Die Apotheken-Tour

Ich stand wie desöfteren schon am Ostbahnhof. Da kam ausgerechnet auf mich – drittes Taxi in der Reihe – ein junger Mann zu. Da er mich gleich auf Englisch angesprochen hat, war die Sprachwahl wenigstens klar. Manchmal wird man ja nach einem „Hallo“ auch überrascht davon, dass der Fahrgast kein Deutsch kann…

„Next Pharmacie“ war so in etwa das, was ich verstehen konnte. Ich hab noch einen Kollegen gefragt, ob er eine offene Apotheke wüsste, aber der har nur gemeint, ich solle doch bei der im Bahnhof nachsehen, welche Apotheke Notdienst hat. Nach ein paar Wortfetzen in Englisch sagte mir der Kerl jedoch, dass man ihm bereits gesagt hätte, am Hauptbahnhof wäre noch eine offen. Das wäre auch die erste, die mir eingefallen wäre – aber mir wäre das zu weit gewesen…

Naja, der junge Mann kam aus Polen und seine Freundin hat überraschend schnell ein Magen-Darm-Virus eingefangen. Die Tour zum Hbf wäre schon ok gewesen, aber nun stellte sich heraus, dass er zuvor noch zur Bank und anschließend wieder zuück musste…

Das war dann die beste Tour des Abends. 22,40 €! Zumal es echt ein netter Kunde war, mit dem ich mich – wenn auch auf Englisch – ganz gut unterhalten konnte… und am Ende war ich wieder am Ostbahhof, wo ich quasi hingehöre… sehr geil!

Die Kurzstrecken-Geschichte

Insbesondere von Fahrgästen habe ich schon x-mal Entschuldigungen dafür gehört, dass sie ja nur so eine kurze Strecke fahren. Das kommt natürlich daher, dass sie das ein oder andere Mal von Kollegen angeschnauzt worden sind, die schon eine Stunde am Taxistand gewartet haben und dann nicht wahrhaben wollten, dass das jetzt echt nur ein paar Euro Umsatz sind.
Ich finde das (nicht das Entschuldigen!) ärgerlich. Ich habe neulich schon einmal ein wenig dazu geschrieben, ich möchte es aber gerne hier noch einmal tun.
Zunächst: Natürlich ist eine Kurzstrecke nicht übermäßig super für einen Taxifahrer. Wenn ich eine Fahrt für sechs Euro mache, dann bedeutet das, dass es mir brutto nicht einmal drei, netto gerade mal noch etwas über zwei Euro bringt. Und natürlich ist das nach einer Stunde Warten ein trauriger Gedanke – wenn man das auf einen Stundenlohn umrechnet. Das aber – auch das habe ich schon geschrieben – sollte man als Taxifahrer besser vermeiden! Oder zumdindest so fair sein, und die zwei 25-Euro-Touren in der letzten Stunde auch mal würdigen. Taxifahren hat zwar zu einem gewissen Anteil mit dem richtigen Riecher und mit dem Wissen über Veranstaltungen zu tun. Zum anderen ist es ein weit größeres Glücksspiel als Roulette. Ich weiss wirklich NIE vorher, wohin ein Fahrgast will. Der Mann, der mit Koffern aus dem Bahnhof kommt, kann mit viel Glück zu seiner Verwandtschaft aufs Land raus fahren oder wegen eines verpassten Zuges auf Bahnkosten sogar in eine entfernte Stadt. Er kann aber auch ins Hotel nur 700 Meter weiter wollen, weil er nicht weiss, wo es ist und die Koffer so schwer sind.
Und nicht nur, dass wir als Taxler eine Beförderungspflicht haben: Alle diese Möglichkeiten sind aus Sicht eines Kunden völlig legitime Beförderungswünsche!
Das Glück greift aber auch hier wieder ein: Jede einzelne Fahrt am Tag ist de facto auf den Punkt des Losfahrens zurückzuführen. Mitunter entscheidet eine einzelne Ampel im Nirgendwo zu Beginn der Schicht darüber, wie der Rest des Tages läuft. Ergo: Ohne die Kurzstrecke am Anfang hätte man wahrscheinlich nie die lukrative Umlandfahrt am Ende gehabt, weil man eventuell zu dieser Zeit am anderen Ende der Stadt gewesen wäre. Das sollte man sich als Fahrer auch vor Augen halten. Klar bin ich auch froh, wenn ich zu Beginn gleich 20 Euro in der Tasche habe – denn die nimmt mir keiner mehr. Aber allzu kurzfristiges Denken ist hier nicht immer die logischste Herangehensweise.
In gewisser Weise möchte ich meinen unwilligen Kollegen aber auch einen Dank aussprechen. Denn nur das wiederholte Abweisen bringt Fahrgäste wohl dazu, den Taxifahrer, der sie dann fährt, mit einem entsprechenden Trinkgeld zu belohnen. Und entgegen dem Restumsatz gibt es das ja brutto=netto auf die Hand, das nimmt mir also erst recht keiner mehr!
Aber gut, ich bin jung und doof, und der harte Job wird mir schon noch irgendwann den Kopf waschen, nicht wahr 😉
Ist es nicht komisch, dass ich als Fahrer Verständnis für die Kunden habe? Wo kommen wir denn da hin?

Der erste Frager

Ich wurde ja schon darauf vorbereitet, aber es hat mich dann gestern schon überrascht, als am Ostbahnhof ein gut gekleideter Mensch auf mich zukam und mich fragte:
„Guten Abend. Entschuldigen Sie, würden sie mir vielleicht eine Rechnung ausstellen von Treptow zum Flughafen?“ Ich habe mich noch einmal vergewissert: „Ohne zu fahren also?“ Er meinte: „Ja, aber keine Sorge, ich brauch das auch nicht für Deutschland – ich rechne das im Ausland ab…“
Also, was das letzte Argument sollte, weiss ich auch nicht. Welchem Staat ich nun schade, ist mir relativ egal – das könnt ihr mir glauben. Aber derartiger Quatsch – für ein paar Euro Steuererleichterung irgendeines Menschen, der es sich sicher leisten kann – kann mir sicher einiges versauen, wenn es mal rauskommt. Auch wenn die Chance nahe bei Null liegt.
Immerhin war es kein nerviger Zeitgeselle. Er hat mein Nein akzeptiert und mir freundlichst einen guten Abend gewünscht. Naja, ich nehme an, er hatte hier oder da auch noch Erfolg damit.