Was war das denn eben?

Das beschreibt ziemlich gut die Gedanken unmittelbar nach dem endgültigen Aussteigen meines ersten Fahrgastes während der vergangenen Schicht. Wenige Minuten nach dem Losfahren am Straßenrand bei der O²-World eingesammelt, stürzte die Absurdität betrunkener Gedankengänge wasserfallartig in mein Taxi.

Der Kunde dürfte in meinem Alter gewesen sein und begann, während er sich in den Beifahrersitz fallen lies, in einer mir unverständlichen Sprache draufloszureden, mischte das aber mit bekannten Worten und als ich ihn fragte, wo es denn hingehen sollte, entgegnete er mit großen Augen:

„Du bist Deutscher?“

„Ja, bin ich…“

Das ist eine Scheiß-Frage! Immer wieder. Es mag ja sein, dass ein Großteil der Taxifahrer in Berlin seine Wurzeln in irgend einem anderen Staat hat, es ist mir aber immer wieder unbegreiflich, wie sich manche Fahrgäste – natürlich ohne „was gegen Ausländer“ zu haben, darüber freuen können, dass sie bei mir im Auto sitzen. Solche Gespräche würge ich entschlossen und schnellstöglich ab und lasse nie auch nur den geringsten Zweifel daran, dass ich der festen Überzeugung bin, dass die meisten nichtdeutschen Kollegen hervorragende Arbeit machen, und man die schwarzen Schafe leider nicht an der Nation festmachen könnte – und ich sowohl assige Deutsche als auch vorbildliche Türken als Kollegen kennengelernt habe. Lediglich beim Thema Sprachprobleme bin ich bereit zu akzeptieren, dass gewisse Standards erwartet werden können.

Aber gut, das sollte gestern gar kein Thema werden. Der Kerl laberte erst einmal weiter, und zwar etwa wie folgt:

„Ja, zum Cookies, also Friedrich-Charlotten, Äh Alexander-Dingsbums…“

„Cookies? Friedrichstr. Ecke Unter den Linden?“

(Diesen Absatz überlesen jetzt die zartbesaiteten Seelen unter meinen Lesern am besten)

„Ja genau. WOW! Perfekt!!! Aber erst müssen wir auf meinen, ich meine dieses assige Spanier-Arschloch, diesen Pisser – also das kranke Wichser-Opfer da vorne… also dieser Gehirnamputierte Schwachmat muss auch noch mit!“

(Hier weiterlesen! Er hat nur etwas umständlich ausgedrückt, dass sein bester Freund noch mitfahren will)

Ich folgte seinem Blick und meiner blieb an einer schwankenden Gestalt hängen, die gerade dabei war, beim Pinkeln möglichst der flüchtenden Laterne hinterherzueilen, um sie mit dem warmen Strahl aus seinem Gemächt zu beglücken. Relativ unspektakulär fiel er ins Auto, und wir waren recht bald auf dem Weg.

Nach rund hundert Metern wollten sie Kurzstrecke fahren und glaubten meinen Beteuerungen nicht, dass es mir weder möglich wäre, noch auf Kurzstrecke umzuschalten, noch dass es so oder so nicht reichen würde. Aber: Kein Problem.

Ab hier verabschiedeten sich die Sinne meines Beifahrers völlig, denn nun kam wirklich nur noch Gestammel aus seinem Mund, das bei seiner Entstehung Neuronen nur aus der Entfernung gesehen haben kann. Ich wurde auf absurd freundliche Art bezichtigt, kein Deutscher zu sein. Dazu wurde ich auf kroatisch und italienisch zugelabert, und alles was ich auf meine Nicht-Reaktionen oder gar auf Verneinungen zum Thema zu hören bekam, war ein kurzer Abriss über türkische Marktverkäufer und die Taktik des Sich-einer-Sprache-Verweigerns. Und dass ich Italiener bin. Logo.

Nach einem Kilometer „durfte“ ich dann kurz anhalten, damit er seinem Kumpel hinten „eins in die Fresse geben“ kann. Hier war der Punkt, an dem ich für einen kurzen Moment fast die Beherrschung verloren hätte. Wenn er seinen Kumpel ernstlich geschlagen hätte, wäre die Fahrt hier beendet gewesen. Punkt. Das sich mir nun im Fond bietende Bild hatte aber eher einen komischen Anstrich, zudem wurde mir bewusst, dass bei aller naiven Brutalität des Sprachgebrauchs wesentlich wahrscheinlicher war, dass die beiden binnen der nächsten 5 Minuten zu kopulieren beginnen, als dass sich ernstlich jemand Verletzungen zuzieht.

Also gute Miene zum bescheuerten Spiel: 10 € sind 10 €!

Die Weiterfahrt erfolgte noch bevor das Taxameter in den Wartezeitmodus geschaltet hat. Den folgenden knappen Kilometer versuchte er mir zu erklären, warum dieser Depp hinter ihm wichtiger als seine Freundin ist, obwohl er nicht schwul ist. Die Kernaussage lässt sich völlig unsinnig damit zusammenfassen, dass eben erst die Familie, dann der Schwachmat und zuletzt „ist mir egal“ kommt. Herzlichen Glückwunsch an die Lebensgefährtin mit dem komischen Namen!

Ach so, er hat mir als Rückgriff auf die Kurzstreckendebatte („Du willst keine Kurzstrecke machen, gib’s zu!“) auch noch einen Batzen Geld (geschätzte 500 bis 1000 €) unter die Nase gehalten, um zu zeigen:

„…dass wir solvent sind. Solvent! Verstehst du?“

Ich hatte eigentlich vor, über Unter den Linden zu fahren, aber am Molkenmarkt wurde ich höflichst gedrängt, doch links abzubiegen. Meinetwegen. Soweit ich weiss, schenkt sich das zumindest auf dem Taxameter einen dicken Nullinger, aber der Kunde – und ist er noch so doof – ist König! An der Ampel verbrachten wir dann rund eine Minute, was ausgiebig dazu benutzt wurde, einen anderen Autofahrer nach dem Weg zu fragen – was ich in Anbetracht der Tatsache, dass ich den Weg kenne, für ziemlich unverschämt halte. Schließlich kann man Routenvorschläge besser mit mir selbst klären, zudem lege ich es auch nicht darauf an, von anderen Autofahrern als Idiot betrachtet zu werden, der den Weg nicht kennt. Aber gut, das Duo war so verquer mit seinen Aussagen und verstieg sich bald darauf in italienische Beleidigungen des echt überfordert wirkenden sympathischen Verkehrsteilnehmers, dass wahrscheinlich alle Beteiligten froh waren, als die Ampel endlich grün wurde.

Dann folgte eine – für ihn offenbar kreischend komische – Abhandlung darüber, wie man den Namen Thomas als Schimpfwort gebrauchen kann.

Kurz nachdem ich von der Leipziger in die Friedrichstr. – ganz nach Geheiß der beiden Logikbomber im Gepäck – abgebogen war, stieg der „Spanier“ aus. Aber die Fahrt sollte damit noch nicht zu Ende sein.

Mein Beifahrer leitete mich an, zum Hintereingang des Cookies zu fahren.

„Hintereingang?“

„Ja, hat doch zwei Eingänge…“

OK, so gut kenne ich mich nun nicht aus – und man lernt ja gerne was neues kennen. Links in die Behrenstr., hinter dem Westin Grand rechts, nochmal rechts… und man steht in einer tiefgaragenartigen Lieferanteneinfahrt. Toller Zweiteingang. Er hat mich dann sogar nochmal zurücksetzen lassen, damit ich ihn ja nicht 5 Meter vom Eingang entfernt absetze.

„Das macht dann genau 11 €!“

„Warte mal… hab ich nicht!“

„Ich kann auch wechseln…“

Lieblos schmiss er einen Fuffi auf den Beifahrersitz. Einen Euro hatte er natürlich auch nicht, und so war ein Großteil meines Wechselgeldes mit der ersten Tour bereits weg. Und das ohne Trinkgeld – super!

Ich wende also in der Einfahrt, und bevor ich das vollbracht habe, steigt er auch wieder ein und meint:

„Bring mich mal zum Haupteingang!“

„Ey bitte, was soll das denn jetzt?“

„Ach komm, ich hab dir 13 € gegeben…“

„Nein, du hast mir 11 € gegeben – genau passend!“

„Ach so… warte: Ich geb dir 13! Bring mich mal zum Haupteingang!“

Das Taxameter war bereits aus, und da ich weder auf die 2 € verzichten wollte, noch Lust auf große Diskussionen mit diesem Dialoggenie hatte, hab ich ihn gegen die Aushändigung einer meiner beiden Wechselgeldmünzen also aus der Garage die 100 Meter ums Eck gefahren. Wenn’s hilft…

Ja, und dann stand ich da. Friedrichstr. Ecke Unter den Linden und fragte mich:

„Was war das denn eben?“

7 Kommentare bis “Was war das denn eben?”

  1. Aro sagt:

    Absurde Geschichte, aber leider kann ich solche nur bestätigen. Manchmal hat man echt Megahorste im Auto, schrecklich.

    Ich wurde gestern Nacht in der Bachstraße (Tiergarten) gewunken: „Kurzstrecke zum Magnet-Club“. Der ist in der Greifswalder im Prenzlauer Berlin, also etwa 8 Kilometer entfernt. Meinen Beteuerungen, dass das nicht reicht, wurde nicht geglaubt und als das Taxameter nach 2 Kilometern auf Normaltarif umschaltete, ging das Gezeter los, Umweg fahren, keine Ahnung usw. Ich war eh schon sauer und brüllte das Techno-Pärchen an, dass sie auch gerne bezahlen und aussteigen können und ansonsten die Schnauze halten sollen. Das hat gewirkt, danach war Friedhofsruhe. Es muss schon viel passieren, dass ich so ausklinke, es ist echt nicht mehr Art und kommt auch nur alle paar Monate mal vor. Sehr merkwürdig war aber, dass wir am Ende 15,40 EUR auf der Uhr hatten, sie mir einen Zwanziger gaben und sagten: „Stimmt so!“. Ich glaube, ich habe in diesem Moment ziemlich dämlich gekuckt.

  2. Aro sagt:

    Übrigens das mit dem Cookies-Hintereingang stimmt schon, einmal ums ganze Hotel rum.

  3. Sash sagt:

    @Aro:
    Ja, glücklicherweise ist das selten. Dass keiner eine Ahnung hat, wie weit die 2 km reichen ist ja schon ärgerlich genug (das kann ich bei selten gefahrenen Strecken auch als Fahrer bisher nicht vernünftig einschätzen) – aber die Spezialisten, die sich „hundertpro sicher“ sind und dann 4 km vor dem Ziel irgendwas von „kein Geld mehr“ faseln können einem die Kurzstrecke schon schwer machen…
    Dass du sauer geworden bist, kann ich gut verstehen. Ich meine, wenn man sich im Weg um das vierfache vertut und das dann dem Fahrer – der das angemerkt hat – anlastet, dann ist das schon dreist.
    Das Trinkgeld ist allerdings echt kurios. Immerhin etwas! 🙂

    Und zum Hintereingang: Ich hab das nicht wirklich angezweifelt – aber ein bisschen Lieferantenmäßig kommt er schon daher, oder?

  4. Aro sagt:

    Ich hatte damals eher den Eindruck, der Fahrgast will ein bisschen angeben. Offenbar kommt die Prominenz 😉 im Cookies durch den Lieferanten… äääh ich meine VIP-Eingang an der Rückseite des Anwesens.

  5. […] (Abschreckendes Beispiel für eine Cookies-Tour? Hier entlang!) […]

  6. werner sagt:

    hallo,alle zusammen!
    ich fahr seit 1987 vollberuflich taxi in der steiermark
    und kann die erfahrungen von sash natürlich nur bestätigen.
    ich hab mir zur gewohnheit gemacht,
    grundsätzlich vor fahrtantritt die strecke zu vereinbaren,
    wenn halt geht, VERBINDLICH
    und den voraussichtlichen fahrpreis als ANZAHLUNG einzufordern.
    in 90 prozent der fälle geht das bei uns hier und auf die restlichen 10 prozent verzichte ich; kommt eh bald mal der nächste fahrgast.
    natürlich ist berlin als weltstadt im gegensatz etwa zu graz eine weltstadt, in der sicherlich gar manches anders tickt als in der provinz.
    ich lese deinen blog sehr gern, sash, auch deine twitteria und das facebook. die wartezeiten im taxi lassen ja prohibitiven (digital-)medienkonsum zu; ich hab meine philosophie- und pädagogikstudium in den 90er und 00er-Jahren über weite strecken im taxi betrieben 😉
    grüß euch,
    werner
    twitter.com/mathematikos

  7. Sash sagt:

    @werner:
    Danke für die netten Worte! 🙂
    Vorkasse ist hier in Berlin außer bei weiten Fahrten nach Außerhalb echt kein Thema. Wobei ich bei allem Ärger mit diesen oder jenen Kunden auch sagen muss: Die, bei denen es am Ende wegen des Bezahlens ernsthaft Probleme gab, hab ich allesamt verbloggt. Und ich vermute, mehr als ein oder zwei Handvoll wird man nicht zusammenbekommen. Und wie man’s macht: Entweder ist es ein Vertrauensvorschuss von uns den Kunden gegenüber – oder aber eben umgekehrt. Keine der Varianten ist per se fairer oder unfairer, es wechseln nur die Begünstigten. Da die Probleme recht selten sind, kann ich damit leben, derjenige zu sein, der diesen Vorschuss gewährt.

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