Mittendrin statt nur dabei

Das ist ein Slogan, der aufs Taxifahren wesentlich eher zutrifft als aufs Sportfernsehen. So manches Mal ist man mitten drin in einer Party, einer Beziehungskrise oder einer spannenden Diskussion. Manchmal auch durchaus ungewollt.

Im Großen und Ganzen weiß ich zu schätzen, dass die Leute in der gefühlten Anonymität des Taxis mal eben alles loswerden, was sie bedrückt – oder weiterfeiern als wären wir noch im Club. Neulich hatte ich erst ein Gespräch mit einer Psychologin (Wofür Termine? Die fahren ja auch Taxi 😉 ) und die meinte, ich hätte ja den großen Vorteil, keine Schweigepflicht zu haben. Oh ja, was würde mir mein Blog fehlen, wenn es so etwas gäbe!

Aber alles ausplaudern kann ich auch nicht. Ich würde ja gerne erzählen, bei welchem Verein der Fußballer kickt, der hackevoll vom Matrix zur Bank gefahren werden wollte und erklärte:

„Ich verdien 500.000 € im Jahr. Ist mir doch egal, was die Fahrt kostet!“

Da gibt es natürlich Grenzen. Oder die Mitarbeiter einer großen Firma, die über einen Kollegen sagten, dass sie es nicht aushalten würden, wie dieser direkt gegenüber der Firma zu wohnen und auf den Schriftzug des Arbeitgebers zu blicken… das sind so Dinge, die ich in ihrer ganzen Pracht dann doch auch alleine genießen muss – alles andere wäre unfair!

Was ich aber kann – und darüber bin ich sehr froh! – ist, obwohl in einer Beziehung lebend, darüber reden, dass ich derletzt nach langer Zeit mal wieder einen Kuss als Dankeschön akzeptiert habe für eine Anfrage nach einer Adresse. Ist vielleicht ein bisschen viel Mittendrin, aber Spaß muss bekanntlich sein 😉

Im Nachhinein wenigstens lustig?

Aus Berlin gibt es von der Polizei über Taxifahrer leider nur das Übliche: Ein Kollege ist überfallen worden. Schon vor ein paar Tagen, ich hab es vergessen zu bloggen – soweit sind wir schon 🙁 . Das ist natürlich traurig und kein Bisschen lustig.

Dafür fand in Salzgitter ein vermeintlicher Überfall wohl gar nicht statt. Die Polizei fand dort ein verlassenes Taxi vor und vermutete gleich allerschlimmste Dinge, da selbst das Portemonnaie des Fahrers noch da war. Und wie allgemein bekannt ist, verlassen wir die Dinger nur selten. Die Sache hat sich dann allerdings recht bald aufgeklärt:

Der Fahrer des Taxi hatte mehrere Personen aufgenommen, die stark angetrunken in das Braunschweiger Vergnügungsviertel gefahren werden wollten. Als der Fahrgast auf dem Beifahrersitz plötzlich und unvermutet und sehr lautstark und aggressiv in einer fremden Sprache losbrüllte, nahm der Taxifahrer Reißaus. Die Fahrgäste waren wohl so verblüfft, das sie ebenfalls dann ausstiegen und den Pkw samt Geldbörse herrenlos zurückließen.

War sicher eine beschissene Situation. Ich hoffe aber, der Kollege kann im Nachhinein wenigstens drüber lachen, dass ihm doch offensichtlich niemand was böses wollte 🙂

Alles eins!

Dass das es irgendwie ein Politikum ist, sobald man Menschen nichtdeutscher Herkunft erwähnt, habe ich neulich ja mal wieder feststellen dürfen. Ich finde es immer noch ein wenig unverständlich (nein eigentlich unerträglich!) dass von der Herkunft der Menschen vermeintlich belastbare Rückschlüsse auf ihr Verhalten gezogen werden.

Meist werden irgendwelche schlimmen Ausnahmen als Klischeebestätiger herangezogen. Im Grunde hatte ich heute früh beinahe genau solche im Auto. Am Ende war ich dennoch positiv überrascht. Vielleicht versteht ja jemand anhand der Geschichte, warum ich meine Meinung nicht so schnell aufgebe.

Die Szene, die ich an der Ampel vorfand, könnte aus jenem Bilderbuch stammen, das Thilo Sarrazin bestimmt längst malt, um auch den Teil seiner Anhängerschaft zu erreichen, die des Lesens nicht ganz so mächtig – dafür aber mächtig stolz auf die deutsche Sprache – ist: Kottbusser Tor, Drogenumschlagsplatz Nummer 1 in Berlin. Vielleicht auch Nummer 2 oder 3, ist ja egal. Fast nur Menschen mit Migrationshintergrund auf der Straße, und ausgerechnet die lautesten drei winken mich heran. Ich muss noch an der Ampel warten, inzwischen winken sie einen Kollegen vorbei. Das könnte ich jetzt gleich als Beweis positiv auslegen, hab ich in dem Moment nicht getan. Ja, ich wäre fast froh gewesen, wäre der Kelch an mir vorübergegangen. Denn sonderlich sympathisch haben sie nicht wirklich gewirkt.

Als die Ampel dann grün wurde, hatten sie sich schon ziemlich planlos rund um mein Auto verteilt und sind dann von allen Seiten gleichzeitig eingestiegen.

„Hey, der Kanake da vorne zahlt!“

brüllte es mir von hinten gleich ins Ohr. Na das kann ja heiter werden.

Mein Beifahrer allerdings war ein eigentlich total netter Kerl, dessen erste Amtshandlung es war, sich für seine Kumpels zu entschuldigen und mir eine grobe Zieladresse zu nennen. Plötzlich erschien etwa 3 cm neben meinem Auge ein Gesicht:

„Mach ma Kurzstrecke, Alter!“

„Nee Jungs, so nicht!“

hab ich klargestellt. Das Ziel lag runde 5 bis 6 Kilometer entfernt, und auf Preisverhandlungen lasse ich mich grundsätzlich nicht mehr ein. Ich bin noch kurz demonstrativ stehengeblieben, obwohl hinter mir bereits fleißig gehupt wurde.

„Hör nich auf die, die sind besoffen.“

meinte der auf dem Beifahrersitz und gab mir zu verstehen, dass er selbstverständlich den Preis auf der Uhr zahlen würde. Na gut, immerhin nur 2 Idioten. Die haben sich allerdings in den nächsten 5 Minuten wirklich alle Mühe gegeben, anstrengend zu sein. Sie haben sich in einer Lautstärke unterhalten, die nur den Schluss zuließ, dass sie implantierte Ohrenschützer hatten, die Wortauswahl bediente sich nicht nur der klischeehaftesten Sprache, sondern umfasste sowieso nur rund 100 Worte. Davon etwa 50 nicht jugendfreie.

Eine Kleinigkeit war allerdings erstaunlich: Die üblichen frauen- und schwulenfeindlichen Sprüche waren nicht dabei. Das zu bemerken fiel mir gar nicht schwer, da sie sich lange Zeit damit aufhielten, sich gegenseitig zum Oralverkehr zu überreden. Als sie dabei diskussionsmäßig nicht weitergekommen sind, haben sie begonnen, meinen Beifahrer zu beleidigen. Der hat dann – nachdem er sich im Vorfeld bei mir entschuldigt hat – versucht, die beiden zu schlagen. Also die freundschaftliche Schlägerei-Variante.

Dann kam, was bei so einer wirklich anstrengenden Tour nicht fehlen darf: Das muntere Auswechseln von Fahrtzielen. Jeder der drei redete auf mich ein, wann ich wohin abbiegen müsse, natürlich nicht ohne sich dabei ständig zu widersprechen.

„Jungs, nu mal ruhig! Ich bring euch gerne überall hin, aber einig sein solltet ihr euch halt!“

Während sich nun der Beifahrer darum kümmerte, mich zu fragen, ob er meine Nummer haben könnte, weil er mich cool fand, stritten die beiden hinten sich über das Fahrtziel:

„Gehn wir bei mir. Könnt ihr zoggn, Alder!“

„Was zoggn? Wo soll isch pennen?“

„Pennsch du nix, Alder! Zoggn. Dann gehsch du heim!“

„Boah, bisch du Arschloch Alder. Wir gehen bei mir!“

Man glaubt es nicht, aber so kann man sich minutenlang unterhalten und gleichzeitig absurde Wegbeschreibungen für den Taxifahrer von sich geben. Aber alles hat ein Ende, und ich kam zuletzt sogar darum herum, mich bei dem dunkelsten der Drei zwischen den zwei Anreden „Nigger“ und „Kanake“ zu entscheiden. Die wollte mir der Spaßvogel hinten links aufdrücken, als er mir „Blacky“ vorgestellt hat.

Und so standen wir da, vor einer zu guter Letzt kollektiv beschlossenen Zieladresse. Von rechts hauchte es nur noch sehr dünne Entschuldigungen, während es hinter mir zappelte und tobte:

„Scheiße Mann, bin isch hier Kindersischerung!“

Der Typ auf dem Beifahrersitz versank fast vor Scham in sich selbst, während er versuchte, die 10 Euro und ein paar Cent zu begleichen. Einen Fuffi wollte er mir nicht geben, also suchte er nach Kleingeld. Ich hab zwischenrein einen Blick nach hinten geworfen. Das Auto war sauber, ernstlich Probleme gemacht hatte also keiner.

Fürs Kleingeld musste nun der größte Stresser ran, und statt dummer Sprüche reichte er mir ordentlich Trinkgeld und bedankte sich, dass ich so cool gewesen wäre. Von hinten drängte sich „Blacky“ durch und meinte:

„Wir sind ordentlische Leute, nur betrunken. Mach disch nich Vorurteil! Kein Vorurteil wie Sarrazin! Hey, Kanake, Scheiße, Ausländer, Deutsche, Ost, West – wir sin alles eins! Wir sin cool! Vielleisch nisch jetz! Aba wart mal paar Jahre!“

Das ist kein Witz! Das haben die mir zum Abschluss wirklich so gesagt! Ich fand das ja selber zu klischeehaft.

Und während die beiden Rückbänkler gemeinsam „Wir sind Deutschland!“ riefen und in Richtung Haus zum Zocken verschwunden sind, nickte mir mein (inzwischen Ex-) Beifahrer durchs geschlossene Fenster mit einem mildtätigen Blick zu und bedankte sich mit einem nach oben gereckten Daumen dafür, dass ich sie heimgebracht habe.

Ja, es war eine anstrengende Fahrt. Auch das Geld im Taxi verdient sich manchmal mühsam. Auf der anderen Seite bestätigen mich solche Fahrten immer wieder, dass der größte Unterschied gemacht werden muss zwischen Arschlöchern und Nicht-Arschlöchern, zwischen Zurechnungsfähigen und Unzurechnungsfähigen, sicher aber nicht zwischen Nationalitäten!
Und ich rede das nicht schön. Es gibt auch ganz andere Typen, das ist mir klar. Aber mal ganz im Ernst: Die Typen hätte ich – wäre ich vor ihnen geflüchtet – auch nur als Vorzeige-Assis in Erinnerung behalten. Dabei waren es auch nur ein paar bekloppte Besoffene mit einem seltsamen Humor.

Verdammte Scheiße ja, mir würde doch irgendwie was fehlen ohne solche Gestalten! 😀

Die Sache mit den Zielen…

Das Schönste und Schlimmste (je nachdem) am Taxigewerbe ist die Unberechenbarkeit. Mal läuft es, mal nicht. Ein Kollege von mir ist beispielsweise letzte Woche zweimal binnen zwei Tagen nach Cottbus gefahren. Noch dazu für gar nicht schlechte 210 €. Ich hab in jetzt bald zweieinhalb Jahren noch keine Tour über 100 € gehabt… so ist es eben.

Da aber unser Gehalt vom Umsatz abhängt, hat wahrscheinlich jeder Fahrer da draussen ein gewisses Ziel vor Augen, wenn er sich ins Auto setzt. Wie hoch das ist, das hängt natürlich vom Fahrer, vom Tag und wenn es dann eng wird auch mal von der Laune ab. Manche sehen einfach zu, dass sie einen oder zwei Hunnis einfahren, manche haben einen anderen Tagesschnitt vor Augen, manche variieren ihn sogar, um ein Monatsziel zu erreichen. Und ja, es gibt auch Fahrer, die einfach ihre Stunden runterrocken und am Ende mal durchzählen. Ein bisschen versuche ich das gerade auch so zu halten, weil ich am Umsatz letztlich ja nichts drehen kann.

Aber irgendwie ist es dann ja doch schön, wenn „der obligatorische Hunni“ oder was auch immer endlich in der Kasse ist.

Und so stand ich neulich da, und hab gehofft, dass ich jetzt mit der letzten Tour wenigstens den oben genannten erreiche. 10,70 € mussten es noch sein. Ich bekomme eine Tour und denke, dass das passen könnte. Nebenher mal das Navi angeschmissen, und siehe da:

„Yes, das werden 11 €!“

Einfach so fürs gute Gefühl. Aber Kunden können auch fies sein:

„Ach, lassen sie uns hier an der Ampel raus, wir laufen den Rest.“

„Alles klar, sehr gerne doch. Das sind dann 10,40 €.“

Argh!
Aber andererseits hätte ich mich sonst wahrscheinlich nicht so sehr über die Kurzstrecke gefreut, die ich auf dem Rückweg noch bekommen habe 🙂

Wie lange muss man als Taxifahrer arbeiten? (1)

Diese Frage bekomme ich (selten in den Kommentaren, öfter per Mail) immer wieder, gerade von P-Schein-Aspiranten, gestellt. Bisher konnte ich mich noch nie dazu durchringen, die einzig klare Antwort darauf zu geben:

„Bis zur Rente, und am Besten noch ein Bisschen länger…“

Nein, die Frage bezieht sich natürlich auf die tägliche, wöchentliche, monatliche Arbeitszeit. Ich verstehe die Frage schon sehr gut, denn falls man irgendwoher den Verdienst zu kennen glaubt, ist die nächstwichtige Frage bei einer Lohnarbeit natürlich, wie lange man dafür arbeiten muss.

Nun ist das Taxigewerbe aber leider – zumindest hier in Berlin – sehr arbeitnehmerfreundlich im Bezug auf die Rechte. Da nämlich so gut wie jedes Unternehmen Fahrer sucht, sollte sich immer auch eines finden lassen, das die gewünschten Arbeitszeiten zulässt. Aber da das alles ja noch nicht viel bedeutet, will ich mal eine kleine wöchentliche Serie starten über mich und ein paar Kollegen und unsere Arbeitszeiten. „Kollegen“ ist hier aber nicht so zu verstehen, dass sie alle beim selben Arbeitgeber beschäftigt sind. Das wird man auch merken. Aber ich erzähle hier gerne ewig lange von mir, und dabei bin ich ja nur ein minimaler Ausschnitt aus dem Gewerbe, noch dazu mit einem alles andere als durchschnittlichen Profil. Im Laufe der jetzt fast zweieinhalb Jahre habe ich einige Kollegen kennengelernt und mich mit ihnen natürlich auch über den Job unterhalten. Gefühlt bin ich dabei vom einen Extrem bis zum anderen allen möglichen interessanten Menschen begegnet. Um also mal einen Blick über den Tellerrand zu gewähren, werde ich ab jetzt ein paar Wochen lang Freitags – wenn „normale“ Menschen dem Wochenende entgegenfiebern, etwas über einen Taxifahrer und seine Arbeitszeit schreiben.

Zur ersten Ausgabe fange ich natürlich mit mir selbst an.

Über mein Leben wisst ihr schon einiges. Dank der unregelmäßigen Schlafgewohnheiten meiner besseren Hälfte habe ich schon viele Versuche hinter mir, mal so und mal so zu arbeiten. Zwei Dinge standen dabei natürlich immer fest:

1. Nachts

2. Nicht zu viel

Ja, ich liebe meine Arbeit wirklich, und ich habe einen sehr sehr sehr liberalen Chef. Beziehungsweise gleich zwei davon. Auf die Nachtschicht bin ich zwar gerade mehr oder minder festgenagelt, aber das durchaus freiwillig. Ich will ums Verrecken nicht bei normalem Verkehr durch Berlin schleichen müssen und ich mag meine oftmals verpeilte Kundschaft sehr.

Ich habe in den mehr als zwei Jahren einfach festgestellt, dass ich es schlicht nicht schaffe, mal eben 60 Stunden die Woche runterzureissen. Mir kommen oft (in meinen Augen) wichtige Dinge dazwischen, und so wie ich es jetzt betreibe, kostet mich auch das Schreiben und das Arbeiten an meinen Pages einige Zeit. Geld verdiene ich zwar nach wie vor fast nur im Taxi, aber auf mehr als 36 bis 40 Stunden hab ich es längerfristig pro Woche nie geschafft. Derzeit bin ich fest entschlossen, diese Zeit beizubehalten, und zumindest die 36 Stunden pro Woche runterzurocken – allerdings verteilt auf nur 4 Tage. Derzeit bin ich also nur von Mittwoch bis Samstag unterwegs, dafür von etwa 19 bis 4 Uhr unter der Woche, am Wochenende sind eigentlich nach wie vor 12 Stunden (19 bis 7 Uhr) geplant. Die Ausfälle in Form wichtiger Pausen und anderer Beschäftigungen ergeben dann die normale Arbeitszeit.

Aber das ist seit 2 Monaten so. Ich hab schon eine Menge anderer Modelle probiert und ich hoffe jedes Mal wieder, dass jetzt das Richtige gefunden ist 😉

„Der totale Taxi-GAU“

Es ist in diesen Tagen vielleicht nicht unbedingt angebracht, wegen solcher Kleinigkeiten wie dem Taxifahren von einem GAU zu sprechen, aber das ist die Wortwahl meiner Kundin. Die stand da, ich war noch gar nicht richtig losgefahren, am Straßenrand, konnte ihre aufgewickelten langen Dreads kaum bändigen (was sie mir im Übrigen sympathisch gemacht hat) und winkte. Einfach so. An einem miesen Mittwoch.

Im Übrigen sei angemerkt, dass ein GAU ja immerhin ein Ereignis ist, mit dem zu rechnen und das zu beherrschen ist. Da wird ja derzeit in der Berichterstattung um Japan auch viel Schindluder getrieben mit den Worten GAU und Super-GAU. Aber das nur nebenbei. In dem Fall hilft nämlich schon Wikipedia.

Bei meiner Kundin war es schon von der Sache her harmloser, denn bei allem Mist, den ich mit meinen Kollegen manchmal verzapfe: Mit havarierten Kernkraftwerken kann wahrscheinlich keiner von uns mithalten.

Was also war der Taxi-GAU?

Sie stieg bei mir ein, telefonierend, und fragte gleich:

„Du bist aber nicht bestellt, oder?“

„Nein…“

Daraufhin wandte sie sich dem Gesprächspartner zu und meinte:

„Nein, ist nicht das bestellte Taxi. Gut, ok. Dankeschön.“

Da bin ich ja erstmal hellhörig geworden. Fahrtenklau geht schließlich gar nicht, und auch wenn es verdammt schön ist, ein paar hundert Meter nach Schichtbeginn einen Winker zu haben: So kollegial, die Fahrt abzulehnen, muss man sein.

Also erzählte sie kurz, dass sie wie immer erst auf die Straße gegangen ist, weil dort ständig Taxen fahren würden. War auch eine große Hauptstraße. Natürlich kamen just jetzt keine Kollegen vorbei. Daraufhin hat sie einen Wagen bestellt.
Genau nachdem sie dies getan hat, tauchten zwei Kollegen auf. Jetzt kommt dann der Teil, weswegen ich sie so schätze:

„Da hab ich natürlich nicht gewunken. Ich hab Freunde, die selber Taxi fahren. Die haben mich erzogen, da artig zu sein!“

Und danach passierte – die Kollegen erahnen es bereits – nichts mehr. Das bestellte Taxi kam nicht. Ich weiss nun nicht genau, wie lange sie gewartet hat – allerdings hatte sie beim Einstieg in mein Auto just die Funkzentrale am Telefon, die die Fahrt abgeschrieben hat und nur kurz nachgefragt haben wollte, ob ich vielleicht der bestellte Fahrer bin. War also sicher nicht nur eine Minute her, dass sie bestellt hat.

Ich hab sie also mitgenommen. Mir sind im Umfeld auf Anhieb drei Taxihalten bekannt, von wo aus die Anfahrt niemals über 2 Minuten dauern kann, also nehme ich an, dass ein freier Kollege auf der Straße die Tour angenommen hat, und dabei – soll ja angeblich gelegentlich passieren – eine „etwas optimistische“ Zeit genannt hat, in der er es dann nicht geschafft hat. Die Halten selbst sind in diesem Fall sicher nicht direkt angesprochen worden, weil es sich um einen „Handy-Auftrag“ gehandelt hat.

Kurze Erklärung für die Unwissenden: Die Funkzentrale (im Falle vom Sprachfunk – für den Datenfunk kann das gerne ein Kollege in den Kommentaren erklären. Aro?) gibt den Auftrag normalerweise zunächst an den nächsten Taxistand weiter. Dort dürfen sich dann die Kollegen melden, die dort stehen. Derjenige, der an vorderster Position steht, bekommt den Auftrag. Meldet sich dort keiner, wird der Auftrag an den zweitnächsten Stand weitergegeben – hier dann das selbe Procedere.
Sollte dies erfolglos sein (Keine Taxen am Stand, bzw. kein Fahrer meldet sich) ODER es ist ein „Handy-Auftrag“ (also die Person steht schon an der Straße) kann sich theoretisch jeder Taxifahrer auf den Auftrag melden. Dabei muss er angeben, wie schnell er da sein kann. Auch hier erhält der „Nächste“ den Zuschlag. Wenn ein Fahrer sich meldet und seine Fahrtdauer zum Ort des Kunden nennt, dürfen sich nur noch Kollegen melden, die mindestens 3 Minuten schneller dort sind. Mit anderen Worten, wahrscheinlich ist die häufigst genannte Minutenzahl im Funk 3.
Denn wenn ein Kollege funkt

„Taxe xyz in 3“

dann bekommt er den Zuschlag. Also ist es – obwohl die Funkzentrale durchaus Sperren für mehrmalige Verstöße verhängt – natürlich beliebt, sich näher an die Kunden heranzulügen, denn ansonsten besteht ja die Gefahr, dass man den Auftrag an einen Kollegen in der Nähe verliert. Das Ganze geht dann nicht nur zu Last der betrogenen Kollegen, sondern natürlich auch des Kunden. Denn der bekommt natürlich mitgeteilt, dass sein Taxi in 3 Minuten da ist, und wenn der Kollege dann 10 Minuten braucht, ist der Frust natürlich groß.

Mit anderen Worten: Wenn es – was wahrscheinlich ist – in dem Fall so war, dann war es schon ok, dass ich die Kundin eingesackt habe. Die Zentrale hat dem Kollegen dann mitgeteilt, dass die Kundin weg ist und ihn ggf. noch gerügt für seine unwahre Zeitangabe.

Die Tour war dann furchtbar nett. Ganze 18 € hat sie gebracht, und ich hab wirklich selten so lange und ausführlich mit jemandem im Taxi geredet. War echt schade, dass es keine richtige Ferntour war 🙂

So viel also zum GAU der Kundin: 2 mal Geduld bewiesen und dann doch das falsche Taxi (mit dem immerhin hoffentlich genau richtigen Fahrer 😉 ) bekommen.

Ich möchte an dieser Stelle aber auch noch was zu der Problematik mit den geklauten Fahrten sagen. Ich hab da als Nichtnutzer meines Funkgerätes natürlich eigentlich nie was mit zu tun. Höchstens mal – wie jetzt – auf der „Gewinnerseite“. Aber da es ein Ärgernis für viele Kollegen ist, kann es hier ja ruhig auch mal Thema sein.

Berlin hat de facto noch 2 Funkzentralen. Die eine davon ist zwar auch wieder ein Zusammenschluss von mehreren, aber sie ist unter all diesen Nummern erreichbar. Abgesehen von der verurteilenswerten schamlosen Abzocker-Mentalität so mancher Kollegen scheint mir indes tatsächlich auch der Auftritt der Zentralen ein Problem zu sein. Gerade die zusammengewürfelte Große wirbt auf ihrer Seite beispielsweise mit „4100 Taxen in Berlin und Umland“. Und die andere hat natürlich auch den Hinweis darauf, dass das Taxi bei einem Anruf dort schnell vor Ort ist. Verständlich natürlich.

Was meines Erachtens nach ein wenig zu kurz kommt, ist der Hinweis darauf, dass diese ganzen Taxen, die für die schnelle Bestellung den Funk nutzen, ja keineswegs beliebig austauschbar sind. Im Gegensatz zu vielen kleineren Städten sind die Funkzentralen nämlich keineswegs mit den Unternehmen identisch. Während sich die Taxen also ca. 2500 (?) zu 4100 auf die Funkzentralen verteilen, gibt es in Berlin rund 7000 Taxen in 5000 Unternehmen.
Klar, die Funkzentralen weisen die Kunden darauf hin, dass sie nur in das eine bestellte Taxi einsteigen sollen – aber für viele gelegentliche Kunden ist es Jacke wie Hose, welches Taxi gerade kommt. Mir sind auch schon Leute eingestiegen und haben mal eben locker gesagt, ich solle doch kurz der Zentrale Bescheid sagen, sie würden jetzt mit mir fahren.

Anstatt klarzustellen, dass jeder einzelne Fahrer da draussen seine Arbeit zum Wohle der Kunden macht und durchaus mal irgendwo 2 Stunden auf diese eine Tour wartet, wird als Hauptkriterium die Schnelligkeit festgelegt. Die ist zweifelsohne wichtig in unserem Gewerbe und unterscheidet uns maßgeblich von den anderen öffentlichen Verkehrsmitteln – aber sie ist nicht alles!

Denn, ja: Auch ein Taxi braucht eine gewisse Zeit, um von A nach B zu kommen. Und das Gewerbe ist trotz offenbar nur zwei Zentralen sehr diversifiziert. Es bringt Kollege U. nichts, wenn Kollege T. jetzt die Fahrt macht. Im Gegenteil: Unter Umständen hat ihn das 3 Stunden Zeit gekostet, die er nicht bezahlt bekommt.

Sicher, im Grunde könnten es die Kunden auch einfach durch Nachdenken herausfinden. Ich persönlich finde aber, dass es ihnen bisweilen auch schwer gemacht wird…

Kauft das Buch!

Wie kam Sash eigentlich zum Taxifahren? Das beschreibt er in seinem ersten eBook "Papa, ich geh zum Zirkus!".

Immer dranbleiben!

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Noch ein Blog?

Kleiner Tipp: Sash hat noch einen zweiten Blog, auf dem es auch gelegentlich was zu lesen gibt.

Blabla

So, das Wochenende neigt sich dem Ende zu. Ich bin kurz vor dem Einschlafen, und heute Abend geht es wieder raus auf die Piste. Wenn ich Glück habe, ist mein Tagfahrer ja meinem genialen Einfall gefolgt, die quietschenden Bremsen und den Lärm im Radkasten mal diagnostizieren und abstellen zu lassen.

Entgegen meiner Hoffnungen werde ich mit dem Auto nämlich noch ein bisschen umherfahren müssen, auch wenn meine Chefs gerade in größerem Stil neue Autos kaufen. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass das nicht einmal Großraumwagen sind, will ich auch nicht grundlos meckern.
Die Kiste hat jetzt etwa 275.000 Kilometer runter, und laut Aussage meines Brötchengebers ist geplant, sie außer Dienst zu stellen, wenn sie zwischen 300.000 und 400.000 km den ersten größeren Schaden hat. Und da selbst wir die Kiste nur auf 5.000 bis 7.000 Kilometer monatlich bringen, wird das wohl eher gegen Ende des Jahres was. Wenn sich nicht irgend ein netter Amokfahrer quasi aufdrängt, mir einen neuen fahrbaren Untersatz zu bezahlen. Vorgeschädigt durch den Unfall mit Fahrerflucht ist die Kiste ja noch…

Was die Kunden angeht, hatte ich in letzer Zeit wirklich Glück.
Einmal hatte ich zwar eine Dauertelefoniererin im Auto, die sich aber zuletzt doch noch einen Funken Sympathie ergattert hat, als sie sich sehr nett und mit gutem Trinkgeld verabschiedet hat.
Bevor das jemand falsch versteht: Ich hab gar nichts gegen das Telefonieren bei mir im Taxi, aber wenn es dann wirklich ohne ein „Hallo“ abläuft, finde ich das schon etwas unverschämt. Unterhaltsam muss ein Fahrgast ja nicht sein, aber ein Wort mehr als „Landsberger 115“ könnte es dann ja doch sein…

Naja, ich hoffe mal, von der nächsten Schicht gibt es irgendwa spannendes zu berichten. Sonst muss ich ja wirklich ganz tief in meinem kleinen Büchlein blättern 😉