Kleine unproblematische Kunden

„Kinder sind wie Tiger: Schön anzusehen, aber man sollte sie nicht in der Wohnung halten.“

Diesen Spruch hat meine Mutter mal gebracht und wahrscheinlich hat sie irgendwie Recht damit 😉 Ich komme als Nachtschichtfahrer ja beruflich nur relativ selten mit den lieben Kleinen in Kontakt, meist lohnt es sich allerdings danach, die Tour zu Papier zu bringen. Was all den untergroßen Fahrgästen gemein war, war dass sie eigentlich völlig stressfrei waren. Sicher, es gab kuriose Geschichten, die einem zu denken geben. Aber meist waren sie niedlich. Ob es nun Haie betraf, das Taxi selbst oder das Taxameter. Sogar mit der Polizei bin ich schon verwechselt worden… wenigstens für einen guten Spruch waren die Lütten also immer zu haben.

Als ich kürzlich seit langem mal wieder Kids im Wagen hatte, waren diese eigentlich ziemlich unspektakulär. Ein wenig unsicher schienen sie zu sein, aber auch das mit dem Fahrziel haben wir in Kürze erledigt bekommen:

„Wir müssten zur Tölchaustraße.“

„Da habt ihr mich erwischt. Kenne ich nicht. Aber ist das zufällig in Marzahn? Da würde ich nämlich eine Poelchaustraße kennen…“

„Marzahn ist richtig, dann isses wohl die.“

War sie auch.

Als ob die beiden regelmäßige Blogleser wären, haben sie mir rechtzeitig gesagt, dass sie kein Geld dabei haben, sondern die Fahrt von ihrem Bruder bezahlt werden würde, wenn sie da sind.  Also nicht mal ein Zwischenstopp bei einer Bank. Schade, konnte ich gar nicht Bodyguard spielen wie Klaus bei einer seiner Touren neulich. Ich hab ihnen erklärt, dass ich irgendein Pfand dafür benötigen würde und hatte kurz darauf ohne Widerworte ein strahlend himmelblaues Smartphone in der Hand. Na also.

Wenn es einen Grund gäbe, der mich überzeugen könnte, meinem Vampirdasein ein Ende zu bereiten und in der Tagschicht zu arbeiten, dann wären es sicher die Kinder 🙂

Vertrauen…

Ich habe einen Vorteil gegenüber den vielen selbständigen Kollegen im Gewerbe: Kein Papierkram! Ich kriege zwar nur einen Teil des erzielten Umsatzes und finanziere als Arbeitnehmer wie überall auch meine Chefs mit, dafür halten sie mir aber auch eine Menge Stress vom Hals. Was davon besser ist, ist schlicht nicht zu entscheiden, beide Modelle haben Vor- und Nachteile.

Jedenfalls kann ich zum Beispiel bedenkenlos Coupons annehmen.

Verschiedenste Unternehmen und Ämter geben an ihre Mitarbeiter Taxi-Coupons aus, um die Ausgaben letztlich gesammelt überweisen zu können. Das ist an und für sich eine gute Regelung, bei geschäftlichen Fahrten müssen die Beamten und Angestellten nicht immer die Taxikohle auslegen. Für Taxifahrer ist das ein zweischneidiges Schwert: Zunächst einmal haben wir natürlich statt Bargeld oder Geld auf dem Konto einen Gutschein, mit dem man nichts anfangen kann. Und am Ende kostet es Zeit, ihn einzusenden und auf die Überweisung zu warten. Von unklaren Problemfällen, wo eventuell sogar mal nicht bezahlt wird, ganz abgesehen.

Ich als Nachtfahrer hab recht selten Coupon-Fahrten, manchmal monatelang keine einzige. Da kann es dann schon nerven, wegen eines einzelnen Coupons über 7,60 € extra zusätzliche Arbeit zu haben. Meine Chefs im Taxihaus-Berlin hingegen haben mit ihren rund 20 Taxen natürlich ständig solche Zettel und können die routinemäßig und teilweise gebündelt abschicken. Deswegen muss ich am Stand keine Coupon-Fahrten ablehnen. Sehr schön.

So bin ich neulich zu einer Mitarbeiterin des Umweltministeriums gekommen, der ein anderer Fahrer verkündete, er könne die Fahrt nicht annehmen. Sie nahm es gelassen:

„Na, sie fahren ja ein Umwelt-Taxi. Passt sowieso viel besser!“

🙂

Da so viele Coupons von verschiedenen Firmen existieren, muss man beim Ausfüllen aufpassen. Jeder fehlende Stempel, jede fehlende Unterschrift könnte bedeuten, dass er wertlos ist. Die Kunden selbst gehen mit den Dingern jedenfalls ziemlich lässig um. Manche wollen gleich, dass man einen anderen Betrag draufschreibt und somit den Arbeitgeber gleich noch das Trinkgeld mitbezahlen lassen, andere winken gleich ab und überlassen es ganz dem Taxifahrer. Man sollte bei Couponfahrten also auch ein bisschen Moral mitbringen, um die Dinger nicht auszunutzen.

Besagte Frau indes meinte gleich zu mir:

„Ist nicht so, dass ich ihnen nicht vertraue, aber könnten sie bitte den Betrag gleich reinschreiben…“

Na logo. Obwohl es nicht weiter schwer gewesen wäre, aus 7,60 € 17,60 € zu machen – nur mal so nebenbei. Dass ihr Vertrauen allerdings etwas angeschlagen war, verstehe ich gut, denn sie war von ihrer Hausverwalterin angerufen worden, weil es einen Einbruch in ihre Wohnung gegeben haben könnte…

Die Kollegen, die Gutscheine des (vermeintlich geringeren) Trinkgeldes wegen nicht annehmen, kann ich indes auch beruhigen: Sie hat mir zwei Euro in bar obendrauf gelegt und war sonst auch eine sehr angenehme Kundin. Also alles ganz in Ordnung mit diesen grünen Zetteln! Aber gut, die Arbeit mit dem Scheinchen haben schließlich auch meine Chefs. 🙂

Gottes Segen…

Ich erinnere mich daran, dass in einer der Toiletten in der früheren Wohnung meiner Mutter ein Comic an der Wand hing. Er zeigte einen Geistlichen mit gefalteten Händen, die Augen himmelwärts zum Gebet gerichtet. Daneben lehnte sich ein Taxifahrer aus seinem Mercedes und schimpfte:

„Was heißt hier Gottes Segen? Achtzehnfuffzich, aber zack zack!“

Auch wenn ich eher auf eine sachliche Verhandlungsweise mit den Kunden stehe, amüsiert hat mich der schon immer. Vielleicht auch, weil ich mit der Kirche nicht viel anfangen kann 😉

Inzwischen bin ich um einige Erfahrungen im Taxi reicher und nach einer Anfrage derletzt habe ich großes Verständnis für den fauchenden Fahrzeuglenker. Am Ostbahnhof sind zwei Frauen fast die komplette Taxi-Schlange entlanggetingelt, um irgendeinen Fahrer zu überreden, sie mit einer Kurzsstrecke zur Zossener Straße zur Heilig-Kreuz-Kirche zu bringen. Es hat sie nicht gestört, dass wir ihnen gesagt haben, Kurzstrecke sei vom Stand aus kein legitimer Tarif, sie ignorierten auch meinen Einwand, dass es sich um eine Route von 4 Kilometern Länge (Google Maps) handelt.

„Aber wir sind doch von der Kirche und wir müssen doch…“

Ich bin fair im Umgang mit allen (auch potenziellen) Fahrgästen. Aber ich hasse das, wenn sich Leute Privilegien rausnehmen wollen, bloß weil einen bestimmten Job haben, viel Geld – oder eben weil sie sich aus Überforderung einen virtuellen Freund zulegen müssen. Eine Taxifahrt kann lustig sein, ein wirklich ergreifendes Erlebnis, interessant, auch mal traurig oder bestürzend. Letztlich ist es aber auch einfach eine Geschäftsbeziehung: Der Fahrgast will ans Ziel kommen, der Taxifahrer Geld verdienen. Um das Ganze erfolgreich abzuwickeln, müssen beide Seiten mitspielen.

An dem Abend hat Gott seine Schäfchen wohl ganz schön im Regen stehen lassen. Angeblich ist der Alte ja allwissend. Dementsprechend muss ich wohl die Pfarrer dieses Landes bitten, künftig ein bisschen mehr über den Taxitarif zu predigen. Und dann preiset seine Herrlichkeit, aber zack zack! 😉

Und? Meckerste?

Es war eine reichlich verstrahlte Truppe, die mir am Boxi ins Auto gekrochen kam. Ich persönlich tippe ja auf eine Gruppe Alt-Autonome aus den 80ern, aber es kann sein, dass mich da mein Blick auf die Szene und das Umfeld einen Trugschluss machen ließ. Der letzte der drei, gerade dabei, seine selbstgedrehte Kippe wegzuschmeißen, fragte beim Einstieg:

„Ick hätt‘ noch ’ne Fraje? Meckerste jetzt die janze Zeit mit uns wejen de kurze Strecke?“

„Hatte ich eigentlich nicht vor. Aber auf Nachfrage mecker‘ ich natürlich gerne! Meinetwegen ununterbrochen.“

Es ist unglaublich, wie man mit so einem einfachen Satz, diesem kleinen Funken Ironie und dem zarten Hauch von etwas Schlagfertigkeit seine Fahrgäste für sich gewinnt. Ist noch eine tolle Tour geworden und für eine Kurzstrecke ein beachtliches Trinkgeld.

Gab übrigens keine Nachfrage nach Meckereien, sondern nur Lob 😀

Wechselgeld-Rekord

„Das mit dem Wechselgeld“ ist ja immer so eine Sache bei uns Taxifahrern. Wir hüten uns aufgrund von zahlreichen Überfällen davor, allzu viel dabei zu haben, bei den Kunden stößt das auf Unverständnis.

Ich selbst nehme zwar nicht viel Geld extra mit, nehme es den Kunden allerdings auch nicht per se übel, wenn sie mal mit großen Scheinen zahlen. Zumal manche auch nicht wirklich was dafür können. Manchmal vielleicht ein Bisschen. Aber wenn ich erstmal eine halbe Schicht oder mehr hinter mir habe, passt es ja meistens doch, wenn mal recht überraschend ein Fuffi auftaucht. Ich hätte zwar einmal um ein Haar eine 6€-Tour mit einem Hunni bezahlt bekommen, aber dazu kam es letztlich nicht.

Den prozentualen Rekord hab ich wohl jetzt am Wochenende eingestellt. Eine junge Truppe Amerikaner wollte zum Wombat’s Hostel. Den Zehner (waren 5 Leute) haben sie auch gleich passend mit kleinem Trinkgeld beglichen. Dann aber wollte ein Mädel aus der Truppe noch weiter in die Schönhauser Allee. Ich hab die Tour also weiterlaufen lassen, was am Ende gerade mal 1,80 € auf der Uhr ausmachte. Und dann? Klar:

„Mmmh, I only have 50…“

Sie kam frisch vom Geldautomaten am ersten Abend in Europa. Was will man machen? Also hab ich – ohne Trinkgeld natürlich 🙁 – wirklich 48,20 € rausgeben dürfen.

Was bin ich froh, dass das an dem Abend gut gepasst hat. Damit hätte sie mich manches Mal übel erwischen können…

Fritz Ehner, der Weihnachtsmann

„Guten Abend. Ich muss hier ins Fritz-Ehner-Karree. Kennen sie das?“

„Äh, ganz ehrlich: Nein!“

Mein Fahrgast war ein beleibter Mittfünfziger mit einer Reisetasche, die ungefähr das Gewicht meines Autos hatte. Also mal grob geschätzt nach dem Hochhieven in den Kofferraum. Ein netter Kerl mit (so schreibt man das immer gerne, aber ich habe keine Ahnung, was es bedeuten soll) rauschendem Vollbart, der langsam aber sicher farblich in Richtung #ffffff tendierte.
Hätte er auch nur angedeutet, mal ein Rentier gekannt zu haben, wäre ich sicher gewesen, dass es der Weihnachtsmann mit allen (!) Geschenken für nächstes Jahr ist.

„Hier, dann können sie vielleicht das Navi… muss auch ganz in der Nähe sein.“

Er reicht mir sein Smartphone. Ach Gottchen! Na klar!

„Ach so, das Wriezener Karree! Das ist kein Problem. Aber ich sage es ihnen gleich: Das ist hier nur 300 Meter ums Eck. Die Fahrt wird dennoch rund 4 € kosten, ist also ein verhältnismäßig teurer Spaß. Wenn sie wollen, können sie gerne aussteigen und laufen.“

Die Fahrt war zwar sicher nicht unbedingt das, was ich erhofft hatte – aber es ging mir ernstlich nicht darum, ihn loszuwerden. Ich weise auf diese Möglichkeiten bloß immer hin, da ich es selbst seltsam finden würde, wenn ein Taxifahrer nichts sagt, einmal abbiegt und mich dann mit einem Fantasiepreis von einem Euro pro hundert Meter konfrontiert.

„Nee nee, die Tasche ist sauschwer, da sind lauter Bücher drin! Ist alles ok, ich zahl das!“

Schnell hatten wir geklärt, dass er ins Ostel wollte. Das Ostel ist ein „DDR-Design-Hotel“ und als solches nicht zu übersehen. Der Anblick von unserer Richtung aus wird in diesem Blog ganz gut gezeigt. Und das ist auch das Problem. Denn der dämliche Pfeil mit dem Hinweis, wo die Rezeption ist, ist für Autofahrer mal für’n Arsch!

Hierbei sollte ich erwähnen, dass es natürlich sinnig ist, als Taxifahrer solche Details zu kennen. Aber gerade – oder vielleicht auch wegen – der Nähe zu meiner Lieblingshalte bin ich noch nie zum Ostel gefahren. Die Adresse ist zwar „Wriezener Karree“, bei der so eindeutigen Beschilderung habe ich eine Durchfahrt von der Straße der Pariser Kommune in Betracht gezogen. Die gibt es aber nicht. Mein Fahrgast war nicht ernstlich daran interessiert, seine Tasche weiter als nötig zu tragen, weswegen ich etwas verplant im Hof vor dem Haus (aber fern der Rezeption) das Taxameter bei 3,60 € gestoppt habe.

Mein Fahrgast fand eigentlich alles toll und hat sich dann erdreistet, dort anzurufen und sie wegen der Beschilderung zur Sau zu machen. Den Weg einmal um den monströsen Plattenbaublock habe ich dann angetreten, ohne das Taxameter wieder anzustellen. Ich bin ohnehin schon mit glatten 5 € bedacht worden, und ich hab es als Bildungsinvestition gesehen: Irgendwann muss ich ja mal lernen, wo der Eingang ist. 😀

Dort angekommen, hat mir der Kunde noch eine Münze zugesteckt: 2 €.

„Ist nicht nötig, ist mir ja auch unangenehm, dass ich ausgerechnet das jetzt nicht wusste…“

„Macht nichts, und ich muss doch irgendwie zeigen können, dass mir das gefällt!“

Und so hat der Weihnachtsmann auch seinen Sack seine Tasche noch bis zum Empfang hochgetragen bekommen. Nur so, falls ihr fragt, bei wem ihr euch für sein Wohlwollen bedanken wollt. Ich nehme auch gerne selbst Geschenke an 😉

Im Übrigen bleibt auch hier wieder einmal zu erwähnen, dass diese total miese kurze Tour vom Stand mit Trinkgeld etwa so ertragreich war wie eine durchschnittliche Fahrt…

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Taxifahren ist teuer…

Ob man es glaubt oder nicht: Es gibt viele Kunden, die glauben, dass Taxifahren mehr kostet als ohnehin schon. Ich möchte mal wieder auf einen alten Artikel verlinken – und damit auf eine Fahrt, die mir klar gemacht hat, dass wir mit unseren Tarifen eher werben sollten, als sie kleinlaut unter den Tisch zu schieben:

Taxifahren ist teuer!