Rüberfahren
Die Fahrgäste waren eine verstrahlte Dreiertruppe auf dem Weg ins fernste Marzahn. Ins so ferne Marzahn, dass der Stopp an der Ampel unweit meiner Haustüre nur ein Zwischenstopp war. Der Stundenzeiger lag längst irgendwo zwischen der 3 und der 6 in der Kurve und entsprechend leer waren die Straßen. Als ich vor dem warnenden Rotlicht ausrollte, meinte ein Typ von der Rückbank:
„Also ich wär da jetzt einfach rübergefahren…“
Ich wollte gerade zu einem langweiligen Verteidigungsmonolog ausholen, als das die Dame neben ihm übernahm:
„Na du hattest ja auch noch nie einen Führerschein.“
Damit war dann auch hinreichend geklärt, weswegen ich hinter dem Steuer sitze…
Keine Taxen…
Wochenende. Es ist zwar einiges los in der Stadt, aber die meisten Leute sind bereits in den Clubs, zwei eher ruhige Stunden für uns. Am Ostbahnhof wächst die Taxischlange ins Unermessliche, aber wirklich bewegen will sich da nichts. Ich habe irgendwann keine Lust mehr, setze den Blinker und ziele in Richtung Boxhagener Kiez. Nur 300 Meter ums Eck winkt mich eine junge Frau heran. Sie bittet mich, sie nach Biesdorf zu fahren, was ich nicht nur in Anbetracht der Länge der Tour gerne annehme. Es entwickelt sich folgender kurzer Dialog:
„Sagen sie mal, ist das normal, dass da überhaupt keine Taxen am Ostbahnhof stehen?“
„Ja, am Hinterausgang schon…“
Uniform im Taxi?
Mich hat ein Satz in einem Kommentar von Ralf unter diesem Artikel nicht losgelassen:
„PS: Im übrigen finde ich Kettners Idee mit den Uniformen wirklich super. Mir fehlt da nur noch die Chauffeursmütze. Irgendwie stört mich dieses uneinheitliche und zum Teil ungepflegte Erscheinungsbild der Taxifahrer.“
Meine persönliche Meinung zum Thema ist recht klar. Ich war immer ein entschiedener Gegner von Uniformen und sehe gerade im Taxigewerbe keinen erdenklichen Grund, sie einzuführen. Es ist eine individuelle Dienstleistung, bei der zugegeben mit dem Fahrer die Qualität steigt und fällt – das hübsche Verpacken der Idioten in unserem Gewerbe sorgt meines Erachtens nach nicht für mehr Qualität, sondern lediglich dafür, dass sich manch Lackaffe mehr Verfügungsgewalt über uns verspricht.
Aber das ist meine Meinung. Die muss ja nicht jeder teilen. Deswegen würde ich gerne mal eure Meinung dazu hören. Davor möchte ich allerdings sagen, dass ich nicht glaube, dass es das zum Nulltarif gibt. Autofahren beansprucht Kleidung nunmal, und wenn man als Fahrer nicht mal eben auf die günstige Jeans im Schrank zurückgreifen kann, dann kostet das. Ob jetzt die Fahrer oder die Arbeitgeber… letzten Endes wird das irgendwann auf die Kunden umgelegt werden. Im Zweifel bei der nächsten Tariferhöhung. Das möchte ich zu bedenken geben. Deswegen:
Wäre es einen Aufpreis wert, wenn die Taxifahrer Uniformen tragen würden?
- Naja, ordentlich aussehen muss sein, aber extra für Uniformen zahlen? Nee. (40%, 240 Votes)
- Mir persönlich isses vollkommen egal, was ein Taxifahrer anhat, solange nichts raushängt. (39%, 236 Votes)
- Für'n Rabatt darf sogar was raushängen 😀 (14%, 84 Votes)
- Na sicher, schließlich macht es was her und man fühlt sich ernster genommen. (7%, 45 Votes)
Total Voters: 605
Im Übrigen plant mein Chef auch die Anschaffung von Kleidung mit Unternehmenslogo. Das ist allerdings eine ganz andere Größenordnung als eine tatsächliche Uniform…
Versammlungen
Sollte irgendwer von euch sich mal Abends durch die Straßen Berlins bewegen und unerwartet vor einer seltsamen Truppe stehen, die zu einem überproportionalen Anteil aus Rentnern in Lederjacken und zu einem unterpoportionalen Anteil aus Frauen besteht, dann könnte es sein, dass ihr mitten in eine Betriebsversammlung eines Taxiunternehmers geraten seid.
Die meisten meiner Leser wissen ja, dass ich sehr zufrieden bin mit meinen Chefs. Ich habe zwar keine Erfahrungen mit anderen Taxiunternehmen gemacht, aber der gute Eindruck verfestigt sich mit jedem Aufeinandertreffen und allem, was ich so aus anderen Betrieben höre. Nun also eine Betriebsversammlung! Haben wir auch nicht alle Tage, deswegen wollte ich das mal erwähnen.
Bei uns in der Firma verändern sich seit einem Jahr und bis in die Zukunft hinein etliche Dinge. Das fängt bei kleinen organisatorischen Sachen im Alltag an, geht weiter mit enormen Verbesserungen in einzelnen Bereichen und endet wahrscheinlich noch nicht einmal mit dem an sich schon nicht unbedeutenden Umzug des Firmensitzes.
Im Laufe des gestrigen Abends wurden teils wichtige Fragen abgestimmt und auch wenn ich sicher nicht mit allen Ergebnissen zufrieden bin, achte ich es sehr, dass selbst bei Fragen, bei denen es um einiges an Geld ging, die Fahrer in die Entscheidung einbezogen worden sind. Amüsiert werde ich beispielsweise in den nächsten Monaten mal mitverfolgen, wie meine Chefs es bewerkstelligen wollen, für mich eine Jacke mit Firmenaufdruck zu finden. Ich sag nur 3XLT 😉
Das heißt allerdings nicht, dass wir jetzt Uniformen tragen, ich würde mich über eine neue Jacke freuen und meine Chefs werden das irgendwann als spannenden Quest ihrer Berufslaufbahn betrachten, da bin ich sicher…
Die ganze Versammlung hat trotz recht gemütlicher Atmosphäre zu Gunsten der quengeligen Fußballfreunde unter meinen Kollegen pünktlich geendet und *
Um was es im Einzelnen ging, will ich gar nicht breittreten, es ist für Außenstehende schlicht uninterressant. Eines aber verdient eine Erwähnung: Dass meine Chefs weiterhin gute Leute suchen. Wie jeder hier in der Stadt. Falls irgendwer da draussen also in Erwägung zieht, in Berlin als Taxifahrer zu arbeiten – oder als solcher einen Arbeitsplatzwechsel in Erwägung zieht – dann kann er sich gerne via Mail bei mir melden. Bei uns gibt es zwar keine Daimler und keine Schwarzarbeit, aber es gibt genügend andere und bessere Gründe, weswegen z.B. ich aus dem Laden nicht weg will. Und ich würde das nicht schreiben, wenn ich da nicht voll dahinterstehen würde.
*irgendein Witz mit 150 kg Schnittchen
Böses Omen?
Jetzt hab ich neulich erst ein bisschen in meinem privaten Blog damit kokettiert, dass Berlin ja eigentlich gar nicht so unheimlich ist. Das sollte man als Quintessenz aus 3 Jahren Taxifahren auch so stehen lassen. Manchmal aber bestätigen die Ausnahmen die Regel.
Es war am vergangenen Wochenende, genau genommen am frühen Morgen des Sonntags, kurz nach 5 Uhr. Ich hatte gerade eine Fahrt direkt (!) zu meinem Abstellplatz in Lichtenberg, hab mich aber nochmal in den Kampf geschmissen, um ein paar weitere Euronen zum Zwecke der Lebenshaltung einzufahren. Die Stadt war in herrliche Dunkelheit getaucht und es waren nur sehr wenige Leute auf der Straße.
Unweit des Ringcenters an der Frankfurter Allee hab ich an einer Ampel halten müssen und blickte mich um. Viel interessantes gab es eigentlich nicht zu sehen, das normale Bild auf den Straßen. Weggeworfene Essensverpackungen wehten über die Straße, das letzte verbliebene Laub einiger Bäume raschelte im Wind und ein Mann schlurfte langsam über den Gehweg. Er war schon etwas älter und die fettigen graumelierten Haare hingen ihm ein wenig wirr ins Gesicht. Ich hab ihn nur aus den Augenwinkeln betrachtet, da er alles in allem nicht sonderlich freundlich gesinnt schien.
Plötzlich wandte er sich mir zu und starrte mich mit einem derart irren Blick an, dass ich echt nicht wusste, ob ich lachen oder mit Vollgas über die rote Ampel davonbrausen sollte. Der Typ wandte sich allerdings wieder ab und ich hab ein wenig erleichtert die Anlage ein wenig lauter gestellt. Es ist wirklich wirklich ziemlich verstörend, wenn dort dann ausgerechnet folgende Textzeilen des alten Doors-Klassikers „Riders on the Storm“ kommen:
If you give this man a ride
sweet memory will die
killer on the road
Manchmal bin sogar ich froh, wieder in belebte Gegenden zu kommen 😀
Verlängerung (4)
Ein paar erinnern sich vielleicht noch an die anderen Verlängerungs-Artikel und wissen, dass ich von der Verlängerung meines P-Scheins rede. Die war/ist ziemlich genau jetzt fällig. Die Gültigkeit meiner bislang ersten und einzigen Fahrerlaubnis zur Fahrgastbeförderung ist seit der nullten Stunde des heutigen Tages Geschichte.
Der Grund, weswegen ich bisher keinen neuen P-Schein habe, ist nur bedingt bei mir zu suchen. Im Grunde gar nicht, denn ich war schlicht einmal mehr in meinem Leben so blöd, der telefonischen Aussage eines Amtes zu vertrauen. Bereits im Juni, also weit vor Ablauf der Frist habe ich nach dem Procedere beim LABO angefragt und dabei auch, ob ich den Antrag schon stellen sollte oder Unterlagen einschicken. Die Antwort auf beides lautete sinngemäß:
„Um Himmels Willen, nein! Soo lange vorher geht das garantiert unter. Melden sie sich 3 Wochen vor Ablauf ihres Scheins.“
Naja, schließlich hab ich dann vor ziemlich genau 3 Wochen alle Unterlagen zusammengekratzt und meinen Verlängerungsantrag gestellt. Meine Kollegen haben mich angesehen wie Autos, aber auch beim Bürgeramt hat niemand was wegen der knappen Zeit gesagt. Zusammen mit meinem Führungszeugnis ist das Ganze ans LABO gegangen und ich habe gewartet. Bis gestern.
Als dann immer noch keine Bestätigung im Briefkasten lag, dass ich den Schein abholen könnte, hab ich mich mal gemeldet. Das Ergebnis kennen Millionen von Hartz4-Empfängern, wenn es um die Beantragung lebenswichtiger Finanzspritzen geht:
„Ja nee, die Bearbeitungszeit beträgt gerade 7 Wochen…“
Oder noch besser:
„Also bisher ist da nix bearbeitet. Ihr Führungszeugnis ist da, ja…“
Menschen mit ernsthaften Problemen können wahrscheinlich nicht nachvollziehen, wie sehr mir danach war, bei dieser Aussage an die Decke zu gehen. Sicher, mein Lebensunterhalt hängt von meinem P-Schein ab, aber es ist ja nicht so, dass das LABO nicht für alle Lebenslagen kostenpflichtige Ausnahmegenehmigungen erteilen würde.
Ich hab dennoch ein bisschen meine Contenance gewahrt und darauf verwiesen, dass ich den Fehler nun aber wirklich nicht bei mir verorten könne. Daraufhin wurde ich überraschend zum Führerscheinbüro weitergeleitet. Die dortige Bearbeiterin war sehr verständnisvoll, konnte aber auch nur bemerken, dass leider nur mein Führungszeugnis angekommen sei. Ich solle aber einfach mal vorbeikommen und die Kollegen fragen, ob sie mir den Schein nicht vielleicht einfach gleich ausstellen würden.
Ist klar.
Ich habe wohl noch nie eine Behörde erlebt, die bei irgendwas, das mir ernstlich wichtig war, irgendwas mal eben so gemacht hätte, ohne dass sie auch ja alle Unterlagen mit dreifachem Durchschlag vorliegen hatte. Aber mit ziemlich mieser Laune und so gut es geht mein Aggressionspotenzial haltend hab ich mich auf den nervigen Weg gemacht.
Angekommen im LABO verwies man mich gleich in ein Zimmer ein Stockwerk höher und nachdem sie mir dort meinen Ausweis und den P-Schein abgenommen hatten, sollte ich warten. Ich hatte extra einen Thriller von Robin Cook („Das andere Kind„, scheint bisher ganz nett zu sein) eingepackt und machte mich ans Lesen.
Nach nur 5 Minuten lugte die Mitarbeiterin aus ihrem Büro, reichte mir meine beiden Scheine und drückte mir eine Ausnahmegenehmigung in die Hand. Sie bestätigte, dass die anderen Unterlagen wohl noch irgendwo im Haus lägen, aber mit dem Schrieb könne ich nun erstmal weiterarbeiten.
Et voilà:
Besonders der letzte Satz ist interessant:
„Die Gebühr ist bei Aushändigung der Ausnahmegenehmigung zu entrichten.“
Nun, ich habe das Schriftstück ausgehändigt bekommen. Die Gebühr scheint nach einem Blick in meinen Geldbeutel 0,00 € betragen zu haben. Mit dieser Lösung kann ich wahrlich leben 😀

