist, darüber lässt sich sicher streiten. Aber hey, ich hab mir die Mühe gemacht, die Ortskundeprüfung für Berlin zu machen, kann mich an diesen Aufwand gut erinnern und fahre gerne Leute von A nach B. Selbst wenn ich inzwischen nicht mehr Vollzeit für meine Chefs arbeite, glaube ich durchaus ein „richtiger“ Taxifahrer zu sein. Und, bei allem Schreiben nebenher: auch darauf bin ich stolz!
Es ist zwar „nur“ eine Dienstleistung im Niedriglohnsektor, aber wenn man den Job gut machen will, dann fordert er einen auch.

Doch schon des Alters wegen ist die Frage danach, ob ich nebenher studiere, immer noch oft Thema im Auto. Ich antworte inzwischen mit einem Augenzwinkern und sage, dass es noch viel klischeehafter sei und ich nebenher schreibe …

Student grundsätzlich ist also eine häufige Zuordnung. Nun aber das:

„Wow! Jurastudium abgebrochen oder noch dabei!?“

Dabei haben die beiden Fahrgäste angefangen und mich nach meiner Meinung zu UberPOP gefragt. Da kommt man ohne juristische Fachtermini nicht aus, sorry … 😉

Für mich persönlich kann ich das inzwischen als Wertschätzung akzeptieren und würdigen. Aber wenn ich mich im Kollegenkreis so umsehe: Im Gegensatz zu mir haben die meisten anderen tatsächlich eine Ausbildung oder ein Studium  und meistens ein bisschen Berufserfahrung in ganz anderen Branchen hinter sich. Unterschätzt uns Taxler bloß nicht! 😀

PS: Zumindest in Berlin ist Taxifahrer wirklich kein üblicher Studentenjob mehr. Und zwar – Überraschung! – weil die Anforderungen (Ortskundeprüfung) so hoch sind, dass sich der Aufwand für zwei oder drei Semester kaum lohnt, da man sich mitunter ein halbes bis ganzes Jahr nur auf den Job vorbereiten muss.

Schichtentscheidend

Ob wir eine Stadtrundfahrt durch Berlin machen könnten, wurde ich kürzlich auf Twitter von @ms_pinkman gefragt.

Ich war unsicher. Stadtrundfahrt? Ich? Soo gut bin ich da ja als quasi noch Neuberliner mit ausschließlich nächtlicher Herangehensweise an die Stadt vielleicht eher ungeeignet …
Aber wie der folgende Dialog so ergab, ging es natürlich auch darum, mal im Reallife hallo zu sagen. Außerdem, so wurde mir versichert, läge eine nahezu umfassende Anspruchslosigkeit vor und meine Sicht auf Berlin als Nachttaxifahrer wäre voll in Ordnung. Das – und zugegeben auch die sehenswerte Preisvorstellung für dieses Arrangement – haben mich zustimmen lassen. Eine kleine, noch spontanere, Variante hatte ich ja schon mal.

Die letzte Woche habe ich dann damit verbracht, immer mal wieder über der Frage zu verzweifeln, wo ich eigentlich hinfahren könnte. Zwei Stunden waren als Zeitrahmen angesetzt, da wird die komplette Stadt schnell ein bisschen groß.

Aber gut, am Ende bin ich fast unvorbereitet in den entscheidenden gestrigen Abend gestartet. Die zwei Stunden waren – perfekt für mich – an den Schichtbeginn und noch vor das Fußballspiel von Uruguay gepackt. Erkannt haben wir uns am verabredeten Startpunkt lediglich durch das nette Lächeln und wir traten die Fahrt an. Von Friedrichshain über Kreuzberg und Neukölln, Tempelhof streifend nach Schöneberg, Charlottenburg und anschließend zurück über Tiergarten, Mitte, wieder Friedrichshain und Lichtenberg.

Der Zielpunkt hatte sich davor schon eher kurzfristig von „einer netten Bar“ zum Hotel verschoben, das am äußersten südöstlichen Ende Berlins lag. Das hat mich am Ende zwar die erste Halbzeit des Spiels gekostet, aber abgesehen von der finanziellen Entschädigung ist mir nach dem Ansehen der zweiten Halbzeit auch klar, dass ich bei der ersten nix verpasst habe.

Für mich ist nach der ersten Kriegste-das-hin-Anspannung eine nette Fahrt daraus geworden, während ich nebenher einfach mal über alles gequatscht habe, vovon ich einen Namen im Kopf hatte. Inklusive unnachahmlicher Currywurstbestellung und viel nettem Geplauder. Und scheinbar beruhte das auf Gegenseitigkeit. Was mich in Anbetracht dieser recht neuen Form von Fahrt wirklich sehr freut. 🙂

Aber ich habe auch einmal mehr festgestellt, dass ich mich an den Taxirhythmus gewöhnt habe. Zwei Stunden quasi am Stück durch die Gegend zu fahren, strengt doch mehr an als die üblichen Touren mit viel mehr Pause. Aber die hatte ich in dem Fall danach beim Fußballschauen zu Hause. Danach war es allerdings wirklich schwer, mich nochmal aufzuraffen und trotz dem äußerst grandiosen Start hab ich am Ende mein (dieses Mal allerdings eher großzügige) Schichtziel um 2 € verfehlt.

Aber nun ja, das ist Jammern auf hohem Niveau. Wie fast immer war das eine sehr schöne Lesertour, und dieses Mal sowas von absolut entscheidend für den Tag.

An dieser Stelle noch ein kleines Sorry an all die, bei denen es mal nicht geklappt hat. Ich mache das wirklich gerne, aber zum einen sind meine Arbeitszeiten begrenzt, zum anderen bin ich bei der Arbeit oft auch mal spontan am anderen Ende der Stadt, ohne das vorhersehen zu können. Manchmal bleibt mir nix anderes übrig, als am Handy das Gespräch kommentarlos wegzudrücken. Alles Gute ist eben nie beisammen, so isses halt.

Außer gestern Abend.

PS: Die Tour wird sicher noch lange den Rekord für die längste Fahrt innerhalb des Berliner Stadtgebietes halten. Müssten am Ende knapp 70 Kilometer gewesen sein.

PPS: Das entstandene Foto enthalte ich Euch vor. Ihr wisst schon … Aliens, meine Frisur … diese Geschichten.

PPPS: Mir wurde bei dieser Fahrt gesagt, dass bisher die Taxifahrer die freundlichsten Dienstleister in Berlin waren. Ein Dank an die Kollegen, die das immer wieder richtig gut hinkriegen!

Die Kotztütenfrage

Hier in den Kommentaren kommt das Thema nach jeder Geschichte mit reihernden Fahrgästen hoch, heute hat aber auch Udo Vetter in seinem nach wie vor immer lesenswerten law blog auf einen Fall aufmerksam gemacht, bei dem es um einen Taxifahrer – und Kotztüten – ging. Also schreibe ich mal was dazu.

Zunächst der Fall:

Vor Gericht war der Kollege aus Bamberg gelandet, weil er auf der Autobahn 64 km/h zu schnell war. Nix, was man sich als Fahrer so einfach erlauben sollte. Seine Begründung war nun, dass sein Fahrgast so betrunken war, dass er eventuell hätte kotzen können und er als Taxifahrer deswegen möglichst schnell ans Ziel kommen wollte.

Er ist damit in erster Instanz tatsächlich durchgekommen. Was mich schon verwundert, aber gut. Im nächsten Durchlauf am Oberlandesgericht dann wurde allerdings zurückgerudert und klargestellt, dass das Interesse an der Einhaltung der Verkehrsregeln höher zu bewerten ist als die Sorge um die Verschmutzungen eines Taxis. Zumal sich diese z.B. mit Kotztüten vermeiden ließen. Im Großen und Ganzen ein verständliches Urteil, zumal ich mir die Frage stelle, ob schnelles Fahren nicht auch zusätzlich eher ein Risiko in so einem Fall darstellt.

Nun grundsätzlich:

Ich hab nix gegen Kotztüten und sie werden ja auch in verschiedensten Situationen sinnvoll eingesetzt. Sie sind billig und je nach Ausführung platzsparend. Und zweimal hat eine Tüte – in diesen Fällen zwar keine dafür vorgesehene, aber wayne? – tatsächlich schlimmeres verhindert. Vielfach bringen sie aber gar nix.

Ich weiß nicht, wie Eure Erfahrungen mit Leuten sind, die vom Alkohol kotzen mussten (und das sind bei mir im Auto natürlich alle Fälle), aber meiner Einschätzung nach gibt es zwei nennenswerte Gruppen:

Die einen sind soweit in Ordnung und meist recht heiter drauf. Sie wissen, dass sie einen über den Durst getrunken haben und haben selbst Angst davor, Kotzen zu müssen und sagen das mitunter auch ganz offen.

Die zweite Gruppe unterteilt sich in die, die schon so hinüber sind, dass sie mit offenem Mund im Halbkoma vor sich hinsabbern – und in die, die bis ganz ganz zum Schluss der Meinung sind, sie halten das schon aus und keinen Bock haben, zwei Euro mehr fürs Taxi zu zahlen, wenn man anhält. Oder es ist ihnen peinlich vor ihren Freunden.

Die aus Gruppe eins sind problemlos. Die sagen Bescheid. Manchmal etwas sehr kurz vorher, aber ich fahre in solchen Situationen auch meist so, dass ich auf ein schnelles Anhalten vorbereitet bin. Das geht also auch schnell.

Gruppe zwei sind die, die ich die ganze Zeit im Auge behalten muss und die dann in der Regel bei stehendem Auto noch zu besoffen sind, die Tür zu öffnen oder aus dem Nichts und ohne Vorankündigung 10 Meter vor Ende der Fahrt einen dicken Strahl direkt auf die ungünstigste Stelle richten.

Und Gruppe eins beinhaltet die absolute Mehrheit der Leute, die Kotztüten noch benutzen können oder wollen. Und wenn ich dann noch miteinbeziehe, dass ich die Tüten irgendwo griffbereit haben muss … und ja: Ich! Nicht die Kunden. Denn ansonsten sind sie eh geklaut, bis der erste Kotzkandidat auftaucht.

Ich glaube, für jemanden, der all die Problemkandidaten einlädt, habe ich eine recht brauchbare Kotzerstatistik auch ohne Tüten – und sie wird immer besser. Direkte Ansprache des Themas, Ausräumung der Angst vor den Wartezeitkosten, gleichermaßen Angst machen vor den Kosten beim Kotzen ins Auto, umsichtiges Fahren … ist ja nicht so, dass man nicht viel machen kann. Wie gesagt: ich hab nix gegen Kotztüten und hab eine Zeit lang (bis sie eben geklaut waren) auch welche spazieren gefahren. Im auf sie zugeschnittenen Fall können sie prima sein. Aber ich glaube, dass sie ihrem Ruf, die Problematik der Kotzer einfach zu lösen, in der Praxis nicht gerecht werden. Die Menschen sind zu unterschiedlich als das ein so simples Hilfsmittel alle Probleme lösen könnte.

Pfandrekorde

Das mit dem Pfand im Taxi kann schwierig sein. Dabei ist es schon eine gute Sache, wenn Leute mal eben irgendwohin verschwinden, um Geld zu holen. Aber oft haben sie nicht gerade viel dabei.

Ausweise darf ich nicht nehmen. Und obwohl es zumindest lange Zeit trotzdem recht gängig war, versuche ich es inzwischen tatsächlich zu vermeiden. Nicht wirklich der Gesetzeslage wegen, sondern weil mir im Laufe der Jahre nahezu alle Kollegen das Gleiche gesagt haben: Der Personalausweis ist den meisten Menschen so egal, dass sie keine Versicherung dafür sind, dass die Leute nicht trotzdem verduften. Klar, man hat die Daten der Leute – aber die durchschnittliche Taxifahrt ist ja meist den Aufwand eines Verfahrens nicht wert.
Gut, inzwischen ist die Wiederbeschaffung etwas teurer geworden, aber im Grunde geht mich ja auch gar nicht an, wer da mit mir fährt. Und ebenso wie bei den meisten anderen Karten, die wir von den Fahrgästen tatsächlich annehmen dürften, muss man fairerweise auch einräumen, dass da wiederum die Kunden einen großen Vertrauensvorschuss geben würden.

Klamotten sind selten zu viele am Start, aber selbst wenn das im Einzelfall mal ein gutes Pfand ist – die Vorstellung, irgendwann mal wirklich eine Jacke bei ebay zu verticken, um an das Geld für eine Fahrt zu kommen, scheint mir absurd.

Taschen find‘ ich ok. Die meisten haben irgendwas persönliches drin oder hängen an dem Gepäckstück selbst – und trotzdem ist (gerade wenn klar ist, dass kein Geld drin ist) hinreichend unwahrscheinlich, dass sich ein Taxifahrer binnen einer Minute Wartezeit bei erfolgreicher Geschäftsabwicklung ans große Suchen macht.
(Für mich ist das zwar ohnehin undenkbar, aber in solchen Situationen bitte ich die Fahrgäste gerne, ihr Pfand einfach auf der Rückbank oder dem Armaturenbrett abzulegen und verlasse das Auto, um eine zu rauchen. Damit niemand das ungute Gefühl haben muss, ich hätte irgendein Interesse an den persönlichen Gegenständen. Ich weiß nicht, wie die Kollegen das machen, aber ich hab das Gefühl, es kommt ganz gut an.)
Aber auch bei Taschen kann man als Fahrer reinfallen. Ein Kollege hat mal die Kohle einer lukrativen Flughafentour verloren, bei der der Fahrgast den Koffer im Auto gelassen hat – der sich nach einer halben Stunde warten als leer erwies.

Der Klassiker inzwischen sind aber natürlich Handys. Für mich als Fahrer wirklich super, aber bezüglich persönlicher Daten und dem hohen Gegenwert schon beachtlich. Ich bin wirklich verdammt erstaunt, wie sorglos mir die Leute teilweise Modelle der obersten Preisklasse in die Hand drücken. In einem Fall sogar mit angeschaltetem Bildschirm und geöffneter Facebook-App. WTF?
Für mich ein Lob, ja, aber wenn Leute dann sogar noch abwinken, wenn ich ihnen als Gegenleistung anbiete, sich noch eben kurz meine Konzessionsnummer anzuschauen … mutig, mutig! Und leider gab es wohl schon mindestens einen Fall, in dem das nicht gut ausging.

Gut, die Möglichkeiten klingen so aufgezählt erst einmal vielfältig, aber wie man sieht, haben auch alle ihre Nachteile. Und kaum jemand hat – zumindest bei mir nachts – alles oben genannte dabei. Manche gehen offenbar nur mit Haustürschlüssel und Bargeld feiern. Kaum bekleidet noch dazu.

Da war der Winker jetzt am Wochenende doch erfreulich. Er hat mich nicht nur für meine sehr nette Art gelobt, sondern war ernstlich bestürzt, als er am Ziel feststellte, dass er nicht genügend Geld dabei hatte. Er war einer derer, bei denen ich sogar hätte schwach werden können, aber er war engagierter als alle, die ich bisher kurz in ihre Wohnung hab sprinten lassen, und hat mich mit Pfand fast schon überhäuft:

„Hier haste erst mal mein iPhone!“

„Alles klar.“

„Warte, ich lass‘ meine Tasche einfach auch noch hier …“

„Ist schon ok …“

„Warte! Hier! Einen Fünfer hab ich auch noch!“

„Steck den wieder ein!“

„Warum?“

„Mal im Ernst, Junge: Wenn Du mir deine Tasche und dein iPhone dalässt – als Sicherheit für eine 14€-Tour – wie groß schätze ich wohl die Wahrscheinlichkeit ein, dass Du nur wiederkommst, weil Du auch noch einen Fünfer hiergelassen hast?“

Hat er verstanden. Hab den Fünfer aber hinterher als Extra-Trinkgeld doch noch bekommen. 🙂

Das mit der Bezahlung

Am Taxistand gibt es für mich in der Regel wenige Möglichkeiten, mich für oder gegen Kunden zu entscheiden. Schon gar nicht in Bezug auf die Länge der Fahrt. In die Riege dieser Kollegen werde ich mich hoffentlich nie einreihen. Wenn es aber ums Prinzip geht, bin ich auch nicht zu allen Kompromissen bereit.

Da waren gestern Abend dann diese Jungs, die nur kurz zum Pirates wollten. Knapp über einen Kilometer die Straße runter. So weit ok, aber:

„Geht gleich los. Kollege holt noch’n Burger. Dauert nur zwei Minuten. Warteste, ja?“

„Äh … nur wenn keiner kommt.“

Aber da waren sie schon weg. Auftritt von vier Mädels:

„Was kost’n des, wenn wir zur Rigaer und dann zum Berghain fahren? Und können wir auch mit Döner? Ohne Zwiebeln!“

„Kosten wird das knapp über 10 €. Vielleicht 11, vielleicht 13. Aber Döner sind so eine Sache …“

„Ohne Zwiebeln! Beide!“

„Darum geht’s mir nicht. Aber ich darf die runtergefallenen Bröckchen nachher aufsammeln. Und ich ess‘ selbst oft genug Döner um zu wissen, wie schwer das manchmal zu verhindern ist.“

„Ist ja kein Problem. Wir essen kurz auf. Warteste?“

„Ich kann Euch nur das selbe wie den Jungs eben sagen: so lange meine Uhr nicht läuft, bin ich für alle frei.“

„OK, geht ja schnell.“

Uhr anmachen wäre auch schnell gegangen und hätte mich ehrlich gesagt mehr gefreut. Die Jungs waren nämlich weitaus weniger sympathisch als sie wiederkamen und voll der Häme, den Mädels das Taxi weggeschnappt zu haben. Von ihrer kürzeren Tour ganz zu schweigen. Natürlich hab ich mich so gesehen nicht gefreut – aber was wäre gewesen, wenn die Jungs plötzlich vorgeschlagen hätten, nach Mahlsdorf zu fahren?

Man kann sicher über vieles reden. Aber wenn es doch sowieso „ganz schnell“ geht und man (Zitat der Mädels) „aber unbedingt mit diesem Taxifahrer“ fahren will, dann ist das die 60 Cent (grob geschätzt 2 Minuten Wartezeit) vielleicht ja wert. Ist nicht böse gemeint, ich hab sowas auch in seltenen Fällen schon angenommen. Und dann muss der eine noch dringend aufs Klo, die nächste holt noch einen Döner und irgendwer vergisst vor lauter telefonieren das Einsteigen weitere 5 Minuten. Und ich schicke, obwohl unbezahlt, den Typ mit der Tour nach Schönefeld weg.

Heute nacht war’s eher andersrum. Wobei ich nach den Jungs ein paar tolle Fahrten hatte, die mich sehr schnell bestätigten, im Vorfeld keine allzu falsche Entscheidung getroffen zu haben. Mal abgesehen davon, dass ich nach drei Minuten wieder am Bahnhof war, um zu sehen, ob die Mädels es auch noch sind. Wäre also wirklich „ganz schnell“ gegangen.

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Ein Stuhl, zwei Meinungen*

Wie sehr Taxifahren Glücksspiel ist, wird viel zu oft unterschätzt. Sicher, rein logisch müsste es jedem klar sein – aber wenn man dann am selben Abend zweimal eine Dreiviertelstunde am Ostbahnhof steht und einmal das Ergebnis eine Fahrt zum Berghain ist („4,60 €.“ „Machen Sie fünf!“) und einmal eine nach Grünau („33,20 €“ „Machen Sie doch … äh … 38.“), dann wirkt sich das durchaus unterschiedlich auf die Laune des Taxifahrers aus.

Ich halte deswegen immer noch nichts davon, das den Fahrgast merken zu lassen, aber zwischen 3 € Stundenlohn und 16 € liegen halt trotzdem Welten.

Ein Glück, dass sich das alles ausgleicht.

*Die Überschrift ist natürlich eine Hommage an das legendäre Format „Zwei Stühle, eine Meinung“ bei „RTL Samstag Nacht“. 🙂