Vier Pfund

Die italienische Reisegruppe, die am Berghain das Auto von mir und das eines Kollegen enterten, hatten durchaus etwas zu bieten. Sie wollten zu einem nicht unbekannten Bordell im Westen Berlins. Eine gut und gern 25 € schwere Tour, alles andere als Durchschnitt vom Berghain, wo sich die Fahrten meinem persönlichen Gefühl nach 80:20 auf 15€- und 7€-Touren aufteilen. Die Zielangabe war allerdings auch etwas seltsam, denn wer bitte fährt freiweilig eine halbe Stunde durch die ganze City, 15 Kilometer, zu einem Puff? Das ist ja fast so irrsinnig, wie in Paderborn zu behaupten, man gehe in den Puff, um cool zu sein 😉 (Link zu Torsten auf taxi-blog.de)

Beim Artemis ist man das als Taxifahrer gewöhnt. Die haben einen guten Ruf, machen sogar auf Bussen Werbung und werden oft ganz gezielt von Touristen aufgesucht. Aber jener Laden? Fernab der City, kurz vor Spandau?

Was mich bei Bordell-Touren erst einmal am meisten interessiert, ist eigentlich die Frage, ob der Laden seine Eintrittsgelder als „Trinkgeld“ für uns Taxifahrer springen lässt. Das ist natürlich nicht legal und meiner bescheidenen Erfahrung nach auch gar nicht so lohnend für die Clubs, wie sie vielleicht denken. Eine Menge Leute haben gerade bei käuflichem Sex sehr klare Vorstellungen, wo sie hinwollen. Aber so wird es gehandhabt. Je nach Laden variieren die Verdienstmöglichkeiten allerdings enorm. Neben dem Artemis gibt es einen Haufen kleiner Läden, die gar nichts geben, dann geht es über 5 und 10 € pro Person hoch bis in die Königsklasse, wo teilweise 40 € pro Person + 10 € pauschal und bei abermaliger Anfahrt sogar Prozente der Einnahmen ausgezahlt werden. Welchen Stellenwert das Ganze hat, kann man sich überlegen, wenn man mal eine ordentliche Wochenendschicht mit ca. 120 € netto beziffert und sich dann überlegt, dass man dafür nur eine Tour mit 3 Leuten in den richtigen Laden braucht.

Und ich hatte an jenem Abend 4 an Bord.

Aber über den Laden wusste ich wirklich nichts. Ich hätte die Jungs ja gerne im Sinne der gut zahlenden Bordelle überredet, doch nicht so viel Geld fürs Taxi auszugeben und lieber schneller woanders hinzufahren. Das war in dem Fall aber nicht nur wie sonst auch unmoralisch, sondern quasi unmöglich, da ein Teil der Gruppe in einem anderen Taxi saß.

Ausgerechnet dessen Fahrer allerdings hat – für alle Beteiligten! – die Situation gerettet. Denn er hielt an einer Ampel neben mir und fragte mich, ob ich mir sicher sei, dass der Laden noch existiere. Er wäre zwar vor einem Jahr das letzte Mal dort gewesen, da hätte es aber geheißen, sie würden umziehen…

Puh.

Das mussten wir erst einmal unseren Fahrgästen verklickern. Und bevor jetzt jemand was Böses von uns Taxlern denkt: Zum einen stimmt das, was mein Kollege gesagt hat. Beim Schreiben dieses Artikels hab ich nachgesehen: Der Club ist umgezogen. Zum anderen haben wir sie dann definitiv zu einem der allernächsten – wenn nicht DEM allernächsten Puff gebracht. Dass wir dort auch für unsere Mühen entlohnt wurden, ist da nur ein netter Nebeneffekt gewesen.

Und so sind die Jungs paarungswillig im Haus verschwunden und eine Minute später wurde ich bereits höflich gefragt, wie viele ich gebracht hätte.

„Vier.“

„Dann gib mir mal’n Pfund.“

Ein Zwanziger für ihn, zwei Fünfziger für mich. Diese Art Geschäft, wenn auch halbseiden, gefällt mir dann doch am Besten.

Obwohl ausgerechnet diese Kunden überhaupt nichts gegeben hatten, war mein Trinkgeld in dieser Schicht damit bei knapp 100 € und ich hab meine Sachen gepackt. Man soll ja Schluss machen, wenn es am schönsten ist 😀

Polish!

Das sei sie: Polish.

Ich nahm sie argwöhnisch unter die Lupe und so wurde mir schnell klar, dass sie ihre Sprache meinte und sich nicht für ein Poliermittel hielt – was mich zwar irgendwie gewundert hätte, aber immerhin roch sie so ähnlich.

Ich will ehrlich sein: Ich wollte diese Tour nicht unbedingt haben. Die Dämmerung nagte bereits an der Nacht und ich war eigentlich auf dem Heimweg. Also genau genommen war ich eher schon da, magere 500 Meter hätten mich noch von meinem Feierabend nach über 10 Stunden auf der Straße getrennt. Aber so läuft es nunmal, dieses Spielchen: Ich beschließe irgendwann, Feierabend zu machen und auf dem Weg noch alle mitzunehmen, die mir vors Auto laufen. In einer Samstagsschicht kann das auch mal ausarten.

Aber wo sollte es eigentlich hingehen?

„Gas Station. I need Cigarettes! Muss gehen zu Breslau. Weiß nicht wenn Bus.“

Ganz klassisch: Je schlechter man sich verständigen kann, desto mehr wird gequasselt. Zunächst habe ich also den Rückweg angetreten um an der Storkower Straße eine meiner Stammtankstellen zu besuchen. Dort angekommen wusste ich immerhin schon mal so grob Bescheid: Sie muss nach Breslau. Glücklicherweise nicht mit dem Taxi. Da hätte ich nicht nur meinem Tagfahrer die Schicht weggenommen, es wäre auch weder gesetzlich noch moralisch zu rechtfertigen gewesen, diese Tour noch zu machen. Sie aber sucht einen Bus nach Breslau. Oder einen Zug. Eilig war es auch nicht, sie wollte erst rund 24 Stunden später fahren. Nach der Tankstelle sei aber erst eine Bank an der Reihe, sie hätte nämlich nur schwedische Kronen in nennenswertem Umfang zu bieten.

Aha.

Immerhin: Die Blogbarkeit dieser Tour war zu keiner Sekunde zweifelbehaftet 🙂

Gegen meinen Willen brachte sie nach ca. 5 Minuten Wartezeit einen Kaffee mit – so ganz rausgefunden, ob er für mich oder uns beide gedacht war, hab ich nie. Ich hab ihr zuliebe zweimal daran genippt, ansonsten angsterfüllt zugesehen, wie sie den Becher ohne Deckel im Auto umherbalanciert hat. Bitte jetzt kein umgekippter Kaffee!

„Hab getrunken zuviel Whiskey!“

Beruhigend.

Ich hab mir nebenher ausgemalt, was ich mit ihr machen würde. Das Ergebnis meiner Überlegungen: Der Ostbahnhof. Bei weitem der naheliegendste Fernbahnhof mit immerhin auch ein paar Buslinien. Schnelles Googeln auf dem Handy ergab zwar nichts sinnvolles für die Verbindung Berlin-Breslau, da jedoch Zeit war, hielt ich das für keine schlechte Idee. Mal abgesehen davon, dass ich gar keine Lust mehr hatte, noch zum Hauptbahnhof oder gar zum ZOB zu fahren: Wenn Zeit kein Kriterium ist, dann muss man ja auch keine übel teure Taxifahrt durch die Stadt anleihern, wenn ohnehin eine S-Bahn fährt.

Und sie blieb dabei, dass sie Montags nach Breslau wollte. Und deswegen Sonntags um 6:15 Uhr im Taxi in Berlin sitzt.

Am Bersarinplatz war dann die Sparkasse an der Reihe. Ich hab unauffällig hier und da was von dem Kaffee verschüttet, der einfach zu heiß zum Trinken und zu gefährlich zum Transportieren war. Eigentlich hoffte ich ja auf ein paar Züge einer Zigarette, während sie in der Bank zu Gange war. Fehlanzeige: Zunächst wollte sie natürlich auch eine rauchen, was wenigstens bezahlte Pause bedeutete – dann aber musste ich natürlich mitkommen, da

„Cash Machine is not polish. Verstehe nix.“

Na gut, man hilft ja, wo man kann. Am Automaten hab ich ihr dann davon abgeraten, eine dort rumstehende angebrochene Spirituosenflasche zu testen, nicht nur aus Prinzip oder weil meine Kundin ohnehin angeschlagen war, sondern weil es ein aus Hollywood-Filmen antrainierter Verteidigungsmechanismus ist, niemals geöffnete Flaschen mit gelber Flüssigkeit anzurühren.

Und schon gar nicht, wenn sie Sonntag morgens auf einem Geldautomaten stehen…

Ich hab sie dann durch das englische Menü am Automaten geführt und versucht, ihr näherzubringen, dass sie nur 2 Nullen eintippen muss, wenn sie 200 € abheben will. Hat auch geklappt. Auch das mit der PIN ging gut, wir haben die Bank ohne Flasche, dafür mit Geld und Karte wieder verlassen. Inzwischen wusste ich auch über Ehestreitigkeiten, veruntreuende Finanzverwalter ihrer Firma und lauter so Sachen Bescheid, kurz: Ich war heilfroh, aus der Sache bald raus zu sein.

Nach einer kaum 5 Minuten dauernden Suchaktion der Euroscheine zwischen den ganzen Kronen habe ich sie dann mit einem Verweis auf den Service-Point für ihre weitere Suche entlassen. Und es gerade noch so rechtzeitig zum Arbeitsantritt meines Tagfahrers zum Abstellplatz geschafft. Am Ende war ich zwar müde und geschafft, irgendwie aber auch froh, nicht mit ihr tauschen zu müssen…

Karte leer?

Manchmal denkt man sich so seinen Teil. Ich dieses Wochenende zum Beispiel an der Danziger Straße. Ich stand dort an der Ampel, Ecke Greifswalder. Etwas schüchtern näherte sich eine Frau meinem Auto und fragte mich, ob ich sie mitnehmen könnte. Und ob ich EC-Karte nehmen würde.

„Hm… einen Kartenleser hab ich leider nicht. Aber kommen wir vielleicht unterwegs an einer Bank vorbei? Vielleicht bei ihnen direkt ums Eck?“

„Ich muss nach Kaulsdorf. Und nee, mit EC ist da nix.“

„Naja, auf dem Weg liegt auf jeden Fall die Sparkasse am Bersarinplatz. Da kann ich gut ranfahren, das geht dann ganz schnell. Oder bei welcher Bank sind sie denn?“

„Ja, ähm… Sparkasse.“

„Sollen wir das dann so machen?“

„Ähm, nee… ich glaub nicht.“

„Dann müssen sie wohl oder übel einen anderen Kollegen anhalten.“

„Ja, äh…“

Ich hab ja so einen Verdacht… (siehe Überschrift)

Nix!

„Was kriegen sie denn dann von mir?“

„Wir wären bei 5,60 €.“

„5,60 €? Das ist ja nix!“

Zugegeben: Eine längere Tour hätte mir auch besser reingepasst, aber ganz so hart wie mein Kunde wollte ich das eigentlich auch nicht bewerten. Für mich hat sich das Nix dank 2,40 € Trinkgeld aber auch noch ein bisschen erhöht 😉

Ach ja: Danke noch!

Leser-Touren sind für mich immer ein bisschen eine Herausforderung. Ich freue mich zwar immer, jemanden von euch kennenzulernen – andererseits ist es immer schwierig, weil ich keine Ahnung hab, was für ein Bild ich hier im Blog hinterlasse. Irgendwie nett und lustig, andererseits auch ein bisschen genervt von allen anderen und natürlich ein absolutes Ortskunde-Ass. Mindestens.

Nein, viele von euch schätzen mich sicher ganz gut ein, aber ein Bisschen mache ich mir immer einen Kopf. Im Falle von Christopher war das ganz offensichtlich umsonst, denn ausnahmsweise ging es bei der Fahrt nicht wirkliich um mich und meinen Blog, sondern vor allem um die Fahrt. Und was dieses Wochenende angeht, war es wirklich DIE Fahrt schlechthin.
Zum einen war der Umsatz und das Trinkgeld super, sehr angenehm war aber vor allem, dass die zwei Fahrgäste es nicht an der nötigen Ruhe mangeln ließen und ich am Ende wirklich sagen konnte, dass es spaßig und verdammt relaxt war von meiner Seite aus. Zumal die Fahrt mit ewiger Wartezeit, McDrive-Besuch und kleinem Umweg alle Register gezogen hat, just immer dann lukrativ zu werden, wenn es gerade am meisten Spaß gemacht hat 🙂

Leidtragender war dieses Mal Jo, der mich just erreichte, als ich unfern des Fahrtzieles der beiden im tiefsten Marzahn herumeierte und gerade zu diesem Zeitpunkt Kunden einsteigen wollten. Also Jo: Auch dir ein Danke! Fürs Gelassen-wegdrücken-lassen oder irgendwas in der Art.

Klappt halt leider nicht immer, ich kann nicht an 3 Orten gleichzeitig sein…

Auch noch!

Die drei Jungs von der Rückbank verließen das Taxi auf Geheiß von mir recht schnell. Nicht, dass irgendwas passiert war – ich wollte nur ihre Freundin aus der letzten Sitzreihe befreien, während sie noch rumdiskutierten, wer nun wie viel der knapp 7 € für die kurze Strecke zu berappen hätte.

Einer erbarmte sich schließlich, drückte mir einen Zehner in die Hand und meinte:

„Machste acht!“

Während ich einen Zweier zum Wechseln hervorkramte, stolperte einer der eher stark als leicht angetrunkenen Mitfahrer von hinten heran und gab folgendes von sich:

„Hassu hallo? Hassu wie is Taxi, hassu hallo? Bezahlen? Willsu? Ich hier! Ich hab auch fünf!“

Dazu wedelte er mit einem Fünfer um sich, woraufhin ihn sein Kumpel zur Seite schob und meinte, er hätte schon bezahlt. Ich hab mich kurz eingemischt und gemeint, dass ich den Fünfer gerne auch noch nehmen würde. Vielleicht klappt es ja irgendwann mal 😉

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

London Cab?

Der Hotelbedienstete hatte bereits den Verschlag geöffnet, da fiel ihr ein:

„Oh, eine Quittung bräuchte ich noch.“

„Kein Problem. Was haben wir heute? Den 5. oder schon den 6.?“

„Das ist egal, ich bin mein eigener Chef. Nur die richtige Stadt muss draufstehen. Nicht, dass sie mir da London reinschreiben…“

Verdammt. Erwischt! Wo ich das doch so gerne mache… 😉

Ehrlich gesagt: Alles frei ausfüllen kann ich gar nicht. So Details wie die Unternehmensadresse, die Konzessionsnummer etc. sind alle schon vorgedruckt, bzw. eingestanzt. Wenigstens in diesem Punkt sind die Quittungen gewissermaßen fälschungssicher. Obwohl ich mir auch nicht vorstellen kann, dass jemand auf die Idee käme…

Wobei manche Kollegen ja leider auf die absurdesten Ideen kommen.