So naja …

Touren, bei denen man sich fragt: „Was war das denn eben?“

Kenne ich natürlich, aber ein bisschen speziell war der Typ schon. Netter Kerl, sehr gesprächig. Was von Vorteil war, denn hätte er bei „Nicht falsch verstehen, ich bin auch so ein bisschen rechts!“ aufgehört, hätte ich ihn wohl nur für einen Idioten gehalten. Da er das aber erzählte, während er mir erklärte, wie er von einem Nazi Prügel kassiert hat, weil er einen „ick nehm‘ mal an: rumänischen“ Bettler verteidigt hat, hat er durchaus einiges an Boden gutgemacht bei mir. Offensichtlich (ich verzichte jetzt mal auf weitere Details) ein eigentlich recht netter Kerl mit natürlich durchaus auch Schattenseiten. Ein Mensch halt. Und eben ein Schwätzer vor dem Herrn.

Mal abgesehen von seiner sehr interessanten Lebensgeschichte bemüßigte er sich nämlich auch noch, mit einem netten Augenzwinkern meine Route zu kommentieren:

„Na, jetzt sind wir aber … deine Strecke ist aber auch nur so naja …“

Und in gewisser Weise trifft das sicher auf 50% aller Strecken zu, meistens findet sich ja doch noch eine einspurige Pflastersteinstraße mit drei Ampeln mehr, mit der man bei Vollmond noch 20 Cent sparen könnte. Aber hier war ich überfragt. Und nicht nur ich. Auch der Fahrgast konnte mit Müh und Not mutmaßen, dass „von der anderen Seite“ vielleicht ein wenig kürzer wäre.

Mir ist keine Möglichkeit eingefallen. Aber ich überlasse das mal Euch findigen Lesern:

Meine Route, nur so naja …. Quelle: openrouteservice.org

Im Ernst: Es gibt keine kürzere Strecke! Aber bei Zweiflern, die zudem nett sind und Trinkgeld geben, will ich auch nicht nachtragend sein. 😉

„Aber mit Vergnügen!“

„Ich hätte gerne eine Kurzstrecke zur Danziger Straße.“

„Kein Problem. Wohin da genau?“

„Ecke Kniprode.“

„OK, ob das mit Kurzstrecke reicht, muss ich mal sehen. Könnte knapp werden.“

„Was würde das denn sonst kosten?“

„Wenn’s nur knapp darüber hinaus ist, sind das so acht bis zehn Euro.“

„Ach, das ist schon ok.“

Immer gut, wenn es deswegen keine Streitereien gibt. Dann zeichnete es sich aber ab, dass das wirklich der fiese Randfall war: Etwa 2,3km, also etwa 8,50€ statt 5,00€ für 2,0km.

„… ist ja auch nur der Normaltarif, aber die letzten 300 Meter wirken halt sehr teuer.“

„Ach, das war so nett mit Ihnen, das zahle ich doch mit Vergnügen!“

Auch wenn’s keine lange Strecke war: Bitte mehr von genau diesen Kunden! 🙂

Passiv, aber heftig.

Die Schicht war scheiße gelaufen, aber jetzt winkte es ausgerechnet im südlichen Neukölln, als ich das Auto gerade in Richtung Firma bringen wollte. Nun denn, so ist das Spiel eben! Der Winker stand auf dem Mittelstreifen und gab mir gut erkennbar den Hinweis, dass ich vor ihm (an einer Kreuzung) drehen solle und es wieder stadteinwärts gehen würde. Kein Ding.

Und dann stiegen drei Leute ein, die mich so dermaßen ins Jahr 1998 zurückgeflasht haben, dass ich mir selbst erst mal klarmachen musste, dass es am Geruch lag.

„Alter, nice, dass Du so angehalten hast! Reicht Wildenbruch noch Kurzstrecke?“

„Wir können’s zumindest versuchen.“

„Yeah. Also nicht, dass das war, was ich, also wir, ich äh … hihi.“

„Wir fahren Kurzstrecke auch immer von woanders, ist manchmal schwer einzuschätzen.“

„Is‘ super, Digger! Wir wollen ja nur noch kurz noch einen rauchen … das machste sicher auch nicht, wa?“

Hätte ich nicht vor ungefähr 15 Jahren mein gelegentliches Kiffen zugunsten eines Fahrerjobs ad acta gelegt, hätte ich anhand der Luft im Auto noch die Sorte an Gras bestimmen können, die die drei Gesellen offenbar die letzten Monate anstelle von Atemluft benutzt haben. Also hab ich mal frech geantwortet:

„Nee, Jungs, das passt nicht mit dem Job. Aber ganz ehrlich: Was ich gerade passiv mitnehme, versaut mir ohnehin schon die nächsten Drogentests.“

Zugegeben, es war nur sehr bedingt überraschend, aber: Sie mussten lachen. 😀

Mehr Glück geht selten

Der gestrige Abend war natürlich super bei mir. Dezember, Weihnachtsfeiern und so. OK, um ehrlich zu sein: Ich bin erkältet und etwas schlapp. Aber die paar Stunden, die ich mich rausschleppen konnte, waren es wert.

So kam ich z.B. am Ostbahnhof an und es war nicht nur keine lange Schlange, sondern die Kunden warteten. Ganz so sollte das natürlich nicht immer laufen, aber ich musste schon ein wenig grinsen ob der Leute, die sich darüber aufgeregt haben, dass am Ostbahnhof kein freies Taxi steht. Dreimal im Jahr müssen die Kunden warten, die restlichen 362 Tage stehen wir uns die Räder eckig. Bleibt doch mal cool!

Winker abseits der Halte hab ich stehen lassen, bis ganz zum Anfang bin ich aber auch nicht vorgefahren. Die größte Traube an Menschen, die immerhin artig ansteht, das passt schon. Wie gut ich das zeitlich hinbekommen hab, wusste ich da noch nicht. Aber der erste, der die Tür öffnete. fragte:

„Königs Wusterhausen, Ragow?“

„Kriegen wir hin. Sagen wir mal für 60€.“

Wie weit genau Ragow entfernt liegt, und dass es vom Ostbahnhof aus auch nicht wirklich weiter als KW ist … ich hab’s nicht gewusst und zwischenrein sogar gedacht, ich hätte mir damit selbst ein Ei gelegt. War aber am Ende völlig ok. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass an dieser Stelle niemand auch nur ansatzweise so eine Tour hatte. Ich hätte sicher unter 10 bis 20 wählen können. Aber 60€ sind unter den Top-5%, ganz sicher. 😀

Winken, aber richtig!

Ich denke, ich kann ausnahmsweise mal für alle Taxifahrer da draußen sprechen, wenn ich sage, dass wir uns über ausnahmslos jeden zusätzlichen Fahrgast freuen. Zahlungsbereitschaft und mangelndes Brockenlachen mal vorausgesetzt. Also winkt uns ruhig ran, das ist immer super!

Aber keine Regel ohne Ausnahmen. Und letztes Wochenende hatte ich so eine mal wieder: Ich war auf der Frankfurter Allee stadteinwärts unterwegs. Frisch in die Schicht gestartet, das Auto trotzdem so langsam warm, ich war bereit. Sowas von bereit!

Und dann stand da – das hatte ich natürlich lange realisiert – eine Dreiergruppe an einer Ampel und starrte den Verkehr an. Das muss nix heißen, aber es könnte doch … aber ich kam näher und näher und näher … naja, dann wollten Sie wohl doch einfach hinter der Autokolonne bei Rot über die Straße gehen.

Aber als ich noch 10 Meter entfernt war, hob einer den Arm und winkte mir zu.

WTF? Leute, ich war mit 50 bis 60 km/h unterwegs, 10 Meter hinter mir war das nächste Auto! Ich KANN so nicht anhalten.

Und ich will ehrlich sein: Schon aufgrund dessen, dass mir in dem Moment immer benötigter Umsatz unnötig flöten geht, vollzieht mein Gehirn da einen sehr schnellen Spurwechsel und ordnet die Winkende Person flugs aus der Schublade „nette Kunden“ in die mit der Aufschrift „Merkbefreite Vollpfosten, die ihrer Umwelt absichtlich schlechte Laune schenken“ um. Ein Fall für den nächsten Nachfolgeartikel von „Die 5 besten Methoden, ein Taxi heranzuwinken„. 🙁

„Voll richtig“

Man erwischt sich ja leider öfter mal auf dem falschen Fuß. Und das passiert natürlich auch zwischen Taxifahrern und Fahrgästen.

Der Kunde winkte mich an der Petersburger rechts ran. Südliche Fahrtrichtung, nur ca. 15 Meter vor der Kreuzung mit der Landsberger. Als Ziel gab er eine Straße an, die ich spontan irgendwo zwischen Marzahn und Charlottenburg verortet habe. Ich hatte also wirklich keine Ahnung. Aber der Kunde:

„Ist einfach geradeaus. Also da bei der Konrad-Wolf, Alt-Hohenschönhausen, kennste?“

„Äh, ja. Und damit wäre das dann nicht geradeaus, sondern links.“

Ich hab das in dem Moment eher ein wenig genervt eingewandt, weil wir nun auf der rechten von vier Spuren standen und sich die Autos auf der Linksabbiegerspur bis weit hinter uns zurückstauten und hinter uns bereits Nachschub kam, der uns das Rüberziehen weiter erschwerte. Aufzeichnungen meines anschließenden Manövers könnte man als Negativbeispiel an Fahrschulen verticken.

Ab da war mir der Weg klar, ich hatte auch die Karte längst rangezoomt und die Straße gefunden. Nur der Fahrgast war still geworden. Obwohl er doch eben noch ein reichlich gutgelaunter Trunkenbold von einer Weihnachtsfeier war. Die Stille dauerte an, bis wir die Storkower kreuzten. Da wandte er sich dann doch noch an mich und meinte:

„Du, Du … ich merk‘ das jetzt erst, Du fährst ja mal voll richtig! Ich hab das da gerade voll verpeilt von der Richtung.“

„Hab ich gemerkt. Aber dafür mache ja ich den Job und ich bin nüchtern.“

„Das ist mal echt geil! Geradeaus, also wie ich …“

„Ja, da wären wir in der Warschauer gelandet und das Geschrei wäre groß gewesen.“

„Ja, echt mal! Das find‘ ich jetzt echt gut von Dir, Hut ab!“

Man meckert so gerne. Wir über die Fahrgäste, die Fahrgäste über uns. Wie’s halt so ist. Aber in solchen Momenten passt einfach alles. Und Ihr  könnt Euch nicht vorstellen, wie sehr ich sowas genieße. 😀

PS: Und ja, auch das Trinkgeld war entsprechend. 😉

Die schlechten Tage. Also die GANZ schlechten.

Natürlich haben wir alle unser Päckchen zu tragen und entsprechend neigen wir auch alle mal dazu, die Sorgen anderer beiseite zu wischen, wenn sie uns im Gegensatz zum eigenen Kram belanglos vorkommen. Und an anderen Tagen stößt man von jetzt auf gleich auf Menschen, mit denen man nie im Leben tauschen wollen würde. Und so ging es mir mit der ersten Fahrt der Woche, der ersten Fahrt des Monats.

Eine schnellentschlossene Winkerin, kurze Adressansage, danach sofort Handytelefonat. Und obwohl ich nicht absichtlich gelauscht habe: Die Eckpunkte haben mehr als nur gereicht!

Anruf vom Krankenhaus, ein Elternteil liegt im Sterben. Der einzige Weg, schnell die 400 Kilometer dorthin zu kommen wäre der Freund und der konnte/wollte nicht mal eben so spontan. Und so endete die Fahrt nach der Drohnung, dass Schluss wäre, wenn er jetzt nicht käme. Und die unklare Lage bezüglich rechtzeitigem Hinkommen blieb bestehen. Holy Shit!

Obwohl ich rückblickend nicht trauere, weil ich meine Mutter vor 7 Jahren* nicht mehr rechtzeitig besucht habe: Ich konnte das nur zu gut verstehen und ich hab während der ganzen Fahrt überlegt, ob ich eine Möglichkeit finde, eine Ferntour im Taxi irgendwie massiv im Preis zu drücken. Aber am Ende hätte ich auf meinen kompletten Lohn verzichten können und schon die Unkosten meiner Chefs hätten gut und gerne das Dreifache eines Bahntickets bedeutet. Mal abgesehen davon, dass ich bei aller Empathie ungern auf meinen Lohn verzichte: Das hätte immer noch obszön und nach Geschäftemacherei geklungen und nicht nach dem selbstlosen Angebot, das es gewesen wäre. Also hab ich’s gelassen.

Wenn das alles so ausgegangen ist, wie ich befürchte, dann weiß ich, wer sich dieses Wochenende und nächstes Jahr zur gleichen Zeit ziemlich die Kante gibt. Und eigentlich sind das so Sachen, die man nicht unbedingt wissen will, gerade wegen dieser Empathiegeschichte.

*Genau genommen sind es exakt morgen 7 Jahre. 🙁