Da stand ich also. Betont lässig an eine Hauswand gelehnt, nicht direkt vor der Türe. Den Leuten – wer immer sie sein mochten – die mein Fahrgast da um 2 Uhr morgens aus dem Bett klingelte, wollte ich nicht erschrecken. Andererseits freute ich mich aber auch. Wenn sich diese Türe öffnen würde, könnte ich mich endlich mit jemandem austauschen. Dass ich in Anbetracht des zerstörten Individuums Trinkgeld bekommen würde, war für mich ausgemachte Sache. Nicht, dass sich jemand freuen würde, so jemanden in Empfang zu nehmen – die Wertschätzung für meine Geduld jedoch müsste jedem Menschen quasi in die Wiege gelegt worden sein. Ganz sicher!
Is‘ natürlich Quatsch gewesen. Hat ja niemand aufgemacht. Auch nicht nach dem dritten oder vierten Klingeln.
Einen Stock höher wollte er noch gehen. Anderer „Kollege“. Der jedoch war ähnlich taub.
Mein Fahrgast – wie ich indessen bemerkt hatte: bereits vorzeitig mit offenem Hosenladen zu allem bereit – versicherte, an der unteren Türe wäre ja auch wirklich sein Zimmer. „Kollege“, ja. Aber sein Zimmer, sein Internet, seine Straße (er verwendete das Wort offensichtlich für jede Art von Ort/Platz/Behausung, selbst für Polen).
Also gingen wir wieder ein Stockwerk runter. Er fragte mich, ob ich eine Kreditkarte hätte, um die Türe zu öffnen. Früher hätte ich zwar ein nutzloses Plastikkärtchen für grobe Arbeiten gehabt, nun war ich froh, keines mehr zu besitzen. Denn: Nach dem etwa drölften Klingeln (das nebenher unentwegt erfolgte), öffnete sich die Türe doch.
Ein Mann, mitte fünfzig vielleicht, und sichtlich verstört ob des nächtlichen Terrors, blickte uns an und fragte uns dann – auf Deutsch, juhu! – was wir wollen würden. Nachdem mein Fahrgast ein paar recht unverständliche Sätze geäußert hatte, bin ich eingesprungen, hab mich entschuldigt und versucht, die Situation in wenigen Sätzen zu erläutern. Hat natürlich nicht geklappt. 🙁
Grob vereinfacht gesagt standen wir nun in einem Plattenbau vor einem Beinahe-Rentner, der uns nahelegte, doch gefälligst nicht an seiner Wohnung, sondern an der des Mannes neben mir zu klingeln. Ja, danke …
Von der Tatsache, dass in seiner Wohnung ein offenbar wildfremder Mann hauste, war mein Fahrgast recht wenig beeindruckt. Nachdem die Türe wieder zu war, fluchte er zwar ein wenig, aber das war sichtlich gegenstandslos.
Für mich war die Sache gelaufen. Natürlich.
Sicher hätte ich noch eine Weile mit meinem neuen Freund durch die Gegend tingeln können, immer in der Hoffnung, jemand gibt mir mal einen Zehner Entschädigung – auf der anderen Seite hing ich mit diesem Suffkopp inzwischen bereits mehr als eine dreiviertel Stunde rum, in der Zeit hätte ich in der Nacht wahrscheinlich 20 € Umsatz gemacht. Drei Haustüren weiter versuchte mein genialer Fang dann noch einmal reinzukommen – und hatte abermals Erfolg.
(Das sollte man sich merken, falls man mal obdachlos wird!)
Meine Laune, ihm zu folgen, war jedoch mäßig. Als er die Türe hinter sich schloss, habe ich bereits beschlossen gehabt, jetzt einfach zum Auto zu laufen. Herber Verlust in einer sonst guten Nacht, klar. Aber besser, als hier aussichtslos weiter mit dem Typen abzuhängen, der mehr und mehr schockiert darüber war, dass er mich nicht bezahlen konnte. Und das bezog sich nur auf die offiziellen 11 €.
Ich habe also nicht gewartet. Genug Zeit verschwendet. Ich hab zwar keine Ahnung, ob der Typ dort wirklich gewohnt hat, aber als ich gegangen bin, hat es sich so angehört, als würde er sich zumindest einmal das Treppenhaus durch Vollkotzen zu eigen machen. Wohl bekomm’s!
Vielleicht hätte ich ihn nicht mitnehmen sollen. Dann wären das nicht nur drei Blogeinträge und eine Erfahrung weniger, es wäre vermutlich auch ganz anders gelaufen in der Nacht.
Vielleicht war er ein Netter. Dann hätte er nicht saufen sollen, bis er zu Taxifahrers Alptraum wird!
Vielleicht hätte ich die Kohle irgendwann gekriegt, wenn ich die Polizei gerufen hätte. Dann wäre die Schicht noch nachhaltiger verschissen gewesen!
Ich glaube nicht, dass ich was falsch gemacht habe. Und trotzdem isses passiert. So ist das halt manchmal. 🙁