Blinder Passagier

Zunächst sind mein Kollege und ich einfach mal aus dem Weg gesprungen, als der Blinde sich am Bordstein des Taxistandes entlang getastet hat. Als sein Stock mein Auto etwas unsanft traf, hab ich zwar kurz die Augenbrauen angehoben, aber was will man machen? Ich finde es so oder so eine abartige Leistung, sich mit so einem Teil fortzubewegen. Ich glaube, ich bräuchte jahrelange Überredung bis ich mich auf die Straße trauen würde, ohne permanent Angst zu haben, gegen einen Briefkasten oder etwas anderes hervorstehendes zu donnern.

Und da blieb er dann stehen und wartete. Mein Kollege war etwas schneller und fragte, ob er ein Taxi benötige – und öffnete ihm auch gleich die Türe.

Ich muss zugeben, dass ich noch nie mit Blinden zu tun hatte – nicht einmal während meiner langen Zeit im Behindertenfahrdienst. Da war sie auf einmal zurück: Die Angst, irgendwas falsch zu machen. Ich bin mir sicher, die meisten da draussen kennen das von Rollstuhlfahrern: Man will ja helfen, weiss aber nicht wie – und aufdringlich sein will man auch nicht…

Um es abzukürzen und nicht so peinlich für mich werden zu lassen: Es war natürlich eine total unspektakuläre Fahrt und der Mann war einfach nur nett. Das hat mich jetzt nicht wirklich gewundert. Was die Fahrt letztlich so interessant gemacht hat, war die Tatsache, dass ich mal darüber nachgedacht habe, wie schwierig Taxifahren eigentlich für Blinde sein kann. Mal abgesehen davon, dass man natürlich nur schwerlich ein Taxi heranwinken kann, wenn man keines sieht, ergeben sich ja auch im Auto Probleme oder Unwägbarkeiten.

Selbst mir als nicht sonderlich für Abzockereien anfälliger Mensch ist als erstes der Gedanke durch den Kopf geschossen, dass dieser Passagier es sicher nicht merkt, wenn ich einen kleinen Umweg fahre. Hab ich natürlich nicht gemacht. Gut, die meisten werden ihre Wege vielleicht kennen, aber am Ende kam mir ein ähnlich unlauterer, aber auch nicht zu vernachlässigender Gedanke: Kein Blinder kann das Taxameter lesen. Ich hätte jetzt ja auch mal spontan noch ein kleines Trinkgeld aufschlagen können. Und ganz ehrlich: Bis 20 oder 40 Cent erregt das nicht einmal Aufsehen, da würde ich jede Wette eingehen…

Aber gut, das setzt wenigstens miese Taxifahrer voraus. Auf dem Weg zu ihm ist mir eine ganz andere Sache noch aufgefallen:

Mein Kunde bat mich, von Straße A in Straße B abzubiegen und dort an der Ecke mit Straße C zu halten. Gut, kein Problem. Allerdings ist das ein riesiger Umweg, da Straße A einen Halbkreis beschreibt, und ich die Kreuzung wesentlich schneller und kürzer erreiche, wenn ich einfach von A auf C abbiege und dann an der entsprechenden Kreuzung halte. Das hab ich dem Kunden auch mitgeteilt, und wenngleich er meinem fachlichen Rat vertraute, fragte er skeptisch, ob Straße C wirklich auch mit A zusammentreffe.
Gut, die Unkenntnis des Stadtplanes ist nicht zwingend seiner Sehkraft zuzuschreiben – aber den meisten anderen wäre es wahrscheinlich mal bei einem Blick aufs Navi oder beim Vorbeifahren am Straßenschild aufgefallen.

Und als wir ankamen, hatte ich schon wieder eine schlechte Vorahnung: Immerhin kamen wir jetzt von einer ganz anderen Seite an, wie er es gewohnt war. Aber auf Nachfrage meinte er, ich könne einfach rechts halten. Schön war dann der Abschluss-Dialog. Ich musste ihn nochmal fragen, weil ich dank Verkehr ziemlich schräg auf der Kreuzung gehalten habe:

„Geht das jetzt so oder brauchen sie noch irgendeine Orientierungshilfe?“

„Nein danke, ich glaub, ich weiss wo ich bin. Aber…“

Und dann greift er zielsicher nach seinem Stock neben sich…

„DIE Orientierungshilfe muss ich trotzdem mitnehmen!“

Ein kurzes Lachen beiderseits, und weg war er.

Ein paar Anmerkungen:

Ich schreibe das jetzt auch nicht, um einen blinden Fahrgast vorzuführen. Mir hat es mal bewusst gemacht, an wie vielen Ecken (die man selber gar nicht wahrnimmt) es Leute mit Beeiträchtigungen selbst heute noch schwer haben (können).
Warum z.B. hat unser Taxameter keine Sprachausgabe? Da ist das Ding dazu da, verpflichtend einen Fahrpreis anzuzeigen, aber ich könnte jeden Blinden damit abzocken. Eine falsche Quittung kann ich ja gleich dazu ausstellen und die Uhr weiterlaufen lassen bis der Betrag erreicht ist… schon irgendwie erschreckend. Ich meine, wir schreiben das Jahr 2011 – so schwer kann das ja wohl nicht sein…

27 Kommentare bis “Blinder Passagier”

  1. Max sagt:

    Wow, das stelle ich mir in der Tat komisch vor. Ich habe beim Umgang mit Blinden auch immer ein etwas seltsames Gefühl, auch wenn das meistens schnell verfliegt, wenn die Betroffenen einem durch ihr Verhalten zu verstehen geben, dass sie ganz normal behandelt werden wollen.

    Ich hatte beim Lieferservice auch einmal mit einer (sehr freundlichen) blinden Frau zu tun, die sich etwas zu Essen bestellt hatte. Da war ich auch zuerst etwas unsicher; sie hat das Essen aber routinemäßig ohne Probleme angenommen und in der Küche abgestellt. Dann die Bezahlung: Viele Blinde können ja die Werte von Banknoten trotzdem „erkennen“; das kann im Einzelfall aber natürlich etwas länger dauern. Die gute Frau meinte darum einfach zu mir „nehmen Sie sich XY Euro raus“ und hielt mir ihre Geldbörse hin. Das war neben einem guten Trinkgeld natürlich auch ein ziemlicher Vertrauensbeweis (und das, wo ich das erste Mal bei ihr war!). Ich wäre natürlich nie auf die Idee gekommen, das irgendwie auszunutzen – etwas armseligeres gibt es kaum noch, glaube ich – aber beeindruckend fand ich es dennoch. Zumal nicht grade nur 20 Euro im Geldbeutel waren.

    Auch wenn es in der Situation wohl die praktikabelste Lösung war – auch für mich war es irgendwie gefährlich, ist mir hinterher klargeworden. Wer garantiert mir denn, dass die Dame nicht trotz aller Freundlichkeit später der Meinung ist, da wären noch 50 Euro mehr im Portemonnaie gewesen? Ein Anruf beim Chef oder gar gleich bei der Polizei, und schon bin ich der Böse…!

    Sash, wie war das bei dir, hat er dir sein Geld selbst gegeben?

  2. Dominik sagt:

    Da bin ich doch letzens als noch ziemlich neuer Taxifahrer auf ein anderes, ähnliches Problem gestoßen, vor geraumer Zeit bin ich in der Samstagnachtschicht einen etwas selteneren Weg zu meinem Stammstandplatz zurückgefahren (so viel Auswahl habe ich auf dem Land auch nicht). Winken mich doch mehrere gehörlose heran. Da ist mir erst aufgefallen, das die bei uns auf dem Land nachts ein echtes Problem haben, Taxi anrufen geht ja schlecht. Faxen von der Straße aus meist auch. SMS auf unser Telefon werden erst nach 08:00 morgens zugestellt und eMails überwacht eh niemand….
    Da kann man echt nur noch hoffen, dass einer frei vorbeikommt. 🙁

  3. Seismo sagt:

    Also die Orientierungsfähigkeiten von blinden Menschen sind teilweise echt beeindruckend. Ich hab schon öfters Blinde im Auto gehabt die teilweise auch längere Strecken (mit mehreren Fahrmöglichkeiten) gefahren sind. Die konnten mir ganz genau die Strassennamen sagen wo wir grad waren. Das beeindruckt mich jedes Mal wieder.

  4. Aro sagt:

    Ich habe zwei blinde Stammfahrgäste, die auf der Fahrt von Kreuzberg nach Steglitz immer sehr genau wissen, wo wir uns gerade befinden. Wem ein bestimmter Sinn fehlt, der gleicht das eben mit einem anderen aus, ist ja ganz normal. Wenn wir keine Fahrgäste haben, sizen wir ja auch im Auto und lesen 😉

  5. Besonders die räumliche Orientierung von Blinden fasziniert mich immer wieder.

  6. Morgis sagt:

    Hi Sash,

    das erinnert mich an meine erste und bislang einzige Blindenfahrt. Ich selbst war noch sehr neu im Geschäft und habe mir all diese Fragen nicht gestellt (Ich war zu sehr damit beschäftigt mich zu sorgen, ob ich denn generell alles richtig mache 😉 ). Der Mann wollte von seiner Stammkneipe nach Hause gebracht werden, zwar noch im selben Stadtteil, aber schon noch einige Straßen weiter. Da ich noch sehr neu war und diesen Teil der Stadt noch nicht so gut kannte, wusste ich auch nicht wo die Straße ist. Der Mann konnte mich aber locker hinführen. Das hat mich damals sehr beeindruckt. Ich habe ihn dann noch zur Tür begleitet und zu Hause hat er dann einfach seinen Stock abgelegt, ging in einen Nebenraum und brachte mir eine Flasche Wein als Trinkgeld. War sehr lecker ;).

  7. Sven sagt:

    Hi Sash,

    es ist schön, dass Du Dir solche Gedanken machst – das kann auch ganz anders laufen: http://www.blindfis.ch/im_taxi.html

    Und Sprachausgabe wäre an vielen Stellen eine gute Idee – es sind manchmal ganz kleine Dinge, die sehr helfen können!

    Viele Grüße,
    Sven

  8. Nick sagt:

    Leute neigen dazu zu viel zu helfen.
    Ich hatte auch lange auf dem Uniweg eine Blinde, die auch bei mir im Bezirk gewohnt hat.
    Die ist auch tatsächlich einmal gegen ein Straßenschild gelaufen, so wie man es in schlechten Filmen sieht, aber das passiert auch dem besten Sehenden schonmal.

    Viel Schlimmer fand ich, als sie an einem haltenden Bus entlanglief und eine Frau so sehr helfen wollte, dass sie sie einfach hinten mit in den Bus geschoben hat.
    Kurz darauf ging dann die Tür wieder auf und sie ist wieder ausgestiegen, weil es nicht ihr Bus war.

  9. malenki sagt:

    @ Dominik: Ein Gehörloser könnte ein Handy zücken und Einbahnstraßenkommunikation betreiben: „Guten Tag, ich bin gehörlos. Bitte schicken Sie ein Taxi nach XYZ an die 123-Straße. Wenn Sie mich verstanden haben und die Bestellung in Ordnung geht, klingeln Sie mich bitte sofort an, nachdem ich aufgelegt habe“
    @ Leute, die Blinde vielleicht „normal“ behandeln wollen (wenn diese das zu verstehen geben): Blinde sind normale Menschen; es gibt keinen Grund, sie nicht normal zu behandeln. Wie sähe denn eure „unnormale“ Behandlung von Blinden aus?
    Man sollte halt dran denken, dass Gesten, Kopfnicken und -schütteln eher nutzlos sind.
    Wenn man nicht weiß, wie man in einer speziellen Situation vorgehen soll, fragt man den Blinden. Der dürfte da Erfahrung haben. 🙂

    @ Sash: hättest du deinen (noch) potentiellen Fahrgast eher angesprochen, hätte der nicht dein Auto verprügelt. 🙂
    Zum Thema „Umwege fahren“ wollte ich was sagen, aber der Orientierungssinn von Blinden wurde bereits von anderen gut erläutert. Zumindest bei Leuten, die eine Strecke öfter fahren und nicht ganz vertrottelt sind, käme ein Umweg und/oder ein zu hoher Preis vrmutlich schlecht an.

  10. malenki sagt:

    PS: Zum Thema „normaler Umgang mit Blinden“ lese man folgende Geschichte
    http://www.blindfis.ch/froehliche_verweigerung.html
    (oder sowieso alle, die man unter dem oben geposteten Link von Sven finden kann)

  11. Sash sagt:

    @Max:
    Er hat mich beim Schein gefragt, ob es ein Fünfer ist. Das hab ich bejaht. Daraufhin hat er mir die fehlenden 4 € passend als Münzen gegeben. Aber die Frage war nur um absolut sicher zu sein. Er war definitiv geübt darin.

    @Dominik:
    Ja, das ist sicher auch nicht leicht. 🙁
    Von Barrierefreiheit sind wir doch noch weit entfernt. Ich meine, selbst meine verdammte Seite hier ist nicht barrierefrei.

    @Seismo, Aro und der Maskierte:
    Dass die meisten das gut ausgleichen können, ist mir bewusst. War bei meinem Fahrgast ja auch so. Aber man macht sich als Sehender trotzdem nie Gedanken drüber, was dies und das bedeutet.

    @Morgis:
    Gleich geführt zu werden ist natürlich extrem geil 🙂

    @Sven:
    Wie eingangs erwähnt: Ich mache mir die Gedanken ja auch viel zu selten. Obwohl ich immer dachte, ich sei da durch meine Arbeit im Behindertenfahrdienst inzwischen ein bisschen sensibilisiert. Aber ja, man vergisst und verdrängt Sachen, die einen nicht persönlich betreffen…

    @Nick:
    Das was du beschreibst, stimmt definitiv auch. Ich glaube, jeder Rollifahrer kennt so Geschichten, wo Leute sie irgendwohin tragen oder schieben wollen, wo sie nicht hinwollen. Viele Leute haben halt Angst, zu wenig zu helfen – was im Endeffekt die Betroffenen umso mehr nerven kann.

    @malenki:
    Klar hätte sich die unliebsame Berührung vermeiden lassen. Aber glaub mir: Viele Leute gehen wesentlich zielsicherer auf ein Taxi zu, um dann doch kurz vorher abzudrehen. Da macht man sich – ob der Gegenüber nun blind ist oder nicht – auch manchmal zum Löffel. Es ist wirklich keine schlechte Angewohnheit, zu warten, ob die Leute tatsächlich ein Taxi brauchen. Erspart definitiv peinliche Situationen 🙂

  12. Hannah sagt:

    In dem Schuhgeschäft, in dem ich mal gearbeitet habe, hatten wir einen blinden Stammkunden. Beim ersten Mal hab ich ihn gefragt, ob und wie ich ihm Hilfestellung geben soll, weil ich halt ein bisschen unsicher im Umgang mit Blinden war. Also, Hand auf die Schulter und ab zur richtigen Schuhgröße, er hat beschrieben, was er sucht (wie jeder sehende Kunde auch) und ich hab’s ihm gezeigt – natürlich mit ein paar Erklärungen zu dem, was er nicht sehen konnte – Farbe der Schuhe, Nähte, Sohle, Preis. Bezahlt hat er mit Karte – unterschreiben ging auch, nachdem ich ihm gezeigt hatte wo. Also wirklich alles total normal.
    Mit gehörlosen Kunden hatte ich irgendwie immer größere Probleme, weil die Kommunikation schwieriger war, aber das ging auch irgendwie, mit Händen, Füßen, notfalls Zetteln. Alles eine Sache der Gewohnheit, dass man zuerst vielleicht Hemmungen hat, ist halt so, aber die Hemmungen kann man abbauen.

  13. Dominik sagt:

    tut, mir leid, aber die hätten das nicht gekonnt. die drei waren nur mit sehr gutem zuhören und ortskenntnis zu verstehen. Zettel und stift waren hilfreich.

  14. malenki sagt:

    @ Sash: Ich habe nicht den Eindruck, dass ich mich zum Ei mache, wenn ich jemanden, der in der Nähe des Taxis(tandes) herumsteht frage, ob er ein Taxi benötigt.
    Aber die Geschmäcker (und Situationen) sind verschieden.

  15. Dispozins sagt:

    Da fällt mir ein, dass ich wieder mal „Night on Earth“ gucken muss…

  16. Nick sagt:

    @malenki
    Du darfst nicht vergessen, dass Gehörlose meist auch ’stumm‘ sind, da wird das nicht viel mit Einbahnstraßenkommunikation.
    Zettel und Stift sind super, so habe ich auch mal einen Kunden bedient, sehr netter Typ und hat alles perfekt funktioniert.

  17. Sash sagt:

    @Hannah:
    Natürlich ist Gewöhnung alles. Aber die hab ich noch nicht. Muss ich leider zugeben…

    @malenki:
    Würde ich grundsätzlich auch nicht sagen. Aber wenn man schon x-mal bei Kunden danebenliegt, die das Taxi zielsicher ansteuern, dann denkt man sich seinen Teil bei einem Blinden, der sich irgendwie zu orientieren versucht…
    Das ist zweifelsohne eine Frage der Situation.

    @Dispozins:
    Oh ja, muss ich auch mal wieder! 😀

  18. malenki sagt:

    @Nick (sry, hatte dich übersehen):
    Es ging um Gehörlose, nicht um Taubstumme.
    Wenn ein Gehörloser (oder auch ein Taubstummer) mit Stift und Zettel an der Straße stehen, kriegen die vermutlich trotzdem kein Taxi. =D
    *scnr*

  19. Nick sagt:

    Achso, die mit den Schildern an der Straße wo Städte drauf stehen, sind alle Gehörlose? 😉

  20. malenki sagt:

    Vermutlich. Auf der Rückseite dürfte die genaue Adresse stehen. Muss man bei Gelegenheit mal genauer erkunden:
    Ranfahren: „Tag, kann ich dein Schild mal von hinten sehen?“
    Wenn die Person es umdreht: nicht gehörlos; weiterfahren.
    Wenn sie es nicht umdreht: Selbst umdrehen, nachkucken, weiterfahren.
    Ergebnis jeweils hier veröffentlichen.
    (;

  21. Daniel sagt:

    Ich hatte im Bus zweimal die Ehre, eine ganze Gruppe Blinder und Sehbehinderter zu einem Ausflug mit Rundfahrt fahren zu dürfen. Rundfahrt? Bus? Blind? Ja, spinnt der jetzt? Keineswegs. Der Fremdenführer war wohl auf blinde Gäste spezialisiert und hat trotz der fehlenden visuellen Eindrücke die Fahrt zu einem unvergesslichen Erlebnis für die Passagiere gemacht. Ich vermute, allein schon das Gefühl, mit Freunden unterwegs zu sein statt sich die Beschreibung einer Stadt anzuhören, machte einiges aus, dazu kamen die sehr bildhaften Beschreibungen durch den Fremdenführer, der Ausstieg an Stellen, an denen nicht nur dem Auge etwas geboten wurde – also beispielsweise die Vogelaufzuchtstation mit ihren vielstimmigen Vogelgesängen, der Heilkräutergarten mit seinen Gerüchen, der Teil der Innenstadt mit den Straßenmusikanten und so weiter. Die einzige Ausnahme im Vergleich zu sehenden Menschen, die ich für meine Fahrgäste machen durfte, war, sie direkt am Restaurant aus- und einsteigen zu lassen statt am offiziellen Touristenbusterminal – denn da wären einige Straßen dazwischen gelegen, die schon für ortsunkundige Sehende sehr gefährlich sind (wegen der Extravaganz des Fahrstils einzelner Eingeborener).

    Was ich ebenfalls auf einer anderen Fahrt mit dieser Gruppe bemerkte, war, dass ich von den Blinden wohl die derbsten Witze über Blinde zu hören bekam – da war der folgende Dialog noch etwas von den harmlosen Dingen:
    Frau zu mir: „Daniel, wie lange geht es noch bis ans Hotel?“
    ich: „etwa 20 Minuten.“
    Frau: „Ah gut, so lange halte ich es noch ohne Toilette aus“
    anderer Passagier: „Reich ihr einen Eimer, das geht auch.“
    Frau: „Aber einen OHNE Henkel“
    Ich: „Wieso ohne Henkel?“
    Frau: „Wenn ich beim Festhalten den Daumen über den Rand halte, merke ich, wann er voll ist und höre auf…“ 😮

    Ein Jahr später traf sich die Gruppe bei uns in der Stadt und ich fuhr einige vom Bahnhof mit dem Taxi zum Hotel. Dort bezahlte mich eine Dame (natürlich wäre ich nicht im Traum darauf gekommen, den Fahrpreis nach eigenem Gutdünken zu erhöhen) – und die hatte ein schlaues Hilfmittel, um die Scheine sicher zu unterscheiden – es war so ein klappbares Kunststoffteil, in das sie den Schein bis zur Kante einlegte, zuklappte und dann das Teil des Scheins, das aus dem Gerät rausguckte, umknickte. Je nach Größe des Scheines (und damit je nach Wert) zeigte das lose Ende auf eine von sieben tastbaren Markierungen und verriet der Dame so den Wert des Scheines.

    @Sash:
    der sprechende Taxmeter wäre eine Idee. Aber wer betrügen will, der betrügt. Würde ich trotz Sprachausgabe meinen blinden Fahrgast behumsen wollen, so würde ich ihm einfach (anstatt den Taxmater bei Fahrtende auszuschalten) die Aufzeichnung eines höheren Taxameterpreises vorspielen.

  22. Sash sagt:

    @Daniel:
    Es ist klar, dass ein sprechendes Taxameter keinen Betrug verhindern würde. Aber es würde vielleicht die alltägliche Seriosität untermauern. Dass der Fahrpreis natürlich betrügerisch zustande gekommen sein kann, ist klar. Aber ein Blinder hat ja erst mal keine Chance, schnell zu überprüfen, ob er stimmt. Natürlich: Mit der Zeit aus Erfahrungswerten. Aber das Taxameter ist ja nicht ohne Grund so anzubringen, dass die Kunden es lesen können.

  23. Cliff McLane sagt:

    Sash, deine Idee mit dem sprechenden Taxameter ist genial. Du solltest das mal im Detail ausarbeiten und dir patentieren lassen. Ich stelle mir da so vor, dass das Gerät z.B. alle fünf Euro ansagen könnte, „Ihr Fahrpreis beträgt fünf/zehn/fünfzehn/usw. Euro“ und bei Fahrtende auf Knopfdruck dann die Gesamtsumme, z.B. also „Ihr Fahrpreis beträgt siebzehn Euro und achtzig Cent“.

    Ein Nachbar von mir (inzwischen leider verstorben) war aufgrund eines Alterdiabetes fast blind und hatte so eine sprechende Armbanduhr. Fand ich immer witzig, wenn der an der Bushaltestelle stand und sich die Uhrzeit ansagen ließ. Einstiegshilfe brauchte er übrigens nicht, auch wenn sich immer hilfsbereite Leute gefunden hätten.

  24. Sash sagt:

    @Cliff McLane:
    Hmm, ich bin jetzt als Ingenieur wirklich unbegabt. Gibt es Interessierte bezüglich des Projektes? 🙂
    Wahrscheinlich wäre aber ein Zusatzgerät sinnvoller – sonst müsste man gleichzeitig noch ein gutes Taxameter entwickeln – und ich glaube, die Vorschriften dazu sind alles andere als lustig…

  25. malenki sagt:

    Eins will ich noch erzählen:

    In einem Buch über einen durch einen Unfall Erblindeten und seinen Einstieg in die neue Welt wird eindrucksvoll beschrieben, wie sich das „Mal abwarten“ der kontaktunsicheren Leute auswirken kann:
    Der Erblindete ist nach seinem Unfall zum ersten Mal wieder in seinem Heimatdorf und will jemanden besuchen. Er geht die Dorfstraße entlang, er merkt, dass andere Personen in der Nähe sind – aber die sagen keinen Mucks.
    Plötzlich schrammt er mit einer Seite seines Körpers – auch mit dem Gesicht – an einer Hausecke entlang, jetzt hört er ein unterdrücktes „Oh“.

  26. Der Banker sagt:

    Ich habe manchmal das Gefühl, dass Leute, die nur schlecht sehen können, weitaus schlechter dran sind als Blinde. Möglicherweise ist aber auch die Überwindung so groß, das Sehen aufzugeben und zumindest stellenweise zum Tasten überzugehen… dann fragen sie mich nach dem Wert der Münzen, die sie auf den Tresen legen oder hängen sich zur Eingabe ihrer Geheimzahl so tief über das PinPad, dass sie es fast mit der Nase berühren, obwohl sowohl Euromünzen als auch das PinPad barrierefrei sind.

    Absolut faszinierend finde ich die „neue“ Methode der Orientierung, die jetzt die ersten Blinden einstudieren: Sonar! Mit Zungenklicks, und dann den zurückprallenden Schall auswerten.

  27. Sash sagt:

    @Der Banker:
    Die Überwindung ist sicher riesig. Man will sich ja so einiges nicht wirklich eingestehen und bei so fundamentalen Dingen wie der Sehkraft stelle ich mir das auch schwierig vor. Man hat ja immer die Hoffnung, dass man selbst cleverer ist, aber wenn ich ehrlich bin: Ich befürchte auch, dass ich mich im Seniorenalter nur schwer überzeugen lassen werde, dass ich nicht mehr Auto fahren kann – und heute sage ich auch: Natürlich will ich es aufgeben, wenn es nicht mehr geht!

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