Geduldprobe (3)

Da stand ich also. Betont lässig an eine Hauswand gelehnt, nicht direkt vor der Türe. Den Leuten – wer immer sie sein mochten – die mein Fahrgast da um 2 Uhr morgens aus dem Bett klingelte, wollte ich nicht erschrecken. Andererseits freute ich mich aber auch. Wenn sich diese Türe öffnen würde, könnte ich mich endlich mit jemandem austauschen. Dass ich in Anbetracht des zerstörten Individuums Trinkgeld bekommen würde, war für mich ausgemachte Sache. Nicht, dass sich jemand freuen würde, so jemanden in Empfang zu nehmen – die Wertschätzung für meine Geduld jedoch müsste jedem Menschen quasi in die Wiege gelegt worden sein. Ganz sicher!

Is‘ natürlich Quatsch gewesen. Hat ja niemand aufgemacht. Auch nicht nach dem dritten oder vierten Klingeln.

Einen Stock höher wollte er noch gehen. Anderer „Kollege“. Der jedoch war ähnlich taub.

Mein Fahrgast – wie ich indessen bemerkt hatte: bereits vorzeitig mit offenem Hosenladen zu allem bereit – versicherte, an der unteren Türe wäre ja auch wirklich sein Zimmer. „Kollege“, ja. Aber sein Zimmer, sein Internet, seine Straße (er verwendete das Wort offensichtlich für jede Art von Ort/Platz/Behausung, selbst für Polen).

Also gingen wir wieder ein Stockwerk runter. Er fragte mich, ob ich eine Kreditkarte hätte, um die Türe zu öffnen. Früher hätte ich zwar ein nutzloses Plastikkärtchen für grobe Arbeiten gehabt, nun war ich froh, keines mehr zu besitzen. Denn: Nach dem etwa drölften Klingeln (das nebenher unentwegt erfolgte), öffnete sich die Türe doch.
Ein Mann, mitte fünfzig vielleicht, und sichtlich verstört ob des nächtlichen Terrors, blickte uns an und fragte uns dann – auf Deutsch, juhu! – was wir wollen würden. Nachdem mein Fahrgast ein paar recht unverständliche Sätze geäußert hatte, bin ich eingesprungen, hab mich entschuldigt und versucht, die Situation in wenigen Sätzen zu erläutern. Hat natürlich nicht geklappt. 🙁

Grob vereinfacht gesagt standen wir nun in einem Plattenbau vor einem Beinahe-Rentner, der uns nahelegte, doch gefälligst nicht an seiner Wohnung, sondern an der des Mannes neben mir zu klingeln. Ja, danke …

Von der Tatsache, dass in seiner Wohnung ein offenbar wildfremder Mann hauste, war mein Fahrgast recht wenig beeindruckt. Nachdem die Türe wieder zu war, fluchte er zwar ein wenig, aber das war sichtlich gegenstandslos.

Für mich war die Sache gelaufen. Natürlich.

Sicher hätte ich noch eine Weile mit meinem neuen Freund durch die Gegend tingeln können, immer in der Hoffnung, jemand gibt mir mal einen Zehner Entschädigung – auf der anderen Seite hing ich mit diesem Suffkopp inzwischen bereits mehr als eine dreiviertel Stunde rum, in der Zeit hätte ich in der Nacht wahrscheinlich 20 € Umsatz gemacht. Drei Haustüren weiter versuchte mein genialer Fang dann noch einmal reinzukommen – und hatte abermals Erfolg.

(Das sollte man sich merken, falls man mal obdachlos wird!)

Meine Laune, ihm zu folgen, war jedoch mäßig. Als er die Türe hinter sich schloss, habe ich bereits beschlossen gehabt, jetzt einfach zum Auto zu laufen. Herber Verlust in einer sonst guten Nacht, klar. Aber besser, als hier aussichtslos weiter mit dem Typen abzuhängen, der mehr und mehr schockiert darüber war, dass er mich nicht bezahlen konnte. Und das bezog sich nur auf die offiziellen 11 €.

Ich habe also nicht gewartet. Genug Zeit verschwendet. Ich hab zwar keine Ahnung, ob der Typ dort wirklich gewohnt hat, aber als ich gegangen bin, hat es sich so angehört, als würde er sich zumindest einmal das Treppenhaus durch Vollkotzen zu eigen machen. Wohl bekomm’s!

Vielleicht hätte ich ihn nicht mitnehmen sollen. Dann wären das nicht nur drei Blogeinträge und eine Erfahrung weniger, es wäre vermutlich auch ganz anders gelaufen in der Nacht.

Vielleicht war er ein Netter. Dann hätte er nicht saufen sollen, bis er zu Taxifahrers Alptraum wird!

Vielleicht hätte ich die Kohle irgendwann gekriegt, wenn ich die Polizei gerufen hätte. Dann wäre die Schicht noch nachhaltiger verschissen gewesen!

Ich glaube nicht, dass ich was falsch gemacht habe. Und trotzdem isses passiert. So ist das halt manchmal. 🙁

Geduldprobe (2)

Ich hab meinen Unmut nicht verheimlicht. Auf der anderen Seite: Was tun?
Als ich in Betracht gezogen habe, in Richtung Ostbahnhof zurückzugurken, ist mir eingefallen, dass es ja vielleicht auch möglich wäre, von besagten „Kollege“ doch noch mein Geld zu bekommen. Um die sieben Euro Minus hatte ich schon, wie viel schlimmer sollte es werden?

Erinnert mich künftig daran, immer vom Schlimmsten auszugehen!

Ich hab ihn wirklich kurz zum Puff laufen lassen, wie erwartet ist er dort abgeblitzt. Wahrscheinlich nicht nur seines Suffpegels wegen, sondern weil er unbeholfen mit weiteren Kollegen gedroht hat. Das alles war also erfolglos und ich saß daraufhin im Auto mit einem meiner Sprache kaum mächtigen Mann in meinem Alter, der zwar vögeln wollte, aber nicht einmal mehr Geld für die bislang aufgelaufenen Taxikosten hatte. Seine Idee, es bei einem anderen Bordell zu versuchen, hab ich – dezent angepisst – unterbunden, indem ich ihm klargemacht habe, dass er einfach zu besoffen sei, um irgendwo reingelassen zu werden. So böse das klingen mag, netter war ich selten zu jemandem. Dieser Wahrheit musste er mal ins Auge sehen.

Unerwartet (wie so oft bei Besoffenen) hat er das dann eingesehen und wollte zu seinen „Kollege“, damit er mich bezahlen kann. Na endlich! Der Weg war ja nicht weit, und für mein Stresslevel war der Fahrpreis von knapp 12 € auch weit zu niedrig. Aber gut, es gibt sowas ja immer mal wieder …

„Kollege“ zu finden jedoch … scheiß die Wand an, kann sowas schwierig sein!

Eine Hausnummer konnte er mir nicht sagen. Auf seine Weisung bog ich rechts in die Straße der Pariser Kommune ab. Am Ende dann hieß es, es wäre wohl doch die andere Richtung. Dann kam plötzlich Nummer 20 ins Spiel. Als wir die erreicht hatten, meinte er, es sei eher bei Netto. Dort auf dem Parkplatz war er eher unzufrieden, also fuhr ich ans Haus nebenan, was ihm so sehr behagte, dass er nach dem Aussteigen erst einmal unglaubliche anderthalb Minuten ohne Drucknachlass an eine Hecke pinkelte.

Die Uhr stand bei 13,60 € und ich hab ihm bestätigt, dass mir 12 € fehlen würden. Dem „Kollege“, der offenbar Deutsch könnte, hätte ich meinetwegen gerne erklärt, dass ich abzüglich der 2,50 € von vorhin auch mit 11,10 € zufrieden sein würde. Ab da jedoch beschloss ich, mir notfalls ein Trinkgeld zusammenzulügen.

Denn der Hauseingang, vor dem ich nun im Parkverbot stand, war natürlich der falsche. Es sei ja Nummer 20 beteuerte er. Nach einem Block Fußweg sollte es die 25 sein, danach behauptete er nur noch, mal zu gucken, wo das jetzt wäre. Tatsächlich schleifte er mich aber nur zu einem Hintereingang der 20 mit und öffnete dort die unverschlossene Haustüre. Er hatte zwar zunächst wohl eher vorgehabt, alleine hochzugehen, aber den Ausgang dieses Versuchs konnte ich mir bildlich vorstellen: Er klingelt bei „Kollege“, brabbelt irgendwas von Geld, fällt ins Bett und pennt bis zum nächsten Morgen. Und ich wäre dagestanden und hätte dumm aus der Wäsche geguckt. Also bin ich mit rein.

Nach ein paar Treppen standen wir vor einer Tür und mein Fahrgast lächelte siegessicher.

„Kolleg Deutsch gut. Geben machen zewöf Kilometer.“

Den Unterschied zwischen Kilometer und Euro hatte er längst vergessen. Eine Entlohnung für 12 Kilometer (knapp über 20 €) schienen mir in dem Moment auch angemessen zu sein. Aber was für Träumereien ich wieder hatte! Es hat niemand aufgemacht.

Einen Moment lang musste ich an Hans Baecker (ff) denken.

Fortsetzung … ist schon draußen, versprochen! 🙂

Geduldprobe (1)

Da war er also: Der Launenvermieser vom Dienst.

Nein, um mal sachlich zu bleiben: Er war ein (zumindest vermutlich) netter Kerl. Er hat mit seinem weißen, schon stark in Mitleidenschaft gezogenen, Poloshirt ganz artig gewartet, bis ich ihm die Tür geöffnet hatte und mich den Umständen entsprechend höflich gefragt, ob ich ihn mitnehmen würde. Die Bierflasche hielt er sicher, ein Markenzeichen derer, die zwar zu blau sind, um sich sonstwie auf sie zu verlassen, aber noch im Besitz elementarer Grundtechniken, die die Zivilisation uns abverlangt. Zum Beispiel, um nicht in ein Taxi zu kotzen.

Die Umstände wären damit aber allenfalls halb beschrieben, denn ein bezeichnendes Element unserer Kurzzeitbeziehung sollte werden, dass sich unsere Sprachkenntnisse nur äußerst marginal überschnitten haben. Er konnte offenbar fließend Polnisch und ungefähr 50 Worte Deutsch, ich Deutsch fließend und ungefähr 0 Worte Polnisch. Die Mathematiker unter Euch haben das mit den 50 Worten Überschneidung sicher schon im Kopf ausgerechnet.

Nun sind 50 Worte viel, wenn es denn die richtigen sind. Die waren es natürlich nicht. Es bedurfte einiger nonverbaler Gesten, bis ich verstanden hatte, dass „Straße machen“ bedeutete, er wolle in einen Puff. Und das auch nur, weil letztlich „Puff“ auch zu seinen 50 Worten Deutsch gehörte …

Nach kaum fünf Minuten am Stand – noch ohne laufende Uhr, so unklar wie das war, hatten wir also eine Art Übereinstimmung: Er suchte einen Puff und wollte wissen, wie viel das kostet bis dahin. Ich überschlug den komplizierten Weg zum nächsten Etablissement seiner Wahl kurz im Kopf und kam auf beruhigend niedrige sieben Euro. Zugegeben: So kompliziert war der Weg nicht. 😉

Natürlich hätte ich ihn liebend gern in einen Laden gebracht, der mir einen Fuffi für einen Kunden in die Hand drückt, der Typ war aber so verstrahlt, dass ich mir recht sicher war, dass die ihn ohnehin nirgends mehr reinlassen würden. Außerdem hatte er gerade ein paar Münzen abgezählt – weswegen ich ihn auch fragte, ob ihm bewusst sei, dass ein Puff gemeinhin sogar mehr Geld als die Taxifahrt dorthin koste. Er murmelte eine Zustimmung, die ich nur insofern verstand, als dass sie „Kollege ein“, „Kollege swei“ und „Kollege dei“ beinhaltete. Naja, alles schon gehabt. Motor an, auf zum Puff!

Auf dem Weg dorthin versuchte er, mich zu überreden, mitzukommen. Aha. Ich kann den Job des Taxifahrers insgesamt wieder mal vor allem den Leuten empfehlen, die gerne umsonst ins Bordell wollen: DA sind Kunden großzügig. Zumindest behaupten sie das …

Ich hielt zwanzig Meter entfernt von dem Laden, da mir klar war, dass der Typ besser erst noch ein bisschen Training beim aufrechten Gang einlegen sollte, dabei die Bierflasche loswerden, um überhaupt eine Chance am Einlass zu haben. Was bin ich fürsorglich, Leute!

Als er nach ungefähr zwei Minuten erkannt hatte, wo sein Ziel liegt, wollte er wieder, dass ich mitkomme. Also so ungefähr. Sein Deutsch war wirklich so erbärmlich, dass mir keine Transkription dafür einfallen würde. Dabei wäre das praktisch. Denn der Hauptteil unserer Unterhaltung wurde vor seinem Ziel geführt. Aus mir zunächst unerfindlichen Gründen warf er inzwischen neben „susamm“ mehrere Male „Straße Paris Kommun“ ein.
Mit der Zeit dämmerte mir, dass er gar nicht genug Geld zum Bezahlen hatte, sondern er das von seinen „Kollege“ bekommen würde. In der Straße der Pariser Kommune. WTF? Ich meine, wir waren durch diese Straße durchgefahren!

Als die Uhr dann letztlich neun Euro zeigte, glaubte ich, begriffen zu haben:

Er wollte jetzt kurz sozusagen testen, ob der Puff ok sei. „Fün Minut susamm“ in seiner Sprache. Dann sollte ich mit ihm zu seinen „Kollege“ wieder zurück in die Straße der Pariser Kommune fahren, dort die verbleibenden „Kollege“ einsammeln und zum nun (auf was?) gecheckten Puff. Und von „Kollege eins und Kollege swei und Kollege dei“ würde ich dann bezahlt werden.

Ja nee, is klar! Ich lass den in den Puff rennen, der pennt, vögelt, macht dort sonstwas – und ich warte vergeblich …

Ich hab ihm klar zu verstehen gegeben, dass ich die Kohle für die Fahrt jetzt gerne haben würde. Danach könnte ich schon kurz warten – und wenn er nicht kommt ggf. weiterfahren. Ansonsten aber gerne auch noch mit „Kollege“ hin und her. Er schien ein gewisses Verständnis dafür zu entwickeln, leerte seine Taschen und gab mir das komplette Geld. 2,50 €.

Fortsetzung folgt heute Nachmittag um 14 Uhr.

Die Jugend von heute …

Ach, wie viele wunderbar beschissene Texte fangen mit den Worten „Die Jugend von heute …“ an? Meist kommt danach viel Geschwurbel von vermeintlichen Werten, die die meisten derer, die o.g. Worte aussprechen, auch allenfalls als Worthülsen kennen: „Anstand“, „Moral“, diese Geschichten.

Meine Geschichte ist nun nicht das ganz große Glockengeläute, ich wollte eher was von gegenseitiger Hilfe erzählen. Angefangen hat alles prima. Ich war kurz an den Ostbahnhof rangefahren, war binnen anderthalb Minuten erster in der Reihe und kaum, dass mein Kollege Herbert aus seinem Auto gekraxelt war, um mich zu begrüßen, standen schon vier Jungs vor mir und wollten einsteigen.

„Fahr mal schön weit weg!“

rief mir Herbert noch hinterher. Ein zweifelsohne ziemlich optimistischer Wunsch zwischen vier Minderjährigen, die wahrscheinlich mangels Ausweis in einen Club nicht reingekommen waren.
Wo sie wirklich herkamen, weiß ich nicht. Hat sich zwischen ihrem englisch-deutschen Kauderwelsch selbst für meine geübten Ohren nicht raushören lassen, wahrscheinlich haben sie es also nicht erwähnt. Das Fahrtziel jedoch, so wurde mir umgehend erklärt, sei „kompliziert“.

War es natürlich nicht. Sie wollten einfach der Reihe nach aussteigen – und ihre Strecke beinhaltete nur einen minimalen Umweg. Dass es über Zehlendorf bis nach Kleinmachnow gehen sollte, war jedoch eine Überraschung. Ich hab die Tour zwar mit „45 Euro plusminus 5“ deutlich zu hoch angesetzt, aber sowas in der Art hatten sie eingeplant. Ich hätte wirklich nie gedacht, dass Herberts Wunsch tatsächlich so schnell umgesetzt werden würde …

Einen kurzen Schreckmoment gab es noch – denn nach einem Kilometer stellte einer der Jungs fest, dass er etwas vergessen hatte. Wir mussten also umkehren. Da das natürlich (mit dem Taxi!!!einself!) horrend teuer sein würde, überlegten sie, doch mit Bus und Bahn zu fahren. Mein Einwand, dass die Chose am Ende vielleicht drei Euro kostet, hat sie jedoch glücklicherweise beruhigt. Für die Tour hätte ich beim Warten auch die Uhr angehalten oder gleich einen Festpreis ausgehandelt (Das Ziel lag ja außerhalb des Pflichtfahrgebietes) – aber ich wollte mal nicht mit der Tür ins Haus fallen.

Es hat wirklich nur drei Euro mehr gekostet – und selbst mit diesem Bonus sollte die Fahrt am Ende mit 36,40 € deutlich unter dem bleiben, was ich angepeilt hatte. Dennoch natürlich super für mich – und den Jungs hätte ich eigentlich auch ein bisschen mehr Begeisterung gewünscht. Die gingen immerhin zwischenzeitlich von einem Fuffi aus.

Aber da kommen wir zum Thema: Das Bezahlen. Im Grunde natürlich getrennt – zumindest zwischen den drei Zehlendorfern und dem einen Kleinmachnesen. Ob das möglich wäre?

„Selbstverständlich. Wäre bloß nett, wenn ihr dann nicht beide mit einem Fuffi zahlt …“

Nix dagegen, die 30 € bis zum Ausstieg des letzten Zehlendorfers mit einem Schein entgegenzunehmen – aber dann gleich hinterher nochmal 40 € Wechselgeld rausrücken …
Es wäre natürlich gegangen. Eine Einigung unter den Jungs war mir allerdings wenigstens lieber als das und das wollte ich vorsorglich mal ansprechen.

Nun also ging das große Rumrechnen los. Ich bin da vielleicht einen etwas sorglosen Umgang mit Geld gewöhnt, aber für mich war die Sache recht klar:

Die Uhr stünde in Zehlendorf bei ca. 30, der letzte der Dreiergruppe gibt mir einen Fuffi. Ich gebe ihm zwei Zehner raus – und (da der Auswärtige offenbar nur noch ein paar Euro dabei hatte) der könne sich ja dann einen Schein, leihweise oder gegen sein letztes Cash, einstecken und den Rest der Fahrt locker begleichen.

Tja, denkste!

Wo kämen wir auch hin, wenn man am Ende einer plötzlich 10 € billigeren Taxifahrt – an deren Ende der Eine im Übrigen noch Geld gefunden hat, das seine Mutter ihm fürs Taxi mitgegeben hat! – tatsächlich noch einen Zehner übrig hätte, um ihn einem Kumpel zu borgen!?

Die Uhr stand beim Ausstieg des letzten Berliners bei 29,60 € – und wenn ich eine Spur fieser wäre als ich bin, würde ich Euch raten lassen, wie sie das alles gelöst haben. Aber es ist Samstag und erster Juni – da mache ich mal eine Ausnahme!

Das letzte Kleingeld wurde zusammengesucht, sodass der Zehlendorfer mir 50,60 € gab, dazu die Bitte, ihm 21 € wieder auszuhändigen. Den einen Euro gab er dann (leihweise!) an seinen auswärtigen Kumpel weiter, womit der mit geschätzten 8 € in der Tasche die von mir veranschlagten „6 Euro irgendwas“ zahlen könnte. Was der dann im Anschluss natürlich auch tat. Er hatte die aufgelaufenen 6,80 € auch tatsächlich noch passend. Ich konnte mein Glück kaum fassen! -.-

Zugegeben: Eine Tour, die mit 45 € angesetzt ist, dann auf 36,40 € endet, zwei zahlende Parteien beeinhaltet und nicht einmal 10 Cent Trinkgeld abwirft, ist so selten, dass es schon wieder komisch ist. Da werdet ihr von mir keine bösen Worte hören. Was einen aber dazu bringt, bei einer Fahrt, bei der bislang 29,60 € aufgelaufen sind und ein Kumpel noch weiter fährt, nicht einmal 30 hinzulegen (Egal, ob zu Gunsten des Taxifahrers oder des Kumpels), da setzt bei mir der Verstand aus.

Ich hab mit meinem Vater einen großen Mahner in der Familie, der diesen Satz „Beim Geld hört die Freundschaft auf!“ predigt. Mir ist das nicht unbekannt. Aber auch wenn ich mich gerne mal von einer finanziellen Misere in die nächste stürze: Die paar Euro, die ich irgendwelchen Leuten mal ausgelegt, geschenkt oder vorgestreckt und dann vergessen hab – DIE machen, so zahlreich sie sein mögen, dabei nichts aus! Denn glücklicherweise handhaben das die Leute um mich rum auch so …

Also abgesehen von manchen Kunden, wie man sieht. Um die Einstellung beneide ich „die Jugend von heute“ – um mal zum Ausgangspunkt zurückzukehren – nicht. Aber nicht, weil das mich irgendwie stört oder ich da irgendwelche Werte verletzt sehen würde. Das hat eher so ein bisschen was von Fremdscham, ganz ehrlich …

Was wir Taxifahrer alles wissen …

Das war mal wieder so eine Lehrbuchgeschichte aus dem Bereich Ortskunde. Die Fahrgäste, die mir am Ostbahnhof eingestiegen sind, wollten zur Kalkreuthstraße. Die sagt mir was, schließlich liegen unweit nicht nur jede Menge oft als Fahrtziel genannte Kneipen und Hotels, nein, direkt im an die Kalkreuth anliegenden Hinterhof der Martin-Luther-Straße stand ich auch dreimal mit anderen P-Schein-Aspiranten und hab anschließend die Ortskundeprüfung versemmelt.

Die Straße ist zwar kurz, aber aus Gewohnheit hab ich trotzdem mal gefragt, wohin es genau gehen würde.

„It’s the Quentin Design Hotel. Number 12 Kalriut Street.“

Den Straßennamen hatten sie mir zuvor schon auf dem Handy gezeigt, sonst hätte das wohl etwas dauern können. 😉

Das Hotel war mir nie aufgefallen, ich hab auch keine Ahnung, ob es vielleicht nicht bis vor kurzem noch anders geheißen hat. Unterwegs hab ich dann sicherheitshalber die Nummer ins Navi eingegeben, nicht dass ich am letzten Eck noch falsch abbiege. Muss ja nicht sein, sowas. Soweit alles normal.

Dieses Mal hat es nur rund zweieinhalb Stunden gedauert, bis ein älteres Ehepaar auf den Rücksitzen der 1925 Platz nahm und auf die Frage nach dem Ziel antwortete:

„Das ist so ein Design-Hotel, es heißt jedenfalls so.“

„Meinen Sie das Quentin in der Kalckreuthstraße?“

„Ja! Ja, genau! Sie kennen das?“

Zufällig, aber ja. 🙂

Wie die Parties heute losgehen …

„Passen hier fünf Leute rein?“

„Ja, Moment.“

Ein Großraumtaxi ist halt doch eine feine Sache. Auch wenn der Raum in der letzten Sitzreihe alles andere als groß ausfällt. Dieses Mal waren es nicht interessierte Kunden am Stand, sondern wagemutige Winker, die mich in Mitte aus einem Strom hellelfenbeinfarbener Wagen herausgezogen haben. Die Geräumigkeit der Zafiras scheint inzwischen bekannt zu sein. Obwohl der Wagen manchmal als sehr klein wahrgenommen wird

Naja, ich hab jedenfalls einen der beiden Zusatzsitze ausgeklappt und in der Truppe befand sich sogar eine recht kleine Person, die freiwillig hinter ihren Kumpels in den tiefsten Tiefen der 1925 verschwand. Die Zieladresse war zunächst eine kleine Straße in Friedrichshain, die mir natürlich auf Anhieb nichts sagte – obwohl ich an ihr sicher an die dreitausendmal vorbeigefahren bin in den letzten Jahren. Selektive Wahrnehmung kann ich.

Dort angekommen wollte ich wissen, wer nun aussteigt – da sich die allgemeine Aufbruchstimmung in Grenzen hielt.

„Niemand. Es kommt noch einer.“

„OK, also alle …“

„Nein, es …“

„Ich hab schon verstanden. Aber es müssen alle von der Rückbank, damit ich den zweiten Sitz hinten noch ausklappen kann.“

Erleichterung.

„Und dann? Wo soll es dann hingehen?“

„Zum Berghain.“

Viel Spaß mit einer Gruppe aus sechs Leuten an einem Tag, an dem die Schlange bis 50 Meter vors Gelände reicht …

Aber zunächst mussten wir auf Juan warten. Den hatte niemand fünf Minuten vor Ankunft angerufen, wie das so die Idee der meisten Leute ist. Stattdessen durfte ich bezahlt vor der Türe warten, wärend im Taxi von der überwiegend weiblichen Belegschaft bereits diskutiert wurde, ob sie ihn überhaupt reinlassen – also zumindest, wenn er „nicht heiß ist oder das Taxi zahlt“. Ich mag Menschen mit dieser Prioritätensetzung nicht unbedingt, aber erfrischenderweise war das verstrahlte Etwas, das nach zwei weiteren Minuten mit komplett derangierter Frisur aus dem Haus stolperte, in den Augen der Damen heiß. Geld hatte er jedenfalls nach eigenem Bekunden keines dabei.

Davor sollte es noch an eine Bank gehen. Die Sparkasse am Bersarinplatz sollte es nicht sein – also schlug ich den klitzekleinen Umweg zur Volksbank in der Warschauer vor. Wurde angenommen. Etwas irritiert muss ich kurz darauf auf die Frage reagiert haben, ob es eine Bordtoilette gäbe. Selbstverständlich aus der allerhintersten Reihe – was dann dafür sorgte, dass auch beim Bankstopp – obwohl nur eine noch Geld holen wollte, wiederum alle aussteigen mussten. Wohin sich die gute Frau dann an der Warschauer Straße genau zum Pinkeln zurückgezogen hat, will ich besser gar nicht wissen.

Für die 3,00 € Zuschläge hab ich dieses Mal ziemlich oft die Sitze umgeklappt. Immerhin hab ich ein wenig Mitleid bekommen, mit Trinkgeld sah es dagegen ziemlich mau aus.

Am Ende will ich aber nicht meckern. Von der Torstraße zum Berghain für knapp 22 € ist immerhin auch was, was man ohne eine solche Truppe legal niemals zusammenbekommen würde. 😉

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

COOKIES!!!

Ui. Winker am schlesischen Tor. Direkt nachdem ich ein paar Leute am Watergate abgesetzt hatte. So darf es öfter laufen!

„Guten Abend. Wo soll es hingehen?“

„Good, gute Abend. We, wir gehen nit weit, it’s not far, gehen wir zu den Cookie?“

„Cookies?“

„Iste eine Besetzthaus.“

„Äh, zur Köpi?“

„Yes! Exactely!“

„Sorry, I thought you said ‚Cookie‘.“

„Haha, no. Well, Cookie was something else, wasn’t it? Disco?“

„Yes. A Club in the Friedrichstraße.“

„Uh, no thank you …“

Mir sind die Köpi-Kunden auch lieber als die Cookies-Gesellschaft. 🙂

(Abschreckendes Beispiel für eine Cookies-Tour? Hier entlang!)