Sich um Kopf und Kragen telefonieren

Der potenzielle Fahrgast, dessen Wortschatz keinerlei Übereinstimmung mit meinem kannte, hielt mir sein Handy hin. Ein Modell von 1715 etwa. Ich ging in die Offensive:

„Hallo.“

„Hallo?“

„Ja, hallo.“

„Hallo?“

„Ich bin dran. Der Taxifahrer.“

„Hallo?“

„Ja, hallo!“

„Bse sne brez del baa da dell soe o?“

„Ich verstehe Sie nicht, sorry.“

Ich sollte an der Stelle anmerken, dass zum einen die Verbindung und die Wiedergabequalität des Gerätes unter aller Sau waren. Zum anderen aber weiß ich auch bis heute nicht, welche Sprache mein Gegenüber wirklich gesprochen hat. In einzelnen Fällen hab ich Dinge ganz gut verstehen können und sie klangen akzentfrei deutsch, beim Rest … wer weiß?

„Wo soll ich ihn den hinbringen?“

„Hallo?“

„Ja, hallo, ich bin noch dran!“

„Bse dann de Prenzlberg, denn do als ab nimm.“

„Prenzlauer Berg, ja?“

„Hallo?“

„Soll ich ihn nach Prenzlauer Berg bringen?“

„Hallo?“

„Prenzlauer Berg?“

„Se de bla del ab ods web ma!?“

„Wie bitte?“

„Se de bla del ab ods web ma.“

„Ich verstehe Sie nicht, tut mir leid.“

„A dabel des Alexanderplatz de ri solo.“

„Alexanderplatz?“

„Alexanderplatz su fun.“

„Wo genau am Alexanderplatz denn?“

„Se de lag glob in del Alexanderplatz.“

„Bitte nochmal!“

„De rade el sabili will in Alexanderplatz fun si.“

„Alexanderplatz habe ich verstanden. Alexanderplatz ok. Aber wo genau? Where exactly?“

„Se de Alexanderplatz dri do blai se bin fun.“

„Ich verstehe kein Wort.“

„Trode so so Alexanderplatz su fun.“

„Alexanderplatz, ok.“

„Su fun.“

„Äh, Su?“

„Esu!“

„Sie meinen, S- und U-Bahnhof? Da gibt es doch aber auch mehrere …“

„Su fun! Alexanderplatz ha del dre bila ong!“

„Tut mir leid, das hab ich immer noch nicht verstanden. Zum Bahnhof?“

„Alexanderplatz su fun lei del arg hot geht sela wo!“

Ich könnte das jetzt noch ein Weilchen fortführen. Das Gespräch hat locker 7 Minuten gedauert, die ich mit noch ausgeschalteter Uhr am Ostbahnhof stand. Aber über das Ergebnis oben sind wir nicht hinausgekommen.

Ich war ehrlich gesagt stinksauer. Nicht wegen meines netten Fahrgastes. Wir hatten eine Sprachbarriere, das passiert halt. Nee, mich hat einfach nur genervt, dass es mich ausgerechnet jetzt treffen musste. Ich hatte anderthalb Stunden angestanden, die Fahrt war kurz und ich konnte sie nicht einmal einfach runterrocken. Ich wusste nicht, ob ich richtig bin, ob der Kunde überhaupt selbst Geld hatte, sprich: ob am Ende überhaupt etwas dabei rauskommen sollte. Wenn er wirklich zum S- und U-Bahnhof Alexanderplatz wollte: Warum isser dann nicht mit der S-Bahn einfach noch zwei Stationen weitergefahren?

Aber natürlich: Auch das lag vielleicht an den Sprachbarrieren.

Ich hab mich zusammengerissen und ihn einfach an den Alex gebracht, an eine Ecke, an der sowohl S- als auch U-Bahn direkt nebeneinander zugänglich waren. Ich wusste wirklich nicht, was ich mehr hätte tun können. Die meisten Kollegen hätten ihn wohl ohnehin einfach stehen lassen. Er hat am Ende tatsächlich selber Geld gehabt, meinen Lohn hab ich also erhalten. Trotzdem war er dann aufs Weitertelefonieren angewiesen. Aber er schien optimistisch zu sein und hat mir tausendfach gedankt. Danke – das offenbar einzige deutsche Wort, das er kannte.

Ich hab also scheinbar eine erfolgreiche Tour abgeschlossen, obwohl die einzigen für mich verständlichen Infos Alexanderplatz su danke waren. Vielleicht bin ich doch kein so schlechter Taxifahrer. 🙂

PS:

Für all die, die noch nie am Alex waren: Der ist groß – insbesondere, wenn man, wie Ortsunkundige, noch die nächsten ein bis drei Straßen drumrum mit zum Platz zählt. Und da ich davon ausgegangen bin, dass es wirklich wichtig ist, dass wir den geheimnisvollen Telefonierer direkt treffen (weil er z.B. meine Kohle hätte haben können), war das wirklich keine blöde Detailfrage, in die ich mich künstlich reingesteigert habe. Vor meinen Augen ist das zu einer halbstündigen 30€-Tour geworden, weil ich wieder und wieder den Platz und angrenzende Straßen durchforsten muss, um herauszufinden, wo sich der andere genau aufhält.

6 Kommentare bis “Sich um Kopf und Kragen telefonieren”

  1. Micha sagt:

    Na, wenn ich den Leuten vom NH-Hotel glaube.. dann geht der Alex noch ziemlich weit ins Stadgebiet rein ^^. Könnt ja mal auf der Karte vergleichen, wo der Alex und wo das NH-Hotel Alexanderplatz liegt :-D. Von daher hättest du ihn auch einfach stehen lassen können… hätte auch fast gepasst.

  2. Sash sagt:

    @Micha:
    Ja, das ist ja auch eines meiner liebsten Beispiele für „weit ausgelegte“ Namensnennungen … 😉

  3. Aro sagt:

    Das ist noch nichts gegen das NH-Hotel Berlin-Potsdam. Das ist weder in der einen, noch in der anderen Stadt!
    Irgendwann hab ichs dann in Kleinmachnow gefunden :-/

  4. saltycat sagt:

    Aro… schau mal wo der Flughafen Frankfurt-hahn liegt…

  5. Little Jo sagt:

    Yo. Same time – anderer Ort. Anruf in der Taxizentrale (griechischer Mitbürger) : „Ein Sammeltaxi von der Hauptstraße zur Wichernstraße.“ Dispo (fragt 3x , weil nicht sicher) ;“Zur Wichernstraße?“ „Jo,“ sagt der Fahrgast. Irgendwann ruft der taxifahrende Kollege an (auch griechischer Mitbürger ) :“ Wollte nur Bescheid sagen : das war nicht Wichernstraße. Das war Wichernstraße.“ Dispo : „??? Aah…manchmal hat man Verständigungsschwierigkeiten.“ Und langsam dämmerte es: gemeint war wohl Wilhelmstraße .

  6. Little Jo sagt:

    Zum Glück ist das hier eine Kleinstadt…lach.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: