Die sich selbst verlängernde Kurzstrecke

An einem Donnerstag runde 70% der Touren als Winker zu bekommen ist selten. Da kann man nach nur 4 Arbeitsstunden im Wochenendrhytmus  bei über 80 € auch mal auf übermütige Ideen kommen. In der Revaler Str. stürmten die nächsten auf mein Auto zu und wollten zum S-Bahnhof Treptower Park.

„Hm, da kann ich ja mal versuchen, Kurzstrecke zu machen.“

„Äh, ja. Boah, das wäre ja cool, wenn das reicht…“

„Versprechen kann ich nichts. Wenn’s vorher piept: Anhalten?“

„Äh… nee, jetzt noch durch den Regen wollen wir auch nicht.“

Schöne Geschichte! Das Ende der Fahrt war allerdings derart unglücklich, dass die beiden tatsächlich 7,00 € zahlen mussten. Das heisst, die Kurzstrecke war vorbei, und für die letzten 300 Meter haben sie damit 3 € extra bezahlt. Eine Art Worst-Case-Szenario für die Berechner von Teilstrecken 😉

Aber die beiden haben noch ein kleines Trinkgeld (sie nannten es T-Geld) gegeben, und ich war tatsächlich ziemlich zufrieden, nun bereits 90 € in der Tasche zu haben. Ich hab kurz die Tourdaten notiert und bin losgefahren. In dem Moment brüllt jemand aus Richtung des S-Bahnhofes und ich sehe eine winkende Gestalt. Also Bremse!

Als er näherkam, erkannte ich, dass es doch kein neuer Fahrgast war, sondern einer der alten, und er vermisste sein Handy. Ich habe es tatsächlich in der Seitentasche der Tür gefunden, und er war ziemlich glücklich darüber, dass wir das noch hingekriegt haben.

„Hey, ich danke dir auch! Ist ja immer mords der Aufwand mit dem Zurückbringen und so…“

Sie wollten mit der S-Bahn weiter, und so verzog er sich wieder zu seinem Kumpel. Ich – immer noch grinsend wie die leicht unglücklich beim Vergrößern deformierte Version eines Honigkuchenpferdes – hab das Auto an der nächsten Ecke gewendet und bin gen Matrix geschossen. Wollte gen Matrix schießen.

Am S-Bahnhof winkten drei Leute. Meine beiden und ein weiterer…

„Fährt keine Bahn mehr…“

meinte der eine gleich beim Einsteigen.

„Wir müssten dann doch nach Adlershof.“

Wow! So leid es mir für die Jungs getan hat, so sehr hab ich mich doch auch für mich und mein chronisch unterfüttertes Portemonnaie gefreut.

„Da haben wir dir ja doch noch ne ganz nette Tour verschafft, was?“

„Allerdings! Ihr werdet keine Beschwerden von mir hören!“

Die drei haben sich überwiegend selbst unterhalten, aber im Laufe der Zeit kristallisierte sich eine weitere Verdienstmöglichkeit heraus. Der dritte im Bunde wollte auch nur in Adlershof in den Nachtbus wechseln, eine Weile weiterfahren und dann eine Dreiviertelstunde (!) heimlaufen. Irgendwann fielen sie dann endlich, die warmherzigen Worte:

„Sag mal, was würde das denn von Adlershof nach Eichwalde kosten?“

Das alles war letztlich eine mehr als lockere Tour, die sogar noch einen fünfminütigen Stopp beim McDrive in Adlershof einschloss. Die Jungs waren allesamt super relaxt (der eine sogar aus hormonellen Gründen überzufrieden) und so kam es, dass das was ich als Kurzstrecke in Friedrichshain gestartet habe, irgendwo im tiefsten Schulzendorfer Wald geendet hat mit insgesamt 46,60 € auf der Uhr und – auch wenn es nicht viel ist für so eine Tour – 80 Cent Trinkgeld.

Möge der Neid in Form ätzender Säure aus den Arschlöchern der Kollegen rinnen, die gerne kurze Touren ablehnen…
(OK, das ist hart ausgedrückt, aber es war ein mir tief innewohnendes Bedürfniss!)

I’m back!

Hach, Taxifahren…

Ich habe in meinem Leben bisher fast alle Arbeiten zu schätzen gewusst, die ich gemacht habe. Verzichtet bei der Überprüfung dieser These besser darauf, mich auf „Textiles Werken“ in der Grundschule und meine sagenumwobene Tätigkeit als „Assistent Chief of Pneumo-Blasting“ bei Körber anzusprechen.

Aber Taxifahren ist irgendwie anders. Ich habe jetzt drei Tage frei gemacht. Einen geplant, einen weiteren vorgezogen und den letzten, weil ich einfach keinen Bock auf miese Umsätze und so oder so zu schlecht geschlafen hatte.

Aber als ich dann heute wieder auf der Piste war, kam nach 10 Minuten sofort wieder dieses „Wie hab ich’s nur so lange ohne ausgehalten?“-Gefühl. Aber dazu musste ich auch erst einmal anderthalb Stunden zu spät aus dem Haus gehen…

Die Schicht begann mit gemäßigtem Einsatz wie immer. Eine halbe Stunde am Ostbahnhof für eine Fahrt mit einem alten Bekannten (sind ja nicht nur immer die gleichen Fahrer dort). Kurze Strecke, 7,40 € und 1,60 € Trinkgeld. Was seichtes zum Wiedereinstieg.

Auf dem Rückweg eine Winkerin am Frankfurter Tor: Tempelhof, 16 €.

Auf dem Rückweg eine Winkerin am Mehringdamm: Bundesplatz, 13 €.

Auf dem Rückweg eine Winkerin an der Hauptstr…

Ja, da ist die Schicht dann ins Surreale gedriftet. Sie wollte zu einem Einkaufscenter, um dort für eine Freundin ihren Freund auszuspionieren. Undercover im Taxi… habe ich schon einmal erwähnt, dass es nichts gibt, was es nicht gibt in unseren hellelfenbeinfarbenen Kisten? Naja, der Freund wird wohl Ärger bekommen, ich hab 25 € bekommen. Lieber Taxifahrer als Freund 😉

Bei meinem zweiten Halt an meinem Lieblingsbahnhof wartete ich wieder eine gewisse Zeit, die ich ausgiebig zum gemütlichen Essen und Lesen nutzte. Danach ging es plötzlich schnell, 20 Fahrgäste kämpften um 10 Taxen und ich bekam ein nettes älteres Ehepaar, dass ich dann ganz relaxt nach Zeuthen gegurkt habe, bis mein Hunni voll war.

Dreieinhalb Stunden für 100 € – das war auch mein Silvesterschnitt…

Zurück bin ich allerdings leer gefahren. Keine Chance, kurz hinter der Stadtgrenze Leute zu finden.

Erst am Matrix gelang es mir, eine kurze Tour zum Tresor zu ergattern. Naja, 7 € sind ja besser als nichts.

Ich bin dann gleich zum Matrix zurück und habe ein paar Schweden ins „worst hostel in Berlin“ in der Brunnenstr. kutschiert, die mir mit lautstarkem Vorsingen von Abba-Evergreens ihre Heimat schmackhaft machen wollten. Nichts gegen musikalische Unterhaltung, aber ich war froh, als ich nach dem Aussteigen der 6 freundlichen Skandinavier meine Metallica-CD wieder lauter drehen konnte.

Neben einer Kurzstrecke stand alsbald auch vom Matrix aus eine der absurdesten Touren an. Ein Bundi, der zur Kaserne musste, mit dem sich eine lebhafte Diskussion über dies und das entspann, insbesondere weil unsere politische Diversität in anderem Umfeld das Auto gesprengt hätte. Umso erstaunlicher, dass es am Ende sage und schreibe 7,40 € Trinkgeld gab mit der Begründung „Das Gespräch war ja auch voll in Ordnung so!“

Bis zum Tanken sind mir noch dreimal Winker ins Auto gesprungen, und nachdem das Autochen wieder Gas hatte, und ich mit 179,80 € in der Tasche mehr als nur zufrieden war, habe ich mich noch ein drittes Mal ans Matrix gequält. Die Freude war allerdings nur von kurzer Dauer, da eine Delegation der Karnevalstruppe Party-Bus-Grün-Weiß Probleme damit hatten, dass wir Taxifahrer in zweiter Reihe standen. Da gab es zwar meines Erachtens nach noch nie Ärger mit denen in der ersten Reihe, weil wir immer fürsorglichst Lücken freiräumen, aber nach einem kleinen Überschuss Testosteron ob dieser Willkür (in 99% aller Fälle lassen sie uns ja stehen…) und dem Beweis, dass man es schaffen kann, auch mit 6000 U/min vom Hof zu fahren, ohne Geschwindigkeitsbegrenzungen zu übetreten, habe ich direkt ums Eck noch einen Winker eingesammelt, den ich so schnell niemals am Matrix bekommen hätte.

Das waren auch noch 13 € und zudem habe ich derart pünktlich auf 4.30 Uhr Feierabend machen können, dass ich mal keine Bahn verpasst habe.

Ich wüsste wirklich nicht, was an dieser Schicht hätte besser laufen sollen!

Ferien…

Ich kann mir die Termine für Schulferien eigentlich nicht merken. Ich sage mir inzwischen:

„Ich merke es ja dann daran, dass die Umsätze in den Keller gehen.“

Und siehe da: Hallo Ferien!

Nein, über meinen gestrigen Umsatz will ich mich nicht beschweren. Aber die Kollegen werden mir beipflichten, dass 7 Fahrten bei 9,5 Stunden Arbeitszeit reichlich unterirdisch sind. Aber der Taxi-Gott wäre ja nicht er selbst, wenn er nicht auch hier im Blog mitlesen würde, und mir deswegen am Ostbahnhof einen netten, anspruchslosen aber interessierten, gesprächigen und gut gelaunten Fahrgast nach Blankenfelde Dahlewitz spendiert hätte.

Mit 112,20 € kann ich zum Ende der Schicht ja noch zufrieden sein.