Auf dem Heimweg

Kurz bevor ich auf den Knopf drücke, sehe ich fast schon automatisch auf mein Handy. 4:23 Uhr. Wieder zwei Minuten zu spät. Ich bin nicht kleinlich bei zwei Minuten, aber in den letzten zwei Wochen ist keine meiner Straßenbahnen pünktlich gewesen. Dieses Mal empfängt mich die BVG immerhin mit einem frisch geputzten Wagen und einem etwa 1,90 m großen Jugendlichen, der mit zwei Mädels unterwegs ist und einen scheinbar Fremden, dessen Gesicht ich nicht sehen kann, lautstark darüber aufklärt, dass er „und die beiden Hübschen hier“ hackedicht seien.

Zwischen ihnen und dem Fahrerkabuff steht quer zur Fahrtrichtung eine offensichtlich blinde und schon reichlich betagte Rollstuhlfahrerin, die die Eskapaden des lauten Kerls mit stoischer Miene hinzunehmen scheint. Direkt neben der Türe, durch die ich die M6 betrete, übersehe ich eine junge Frau, die sich halb schlafend gegen den Fahrkartenautomaten lehnt.

Entgegen der Fahrtrichtung, also nach links, steuere ich auf einen freien Viererplatz zu, muss dazu aber zwei Pärchen passieren. Rechts, auf einem von zwei Einzelsitzen, ein Mittdreißiger mit stolzen 30 cm rotem Bart unterm Kinn; Käppi, Kutte und komplett in schwarz gehüllt. Neben ihm die Freundin oder Frau, ebenso wie er eher kompakt gebaut und von Kopf bis Fuß in schwarz. Dreadlocks bis zum Hintern, ein Blazer verdeckt die Hälfte des Bandshirts, das sie darunter trägt. Beide sitzen sie aufrecht wie in der Schule und scheinen dem Treiben im Vorderteil des Wagens zu folgen. Links ein ungleiches Paar. Er stiernackig, mit weinroter Bomberjacke und einer Frisur, wie sie die meisten Freizeitnazis tragen. Dazu aber eine Brille, die ihm Intellektualität zu verleihen scheint. Sie – auf dem extrabreiten Einzelsitz eng an ihn geschmiegt, wasserstoffblond und vom Aussehen her 10 Jahre älter. Weiße Klamotten, die Haare pitschnass. Woher auch immer. Sie gibt das perfekte Gegenstück zur 2 Sitze weiter postierten Metalbraut ab.

Hinter jenem Pärchen ein Typ in meinem Alter. Muskulös, nüchtern, mit harten Beats auf den Ohren dezent nickend und seine Playlist weiter durchforstend. Als ich mich hinter die Schwermetaller setze, ist das die Szenerie, die ich überblicke. Bis auf die Rollstuhlfahrerin, die verschwindet hinter dem lauten Typen mit hellblauem Kapu und bunt gemusterten Bermuda-Shorts, der gelegentlich aufspringt und dem anderen Typen irgendwas zeigt. Vielleicht auch nur, weil es etwas kalt für kurze Hosen ist. Draußen hat die Dämmerung erst begonnen, der Sonnenaufgang sollte erst in einer halben Stunde erfolgen, die Außentemperatur lag Minuten zuvor laut meinem Autothermometer bei 13°C, in der Bahn läuft zudem die Klimaanlage auf höchster Stufe.

Unmittelbar aus einem Gespräch über Wodka unter den Jugendlichen schreit der blaubunte Typ plötzlich:

„Fick die BVG!“,

nur um aus der Reihe der Mädels gesagt zu bekommen:

„Ey, des hast Du jetzt gesagt, das ist nicht meine Meinung!“

Nur seinen Rücken sehend, erahne ich, dass der Kerl in schwarz seine Muskeln anspannt, er befürchtet offenbar Stress. Seine Frau und er blicken sich für einen Moment gegenseitig an und beide schütteln sie unbemerkt von den meisten sachte ihre Köpfe. Nicht ganz synchron, wie sicher 2 Stunden zuvor auf irgendeinem Jugendhauskonzert, aber sichtbar aufeinander abgestimmt. Der muskulöse Glatzkopf neben mir findet ein schnelleres Lied und überbietet die beiden in ihrer Frequenz. Auf seinem Sweatshirt steht der Name eines Installateurs. Frühschicht, schätze ich.

Während ich meinen Blick Müdigkeit vortäuschend durch die Runde gehen lasse, entdecke ich erstmals die junge Frau am Fahrkartenautomaten, die just in diesem Moment die Augen öffnet und ihrem ablehnenden Wegdrehen nach etwas zu viel in diesen flüchtigen Blickkontakt hineininterpretiert. Sie beginnt damit, sich unzureichend schlafend zu stellen. Käpt’n Blaupulli lässt die ganze Bahn wissen, dass es jetzt mit der Party erst losgehe.

An einer Haltestelle steigt ein Pärchen ein, außerhalb meiner Sichtweite, hinter mir. Offenbar irritiert vom frisch geputzten Boden der Straßenbahn kreischt sie:

„Igitt, was’n hier passiert?“,

während ihr Begleiter mit den Worten

„Was weiß ich?“

an mir vorbeimarschiert und die beiden sich hundemüde rücklings zu den lauten Jugendlichen auf jeweils eine eigene Seite setzen. Sie nickt umgehend ein, er versucht die nächsten anderthalb Minuten mit seiner adretten Kleidung und ausgeprägtem Augenbrauenheben auf die Wodka-Wodka-Rufe hinter sich zu reagieren.

Ein Schwall klarer Flüssigkeit spritzt auf den blauen Pulli des Wortführers im Frontabteil, vielleicht ja der Wodka. Er springt auf und droht dem die Schandtat vollziehenden Typen Prügel an:

„Ich kenn den Türsteher von dem Club da drüben!“,

was allerdings im Gelächter untergeht, da die Mädels ihn darauf hinweisen, dass der „Club“ ein Ikea sei. Die beiden Rocker erheben sich bedeutungsschwanger, gehen aber doch nur zur nächsten Tür, um kurz darauf auszusteigen. Herein kommt ein verplanter hagerer Typ mit Brille und Dreitagebart, der sich keinen Sitzplatz sucht, sondern glasig dreinblickend an seinem sicher nicht ersten Berliner Pilsner nuckelt, während er versucht, aufrecht zu stehen. Da der metallische Sitzplatz zunächst leer bleibt, windet sich die Blondine des Brillennazis aus ihrer Enge und setzt sich für seine Begriffe ein wenig zu energisch weg von ihm. Er quittiert das mit einem Schulterzucken, sie schmollt nun anderthalb Meter vor mir theatralisch.

Erst drei Stationen später fasst er sich ein Herz und flüstert:

„Un‘ nu? Hier aussteijen?“

Da er außerstande ist, ihr darauf erfolgendes Schulterzucken zu interpretieren, verschränkt er die Arme vor der Brust und starrt, so lässt seine Kopfbewegung erahnen, provokativ auf die BVG-Heftchen mit den Baustelleninformationen.

Ich  muss so langsam aussteigen und stehe auf, woraufhin der schwankende Dreitagebart ungläubig meine Größe zu erfassen versucht, sich dabei verschluckt und einen Hustenanfall bekommt. Dass ich die Haltewunschtaste betätige, scheint zumindest die weiterhin scheinschlafende am Fahrkartenautomaten kauernde junge Dame zu beruhigen und im lauten Abteil werden die wirklich interessanten Gespräche geführt:

„Was wäre denn, wenn wir jetzt sagen würden, dass wir lesbisch sind?“,

fragen die beiden Damen kichernd den Helden in blaubunt. Aufgerissener Mund, große Augen – und:

„Das wär‘ geil!“

Die Bahn hält, ich drücke den Knopf und bin raus. Im Vorbeigehen stelle ich fest, dass die Dame im Rollstuhl lächelt. Ich laufe bei meinem Döner ein, um mir eine Schachtel Zigaretten zu ziehen.

„Is‘ ruhig heute hier …“,

meint der Mann aus der Nachtschicht.

„Ach, draußen auch.“,

beruhige ich ihn. Was auf die vergangene Schicht im Taxi überwiegend zutrifft. Aber es fährt ja nicht jeder mit dem Taxi nach Hause.

Guter Anfang …

So kann es gehen: Ich fuhr zu Schichtbeginn zum Sisyphos und fand mich erschreckend alleine dort wieder. Was aber kein Problem war, da ich sofort rangewunken wurde. Perfekt! Die Tour ging zum Berghain und war dank eines Bankbesuchs zwischendrin schon 15 € wert. Der Teil bis dahin wurde umgehend bezahlt, dann aber wollte einer der illusteren Truppe noch seine Klamotten wechseln.

Ich hab ihm ganz uneigennützig vorgeschlagen, doch gleich mit mir weiterzufahren, da das deutlich billiger sei, als gleich ein anderes Taxi zu nehmen. Mit Erfolg. Und wohin ging’s? Zum Markgrafendamm. Für die Ortsunkundigen: das ist vom Berghain aus etwa zwei Drittel der Strecke zum Sisyphos zurück …

Damit aber nicht genug. Ich sollte kurz draußen warten und dann wieder zum Berghain fahren. Eine nette Zickzacktour, die mich mit 25,80 € auf der Uhr direkt an einer meiner Lieblingshalten aufschlagen ließ. Perfekt! Da ja trotzdem immer irgendwas ist: dass ich die Tour in zwei Etappen bezahlt bekam, war nur so semilustig – zwei Fuffis bei der ersten Tour. -.-

Aber wer will sich schon ärgern, wenn dann am Berghain nicht einmal ein Kollege (!) steht und man umgehend bezahlt weiterfahren kann?

Ich sag’s gelegentlich zur Erdung der Mitlesenden: Leider ist das alles andere als normal in unserem Gewerbe. Aber wenn’s mal so läuft, entschädigt das für so manche flaue Stunde …

Vielen Dank …

Was ich am Taxifahren nach wie vor mag, ist die Kundennähe. Natürlich ist das nicht ausnahmslos schön und ich hab mich sehr amüsiert über Eure Kommentare zum gestern geposteten Artikel. Aber es gibt so lustige Dinge, die halt einfach im Taxi zumindest mal wesentlich öfter passieren als bei anderen Dienstleistungsjobs.

So hatte ich dieses Wochenende Holländer im Auto. Inklusive der fußballerisch begründeten guten Laune. Leicht angetrunken, vier Jungs – und sie wollten ins Matrix. Hätte vom Klientel her auch eine Horrorfahrt werden können. Stattdessen lief es so:

Ich fragte, wie ich ranfahren soll. Natürlich fahre ich die Fahrgäste grundsätzlich bis ans Ziel, aber wenn man von der Warschauer Straße aus in Richtung Matrix zielt, muss man (so man sich an die Verkehrsregeln hält) einen ziemlichen Umweg machen, der sich durch knapp 100 Meter Fußweg vermeiden lässt. Als ich das erklärt hatte, wollten sie auch wirklich bereits am Durchgang von der Warschauer aus rausgelassen werden. Nun denn. Bringt mir 1,20 € weniger, freute diese Kunden aber wirklich enorm.

„Darfen wir Dich ein Lied singen? Den kennst du sicher: Vielen Dank …“

Und die ganze Rückbank stimmte mit ein:

„… FÜR DIE BLUMEN! VIELEN DANK, WIE LIEB VON DIR!“

Und dann haben wir uns die letzten 3 Minuten darüber unterhalten, wie alt wir waren, als wir regelmäßig „Tom & Jerry“ im Fernsehen angeschaut haben.

Für mich als Nachtfahrer fast noch halbwegs normal. Fast noch. Halbwegs. Mein größter Spaß in dem Moment bestand darin, mir zu überlegen, wie das bei anderen Berufen aussehen mag: Der Chor für den Anwalt im Gerichtssaal, weil er eine geringere Bestrafung erstritten hat; das Gesinge in der Pizzaservice-Hotline, weil es heute zwei Extra-Zutaten zum Preis von einer gibt; und die Blicke des Bankberaters, wenn man so auf die Genehmigung eines Dispositionskredites reagiert.

Ja, manchmal bin selbst ich froh über den dreizeiligen Smalltalk, der distanzierend beim „Sie“ bleibt und einfach nur eine professionelle Dienstleistung abrundet. Dass das aber nicht der Grund ist, warum ich den Job mag und warum ich hier blogge, das ist vermutlich trotzdem recht einleuchtend …

Botschaften, die einen das Gruseln lehren

Die recht begrenzte Kommunikation mit meinem Tagfahrer ist manchmal auch etwas kurios. Entweder ruft er mich an und fragt, ob ich heute auch wirklich fahre – oder er sagt mir, dass das Auto aus diesem oder jenem Grunde kaputt ist. Ansonsten läuft es so: wir schreiben uns ganz altmodisch Zettelchen, die wir im Auto hinterlegen. Der Kollege hat’s nicht so mit dem Internet, zumindest mal hat er keine eMail. Und auch mein einziger Versuch, ihm eine SMS zu senden, war irgendwie ergebnislos. Aber wir kommen schon klar und es ist jedes Mal schön, bei Schichtantritt einen Zettel vorzufinden. Meist steht dann nämlich drauf, dass er am nächsten Tag nicht fährt – was bedeutet, dass ich das Auto mit heimnehmen kann.

So im Grunde auch heute. Davor aber noch eine Notiz, die mich schlimmstes befürchten ließ:

„Hallo Sascha!
Sollen eine neue Kupplung haben.
Kommt mir ein bisschen komisch vor.“

Äh, what?

Nachdem ich dann ein paar Meter gefahren war, war mir aber klar, dass das wohl rein subjektiv war. Natürlich fuhr sich das Auto anders, aber das bin ich inzwischen gewohnt. Unser Mechaniker hat genau zwei Lieblingseinstellungen für neue Kupplungen: Einmal ist der Schleifpunkt 5 cm unter dem Bodenblech, ansonsten 5 cm über dem Pedal. 😉
Diesmal halt zweiteres. Hab’s mit der Routine langsam raus. Und den Wagen nicht einmal abgewürgt.

Bisher am weitesten verschätzt

hat sich ein Kunde neulich.

Manchmal hab ich so Leute im Auto, die irgendwie ein komisches Bild von Taxifahrern haben müssen. Sie sind verwundert, dass ich mich vernünftig artikulieren kann und glauben dann ziemlich schnell, dass ich ja eigentlich kein „richtiger“ Taxifahrer sei.

Was ein „richtiger“ Taxifahrer ist, darüber lässt sich sicher streiten. Aber hey, ich hab mir die Mühe gemacht, die Ortskundeprüfung für Berlin zu machen, kann mich an diesen Aufwand gut erinnern und fahre gerne Leute von A nach B. Selbst wenn ich inzwischen nicht mehr Vollzeit für meine Chefs arbeite, glaube ich durchaus ein „richtiger“ Taxifahrer zu sein. Und, bei allem Schreiben nebenher: auch darauf bin ich stolz!
Es ist zwar „nur“ eine Dienstleistung im Niedriglohnsektor, aber wenn man den Job gut machen will, dann fordert er einen auch.

Doch schon des Alters wegen ist die Frage danach, ob ich nebenher studiere, immer noch oft Thema im Auto. Ich antworte inzwischen mit einem Augenzwinkern und sage, dass es noch viel klischeehafter sei und ich nebenher schreibe …

Student grundsätzlich ist also eine häufige Zuordnung. Nun aber das:

„Wow! Jurastudium abgebrochen oder noch dabei!?“

Dabei haben die beiden Fahrgäste angefangen und mich nach meiner Meinung zu UberPOP gefragt. Da kommt man ohne juristische Fachtermini nicht aus, sorry … 😉

Für mich persönlich kann ich das inzwischen als Wertschätzung akzeptieren und würdigen. Aber wenn ich mich im Kollegenkreis so umsehe: Im Gegensatz zu mir haben die meisten anderen tatsächlich eine Ausbildung oder ein Studium  und meistens ein bisschen Berufserfahrung in ganz anderen Branchen hinter sich. Unterschätzt uns Taxler bloß nicht! 😀

PS: Zumindest in Berlin ist Taxifahrer wirklich kein üblicher Studentenjob mehr. Und zwar – Überraschung! – weil die Anforderungen (Ortskundeprüfung) so hoch sind, dass sich der Aufwand für zwei oder drei Semester kaum lohnt, da man sich mitunter ein halbes bis ganzes Jahr nur auf den Job vorbereiten muss.

Schichtentscheidend

Ob wir eine Stadtrundfahrt durch Berlin machen könnten, wurde ich kürzlich auf Twitter von @ms_pinkman gefragt.

Ich war unsicher. Stadtrundfahrt? Ich? Soo gut bin ich da ja als quasi noch Neuberliner mit ausschließlich nächtlicher Herangehensweise an die Stadt vielleicht eher ungeeignet …
Aber wie der folgende Dialog so ergab, ging es natürlich auch darum, mal im Reallife hallo zu sagen. Außerdem, so wurde mir versichert, läge eine nahezu umfassende Anspruchslosigkeit vor und meine Sicht auf Berlin als Nachttaxifahrer wäre voll in Ordnung. Das – und zugegeben auch die sehenswerte Preisvorstellung für dieses Arrangement – haben mich zustimmen lassen. Eine kleine, noch spontanere, Variante hatte ich ja schon mal.

Die letzte Woche habe ich dann damit verbracht, immer mal wieder über der Frage zu verzweifeln, wo ich eigentlich hinfahren könnte. Zwei Stunden waren als Zeitrahmen angesetzt, da wird die komplette Stadt schnell ein bisschen groß.

Aber gut, am Ende bin ich fast unvorbereitet in den entscheidenden gestrigen Abend gestartet. Die zwei Stunden waren – perfekt für mich – an den Schichtbeginn und noch vor das Fußballspiel von Uruguay gepackt. Erkannt haben wir uns am verabredeten Startpunkt lediglich durch das nette Lächeln und wir traten die Fahrt an. Von Friedrichshain über Kreuzberg und Neukölln, Tempelhof streifend nach Schöneberg, Charlottenburg und anschließend zurück über Tiergarten, Mitte, wieder Friedrichshain und Lichtenberg.

Der Zielpunkt hatte sich davor schon eher kurzfristig von „einer netten Bar“ zum Hotel verschoben, das am äußersten südöstlichen Ende Berlins lag. Das hat mich am Ende zwar die erste Halbzeit des Spiels gekostet, aber abgesehen von der finanziellen Entschädigung ist mir nach dem Ansehen der zweiten Halbzeit auch klar, dass ich bei der ersten nix verpasst habe.

Für mich ist nach der ersten Kriegste-das-hin-Anspannung eine nette Fahrt daraus geworden, während ich nebenher einfach mal über alles gequatscht habe, vovon ich einen Namen im Kopf hatte. Inklusive unnachahmlicher Currywurstbestellung und viel nettem Geplauder. Und scheinbar beruhte das auf Gegenseitigkeit. Was mich in Anbetracht dieser recht neuen Form von Fahrt wirklich sehr freut. 🙂

Aber ich habe auch einmal mehr festgestellt, dass ich mich an den Taxirhythmus gewöhnt habe. Zwei Stunden quasi am Stück durch die Gegend zu fahren, strengt doch mehr an als die üblichen Touren mit viel mehr Pause. Aber die hatte ich in dem Fall danach beim Fußballschauen zu Hause. Danach war es allerdings wirklich schwer, mich nochmal aufzuraffen und trotz dem äußerst grandiosen Start hab ich am Ende mein (dieses Mal allerdings eher großzügige) Schichtziel um 2 € verfehlt.

Aber nun ja, das ist Jammern auf hohem Niveau. Wie fast immer war das eine sehr schöne Lesertour, und dieses Mal sowas von absolut entscheidend für den Tag.

An dieser Stelle noch ein kleines Sorry an all die, bei denen es mal nicht geklappt hat. Ich mache das wirklich gerne, aber zum einen sind meine Arbeitszeiten begrenzt, zum anderen bin ich bei der Arbeit oft auch mal spontan am anderen Ende der Stadt, ohne das vorhersehen zu können. Manchmal bleibt mir nix anderes übrig, als am Handy das Gespräch kommentarlos wegzudrücken. Alles Gute ist eben nie beisammen, so isses halt.

Außer gestern Abend.

PS: Die Tour wird sicher noch lange den Rekord für die längste Fahrt innerhalb des Berliner Stadtgebietes halten. Müssten am Ende knapp 70 Kilometer gewesen sein.

PPS: Das entstandene Foto enthalte ich Euch vor. Ihr wisst schon … Aliens, meine Frisur … diese Geschichten.

PPPS: Mir wurde bei dieser Fahrt gesagt, dass bisher die Taxifahrer die freundlichsten Dienstleister in Berlin waren. Ein Dank an die Kollegen, die das immer wieder richtig gut hinkriegen!

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Die Kotztütenfrage

Hier in den Kommentaren kommt das Thema nach jeder Geschichte mit reihernden Fahrgästen hoch, heute hat aber auch Udo Vetter in seinem nach wie vor immer lesenswerten law blog auf einen Fall aufmerksam gemacht, bei dem es um einen Taxifahrer – und Kotztüten – ging. Also schreibe ich mal was dazu.

Zunächst der Fall:

Vor Gericht war der Kollege aus Bamberg gelandet, weil er auf der Autobahn 64 km/h zu schnell war. Nix, was man sich als Fahrer so einfach erlauben sollte. Seine Begründung war nun, dass sein Fahrgast so betrunken war, dass er eventuell hätte kotzen können und er als Taxifahrer deswegen möglichst schnell ans Ziel kommen wollte.

Er ist damit in erster Instanz tatsächlich durchgekommen. Was mich schon verwundert, aber gut. Im nächsten Durchlauf am Oberlandesgericht dann wurde allerdings zurückgerudert und klargestellt, dass das Interesse an der Einhaltung der Verkehrsregeln höher zu bewerten ist als die Sorge um die Verschmutzungen eines Taxis. Zumal sich diese z.B. mit Kotztüten vermeiden ließen. Im Großen und Ganzen ein verständliches Urteil, zumal ich mir die Frage stelle, ob schnelles Fahren nicht auch zusätzlich eher ein Risiko in so einem Fall darstellt.

Nun grundsätzlich:

Ich hab nix gegen Kotztüten und sie werden ja auch in verschiedensten Situationen sinnvoll eingesetzt. Sie sind billig und je nach Ausführung platzsparend. Und zweimal hat eine Tüte – in diesen Fällen zwar keine dafür vorgesehene, aber wayne? – tatsächlich schlimmeres verhindert. Vielfach bringen sie aber gar nix.

Ich weiß nicht, wie Eure Erfahrungen mit Leuten sind, die vom Alkohol kotzen mussten (und das sind bei mir im Auto natürlich alle Fälle), aber meiner Einschätzung nach gibt es zwei nennenswerte Gruppen:

Die einen sind soweit in Ordnung und meist recht heiter drauf. Sie wissen, dass sie einen über den Durst getrunken haben und haben selbst Angst davor, Kotzen zu müssen und sagen das mitunter auch ganz offen.

Die zweite Gruppe unterteilt sich in die, die schon so hinüber sind, dass sie mit offenem Mund im Halbkoma vor sich hinsabbern – und in die, die bis ganz ganz zum Schluss der Meinung sind, sie halten das schon aus und keinen Bock haben, zwei Euro mehr fürs Taxi zu zahlen, wenn man anhält. Oder es ist ihnen peinlich vor ihren Freunden.

Die aus Gruppe eins sind problemlos. Die sagen Bescheid. Manchmal etwas sehr kurz vorher, aber ich fahre in solchen Situationen auch meist so, dass ich auf ein schnelles Anhalten vorbereitet bin. Das geht also auch schnell.

Gruppe zwei sind die, die ich die ganze Zeit im Auge behalten muss und die dann in der Regel bei stehendem Auto noch zu besoffen sind, die Tür zu öffnen oder aus dem Nichts und ohne Vorankündigung 10 Meter vor Ende der Fahrt einen dicken Strahl direkt auf die ungünstigste Stelle richten.

Und Gruppe eins beinhaltet die absolute Mehrheit der Leute, die Kotztüten noch benutzen können oder wollen. Und wenn ich dann noch miteinbeziehe, dass ich die Tüten irgendwo griffbereit haben muss … und ja: Ich! Nicht die Kunden. Denn ansonsten sind sie eh geklaut, bis der erste Kotzkandidat auftaucht.

Ich glaube, für jemanden, der all die Problemkandidaten einlädt, habe ich eine recht brauchbare Kotzerstatistik auch ohne Tüten – und sie wird immer besser. Direkte Ansprache des Themas, Ausräumung der Angst vor den Wartezeitkosten, gleichermaßen Angst machen vor den Kosten beim Kotzen ins Auto, umsichtiges Fahren … ist ja nicht so, dass man nicht viel machen kann. Wie gesagt: ich hab nix gegen Kotztüten und hab eine Zeit lang (bis sie eben geklaut waren) auch welche spazieren gefahren. Im auf sie zugeschnittenen Fall können sie prima sein. Aber ich glaube, dass sie ihrem Ruf, die Problematik der Kotzer einfach zu lösen, in der Praxis nicht gerecht werden. Die Menschen sind zu unterschiedlich als das ein so simples Hilfsmittel alle Probleme lösen könnte.