Seltsamer Freitag

So, so langsam wird es eine absurde Serie. Das war nun der dritte Tag in Folge, an dem ich zwischen 135,90 € und 136,50 € eingefahren hab. Bei Arbeitszeiten zwischen 8,75 und 11,00 Stunden wohlbemerkt. Gestern war aber sowohl der Verlauf, als auch die Kundschaft teilweise erwähnenswert.

Begonnen hat alles mit einer Kurzstrecke noch vor dem Aufschlagen am Ostbahnhof. Ein Punk, der zu spät zur Arbeit kam – ein zeitloser Klassiker, wenn man die Uhrzeit (20 Uhr etwa) beachtet. Fast noch besser war die Kommunikation zum Ende:

„Sorry wegen Trinkgeld, aber ich brauch die Einsfünfzich. Ich hoffe, die anderen geben reichlich!“

Die nächsten vier Stunden waren geprägt von enormer Lethargie. Ich hab bis 0 Uhr zwar 5 Fahrten zusammengekriegt – aber mit 29,90 € Umsatz kann man das als völligen Fehlschlag werten. Insbesondere für einen Freitag.

Einsamer Höhepunkt war eine von mehreren kurzen Strecken so um die 6 €, als eine Frau meinte:

„Ich hoffe, ich habe das noch klein. Sonst hab ich das nur sehr groß.“

„Wie groß denn?“

„Naja, es ist grün…“

Ich bin wirklich kein Spielverderber beim Wechselgeld – aber nach der dritten Fahrt kann wohl kaum ein Fahrer auf einen Hunderter rausgeben – schon gar nicht, ohne danach selbst Pause zum Wechseln einzulegen. Aber gut, sie hatte es noch klein, und bei fast 2 € Trinkgeld will ich mich mal nicht beschweren…

Ach so, dann waren da noch die zwei Leute, die in die xy-Straße „zum beleuchteten Hauseingang“ wollten. Sie waren nicht so nervig, wie sich das anhört, aber: Kann mir mal jemand verraten, wie ich mit dieser Beschreibung in einer ca. 700 m langen Straße voller beleuchteter Straßencafés noch vor der Dämmerung bei tiefstehender Sonne einen erleuchteten Hauseingang hätte finden sollen – der zudem (Trommelwirbel!) UNBELEUCHTET war? Ist Taxifahren soo langweilig, dass man es mit einer Schnitzeljagd kombinieren muss?

Mir ist zudem zu Ende des Kalendertages richtig schlecht geworden, sodass ich mich zu einer Stunde Pause genötigt sah. Um ziemlich genau 1.00 Uhr bin ich in Marzahn dann gestartet.

Um 2.00 Uhr hatte ich dann schon 75 € in der Tasche. 45 € in einer Stunde – meine bisher zweitbeste Stunde überhaupt, seit ich den Job mache.

Geschuldet war der hohe Verdienst natürlich nicht einer kleinen Tour, sondern vor allem den beiden längeren, die ich hatte. So habe ich eine Gruppe von der Warschauer über Biesdorf bis nach Marzahn gefahren, und dann ist mit hundert Meter weiter ein Typ aufgefallen, der mich herangewunken hat.

„Färs mbs Lxnnerplz?“

Das ist kein Tippfehler!

„Alexanderplatz? Aber sehr gerne doch!“

Der Typ hatte ordentlich einen im Tee, aber das war nicht das Verwunderliche. Das Verwunderliche war, dass ich mir sicher bin, dass er auch nüchtern so spricht. Er beherrschte die hohe Kunst, einen Satz nicht nur schnell auszusprechen und dabei zu nuscheln – sondern zum Ausgleich auch noch alle fürs Verständnis wichtigen Silben zu verschlucken. Er hat mich 15 bis 20 Minuten vollgelabert, und ich habe vielleicht ein Viertel verstanden. Gut, ich weiss, dass er gerne trinkt, schwul ist – richtig versaut sogar – und aus einer anderen Stadt kommt. Noch dazu so allerlei belangloses Zeug. Was der in der Schwulenkneipe, in die er noch wollte, noch angestellt hat, will ich besser nicht wissen…

Dann noch ein netter Australier, mit dem die Lösungsfindung, in welchem baxpax-Hostel er abgestiegen ist, gute 5 Minuten in Anspruch nahm. Er vergesse schonmal gelegentlich, wo er untergekommen ist – in London hat er ein Hotel mal nicht mehr gefunden… naja. Ich hab ihn am richtigen Hostel abgesetzt, hatte ein echt nettes Gespräch und hab von ihm mit 3,40 € das höchste Trinkgeld bekommen – von einem Touristen in meinem Alter! Das ist fett!

Ab da war wieder Land’s End. Ich hatte eigentlich gehofft, wenigstens bis 4 Uhr den obligatorischen Hunni (der fürs Wochenende echt mal gar nix ist) voll zu kriegen. Nix da. Um 5.30 Uhr stand ich seit über einer Stunde vor dem Matrix rum und hab mich mit ein paar Jugendlichen ausgetauscht, die der Meinung waren, ich müsste die 10 km bis zu ihrem Heimatplaneten doch auch für 15 € fahren. Schließlich seien sie auf mich angewiesen, und alle meine Kollegen würden das ja auch machen. Bezeichnenderweise hat kein Kollege in der Schlange diese Ansicht geteilt. So sind die drei nach einigem Gefeilsche mit hochgezogenen Nasen von dannen gezogen und waren sichtlich stolz darauf, dass sie nicht auf uns angewiesen sind. Natürlich hat sie irgendein Kollege um die nächste Ecke mitgenommen – aber das soll mir mal egal sein.

Ich hab dann – ein wenig hatte ich ja drauf gehofft – ein zweites Mal eine Bedienstete vom Club gefahren, die mit ihrer halben Fernreise immerhin noch 25 € in meine Kasse gespült hat. Trinkgeld gibt sie zwar wenig, aber immerhin hatte ich mal wieder ein paar Euro Umsatz.

Nach einmal „halblegalem Wenden“ auf der Landsberger Allee habe ich dann noch einen Winker aufgesammelt, der wie schon die Herrschaften aus der xy-Str. auf Rätsel stand:

„Halensee bitte!“

„Wo in Halensee möchten sie denn hin?“

„Ganz oben.“

„Welche Straße denn?“

„Joachim-Friedrich-Str.“

„OK, wo denn da genau? Hausnummer? Oder welche Ecke? Am Ku’damm?“

„Ku’damm ist gut! Halensee halt. Ganz hinten. Johann-Sigismund-Str.“

„Johann-Sigismund-Str.?“

„Ja genau, da muss ich hin!“

„Wo denn da genau?“

„Ja, Ecke Ku’damm ist ok…“

Naja, ich bin ja nur Taxifahrer – es wäre ja auch zu absurd, mir gleich mitzuteilen, wo man hin will…  Ich hab dann um Punkt 7 Uhr heute Morgen Feierabend gemacht und war dementsprechend platt – aber alles in allem hat es dennoch Spaß gemacht. Ergebnis war zwar nicht so toll, aber auch nicht so, dass ich befürchte, nächsten Monat am Hungertuch zu nagen. Der Monat beginnt eigentlich ordentlich…

3 Kommentare bis “Seltsamer Freitag”

  1. Marcus sagt:

    Dann noch ein netter Australier, mit dem die Lösungsfindung, in welchem baxpax-Hostel er abgestiegen ist, gute 5 Minuten in Anspruch nahm. Er vergesse schonmal gelegentlich, wo er untergekommen ist – in London hat er ein Hotel mal nicht mehr gefunden… naja. Ich hab ihn am richtigen Hostel abgesetzt, hatte ein echt nettes Gespräch und hab von ihm mit 3,40 € das höchste Trinkgeld bekommen – von einem Touristen in meinem Alter! Das ist fett!

    Irgendwie will mir das nicht so wirklich in den Kopf….wie kann man den bitte sein Hotel vergessen, der muss doch einen Zimmerschlüssel/ Karte minimal bei sich haben ( auf der dann logischerweise auch der Name des Hotels drauf steht )….das relativ hohe Trinkgeld hat du bist nur bekommen, weil er besoffen war ;).

    Um 5.30 Uhr stand ich seit über einer Stunde vor dem Matrix rum und hab mich mit ein paar Jugendlichen ausgetauscht, die der Meinung waren, ich müsste die 10 km bis zu ihrem Heimatplaneten doch auch für 15 € fahren. Schließlich seien sie auf mich angewiesen, und alle meine Kollegen würden das ja auch machen. Bezeichnenderweise hat kein Kollege in der Schlange diese Ansicht geteilt.

    Schade das se nicht zufuss nach Hause laufen mussten, bisschen frische Luft ist so schlecht ja nicht….Geld zum Koma saufen war bestimmt genug da.

    ps: das wochenende ist der reinste alptraum……naja also nicht auf deinen artikel bezogen ;(

  2. Sash sagt:

    @Marcus:
    Er hatte seine Karte ja dabei. Dummerweise stehen da tatsächlich beide Adressen drauf. Ohne Hervorhebung! Vielleicht hatte er in London einen Schlüssel ohne Anhänger oder dergleichen!?
    Und das Trinkgeld habe ich sehr wohl aus Sympathiegründen gekriegt! Jawollja! 😉

    Was die anderen angeht: Ja, wäre nicht schlecht gewesen. Aber gaaanz sicher weiss ich es ja nicht. Mal abgesehen davon: Am Wochenende fahren Bahnen! Ich freue mich über jeden Kunden, der den Komfort eines Taxis zu schätzen weiss. Wenn es aber nur um den Preis geht, dann muss man halt die Bahn nehmen.
    Zumal: „15 € – Mehr Geld haben wir nicht!“
    10 Min später: „Machen wir 17!“
    Verarschen kann ich mich auch alleine…

  3. […] passt es ja meistens doch, wenn mal recht überraschend ein Fuffi auftaucht. Ich hätte zwar einmal um ein Haar eine 6€-Tour mit einem Hunni bezahlt bekommen, aber dazu kam es letztlich […]

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