Zu viel ist dann echt zu viel!

Sie haben mich etwas kompliziert an einer Kreuzung herangewunken. Nicht gänzlich unerwartet, aber für mich blöd zum Halten.

„Servus, woas kost’n dees zum Sisyphos?“

„Naja, machen wir Kurzstrecke, dann sind das 4 € pauschal und gut ist.“

Man ist in einer gut laufenden Nacht ja nett.

Am Ziel angekommen fragte mich der eine der drei Typen:

„Un‘ nu? Gibt’s vielleicht a no sowoas wie an Lehrlings-Roabatt?“

Ich bin nun ja wirklich gutmütig und nicht geldgeil. Und die Lehrlinge waren nett und sympathisch und alles. Ich hab dennoch wie folgt geantwortet:

„Jungs, meiner Großzügigkeit wegen stehen da jetzt 4 € auf der Uhr. Eigentlich hättet Ihr mich nach einer Kurzstrecke fragen müssen, sonst wären das um die sieben. Wenn Euch das nicht reicht, erfinde ich mal eben einen Lehrlings-Zuschlag.“

Gab dann immerhin den ziemlich üblichen Euro Trinkgeld. Geht doch. 🙂

Verliebt, verlobt, verheiratet

Mir ist gerade – nach 6 Jahren, boah wie schnell ich bin! – aufgefallen, dass es ein ziemlich interessantes Thema ist, was ich den Fahrgästen von mir erzähle. Und was nicht.

Ich komme jetzt wegen der Tour drauf, die ich gestern erwähnt habe, mit den beiden Typen und dem guten Trinkgeld. Wie üblich ging es ganz einfach darum, was mich nach Berlin verschlagen hat. Denn dass ich nicht von hier bin, hört man einfach. Trotz Tarnung. Wie ihr Leser alle wisst, hatte das Beziehungsgründe. Es sind noch nicht alle so lange dabei, um das zu wissen, aber die meisten haben es mal mitgekriegt.

Bei der Tour hab ich am Ende die exakt 4,20 € Trinkgeld mit den Worten „Gehste mal’n Kaffee trinken mit deiner Frau …“ bekommen. Das – so toll es ist – ist natürlich auch komisch. Hat man da jetzt irgendwem Fremdes nicht ein bisschen viel verraten? Es ist vielleicht komisch, sich das in einem öffentlichen Blog zu fragen, aber Ihr als teilweise anonyme Leser wisst sicher fast noch besser als ich, was das für ein Unterschied ist, irgendwo was reinzuschreiben, oder es jemandem von Angesicht zu Angesicht zu sagen.

Ich hab für mich die Frage mit „Ach was!“ ausreichend beantwortet, denn ehrlich gesagt gehe ich selten arg viel mehr ins Detail. Weder über mein Leben noch über das von Ozie ist damit viel gesagt. Ich bin also einer von ein paar Millionen Menschen in diesem Land, die eine Beziehung haben, buhu!

Aber so unwichtig ist das gar nicht, das Reden. Nicht ohne Grund habe ich jetzt (von einem, der der Liebe wegen Berlin verlassen hat) ein gutes Trinkgeld mit Themenbezug gekommen. Zumal ich zwei Dinge nicht gut kann: zum einen Leuten permanent „Das verrate ich nicht!“ zu sagen, zum anderen sie anzulügen.*

Wenn ich das könnte (und wollte, versteht sich. 😉 ), würde ich sowieso ständig Geburtstag haben oder die ganze Woche durch reihum meine nahe Verwandtschaft für tot erklären – schließlich wirkt sich Mitleid extrem trinkgeldfördernd aus. Das hab ich schon im Behindertenfahrdienst an Weihnachten gelernt. Aber gejammert wird auf der Straße genug, mir reicht es eigentlich, mich mit der ein oder anderen Kundschaft ehrlich zu unterhalten. Ich mach mir gerne mal hier und da das Leben durch psychologische Effekte einfacher, übertreiben muss man das ja dann auch nicht …

*da gibt es zugegebenermaßen eine Ausnahme: den Verdienst. Einer Menge Leute begegne auch ich sicherheitshalber mit der Notlüge, ich hätte gerade angefangen, bzw. bisher kaum was eingenommen, um ggf. die Chance, überfallen zu werden, zu senken. So wenig panisch ich bezüglich Überfällen bin, so wenig bin ich da leichtgläubig.

Back in Town

BÄM, da bin ich wieder! Also metaphorisch gesprochen. Wirklich weg war ich nicht, aber ich hatte die letzten zwei Tage nicht wirklich Nerven für GNIT. Fragt mich nicht, warum – ich weiß es selbst nicht. Woran es nicht liegt, ist das Taxibuch. Denn auch wenn ich vergleichsweise fleißig daran schreibe (168 Seiten von 250 bisher), nimmt das gar nicht so viel Zeit in Anspruch. Meinen Blog auf Eis legen muss ich dafür nicht wirklich. Vielleicht mal kurz vor der Manuskriptabgabe im Herbst wegen viel Klein-klein, aber ich würde nicht darauf wetten.  🙂

Nö, war einfach nix spannendes passiert und ich hatte nicht vor, irgendwas spannendes zu machen. Ganz einfach. Und im Taxi saß ich sowieso nicht.

Die neue Woche fängt vielversprechend an. Meine halbe Donnerstagsschicht war so kurz wie schon lange keine mehr – wider Erwarten hat sich der gestrige Herrentag dann doch noch aufs Taxigeschäft ausgewirkt. Die letzten Jahre hab ich das immer gehofft und wurde meist enttäuscht. Gestern hat das dann auch deswegen gut gepasst, weil ich spät los bin. Richtig spät. Eigentlich wollte ich hier in meinem Zimmer nur kurz ein Regal sauber machen und die Rückwand wieder fixieren, dann hatte sich das blöde Ding aber im Laufe der Jahre – und insbesondere eines Abends, als ich nicht mehr ganz nüchtern von einem Twitter-Treffen heimkam – ziemlich verzogen und konnte nur durch zusätzliches Anschrauben einiger Komponenten wieder in Form gebracht werden. Was – in Kombination mit meinem späten Erwachen – für ziemlichen Zeitdruck am Abend sorgte.

Gut, Donnerstag. Halbe Schicht, wie gesagt. 70,00 €, dann Heimflug. Das kann sehr schnell gehen – tut es halt selten. Gestern hatte ich gleich einen Winker, danach stand ich am Bahnhof. Da war zwar die Schlange sehr kurz (hab mich als achter angestellt), aber kaum dass ich auf Position 1 war, war wieder Ruhe im Karton.

Um 22.32 Uhr – 3 Minuten vor dem nächsten Zug – kamen dann 2 Paradegestalten der Zombieapokalypse jedes Herrentags zu mir und wollten immerhin „erstmal“ nach Neukölln. Das nur auf dem zweitkürzesten Weg, und weiter ging es ja auch noch. Nach Plänterwald. Ist nicht die Welt, aber nach anfänglicher Skepsis hab ich festgestellt, dass die beiden zwar schon genug getrunken hatten, aber durchaus noch taxitauglich waren. Sehr zu meiner Überraschung, und noch mehr zu meiner Freude, gab es satte 4 € Trinkgeld auf die 18€-Fahrt. So darf das laufen! 🙂

Exakt anderthalb Stunden nach ihrem Einstieg, um 0:32 Uhr, hab ich mich nochmal für eine Kippe am Ostbahnhof gestellt. Mal gucken. Da das aber noch mindestens eine halbe Stunde zu dauern drohte, bin ich heim. Und das zufrieden. In der Zeit hatte ich nämlich insgesamt 67 € Umsatz gemacht – was zusammen mit dem ersten Winker locker über die angepeilten 70 gereicht hat. Sicher hätte ich gerne noch einen weiteren Winker zum Abschluss gehabt, aber arg viel zu toppen war an dem Verlauf eh nix mehr.

Und ich kann’s nur immer wieder sagen: So ist das leider nicht immer.

Aber gut, jetzt noch 2 Tage Mai – und dann fängt ja schon der neue Monat an. Und der darf gerne so laufen wie dieser Monat … ach, meinetwegen sogar wie die gestrige Schicht. 😉

Lucky

Also diese Schicht heute …

Wenn man den Kollegen glauben darf, dann lief es richtig mies. Ich aber hatte auf der anderen Seite mehr Leseranfragen, als ich mal eben abarbeiten konnte. Womit es dann am Ende so halbwegs gepasst hat. Vor vier Wochen wäre ich sogar froh um das Ergebnis gewesen, aber die letzte Zeit lief so gut … und außerdem war ich ja gestern nicht draußen.

Was ich schon mal geschrieben habe: es ist immer schwer mit Anfragen mitten in der Schicht. Heute hat das Jo mitbekommen, den ich erst achtmal weggedrückt und anschließend am Telefon nochmal abgewürgt und ihm gleichzeitig eine Absage erteilt habe. Das mache ich extrem ungern, aber zweiteilen kann ich mich auch nicht. Vierteilungen wiederum sind zwar historisch belegt, die Gesundheitsgutachten der Probanden lassen aber auch da eher Probleme für den Alltag erwarten.

So hatte ich auch dieses Mal vor einer Lesertour knapp eine Stunde Zeit. Gut, ich musste dazu sowieso raus nach Marzahn, da konnte ich wenigstens einen Zwischenstopp bei mir zu Hause als richtig echte und sogar arbeitsrechtlich korrekte Pause einlegen. Aber was das wieder an Leerkilometern einbringt!

Und dann winkte es tatsächlich. Auf der Landsberger Allee stadtauswärts. Kurz vor IKEA. 0.o

Richtung Osten wäre mir recht gewesen, im Grunde hoffte ich aber nur, dass es nicht in die Stadt zurückgehen sollte. Und dann fragten mich die zwei schon reichlich schwankenden Gestalten, ob ich das Lucky Inn kennen würde. Da muss man einwerfen: das ist eine fast schon unverschämte Frage. Das ist eine absolut unbedeutende Kneipe in einem Außenbezirk, die nicht einmal von einer öffentlichen Straße aus einsehbar ist. Ungefähr 125% der Besucher dieser Kneipe rekrutieren sich aus den drei umliegenden Hochhäusern. Wer soll diese Kneipe kennen?

Ich natürlich. Und: tue ich auch. Ich wohne nämlich ein Hochhaus weiter, knapp außerhalb des Einzugsgebietes. Aber wenn mir persönlich eine Kneipe in Torkelweite unheimlich ist, dann ist das ein ernstzunehmender Warnhinweis!

Die Tour war also in vielerlei Hinsicht perfekt: sie bedeutete für mich einen quasi inexistenten Umweg, füllte also einfach die ohnehin anfallenden Kilometer mit ein paar Euro. Darüber hinaus waren die zwei Burschen ausgesprochen ok dafür, dass sie bereits voll wie Wassereimer in der Monsunzeit waren, jeder noch Bier mithatte und sie auf eine Marzahner Absturzkneipe zuzusegeln gedachten.

„Ach, ihr Taxifahrer! Ihr habt’s ja ooch nich‘ leicht. Ick meine: wir uff’n Bau schimpfen ja schon wejen da Kohle!“

Die haben die schwärzesten Seiten des Jobs besser beleuchten können als jeder meckernde Kollege da draußen, das ist gewiss. Wenn man ihnen glauben darf, verdienen wir irgendwas um die 1,50 € brutto, werden jeden Tag ausgeraubt, angepöbelt und mit vollgekotztem Auto zurückgelassen. Also sinngemäß. Das hat dann ja nun auch nicht mehr sonderlich viel mit der Realität zu tun.

Aber sie fanden es gut, dass ich den Job gerne mache und rundeten am Ende die aufgelaufenen 10,60 € obergroßzügigst auf 15 € auf. Was noch besseres hätte mir in dieser „Leerlaufzeit“ echt nicht passieren können. Und am Ende hätte ich sogar noch eines der verschlossenen Biere behalten können. Sogar meine Marke. DA hab dann sogar ich abgelehnt. Perfekter als perfekt ist dann ja vielleicht doch ein schlechtes Omen oder so … 😀

Das Wichtigste im Blick …

Die Leute einzuschätzen ist ja immer so eine Sache.

Sie standen am Weißenseer Weg und haben gewunken. Also „gewunken“. Beide rotzevoll und dementsprechend dabei, das zu praktizieren, was ich gerne als „Ganzkörperwinken“ bezeichne: Den Arm hochhalten und dabei mit dem ganzen Körper wackeln – eine Art verschäfte Gleichgewichtsübung mit unsichtbarem Haltegriff.

Als ich näherkam, sorgten Sie sich wohl darum, dass ich nicht anhalte und haben ihr Treiben auf die rechte Spur verlegt, wobei einer der beiden auch noch ziemlich ins Straucheln kam und beinahe als erster Fahrgast liegenderweise vor meinem Auto posiert hätte. Entsprechend begeistert war ich. Nach wie vor hab ich nix gegen Betrunkene, aber man macht sich schon so seine Sorgen.

Beides Männer um die 30, dem Akzent nach vielleicht Russen. Der eine grinste mich gleich nett an und fragte den Umständen entsprechend höflich:

„Tschuuuljunk! Du fährst uuuuns Friechshaaaain?“

„Na logo, steigt ein!“

Sekunden später saßen beide im Auto. Ich wollte gerade losfahren, da brüllte der eine dazwischen:

„CHAAAAALT! STOOOOP!“

Ich dachte schon, ich wäre im Begriff, jemanden zu überfahren. Tatsächlich ging es um die Sicherheit: Seinem Kumpel war offenbar das Anschnallen zu kompliziert. Also musste ihm erst mal eine Standpauke darüber gehalten werden, wie wichtig es ist, sich anzuschnallen, wenn man im Auto sitzt. Geradezu vorbildlich. Wie, äh, offenbar auch die restliche Lebensführung:

„Fährst Duu uns Bank, dann Tanke! Müssen trinken weil wir gewonnen fette Schlägerei! Trinkst Du Wodka mit uns, oder?“

Ja nee, is‘ klar! -.-

Kleiner Funfact: Sie haben an der selben Bank Geld geholt wie der frisch aus dem Gefängnis entlassene Kerl, der sich ebenfalls ums Anschnallen gesorgt hat. Darüber hinaus war es für mich eine sehr angenehme Fahrt. Beide waren total nett, auch wenn der eine wirklich pausenlos einen Monolog über Unfallsicherheit hielt. Am Ende gab es ein gar nicht so schlechtes Trinkgeld und gut war. Selbst den Wodka habe ich ihnen ausreden können. Also den für mich …

Versuchungen

„Dann wären wir insgesamt bei 22,40 €.“

„Na, das hat ja gerade noch gereicht! Hier haben sie meine 24 €.“

Obwohl ich mich moralisch für recht gefestigt halte: selbst mich hat es Überwindung gekostet, meiner Kundin zu sagen, dass ihr (bereits früher ausgestiegener) Begleiter einen nicht unerheblichen Anteil – 15 € – der Fahrt bereits bezahlt hatte. Womit dann nur noch 7,40 € offen waren.

Ich halte nichts davon, solche Situationen auszunutzen, aber es fällt auch schwer, es nicht zu tun. Wollte ich mal ganz ehrlich sagen.

Nachtrag: Es geht auch andersrum. 🙂

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

Abonniert doch den RSS-Feed von GNIT. Mehr von Sash gibt es außerdem bei Facebook und bei Twitter.

Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

„Fahr nicht so viel!“

Winker, super!

„Fährste mich zur Weichselstraße?“

„Die hier in Friedrichshain?“

„Genau.“

„Na, soll ich dann mal Kurzstrecke probieren?“

„Mach, was Du für richtig hälst!“

Ich hab nicht lang überlegt. Natürlich hatte der Typ die Kurzstrecke nicht explizit verlangt, aber es lief so gut an dem Abend, dass mir die eventuell verlorenen drei Euro egal waren. Und ob es reichen würde, war ja eh noch nicht klar. Am Ende passte es recht gut, also denn:

„Ja, dann sind das vier Euro und fertig!“

„Hier, nimm‘! Passt so. Und fahr‘ nicht so viel heute Nacht!“

Ein Zehner. Wow!

Aber ich hab mir den Rat zu Herzen genommen und Feierabend gemacht, als es mir geldmäßig gereicht hat. Man will es den Kunden ja gerne recht machen. 😉